Saturday, 1 May 2010

6. Tag (Tocho und Iaido-Training)

Freitag, Tag meines ersten Iaido-Trainings in Japan. Ich lasse es langsam angehen aus Angst vor Migräne oder anderen nervösen Erscheinungen. Zum Frühstück gibt es Instant-Ramen. Voll eklig wenn man bereits das köstliche Ichiran-Ramen kennt. Das Knoblauchpulver ist furchtbar. Ich glaube ich habe Gewicht verloren weil ich nie so richtig frühstücke. Ich will Milch! Ich kaufe Milch. Natürlich wieder in dem 7-Eleven Konbini in der Nähe meines Hostels. Dort bin ich schon Stammgast und kaufe immer irgendwelche Kleinigkeiten. Meistens sind das frische, dreieckige Onigiri (御握り). Die halten sich lange und sind ein guter Snack für Zwischendurch. Das Problem ist nur, dass ich die Geschmacksrichtungen nicht lesen kann. Ich versuche mich daher nach Farbe und Preis zu orientieren. Teilweise kriege ich da aber sowas von ekliges Zeug, dass ich jetzt nur noch bei einer Sorte bleibe (Garnele oder Thunfisch). Letztendlich ist das aber auch nichts auf Dauer zum Frühstück. Ich vermisse ne simple Stulle mit Brot. Meine Laune ist nicht besonders. Wahrscheinlich knüpfe ich deswegen keine Kontakte.

Ich fahre nach Shinjuku zum Tocho ( 都庁), dem Tokyo Metropolitan Government Building wie es ausführlich heißt. In den Zwillingstürmen kann man kostenlos bis in den 45. Stock fahren und die Aussicht genießen. Dort oben zeigt mir Tokyo seine hässliche Schönheit bzw. schöne Hässlichkeit. Überall nur Häuser, Häuser, Gebäude, Häuser. Über allem schwebt eine Art Dunst und die Sonne brennt. Es ist ziemlich heiß heute. Fuji-san (富士山), im deutschen Volksmund oft fälschlich als Fujiyama bezeichnet, zeigt sich mir heute nicht. Das macht mich etwas traurig, da man doch so weit sehen kann und ich extra deswegen hier bin eigentlich.





Fujisan versteckt sich irgendwo da hinten.

 

Monchhichi im Souvenirshop des 45. Stocks.
Ich humpele weiter durch Shinjuku, der Karte von Mizuki folgend. Das Knie ist nicht besser, ich könnte kotzen. Ich denke langsam, dass ich zu einem Arzt muss, aber ich bin unsicher ob vor oder nach dem Iaido-Training. Wahrscheinlich verkacke ich so krass wegen meines Knies, ich sehe es schon.

Der Schrein auf der Karte ist der Hanazono Jinja Schrein und hat heute wohl einen Flohmarkt. Er lässt mich komplett kalt. Halt wieder nur ein Schrein, so langsam gewöhne ich mich an deren Anblick. Meine Laune zieht alles runter. Vermisse Mizuki.

Der Shinjuku Gyoen Park hebt zwar meine Stimmung, aber Mizuki vermisse ich umso mehr. Es sind viele Päärchen und Grüpchen von Freunden unterwegs. Manch einer setzt sich einfach unter einen Kirschbaum und geniesst den Tag. Ich versuche mich zu entspannen. Der Park ist schon faszinierend, so mitten in der Stadt, bewacht von den bedrohlich wirkenden Wolkenkratzern. Ein kleines Schläfchen mitten auf der Wiese hilft.











Später in Shibuya, wo der Dojo ist, verlaufe ich mich schon wieder!! Es ist zum wahnsinnig werden, trotz Navi!! Esse wieder im Matsuya, wie originell. Schaffe das schon irgendwie mit dem Knie.
Warte auf Luke im Konno Hachiman-gu Schrein, schreibe diese Zeilen und beobachte die Leute, die den Schrein besuchen. Es ist alles dabei, vom Geschäftsmann, der kurz nach dem Feierabend noch kurz dem Shinto mit einem Stoßgebet huldig, über den Familienvater, der seiner viel zu kleinen Tochter zeigt, wie der Ablauf ist, bis hin zum jugendlichen Gangsta, der sich tief im Angesicht des Shinto verbeugt. Es ist wirklich süß wie der Papa das da macht. Das kleine Mädel macht brav alles nach. Ich habe mal gehört im Shintoismus geht es weniger um den Glauben sondern mehr um die Tradition und die alltäglichen Rituale. Das deckt sich mit meinen Beobachtungen. Apropos Beobachtungen, hier läuft ein komischer Typ rum, der sich wahrscheinlich grade eine Art Buße auferlegt hat. Er läuft immer vom Eingang des Schreins zum Heiligtum, verbeugt sich dort und läuft wieder zurück. Er macht das ohne Pause und ist bestimmt schon bei seinem 20gsten Durchgang! Da er nicht so wirklich wie ein Bekloppter aussieht, hat es wohl einen Sinn was er da macht.

Esaka-sensei
Letztendlich habe ich nicht auf Luke gewartet sondern bin dem erstbesten Iaidoka, der eine Schwerttasche umgeschultert hatte hinterher. Bin viel zu aufgeregt, kann plötzlich gar kein Japanisch mehr. Aber ein Glück spricht Brian Englisch und hilft mir. Puuh, Glück gehabt. Als ich eintrete, sitzt Esaka-sensei erhaben auf der Couch und ignoriert mich, aber Nishima-sensei freut sich sichtlich. Er war mein Gruppenlehrer auf dem Regensburger Lehrgang und ist wohl sowas wie der Verwalter im Esaka-Dojo. Ihm gebe ich zumindest mein Geld für die 2 Trainingsstunden, die ich in Tokyo absolvieren werde. Er sagt, ich darf vorne in der Mitte trainineren. Als dann Luke kommt, kriege ich auch das Iaito von Yokosawa-sensei aka Takeshi-san.
Dem Himmel sei Dank, knien geht!!!!!! Die Aufregung legt sich langsam während ich meine Katas machen und selbst Esaka-sensei nimmt mich wahr. Es sind ungefähr weitere 4 Ausländer beim Training. Einer von ihnen hat wohl immer seine niedliche Tochter dabei, wie auch heute. Sie sitzt am Eingang zur Halle und malt. Ab und zu quatscht sie mit ihrem Papa, während des Trainings! Überhaupt ist das Training total anders als in Berlin oder auf Lehrgängen. Viel lockerer, eigenständiger. Es wird miteinander geredet, sich gegenseitig geholfen bzw. bestimmte Sachen besprochen. Es muss wohl am Tag liegen, dass es hier so anders ist. Es wird nämlich nicht gemeinschaftlich begonnen, da viele von der Arbeit kommen und Arbeit in Japan ist so ne Sache. Ganz recht vorne trainiert jemand, der das alles irgendwie gar nicht so ernst nimmt kommt es mir vor. Aber irgendwie habe ich auch das Gefühl, dass der Typ ne relativ hohe Position in der Hierarchie hat. Tja hier bin ich und trainiere Eishin-Ryu direkt bei Esaka-sensei. Einfach nur krass.
Am Ende des Trainings machen wir Ashi-sabaki (足裁き), also Fußarbeit, obwohl alle schon fix und alle sind. In Berlin machen wir sowas maximal am Anfang des Trainings.

Bevor wir sich alle am Ende des Trainings verstreuen, wird noch der französische Papa mit der kleinen Tochter verabschiedet, da es wohl sein letztes Training war. Esaka-sensei bedankt sich für die familiäre Atmosphäre, die die Kleine in den Dojo gebracht hat. Es mag scheinbar kleine Kinder und geht sehr liebevoll mit ihr um. Sie hat den alten Mann scheinbar auch sehr gern. Es ist schon lustig ihn so zu sehen.
Danach gehen alle immer noch gemeinsam was futtern und ich natürlich mit. Es geht in die Stamm-Izakaya (sowas wie ne Kneipe). Vorher schnappe ich mir noch Luke und bitte ihn zu übersetzen. Ich überreiche Esaka-sensei mein Geschenk und er freut sich. Es ist ein Foto aus Berlin in einem schlichten Rahmen. Leider hält er es verkehrt herum und ich bin unsicher ob ich es ihm sagen soll. Jetzt erst checkt er überhaupt vorher ich komme und ich überbringe ihm Grüße aus Berlin (Luke übersetzt alles astrein).
Beim Essen ist Esaka-sensei ganz anders als auf den Seminaren, so familiär, locker und auch lustig. Er ist natürlich immer im Zentrum als Großmeister, aber trotzdem fühlt es sich so an als ob er einfach nur ein Iaidoka wie die anderen ist. Er fragt mich wie es in Berlin steht und erzählt viel vom deutschen Iai. Luke und Tim (aus London) hören seinen Geschichten aufmerksam zu. Ich unterhalte mich mit beiden über die Kyu und Dan Situation. In Japan ist das einfach alles anders, hier gibt es keine Kyu-Graduierungen, da geht's gleich mit dem Dan los. Also ich find das deutsche System super. Was mich beeindruckt ist, dass Luke, der aus San Fransciso stammt und dessen Sensei mal bei uns Berlin gelernt hat, tatsächlich nur wegen Iaido in Japan ist!!! Er hat sowas wie ein Kulturvisum von Esaka-sensei besorgt bekommen. Krass, ein absolutes Novum. Er trainiert dementsprechend auch mit völliger Hingabe. Tim hat seit 8 Jahren eine japanische Freundin und lebt aber noch nicht so lange in Japan.

Ich erzähle von den Worten des verstorbenen Ishihara-senseis, der mir damals nach meinem ersten Lehrgang gesagt hat "Höre nie auf Iaido zu machen!". Es war mir irgendwie wichtig ihm zu sagen wie mich das geprägt hat und ich weiß, dass Ishihara-sensei ein großer Verlust für uns alle darstellt. Nashima-sensei läd mich am Ende zum Essen ein! Super nett! Ich beschließe ihm meine Extra-Omiyage zugeben, dass ich für solche Fälle extra mitgenommen habe. Was für ein großartiger Abend! Achja, Esaka-sensei bezeichnet am Ende Gerald und Raymond tatsächlich als Samurai. So richtig wahre, neue Samurais...Luke ist sehr verunsichert und sagt, dass er sowas noch nie erzählt hat. Er relativiert es auch, denn Esaka-sensei hat schon ein paar Gläser Sake intus.

Man läuft noch gemeinsam zur U-Bahn und Luke zeigt mir, dass die Suica doch in der U-Bahn funktioniert. Na toll, ich hab mir immer diese kleinen Tickets gekauft. Naja, wieder was gelernt.
So langsam fühle ich mich wie ein Einheimischer, vor allem wenn ich U-Bahn fahre.



Gehe noch in die Khaosan Bar etwas trinken weil ich gut drauf bin und noch nen Gutschein habe für'n Drink habe. Ich treibe etwas Konversation (meist auf Englisch) mit dem Bartender, dem Leiter meines Hostels und nem 52jährigen Japaner. Er ist Support Engineer (サポトエンジニア, sapoto enjinia), sein Englisch ist grauenvoll aber seine Stimme sehr markant. Wir verständigen uns irgendwie trotzdem. Ich erzähle ihm vom Iaido-Training heute und er fragt mich ob ich somit ein Iaido-Player bin. Das ist sein Versuch, seine Englischkenntnisse anzuwenden, aber ich erkläre ihm, dass wir Iaidoka einfach keine Spieler wie beim Baseball sind. Ich bin so gut drauf, dass ich ihm meine Visitenkarte überreiche, natürlich so richtig japanisch mit beiden Händen. Er ärgert sich etwas, dass er keine von der Arbeit dabei hat, aber er gibt mir dafür die Karte seiner Musikproduktion. Wir reden etwas von Musik und ich schreibe ihm die Beatsteaks und Die Ärzte auf. Er produziert langsame Musik also dachte ich er sollte mal guten deutschen Rock'n Roll hören.
Der Leiter des Hostels erzählt mir, dass die Bar durch die verschiedenen Khaosan Hostels nur subventiert wird und sich gar nicht trägt. Der Besitzer sieht die Bar eher als get together Laden für die Hostelgäste und da Alkohol angeblich extrem teuer in Japan ist, hält er die Preise absichtlich niedrig. Der Leiter meines Hostels sieht jünger als ich aus und trinkt wieder mal wie ein Loch. Ich glaube er und viele andere Japaner haben ganz schöne Alkoholprobleme. Aber die Stimmung in dem extrem kleinen Laden ist gut und ich probiere mal Shochu. Ganz schön stark, aber lecker! Telefoniere noch mit Mizuki, kurz aber schön.