Thursday, 29 April 2010

5. Tag (Harajuku und Meiji-Schrein)

Unruhigen Schlaf gehabt. Es ist Vollmond. Habe von dem Selbstmörder auf dem Berliner Reichstag geträumt glaube ich...
Das Knie ist etwas besser aber nicht wirklich gut. Nach einem erneut kargen Frühstück fahre ich Richtung Shinjuku/Shibuya mit der Yamanote-Linie. Mir gefällt diese Linie von JR (Japan Rail) irgendwie am besten. Nicht nur weil sie die bekanntesten und coolsten Stationen im Ring anfährt, sondern weil sie an jeder Station eine spezielle Melodie spielt. Es gibt wohl auch ein Lied oder Abzählreim bei dem man alle Yamanote-Stationen aufzählen muss. Wenn nicht gerade Rush Hour ist fühle ich mich total wohl auf dieser Linie, wie im Wohnzimmer. Es gibt auch lustige Werbung auf den Monitoren und ich kann etwas mein Verständnis für Hiragana üben .Die meiste Zeit aber schaue ich mir die Tokyoter an.

Die Frauen sind meist mit dicker Schminke bedeckt. Von weitem hui, von nahem eher pfui. Es sieht zwar sehr makellos und gekonnt aus, gar nicht wirklich wie Schminke, aber beim näheren hinsehen merkt man es eben. In Japan tragen die Menschen viele Masken. Diese scheint nur eine davon zu sein. Obwohl ich ja eher auf Natürlichkeit stehe, gibt es doch viele japanische Schminkpuppen, die mir den Kopf verdrehen. An ein flirten ist natürlich nicht zu denken, aber gucken kann ich fast ganz ungeniert. Ausländer sind auf der Yamanote-Linie ja sowieso nichts besonderes. Achja, so ziemlich jeder im Zug hat eins der typischen japanischen Klapphandys vor der Nase. Jeder spielt, schreibt, liest, schaut TV oder macht irgendetwas damit, aber Hauptsache irgendwas um sich zu beschäftigen. Sie schaffen sich somit eine eigene kleine Privatsphäre glaub ich.

Harajuku (原宿): das Paradies für shopping-süchtige Mädels. Die Waren lassen mich im ersten Durchgang kalt. Ich bin wohl die falsche Zielgruppe. Nach stöbern ist mir irgendwie auch nicht, dazu ist es viel zu voll. Eigentlich sollte ja hier der Szenetreff für Cosplayer, Freaks und Ausgeflippte sein, aber ich sehe irgendwie nur normal Ausgeflippte. Aber ab und an sehe ich dann schon ein paar richtige Freaks im Leder-Kleidchen-Krankenschwester-Outfit und hochtoupierten wasserstoffblonden Haaren mit Schleife drin. Ich würde sagen sie flanieren einfach ein bisschen, aber so sicher bin ich mir da nicht. Könnte auch sein, dass sie einfach auf dem Weg zur Arbeit sind (!!?!).
Auf der Suche nach Futter finde ich sogar einen Dönerladen! Wie lustig. Stattdessen esse ich aber Crepes, witzigerweise genau an einem Imbiss-Trailer, der auch im Reiseführer abgebildet ist (wie ich später feststelle). In diesem silbernen Trailer arbeiten ca. 10 Japanerinnen auf einer Fläche bei der schon 3 Deutsche nach dem Arbeitsschutz geschrien hätten! Es ist unglaublich eng in diesem Teil, wie machen die das ohne sich nach 10 Minuten umzubringen?! Ein Glück muss ich nicht Crepes in Harajuku verkaufen...

Der Eingang zur Shoppingmeile.

Ich begeben mich humpelnd in den Park in Richtung Meiji-Schrein (明治神宮). Es führen breite Kieswege durch den Wald und es bläst ein kräftiger Wind. Die Sonne scheint hier und da zwischen den Blättern hindurch und spielt mit dem Licht. Die Bäumen raunen mir zu (Video).

Als ich im Schrein bin überwältigt mich beine eine traurig-schöne Melancholie. Ich sehe erst eine Hochzeitszeremonie, die sich andächtig im Entenmarsch durch den Komplex bewegt um dann am Heiligtum des Tempels ihre Aufwartung zu machen oder ihren Segen zu empfangen. Trotz der vielen Touristen herrscht eine andächtige Stille irgendwie. Ich überlege lange und schreibe dann Wünsche auf eine käuflich erworbene Holztafel und hänge sie an einem der Bäume auf. Dort hängen die Wünsche und Gedanken von hunderten Menschen, die alle hier waren und den Ort auf sich haben wirken lassen. Ich spüre, dass mit mir irgendetwas auf einer Ebene passiert, die ich vorher noch nicht kannte. Wenn es nicht so voll wäre, ich würde heulen....

Im Souvenirshop, das Todesgedicht eines Samurais.

四十九年一睡の夢 一期の栄華一盃の酒
(Yon jū kyū-nen issui no yume ichi-ki no eiga ichi sakazuki no sake)

Forty Nine Years; One night's dream. A lifetime of prosperity; a cup of sake.

Für mich immer noch...





Ich maile mit dem Handy etwas mit Kaori hin und her. In Japan gibt es keine SMS, da haben alle Handys UMTS und E-Mail. Kaori meint ich soll ins ca. 350km entfernte Sendai fahren um GENE nochmal zu sehen. Coole Idee eigentlich, aber ich hab kein Geld. Hätte ich mal doch nen Railpass gekauft! Damit hätte ich alle Shinkansen-Schnellzüge nehmen können und wäre flexibler gewesen. 350km sind nämlich nix für diesen Zug!

Bin noch kurz durch Shibuya gelaufen, da war vielleicht was los! Vor allem am Hachiko (ハチ公), der Hundestatute, die als Treffpunkt für so ziemlich jeden dient. Selber gesehen habe ich das Ding aber nicht. Ich finde mich an der berühmten Shibuya Scramle Kreuzung wieder, die schon in so manchem Film verwurschtelt wurde. Ganz schön was los da! Einfach nur krass (Video).

Finde den Weg zum Dojo fast wie von selbst. Ein Ort der Ruhe inmitten diesem Chaos. Das große Bosch-Gebäude nebenan wirkt fast wie Blasphemie. Der Dojo ist Teil eines buddhistischen Tempels, der klein aber fein ist. Gegenüber ist ein größerer Shinto-Schrein. Mir gefällt die Schlichtheit des kleinen Dojo-Tempels aber irgendwie besser. Hier werde ich also morgen Esaka-sensei treffen und versuchen trotz meiner Knieprobleme noch ein anständiges Training durchzuziehen. Ich bin ein klein wenig nervös...

Der Eingang zum Dojo.




Diese Affen kennt man :)
Mir fällt auf, dass es in der Stadt relativ wenig Insekten gibt, trotz der schwülfeuchten Hitze. Tauben auch nicht so viele, wahrscheinlich weil die Stadt generell so sauber ist. Es wird ja auch überall geputzt und gewienert, selbst metallene Poller werden poliert und Kaugummis vom Boden abgekratzt. Sauberkeit ist in Japan ein Teil der Ästhetik und das gefällt mir sehr.
Was mir nicht gefällt ist, dass ich immer noch keine Sonnenbrille habe! Ich muss dauernd die Augen zukneifen. Wenn das weiter so geht, seh ich später auch aus wie ein Japaner...
Eigentlich war ich abends mit Takehiro verabredet, aber da er sich nicht meldet, bleibe ich einfach im Hostel für den Abend. Die junge Crew macht in der Gemeinschaftsküche eine Hamburger-Party -> kostenlose Hamburger -> aber teures Bier. たかい! Ich unterhalte mich viel mit Elizabeth. Sie macht auch viel IT und arbeitet bei CERNER und viel mit Citrix und HP. Zufälle gibt es. Sie ist ganz perplex weil sie sich nicht hat träumen lassen in Japan zu sitzen und über Serveradministration zu quatschen. Sie ist nur leider der Inbegriff einer naiven, dümmlich wirkenden Amerikanerin, schon allein wegen ihrem Akzent (Kansas City). Der Grund für ihren Japan-Besuch: "the ticket was cheap." Oh Mann....ohne Worte...

Bild vom Khaosan Tokyo Samurai Flickr Stream

Bild vom Khaosan Tokyo Samurai Flickr Stream
 
Bild vom Khaosan Tokyo Samurai Flickr Stream

Hätte mich mal lieber mit den Japanern unterhalten, aber für die sind wir Ausländer wohl nur Geldmaschinen. Einer von ihnen spielt gut Gitarre und singt wie Louis Armstrong. Sein Akzent ist lustig wenn er Englisch singt. Eins der Mädels vom Hostel ist so süß, dass man vom Anblick schon zuckerkrank wird. Sie weiß, dass ich noch ne Woche bleibe. Ich frage ob sie mich etwas loswerden will und sie kichert so herrlich typisch japanische Frau.
Ich frage ein Päärchen woher es kommt und kriege als Antwort "Chilli". Ich bin etwas verwundert weil ich damit nichts anfangen kann und merke wie die anderen englischsprachigen Leute denken, dass ich wohl keine Allgemeinbildung habe. Dann dämmert es mir, sie meinten Chile! Wer ist eigentlich auf die Idee gekommen das Land auf Englisch wie ein scharfes Bohnengericht zu nennen?!? Am Ende unterhalten sich die Japaner nur noch untereinander und lassen sich richtig zu Hucke volllaufen. Irgendwie haue ich dann ab. Alles in allem ein schöner Abend.

Schlafe nur recht schlecht ein. Takehiro hat sich nicht gemeldet, auch nicht auf meine Mails und Anrufe. Er sagt, dass er extra gewartet hat und keine Nachrichten oder Anrufe bekommen hat. Ich glaube er lügt oder sein Handy ging nicht.