Tuesday, 27 April 2010

3. Tag (Die Odysee nach Kamakura)

Heute heißt es früh aufstehen, denn es geht nach Kamakura (かまくら、鎌倉 ), wo ich Chikako Yokosawa-sensei besuchen werde. Sie wohnt dort mit ihrem Mann und ist quasi die offizielle Dolmetscherin für Esaka-sensei auf Lehrgängen usw. Kamakura ist für diese Reise mein einziges Ziel außerhalb von Tokyo. Dort gibt es sehr viele alte Tempel, Schreine und die berühmte Statue des Daibutsu (大仏). Vielleicht fahre ich dann später noch weiter nach Enoshima (江の島) ans Meer, denn das Ticket gilt für diese ganz besondere Strecke.

In dem Bett über mir hat ein Ami geschlafen und sich nachts an Darth Vaders Beatmungsmaschine angeklemmt, ohne Scheiß. Das komische Schnarchen was dadurch entstand hat aber extrem beruhigend gewirkt.

Sah online alles ganz einfach aus mit dem Zug...ich hab aber sowas von keinen Plan. Die Ticketfrau Nr. 2 hat's aber voll drauf, denn sie versteht mich und mein Anliegen und gibt nicht auf, bis sie das richtige Ticket hat. Ich mache die Situation natürlich vollends kompliziert als ich mich über den Preis wundere und befürchte, ich kriege das falsche Ticket. Aber letztendlich lag die Ticketfrau richtig und freut sich darüber auch sehr. Mir ist es peinlich, aber ich habe meinen Stolz nicht gänzlich verloren. Tja, nur nach dem Ticketkauf, weiß ich gar nicht wo ich hin muss! Also wieder anstellen und Ticketfrau Nr. 3 schreibt mir die Gleise und die Umsteigestationen auf. Gelobt sei das Serviceland Japan.

Kacke, es ist Rush Hour!!!!!! (Video)

So viele Menschen, so eng! Ich zerquetsche beinahe eine kleine Frau hinter mir weil ich immer weiter in den Wagen gedrückt werden. Sie windet sich hinter mir und kriegt wahrscheinlich gar keine Luft, aber schweigt dabei. Ich kriege von der Enge und der Vergewaltigung meiner Privatsphäre einen erschreckenden Adrenalinschub, als ob ich mich gleich freikämpfen müsste. Mein Körper reagiert offensichtlich auf diese Art von Bedrohung. Es ist faszinierend, wenn es nur nicht so scheißevoll wäre und ich nicht so schwitzen würde!
Als ich mich später in einer Umsteigestation vor einem Schild herumdrücke um den Weg zu finden und auch vor den Massen zu fliehen, spricht mich ein junger Japaner im Anzug an. "Hi, what's up?"
Er wollte mir nur helfen, da ich wohl sehr verloren aussah. Ich raffs nich und reagiere nur mit einem Kopfnicken. Er steckt sich seine Kopfhörer wieder rein und geht weiter. Ich habe ein unglaublich schlechtes Gewissen, hab voll falsch reagiert. ごめん、ね

Ich steige eine Station vor Kamakura in Kita-Kamakura aus und bin besorgt als mir das Gate mein Ticket einfach einbehält. Ich muss doch noch weiter nach Kamakura fahren! Wenn das Teil wieder mein Ticket schluckt, wie komme ich denn dann wieder zurück?!? Ach egal, erst mal los zum ersten Tempel, es ist ja noch früh.

Shokozan-Tokeiji Tempel, einfach unglaublich schön. Es ist friedlich und still, leichter Regen rieselt hernieder. Ich bin ganz allein. Ich muss beinahe weinen, so schön ist es. Ich merke es jetzt, ich bin endlich in dem Japan meiner Träume. Dem alten Japan, wo jeder Stein eine Geschichte erzählt, wo Zen, Krieg und Frieden in Einklang und vollendeter Schönheit zu finden sind. Es ist ein magischer Moment und ich packe meine Kameras weg und sauge alles in mich auf damit mein Herz es nie vergisst.







Einzig die Vögel unterbrechen diese göttliche Ruhe. Ich nehme doch meine Kamera und versuche etwas von dieser Magie einzufangen. (Video)

Ich sehe jetzt mehr Leute, meistens alte Herrschaften, die ich höflich begrüße und auch eine ebenso höfliche, wenn nicht sogar noch höflichere Begrüßung als Dank erhalte. Am Ausgang eines Tempels quatscht mich ein sehr alter Japaner an. Ich verstehe eigentlich gar nix, aber nicke immer und strenge wirklich an. Er erzählt irgendwas von Taiwan und wo er überall schon gewesen ist. Er sagt was von seinem Freund (かのじょ), aber ich bin nicht sicher. Ich sage ihm, dass ich aus Deutschland komme und versuche irgendwie herauszubekommen was er mir eigentlich sagen will. Ich schaffe es aber leider nicht und ziehe mit ein paar Extra-Verbeugungen wieder ab. Ein faszinierende Begegnung trotzdem.





Ich fahre weiter nach Kamakura um zum Daibutsu zu kommen bevor ich später noch Chikako-sensei treffe. Natürlich kriege ich beim Gate Panik und gehe nicht durch. Ich habe Hunger und gehe erstmal was essen. Lecker Soba! Ich frage höflich nach Wasser, so wie ich das aus dem Matsuya kenne und werde freundlich darauf hingewiesen, dass ja "serufu-sabisu" (セルフサービス), also Selbstbedienung ist. Der Wasserkrug steht genau neben mir...wie peinlich...aber das Soba schmeckt Hammer und gibt mir wieder Kraft.
Ein uralter und unglaublich hässlicher Japaner setzt sich neben mich und fragt mich auf Englisch wie es mir geht. Es wird eine nette Unterhaltung über deutsche (!) Politik daraus. Der Mann weiß mehr über deutsche und europäische Wirtschaftspolitik als ich! Er hat damals Helmut Schmitt getroffen, oder war es sogar Adenauer? In Bonn jedenfalls...und das Büro war ziemlich klein für so einen großen Politiker. Ich merke während der Unterhaltung, wie verrückt und toll das hier überhaupt ist. Ich nehme allen Mut zusammen und frage ihn, ob er mir mit dem Ticket helfen kann. Er spricht ja super Englisch und ich kann ihm meine Sorgen schildern. Kaum habe ich es ausgesprochen, zack, geht es auch schon los, so schnell, dass ich fast nicht hinterher komme. Gottsei Dank hilft er mir. Alles geht klar. Zack ist er auch schon wieder weg.

Achja, er hat vor ca. 30 Jahren für eine deutsch-japanische Firma gearbeitet. Den Namen darf (!) er mir nicht sagen. Er erwähnte auch etwas von Geheimdiensten und Spionage. In Kamakura ist er nur um Bücher zu kaufen, na wer's glaubt! Wahrscheinlich war er ein alter Top-Spion!

Mittlerweile regnet es stärker. Ich bin am Daitbutsu angekommen und nur bedingt beeindruckt. Ein großer Buddha halt. Erst als ich mich daran erinnere, dass ich hier auf Jahrhundertealtem Boden stehe und in fucking Japan bin, kehrt die Ehrfurcht wieder zurück. Es ist Ausflugstag und Horden von Schulklassen campieren rund um den Platz mit dem Daibutsu (Video). Alle packen ihre Lunchboxen aus und futtern erstmal ordentlich, natürlich nicht ohne kräftig Krach zu machen. Ein kleiner Junge kommt auf mich zu als ich mich für eine Pause hingesetzt habe und fragt mich in ganz gutem Englisch ob er ein Foto von mir machen darf. Ich muss schmunzeln und mach das natürlich gerne. Die Gruppe von Kids drapiert sich um den Gaijin und alle machen, typisch Japanisch, das Peace-Zeichen. Ich auch, aber weil ich so lustig bin, mach ich dem Jungen vor mir lieber Hasenohren. Tja, und bei einem Foto bleibt es natürlich nicht. Alle wollen mal aufs Bild, also wird nach jedem Bild gewechselt. Ich brech zusammen. Eine ausländische Touristin sieht das Spektakel und grinst mich breit an. Wir sind hier die Besucher aus einer anderen Welt, nicht wahr? Lustige Sache das.




Die Toilettensituation in Japan ist übrigens super! In Sachen Quantität und Qualität. Überall gibt es welche, blitzblank, kostenlos und immer geöffnet. Nur Papierhandtücher gibt es irgendwie nie...hmmm...mysteriös. Zum Glück gibt es auch immer europäische Toiletten denn diese japanischen Löcher im Böden sind mir zu anstrengend. Apropos anstrengend...meine Knie sind im Arsch, ich kann nicht mehr laufen und bin müde. Kamakura ist sehr hügelig und ich hab mir eindeutig zu viel zugemutet. Weil es mittlerweile in Strömen regnet kaufe ich mir einen durchsichtigen Plastik-Regenschirm für 300 円.

Ich warte am Bahnhof Kamakura auf Chikako-sensei und denke nur an meine schmerzenden Knie und versuche nicht im Stehen einzuschlafen. Einer von Tausend Kaffees aus dem Automaten (so ca.) hilft mir nur bedingt. Als sie dann kommt, hat sie eine richtige Tour zu ihrem Haus geplant. Sie wollte mich an vielen Tempeln und Schreinen vorbeiführen, aber ich muss spätestens beim dritten zauberhaften Tempel darum bitten, dass wir direkt weitergehen. "Ich schau mir das beim nächsten Mal an" sage ich und schäme mich etwas. Kann nicht mehr...

Die Aussicht ist toll! Familie Yokosawa hat ein schönes Haus und einen niedlichen Sohn, der gerade 1 Jahr alt geworden ist. Keisuke heißt er und er ist anfangs seeeeeehr skeptisch was da für ein komischer Typ ins Haus kommt. Der sieht ja so anders aus! Aber später taut er wieder auf und schenkt mir immer wieder einen Stift. Ich bin so glücklich endlich sitzen zu können und die Beine auszustrecken. Es gibt warmen Tee und Mochi (glaub ich). Ich überreiche meine Geschenke und wir treiben Konversation. Ihr Mann war immer mein Lieblings-Sensei auf den Lehrgängen wegen seiner ruhigen Art. Es ist schon surreal jetzt hier in deren Wohnzimmer auf dem Boden zu sitzen und über alles mögliche zu plaudern. Als seine Frau kurz den Kleinen versorgt, versuche ich ihm von meiner japanischen Freundin zu erzählen. Chikako-sensei gibt mir noch letzte Instruktionen wie ich zum Training finden kann und wen ich ansprechen muss. Mein Kontaktmann heißt Luke und er wird mir zeigen wo das Iaito vom Yokosawa-sensei ist.



Ich werde sogar zum Bus gebracht, was ein Service. Auf dem Weg versuche ich ihm etwas zu schmeicheln indem ich sage, wie gut ich ihn als Sensei auf den Lehrgängen fand. Das hat gesessen, er ist wirklich etwas verlegen glaube ich. Als Gast fühle ich fast so etwas wie Macht über meinen Gastgeber, vor allem weil er jetzt so menschlich ist. Er wartet sogar an der Haltestelle und winkt bis der Bus quasi ausser Sichtweite ist. Na wenn das mal keine Respektsbekundung ist!

Ich entschließe mich auf jeden Fall noch nach Enoshima zu fahren. Am Bahnhof verliere ich aber irgendwie mein Ticket. Panisch durchsuche ich jede meiner Tausend Taschen und finde doch nichts. Na super...ich komme weder nach Hause, noch nach Enoshima. Aber den Kaufbeleg habe ich noch! Ich muss also Chikako-sensei anrufen damit sie mir hilft. Die Japaner sind genauso bürokratisch wie wir und erstellen mir ein DIN A4 großes Ersatzticket, können aber nicht garantieren, dass es mit der anderen Bahngesellschaft funktioniert, die letztendlich nach Enoshima fährt. Ich bin ihr so dankbar. Natürlich finde ich just in dem Moment wo ich in den klassischen Zug nach Enoshima einsteige das Ticket wieder...........ich bin so fertig. Kaffee hält mein System am laufen.

Enoshima, das Meer. Nur Regen. Es wird bereits dunkel. Ich stehe an einem ganz anderen Fleck der Erde, an einem Meer an dem ich noch nie war. Ich bin wieder ganz alleine mit meinen Gedanken, Emotionen und Eindrücken. Daran ändert auch der ebenso einsame ausländische Tourist nichts, der scheinbar den selben Weg beschreitet wie ich. Wir nicken uns nur zu und wissen, dass wir hier sind weil wir hier sind, weil wir es wollen und uns diese Erfahrung niemals wieder nehmen lassen. Ich filme mich wie ich am Meer stehe. Ja, ich bin wirklich hier! (Video)




Es ist ein ewig langer Weg nach Hause. Ich denke dauernd ich fahre falsch weil ich dauernd die Züge wechsele und vollends die Orientierung verloren habe. Bin verdammt KO und hungrig. Ein bisschen Schlaf im Zug hilft, genauso wie die anderen Japaner. Ich bin schon so angepasst, ich weiß nicht ob ich das cool oder strange finden soll. In Ueno-Station angekommen beschließe ich endlich mal im Yoshinoya essen zu gehen. 
Oops, das ist ja gar kein Automaten-Restaurant. Ich muss selber bestellen...naja, zeigen und ein bisschen was sagen geht schon, auch um diese Uhrzeit noch. Das Essen ist auch viel besser als im Matsuya. Es gibt sogar O-Cha (お茶) statt nur kaltem Wasser. Ich wollte eigentlich von Ueno nach Hause laufen, aber ich kann nicht mehr mit dem Knie. Fahre mit der U-Bahn und bin früh zurück, erledige Onlinekram und schlafe sofort ein.

Morgen: Pause!