Sunday, 2 May 2010

8. Tag (Going Down)

Anmerkung vom 06.12.2010: Mizuki ist mittlerweile meine Ex-Freundin. Aber ein Tagebuch ist nunmal ein Tagebuch und ich will dieses Blog authentisch halten. 

Nach einem bisschen Morgenplausch mit AJ gehen wir unsere Wege. Er Richtung Flughafen, ich Richtung Harajuku. Schade eigentlich, AJ war echt in Ordnung. In Harajuku ist alles beim Alten, es lässt mich kalt, Tendenz zum genervt sein. Eigentlich wollte ich ja lustige, gerne auch sexy Cosplayer fotografieren aber den einzigen Typ, den ich sehe, lässt mich echt erschaudern. Ein unglaublich hässlicher, alter Typ in einem hellblauen Schulmädchenkostüm mit meterdick Schminke, blonder Perücke und einem Gesicht wie 3 Tage Regenwetter. Wenn das Cosplay ist, will ich das nicht fotografieren!

Eine Sonnenbrille finde ich natürlich wieder nicht. Es sind auch viel mehr Leute als üblich unterwegs, Ausländer wie Japaner. Es ist ja auch ein Feiertag. Golden Week in full effect.
Ich wage mich wieder nach Shinjuku, was aber ein Fehler war. Auf der Suche nach was Essbaren wandere ich wieder im Kreis und werde immer mehr angewidert von dem Lärm und dem Chaos. Eigentlich will ich nach Haus oder raus aus Tokyo. Oder mit Mizuki in Tokyo, das wäre wieder OK denke ich.

Mit kaputtem Knie, Hunger und Müdigkeit kann ich ja nur schlechte Laune kriegen. Wobei es mir abends immer irgendwie anders geht, besser drauf und so.

Die Raben hier sind übrigens riesig und machen Mordslärm!!! Kein Wunder, dass Mizuki Angst vor ihnen hat. Da sind unsere Tauben oder Raben fliegende Zwerge gegen. Diese japanischen Raben sehen so aus, als ob die einem den Kopf aufpicken können! In Harajaku war vorhin übrigens sowas wie ein  Hornisse oder so. Mittendrin in der Einkaufsstrasse. Die schaffte es tatsächlich mal die Menschenmassen zu teilen.

Fahre nach einem erneuten Essen im Matsuya schon mal zu Mizukis Wohnung. Dort bin ich um einerseits etwas bei ihrem Cousin bzw. ihrer Cousine abzugeben, andererseits um etwas für sie abzuholen. Zusätzlich gibt mir Hibari auch etwas Geld, da mir meins so langsam ausgeht. Das ist eigentlich ein guter Deal, da das Geld vom japanischen Konto kommt und ich Mizuki dafür in Berlin den Gegenwert in Euro geben kann. Haben wir beide einen Vorteil von. Außerdem darf ich auf das Dach des Gebäudes und mir den Sonnenuntergang anschauen. Von dort oben soll man einen schönen Ausblick haben.

Habe aber noch 3 Stunden rum zu kriegen. Keine Ahnung wo ich eigentlich klingeln soll und wie lang ich letztendlich auf dem Dach bleiben darf. Am liebsten würde ich ja dort ein Nickerchen machen, aber das bring ich nicht.

Weil ich nicht vor der Tür rumlungern will und sonst nichts in der Nähe ist, laufe ich die Strasse runter und schlage mich in die Seitengassen. Finde in der Nähe einen Park (dank Navi), was sich letztendlich aber trauriger Sandplatz mit ein paar Bäumen und nem Zaun drum herausstellt. Ich habe es Raucher-KZ getauft weil es scheinbar hauptsächlich von Rauchern für ihre Mittagspause genutzt wird. Rauchen ist in der Öffentlichkeit nämlich nur in bestimmten Bereichen erlaubt und dort stehen alle dann immer ganz cool und fröhnen ihrer Sucht. Dieser "Park" ist wohl der traurigste Ort an dem ich in Tokyo bislang war.

Ein kalter Kaffee hilft nur kurz. Ich bin genervt, müde und jetzt läuft auch noch meine Nase! Taschentücher muss ich kaufen! Dabei kriegt man die von Werbeleuten an jeder Ecke kostenlos in die Hand gedrückt. Genau wie das japanische Klopapier, sind dann die Taschentücher ungefähr halblagig und sind meinem europäischen Zinken bzw. dem Rotz nicht gewachsen. Ich klage mein ganzes Leid Mizuki per Mail vom Handy und fühle mich wie ein Weichei. Ich merke aber, dass ich defintiv krank werde, ich weiß es einfach.

Die Zeit verrinnt langsam. Zum Glück kann ich mit Mizuki schreiben. Pissen muss ich mittlerweile auch dringendst!!!! Auch das wird von mir digital mitgeteilt und geht von JPN -> D -> JPN weil sie es ihrem Cousin sagt, damit ich etwas früher vorbeikommen kann und nicht erst lang erklären muss warum ich gleich aufs Klo renne.

Im Fahrstuhl hängen lustige Schilder. Ein exzellentes Beispiel für japanisches Englisch, auch Engrish genannt.




Zu ihrem Cousin sind 3 Sachen zu sagen.
  1. Er ist ein kleiner, aber sehr muskulöser, durchtrainierter Kampfsportler, ein richtiger Ninja sogar. Ohne Scheiß!
  2. Er hat Silikonbrüste....ebenfalls ohne Scheiß!
  3. Er tritt nachts als Showgirl oder sowas wie ein Travestiekünstler auf.
Eine äußerst merkwürdige, aber nicht unbedingt abschreckende Kombination. Nur Mizuki hat mir gut Panik gemacht, weil der Besuch zu diesem Zeitpunkt und durch meine Person eher ein Eindringen in seine/ihre Privatsphäre bedeutet.
Hibari ist kurz und knapp mit allem, aber nicht unfreundlich. Es muss schon sehr merkwürdig sein wenn ein 1,85m Ausländer in seine Wohnung stürmt und erst mal aufs Klo rennt. Ich finde das so lustig, dass ich erstma vom Pott aus Mizuki eine Mail schreibe. I'm in your base und so, haha. Ich denke für Hibari ist es einfach ein Gefallen, den er vielleicht gerne abgelehnt hätte. Zum Japanisch reden komme ich gar nicht, er macht wirklich zackzack und zeigt mir alles und gibt Anweisungen in gutem Englisch. Ich versuche also die Methode mit Verbeugung und 1000 Mal Danke und entlocke ihm am Ende sogar noch ein Lächeln. Erfolg!

Er hat mich aufs Dach geführt und mich dann alleine gelassen. Den Schlüssel soll ich dann einfach in einen Kasten im Flur schmeißen. Nun stehe ich auf dem Dach und habe eine grandiose Aussicht. Der Himmel ist wunderschön. Ich schreibe viel mit Mizuki hin und her. Es hat schon was Schönes, genau an der Stelle zu sein wo sie sonst ihr Leben oder zumindest Teile davon verbracht hat. Ich gehe aber lieber bevor mich der Sonnenuntergang vollends rührselig macht.






Das Ganze habe ich auch in bewegten Bildern festgehalten (Video).

Abends schäme ich mich in Grund und Boden als ich bei KFC Essen hole. Dazu ist es noch viel zu teuer! Matsuya ist günstiger, aber ich kann da nicht schon wieder essen gehen!! Ich nehme mein Hühnchen und setze mich an das Ufer des Sumida-River in der Hoffnung ungestört zu sein. Pustekuchen, eine Gruppe von 2 Japanern und einer Europäerin kommen deutlich angetrunken und setzen sich in meine Nähe. Wenn meine Laune nicht so schlecht wäre, dann wäre das der perfekte Moment um Kontakte zu knüpfen. Lustigerweise ist die Europäerin aus der deutschsprachigen Schweiz. Ich verabschiede mich aber schnell, auch weil ich nichts zu saufen habe. Es sind eh wieder alle betrunken, nur ich nicht.

Abends in Zimmer quatsche ich noch mit einem Norweger, der in Osaka arbeitet und für ein paar Tage Tokyo sehen wollte. Es ist ja Golden Week, da hat er natürlich auch frei. Er war schon auf jedem idiotischen Fest in Deutschland zum saufen, vom Oktoberfest bis zum Kölner Karneval und diversen Trinkgelagen in Berlin. Hauptsache richtig picheln. Immerhin hat er somit ein positiven Bild von Deutschland weil alle immer nett waren.

Morgen treffe ich mich mit Noe, einer weiteren japanischen Bekanntschaft, die ich vorher übers Internet aufgetan habe. Mizuki ist ziemlich eifersüchtig und ich denke, dass bedeutet ne Menge.

Mein anderes Knie meldet sich...oh no!!! Hab Bock aufs saufen...am besten in Roppongi mit den anderen Ausländern.