Friday, 7 May 2010

12. Tag (Tokyo Tower, Zojoji-Tempel und Rockza Stripclub)

Ich lasse es heute noch langsamer angehen als sonst. Ich setze mich in den Aufenthaltsraum und schreibe Postkarten an die Familie und Mizuki. Dann geh ich Geld bei der Post holen. Es klappt sogar mit der EC-Karte! Dann geh ich wieder nach Asakusa um Omiyage bzw. Furoshiki zu kaufen. Die Kollegen werden sich freuen. Trotz der hohen Kosten (Rabatt gibt es nicht) geht's mir richtig gut. Merke doch wieder wie sehr mir Japan gefällt, vielleicht aber auch nur Asakusa?

Versuche coole, nerdige Star Wars Shirts zu kaufen, die es grad in rauhen Mengen in Japan gibt (neben anderen Helden meiner Kindheit wie Indiana Jones z.B.). Leider sind sie in diesem Laden gerade aus. Zum ersten Mal ist auch kein Verkäufer weit und breit. Normalerweise werde ich beim Reinkommen bereits von mehreren begrüßt, was ich übrigens eine tolle Sache finde. Ich deute auch immer höflich eine Verbeugung an und grinse, ich glaube das kriegen die nich sooo oft zu sehen, erst recht nicht von nem Gaijin.

Häuserwand in Asakusa mit typischen Stoffmustern

Auf den Straßen von Asakusa sehe ich bestimmt zum 1000ten Mal die komisch angezogen Alte mit ihrer Tiara. Die trägt ein pinkes Kleid, die besagte Glitzer-Tiara und goldene Puschel. Ich glaube sie ist obdachlos. Sie scheint aber irgendwie zu Asakusa zu gehören. Ich esse Curry-Pan (カレーパン), also Curry-Brot, als kleinen Snack. Ziemlich lecker, aber irgendwie hab ich das Gefühl, dass da wirklich das schlechteste Fleisch verarbeitet wird (muss an Hufen und Schnauzen denken). Heute abend treffe ich wieder Andrew und ich freue mich bereits tierisch!

Ich laufe weiter durch Asakusa und sehe auf einmal ein mir bekanntes hübsches Gesicht. Unfassbar, Maria Ozawa tritt hier direkt in Asakusa in einem Club names Rockza auf?!?!!!! Ich mag es kaum glauben. Auf Facebook sehe ich, dass es sogar stimmt! Knaller, Zufälle gibt's. Da geh' ich hin!!

小澤マリア (links)
Ich finde das so lustig, dass ich das Bild gleich auf ihrer Facebook-Seite poste. Über ihr "like" freue ich mich ein Stalker Groupie Fan. Mizuki kommentiert es natürlich von Deutschland und klärt mich auf, dass das Rockza Japans bekanntester Stripclub ist. Tja, ich weiß halt was gut ist :)
Wobei ich mir ehrlich gesagt auch ein bisschen Sorgen mache was das letztendlich für ein Club ist. Auch wenn Maria Ozawa bildschön und mit guten Kurven ausgestattet ist, so habe ich doch genug japanische Pornographie gesehen um gut abgetörnt von so manchen Spielarten zu sein. Außerdem habe ich noch nen Bericht über japanische Stripclubs von vor Jahren im Hinterkopf. So mit Finger reinstecken vom Publikum, mit vorher desinfizieren natürlich. Jetzt erst wird mir klar, dass das ja hier in Asakusa sein muss! Boah nee, nicht noch mehr Freakshow. Aber die Neugier ist seeeeeehr groß. Sie muss sich gar nich mal unbedingt ausziehen sag ich mal, einfach mal quatschen wäre schon cool genug. Achja, habe ich überhaupt erwähnt was Maria Ozawa so macht oder gemacht hat? Sie ist Pornodarstellerin gewesen und die meisten ihrer Filme sind bestimmt viel zu japanisch für den Rest der Welt, mich eingeschlossen (weil eklig!!!).

Japanische Motorräder oder -roller sehen aus wie kleine Raumschiffe. Total abgespaced. Akira lässt grüssen.

Gehe wohl als allerletzter Gast aus dem Hostel. Gerade ist Putzstunde. Scheinbar kann man hier auch übernachten wenn man für das Hostel arbeitet, sprich putzt. Midori ist eine von ihnen. Sie pennt seit ner Weile in meinem 4er Zimmer und ist extrem strange drauf. Sie macht auf cool und hart, wahrscheinlich als Kompensation für ihre Unsicherheit. Sie ist so der Typ Mannweib. Sie pennt im oberen Bett und klettert nich rauf, sondern zieht sich mit einem Ruck mehr oder weniger elegant hoch. Ich wette sie macht Kampfsport.

Trotz erneuter Superhitze und meinem Marschgepäck geht's mir blendend. Denke es ist eine Mischung aus Akzeptanz (schmerzende Knie, schlechtes Japanisch) und Vorfreude (Heimat, Mizuki). Weniger unsicher als vorher, gehe ich heute einfach mal Chinesisch essen. Das gute in Japan ist ja, dass die Karten immer Bilder haben. Auch wenn ich nichts lesen kann, so kann ich in diesem Restaurant zumindest grob erkennen was ich denn bestelle. Es ist gut und günstig, am Ende bin ich pappsatt. Und los geht's zum Tokyo Tower!



Ich muss gar nicht anstehen, es geht ganz fix nach oben (Video). Dort oben bietet sich mir eine wahnsinnige Aussicht. Die ganze Stadt sieht aus wie ein fleißiger Ameisenhaufen (Video). Endlich zeigt sich auch Fujisan, glaub ich wenigstens. Er wirkt schemenhaft und mysteriös. Ich glaube er wartet noch, aber auf was? Auf was in mir? Dachte ich erst, dass Tokyo mir Erleuchtung, mir Fujisan Frieden schenkt, so glaube ich nun, dass es nur ein weiterer Schritt auf meinem Weg war.


Zojoji-Tempel vom Tokyo Tower
Fujisan ist da irgendwo, wirklich!
 





Dieses Gefühl bestärkt das Erlebnis im buddhistischen Zojoji-Tempel (三縁山増上寺), den ich mir von oben ausgeguckt habe. Es ist zufälligerweise der Tokugawa-Familientempel. Gleich hinter dem imposanten Eingangstor steht ein mächtiger von Ulysses S. Grant geplanzter Baum aus dem Jahre 1879! Alles an diesem Tempel ist monumental, beeindruckend und unglaublich friedlich und beruhigend gleichzeitig.




Jijo-Statuen zur Erinnerung an ungeborene, verstorbene Kinder
Das besagte beeindruckende Erlebnis an diesem Tag ist eine buddhistische Zeremonie in die ich stolpere. Sie wird durch Glockenschläge angekündigt (Video). Im eigentlichen Tempel schaue und höre ich der Zeremonie zu. Es wird immer und wieder im typisch buddhistischen Singsang die Formel namu amida butsu gesprochen und erzeugt eine magische Atmosphäre. Ich wage es ein Video zu drehen und ein Foto zu machen. Ich fühle mich wie ein Frevler.


Als die langwierige Zeremonie vorbei ist gebe ich mich meinen Gedanken und Gefühlen hin. Hatte ich nicht immer von so etwas geträumt? Buddhismus zu sehen, zu erleben, vielleicht selber zu leben? Jetzt sehe ich, dass dies nicht mein Weg sein kann, da ich nichts ausser dem Frieden der Beobachtung empfinde. Ich bin nur ein Besucher und ich stehe an einem Scheideweg. Nie war ich so einsam, glücklich und unsicher zugleich. Ich habe es in der Hand, ich bestimmte mein Handeln und meine Gefühle danach. Ein Eis auf dem Tokyo Tower zu essen und im Zojoji-Tempel unter einem Baum auf einem Stein sitzend diese Zeilen zu schreiben sind beides großes Dinge. Dinge, die ich durch mein Handeln, durch meinen Willen erreicht habe. Erst später werde ich sie wohl wirklich begreifen. Ich fühle mich wieder wie an Tag 3.


Ich treffe Andrew direkt nach seiner Arbeit am Tempel. Er ist natürlich wieder total aufgekratzt. Es war von Anfang an klar, dass wir in diesen Stripclub gehen, auch wenn 5000円 erstmal viel klingen. Vorher zimmern wir uns aber noch ein paar Bier nach dem anderen in Asakusa rein und reden über sein neues Leben. Wie so oft mit ihm und mir bestätigen wir uns gegenseitig und ich merke, wie sehr ihm an mir etwas liegt. Eine so lockere, ehrliche und unproblematische Freundschaft wie mit ihm findet man nicht überall. Ich merke wie sehr er auch mir am Herzen liegt. Mit ihm wird auch mein Japanisch gleich besser, inkl. Verständigung mit dem Izakaya-Personal, das wir gut auf Trab halten. Der Besitzer des Ladens ist eigentlich Chinese, lebt aber schon lange in Japan. Er kennt Maria Ozawa natürlich und hat auch eine komplette DVD von ihr, selbstverfreilich unzensiert! In Japan werden nämlich die Intimbereiche verpixelt...tja, andere Länder, andere Sitten. So eine DVD ist in Japan natürlich verboten, aber er meint ich kann gerne eine Kopie am nächsten Tag abholen wenn ich möchte.

Wir wagen es und gehen ins Rockza. Im Club ist es total cool, ganz anders als bei uns bzw. ich hab mir was ganz anders vorgestellt (schlimmste Vorstellung: onanierende Typen direkt an der Bühne). Es ist überhaupt nicht schmuddelig oder eklig, es ist eine richtig gute, professionelle Tanzvorstellung, nur eben nackt! Vorher hatte ich ja ein schlechtes Gewissen, dass ich da hingehe, auch wegen Mizuki, aber nun bin ich total entspannt und genieße die Show. Der Ablauf ist immer gleich. Erst kommen ein paar Mädels angezogen auf die Bühne und tanzen etwas, ab und zu auch mal indem sie schon ein paar Teile fallen lassen und dann bleibt eine Frau zurück und fängt mit ihrer Solo-Show an. Maria Ozawa nimmt uns einzige Gaijins zwar wahr, aber die anderen Mädels freuen sich sichtlich mehr über unsere Anwesenheit. Es kommt mir so vor, als ob sie sich heute extra viel Mühe geben. Ich sehe viele schöne Rücken und Brüste, vor allem die von Maria Ozawa sind einfach mal der Wahnsinn, das muss ich hier und jetzt mal festhalten. Da merkt man wie positiv sich das Mischen von DNA auswirken kann (Japanisch-Kanadisch). Am attraktivsten ist aber ihr Gesicht. Sie hat auch ein großes Tattoo auf dem Rücken, das ich noch gar nicht kannte. Das macht sie noch aufregender. Was mich aber stört und leider auch typisch Japanisch ist, ist der Haarwuchs unten rum. Ist wie in den 70ern, ungestutzt und wildwachsend *seufz* Am meisten beeindruckt mich die grazile und anmutige Art der Damen. Es geht weniger um das Ausziehen, sondern um sexy Posen und subtile Erotik. Viel passiert über die Augen und die Mimik. Eine hat's ganz besonders drauf und ich finde mich unglaublich von diesem Blick angezogen, da ist der perfekte Körper fast schon Nebensache. Nach jeder Performance wird brav applaudiert und gegen Ende gibt es sogar einen Blumenstrauß für die Künstlerinnen. Es ist absolut kein Vergleich zu einer Tabledance-Bar in Deutschland und war das Geld definitiv wert. Ein schlechtes Gewissen wegen Mizuki habe ich auch nicht mehr. Ich wünschte nur, man hätte nach der Show noch irgendwie Kontakt aufnehmen können. Wie gesagt, ein Gespräch und ggf. ein gemeinsames Foto wären total cool gewesen.

Danach sind wir beide gut aufgekratzt und saufen einfach weiter, natürlich in der gleichen Izakaya. Japanisch zu sprechen wird irgendwie immer einfacher. Ich kriege sogar ein Kompliment vom Chef, als er erfährt, dass ich eigentlich Deutscher bin und mit Andrew ja dauernd Englisch spreche. 頭いいですね!
Als so langsam geschlossen wird und wir nach Hause gehen, torkeln wir noch happy und glückselig die Nakamise-dori runter und lassen uns am Kaminarimon (雷門) von einem ebenso betrunkenen aber hilfsbereiten Japaner fotografieren. Epic night out!


Nachdem ich Andrew zur U-Bahn gebracht habe, torkele ich weiter Richtung Hostel. Ich werde etwas rührselig, da dies wohl der letzte coole Abend in Japan sein wird. Die Lichter am Sumida-River strahlen und mein Herz auch.


Ich unterhalte mich danach gefühlte 2 Stunden mit der Hostel-Toilette, natürlich im perfekten Japanisch.

Ich vermisse Andrew jetzt schon...