Monday, 26 April 2010

2. Tag (Der Wahnsinn beginnt)

6 Stunden geschlafen, topfit aufgewacht! Nach einem kargen Frühstück in einem 24h Laden (konbini genannt) geh ich um 6 Uhr los in Richtung Asakusa. Es ist nichts los, fast keine Menschen. Die Ruhe vor dem Sturm? Es ist eine himmlische Ruhe in der Senso-ji (浅草寺) Tempelanlage. Leider ist der Großteil wegen Bauarbeiten verhüllt, aber die kleinen Grünanlagen drumherum sind atemberaubend in dieser Morgensonne. Die Ruhe gibt mir jedenfalls die Gelegenheit zu ein paar guten Fotos.







Gegen 10 Uhr wird's dann voll (mit Chinesen), aber die Ladenbesitzer in der Nakamise-dori  lassen sich Zeit. Ich bin ja offiziell auf der Suche nach einem neuen Obi für's geplante Iaido-Training am Samstag. Hier müsste ich definitiv was finden in all den traditionellen Geschäften, aber so einfach ist das gar nicht. "おび を ください。" かんたんじゃない! Ich bin schon 3x um den ganzen Bereich herumgelaufen. Ich sehe auch ein paar Europäer, aber falle selber gar nicht auf. Ab und zu gibt es ein paar Blicke, aber keiner hält Augenkontakt oder scheint besonders interessiert. I blend in with the crowd.


Ich fahre nach Akihabara (秋葉原). Hier geht's los, ich sehe die ersten Businessleute, die typischen Schwarzhaarigen Anzugträger die irgendwie immer im Rudel unterwegs sind (so sieht es jedenfalls aus). Die Anzüge sehen meist sehr schick und teuer aus. Es muss gerade Mittagspause sein, denn es stehen viele Anzugträger in Schlangen vor den Restaurants an. Es wird bestellt, schnell gegessen und wieder abgezogen, zack zack, keine Zeit.

Akihabara ist die Hochburg des Konsums und konsumieren scheint die Lieblingsbeschäftigung der Japaner zu sein. Es ist der Wahnsinn. Es gibt so viel! Von allem zu viel! Ein ganzer Korridor nur mit überflüssigen Pimp-my-Handy-Zubehör! Überall ist Werbung, plus zusätzliche laute Musik zur Untermalung und Gelabere übers Megafon natürlich. Eine Kakophonie des Konsums. Zum Glück war ich vorher schon mal in New York sonst hätte ich Tokyo nicht so leicht verkraftet. Habe trotzdem oft das Gefühl nach Hause zurück zu wollen.
Ab und zu finde ich immer wieder Oasen in dieser hektischen Stadt. Es ist schon verrückt, wie sich das hier abwechselt (Video).

Und nirgends Sonnenbrillen!!! Die Sonne scheint hier ganz anders, viel greller...und ich kotze ab weil ich keine Sonnenbrille finde.

Kaufe ein blödes Kabel für verfickte 3780 円, nur um die Bilder und Videos von Mizukis Sony Kamera gleich aufs Notebook zu schieben. Es muss natürlich ein Original-Sony-Teil sein. In einem der vielen Läden in Akihabara sagt man mir nur "only original!" und beschäftigt sich mit konsumfreundlicheren Kunden. Ich sehe sogar HP Rechner und muss schmunzeln. Probiere 3D Fernsehen aus und finde es gar nicht schlecht. Musste mich dafür natürlich anstellen, haha.

Ich gehe in meinen ersten Schrein, den Kanda-myojin (神田明神). Er ist sehr schön, in rot und gold gehalten mit grünen Dachschindeln. Ich kannte die Rituale noch nicht, aber beim nächsten Mal mach ich's dann richtig. z.B. die Hände am Anfang waschen. Mittlerweile tun mir ganz schön die Füße weh. 足 いたいですよ!!




Am Abend bin ich mit Chiaki, einer Freudin von Misako, in Jinbocho (神保町) zum Essen verabredet. Wir hatten vorher viel gemailt und wollten etwas unternehmen, aber ich wollte vorher lieber erst ein entspanntes Essen, damit wir uns erstmal beschnuppern können. Sie spricht zwar Englisch, aber Misako hat mir schon gesteckt, dass Chiaki ziemlich nervös ist. 
Letztendlich war das untertrieben, sie war super nervös! Anfänglich war es richtig krass, sie hat sogar gezittert. Ich war natürlich charmant wie ich nur konnte und hab versucht sie mit meinen Japanischkenntnissen zu beeindrucken, mit Erfolg. Nur hat sie das noch nervöser gemacht, haha. Nachdem ich ihr mein Omiyage (お土産), also ein Mitbringsel, gegeben habe und das Essen gekommen ist, legt sich das ganze etwas. Ich ermutige sie auch weiter Englisch zu sprechen, denn es ist grammatikalisch ziemlich gut und wir können uns super verständigen. Nur die Aussprache der Japaner, ohweia...es ist einfach super schwierig unsere Laute nachzuahmen weil sie jedes Fremdwort immer in ihren japanischen Standardlauten nachbauen und nachsprechen. Das Restaurant ist echt düster und wirkt sehr speziell. Nach dem Kellner muss man in Japan immer laut rufen wenn man was will. Das ist gar nicht unhöflich sondern normal. Unser Kellner lässt sich trotzdem ganz gerne mal extra Zeit. Am Ende zahle ich das Essen und Chiaki wird voll panisch irgendwie. Das hätte ich wohl nicht machen sollen. Ich spreche sie auf dem Heimweg darauf an, ob das OK war usw. Natürlich sagt sie ja, aber ich habe das Gefühl, dass ich da in ein Fettnäpfchen getreten bin. Der Abend war sehr nett und ging gar nicht so lange.

Tofu

Unagi-Nigiri Sushi

 Um 22 Uhr mitten in der Woche sehe ich dann nur noch besoffene Geschäftsleute, Männer wie Frauen. Die Typen wollen natürlich ihre Kolleginnen oder Assistentinnen vögeln, aber die sind clever, obwohl genauso betrunken. Ich habe das alles schon im Buch Tokyo Diaries gelesen, aber jetzt sehe ich es mal wirklich! Die sind alle so dicht, es ist nicht mehr feierlich. Vor mir torkelt ein Typ in 45 Grad Vortrieb und fällt einfach nicht auf die Fresse, Wahnsinn. In der U-Bahn Station kauert eine Frau im Businesskostüm auf dem Boden und ist einfach nur fertig mit der Welt weil hackestramm. Ich will ihr instinktiv helfen, aber ich mache was alle machen, einfach weitergehen und ignorieren. Es ist ja normal in dieser Stadt.

MP3 hören über meinen iPAQ (HP Smartphone) funktioniert irgendwie nicht! Ich ärgere mich darüber und kann den Fehler nicht finden. Liege im Bett und lade meine Bilder aufs Notebook und schaue was in der Welt und meiner Heimat passiert ist. Schlafe beinahe dabei ein.