Saturday, 1 May 2010

7. Tag (Hamarikyu Park)

Chinesen sind recht laut morgens. In dem Zimmer gegenüber sind ein paar einquartiert und sie scheren sich zu keiner Urzeit darum wie ihr Lautstärke wohl bei anderen ankommt. Muss morgens einfach mehr essen, nicht nur nur Tee trinken (der ist wenigstens gratis im Hostel!). Gehe daher während meine Wäsche auf dem Dach gewaschen wird etwas einkaufen. Brauche unbedingt eine Sonnenbrille! Verdammt!!!

Heute steht wieder ein Treffen mit Chiaki an. Eigentlich wollten wir auf den Takao-san (高尾山), aber nachdem meine Knie ja nicht mehr zu gebrauchen sind, fahren wir mit dem Boot den Sumida Fluß runter zum Hamarikyu Park. Hoffentlich ist sie diesmal etwas entspannter. 

Hab ich eigentlich schon mal was zum Look der japanischen Mädels gesagt? Ein sozialwissenschaftlich Thema würde ich sagen, höchstinteressant. Selbst Kleinkinder werden bereits von ihren Eltern so merkwürdig angezogen! In Asakusa wo ich auf Chiaki warte, sehe ich tatsächlich ein kleines Kind was wie ein typisch japanisches Modepüppchen angezogen ist, fehlt nur noch die Schminke. Japaner mögen einfach Uniformen. Alle sind gleich und trotzdem individuell (denken sie). Im Laufe meiner Zeit in Tokyo sind mir mindestens 3 verschiedene Modetypen aufgefallen. Die flippig, durchgeknallte mit schrägen Accessoires und Frisuren, knalligen Farben und gewagten Klamotten. Dann die super schicke Lady ala Paris Hilton, mit perfektem Styling und teurem Schnickschnack von D&G und anderen Marken. Außerdem noch der Sommertrend 2010, die verträumte, französisch angehauchte Blumenfrau mit Hippiespuren, großen geflochtenen Sommerhüten und starkem Augen Make-up (2m lange Wimpern!). Achja, und natürlich der Gothik-Emo-Ugly Style, den ich aber nicht so oft gesehen habe, da scheinbar weniger alltagstauglich und eher für Party oder Weggehen gedacht. Off topic: mir fällt auf, dass die Japaner sich beim warten so hinhocken als würden sie kacken. Bei uns würde das eher mißtrauisch beäugt werden, hier ist das aber ganz normal. Ich wünschte ich hätte japanische Knie.

Ich könnte schwören ich habe gerade Thomas Gottschalk in Asakusa gesehen!!! War so ein großer Typ im schicken Anzug. Könnte aber auch sein Bruder gewesen sein.

Ein paar Jugendliche kommen auf mich zu und ich soll für sie Bier bzw. dieses Fake-Bier testen. In Japan gibt es nämlich auch Bier, dass gar kein Bier ist. Ich habe aber nur Bier getrunken, das gute Asahi vor allem, dessen Hauptquartier rein zufällig genau in der Nähe meines Hostels ist. Ich gebe den neugierigen Jugendlichen meine Meinung zu dem komischen Bierverschnitt und am Ende gibt es (natürlich) ein gemeinsames Foto. Chiaki kommt just in diesem Augenblick und die Situation ist mal wieder recht lustig.

Chiaki und ich stellen uns dann an der Schlange zum Boot an und hinter mir steht plötzlich dieser Gottschalk-Typ! Ich spreche ihn an und es ist tatsächlich der Bruder, Christoph Gottschalk! Lustig, wen man so alles im Urlaub trifft! Als ich ihn frage was er hier so macht, haut er raus "Na Wetten Dass verkaufen natürlich, trotz Urlaub." und feixt sich einen. Seine Begleitung ist ein hagerer deutscher Businessmann, sind wohl befreundet. Beide haben wirklich schicke Anzüge, muss man schon sagen. Die Fahrt zum Park führt uns an weniger schönen aber trotzdem recht beeindruckenden Wohnblöcken der Stadt vorbei. Wer will da bloß leben, denke ich mir dauernd. 





Tokyo Tower im Hintergrund

Im Hintergrund ist die berühmte Rainbow Bridge zu sehen.

Mit Chiaki zu sprechen ist heute irgendwie anstrengend. Der Tag fühlt sich wie eine Pflichtveranstaltung an. Ich bin absichtlich zurückhaltend weil ich sie heute irgendwie als unangenehm empfinde. Das ist gar nicht ihre Schuld und macht mir letztendlich auch ein schlechtes Gewissen. Vor allem weil sie es doch nur nett meint wenn sie mich immer mal wieder fragt ob's mir gut geht mit den Knien (だいじょうぶ?). Ich versuche den Tag trotzdem zu genießen. 


Im Park ist etwas karg, aber sehr schön. Es ist alles sehr traditionell und simpel gehalten. Mir gefällt das sehr. In dem traditionellen Teehaus genehmigen wir uns einen richtigen Matcha (抹茶) und Okashi (お菓子), das sind kleine putzige Süßigkeiten aus Bohnenpaste, fast wie bei einer echten Teezeremonie. Ich versuche sie und die anwesenden Touristen zu beeindrucken indem ich versuche so lange wie möglich im Seiza zu sitzen, also dem in Japan üblichen Hocksitz. Naja, mit meinen Knieproblemen hält das auch nich besonders lang. Das lustige ist, dass Chiaki es auch nich wesentlich länger schafft und sich bequemer hinsetzen muss. Wir lachen beide darüber und meine Stimmung hebt sich durch das Ambiente und die beinahe authentische Umgebung deutlich. 




Rechts im Bild ist das Teehaus.








Der Hamarikyu Park wurde früher von der Kaiserfamilie zur Entenjagd genutzt. In Andenken an die Seelen all der getöteten Enten wurde ihnen zu Ehren irgendwann ein kleines Grab angelegt. Allerliebst sowas.




Am Ende schaffen wir es tatsächlich doch noch einen kleinen Berg zu besteigen. Es ist zwar nicht der Fujisan aber der kleinere Hügel Fujimisan tut es auch (Video).

Da der Tokyo Tower in der Nähe liegt versuchen wir unser Glück aber 45 Minuten Wartezeit sind dann nicht so der Hit und wir beschließen endlich was essen zu gehen. So langsam geht's nicht mehr richtig mit dem laufen. Ich bin ziemlich fertig. Tapfer sein Soldat!





  

Wir gehen Okonomiyaki (お好み焼き) essen, das ist sowas wie Pfannkuchen mit lauter leckeren Sachen, der auf ner heißen Eisenplatte direkt am Tisch gemacht wird. Das wollte ich schon immer mal probieren. Das Restaurant liegt irgendwie mitten in einem Kaufhaus. Wir müssen erst durch die ganzen lauten, grellen Verkaufsetagen um dann auf einmal in einem ruhigen, dunklen Restaurant zu sitzen. Ich bestelle Okonomiyaka nach Hiroshima-Art. In diesem Restaurant ist es etwas anders, da kriegt man schon das fertige Teil direkt an den Platz. Bei mir sind meinem Geschmack nach zuviel Zwiebeln drauf, aber ansonsten ganz gut.



Für Chiaki war der Tag bestimmt eine ganz tolle Sache. So mit nem Gaijin unterwegs zu sein, Fremdenführerin spielen zu dürfen und so. Das Foto, dass sie am Ende von uns beiden zusammen uuuunbedingt machen will, unterstreicht nur meine Theorie. Sie ist voll in Ordnung und ich bin ihr sehr dankbar für alles, aber ich bin trotzdem froh, dass die Exkursion vorbei ist, auch wegen meiner Knie und weil die Füße qualmen.

Der Tag ist noch nicht vorbei also mache ich ein kurzes Schläfchen und verbringe dann den Rest des Abends im Hostel. Über mir pennt jetzt AJ aus Arizona und wir kommen gut ins Gespräch. Er ist halt Ami und recht jung, aber offen und interessiert, einfach sympatisch. Man hat ja immer das tolle Thema der jeweiligen Japan-Erfahrungen. Ich bin neidisch auf seine Rundreise in Japan (mit Freundin) und er auf meine direkten Erfahrungen mit Japanern. Wir unterhalten uns viel über die emotionalen Eindrücke und merkwürdigen Unterschiede zwischen der Heimat und Japan. Wir amüsieren uns sehr, da irgendwie jedem die gleichen Sachen auffallen. z.B. das Japaner sich gerne anstellen, die Suffköppe nachts in der Bahn, die Freaks und die schlechten Zähne der Mädels. AJ will das Land wirklich kennenlernen, vor allem aber die alten, traditionellen Aspekte. Das macht ihn mir sehr sympatisch. Später kommt noch Eddie aus Brighton dazu und die Unterhaltung wird irgendwie anders. Eddie ist irgendwie der volle Japan-Tourist. Er hat sich schon diverse T-Shirts und Mangas gekauft und wird morgen mit seiner Crew erstma konkret ins nächste Maid-Café einmarschieren. Darauf steht er ja total sagt er, haha.

Natürlich sind Eddie, AJ und ich allesamt in der IT tätig........natürlich.......

Frage mich wie ich die restliche Woche noch rumkriegen soll. Bin gespannt auf Mizukis Cousin morgen, wird wohl etwas freakig werden, oh dear...

6. Tag (Tocho und Iaido-Training)

Freitag, Tag meines ersten Iaido-Trainings in Japan. Ich lasse es langsam angehen aus Angst vor Migräne oder anderen nervösen Erscheinungen. Zum Frühstück gibt es Instant-Ramen. Voll eklig wenn man bereits das köstliche Ichiran-Ramen kennt. Das Knoblauchpulver ist furchtbar. Ich glaube ich habe Gewicht verloren weil ich nie so richtig frühstücke. Ich will Milch! Ich kaufe Milch. Natürlich wieder in dem 7-Eleven Konbini in der Nähe meines Hostels. Dort bin ich schon Stammgast und kaufe immer irgendwelche Kleinigkeiten. Meistens sind das frische, dreieckige Onigiri (御握り). Die halten sich lange und sind ein guter Snack für Zwischendurch. Das Problem ist nur, dass ich die Geschmacksrichtungen nicht lesen kann. Ich versuche mich daher nach Farbe und Preis zu orientieren. Teilweise kriege ich da aber sowas von ekliges Zeug, dass ich jetzt nur noch bei einer Sorte bleibe (Garnele oder Thunfisch). Letztendlich ist das aber auch nichts auf Dauer zum Frühstück. Ich vermisse ne simple Stulle mit Brot. Meine Laune ist nicht besonders. Wahrscheinlich knüpfe ich deswegen keine Kontakte.

Ich fahre nach Shinjuku zum Tocho ( 都庁), dem Tokyo Metropolitan Government Building wie es ausführlich heißt. In den Zwillingstürmen kann man kostenlos bis in den 45. Stock fahren und die Aussicht genießen. Dort oben zeigt mir Tokyo seine hässliche Schönheit bzw. schöne Hässlichkeit. Überall nur Häuser, Häuser, Gebäude, Häuser. Über allem schwebt eine Art Dunst und die Sonne brennt. Es ist ziemlich heiß heute. Fuji-san (富士山), im deutschen Volksmund oft fälschlich als Fujiyama bezeichnet, zeigt sich mir heute nicht. Das macht mich etwas traurig, da man doch so weit sehen kann und ich extra deswegen hier bin eigentlich.





Fujisan versteckt sich irgendwo da hinten.

 

Monchhichi im Souvenirshop des 45. Stocks.
Ich humpele weiter durch Shinjuku, der Karte von Mizuki folgend. Das Knie ist nicht besser, ich könnte kotzen. Ich denke langsam, dass ich zu einem Arzt muss, aber ich bin unsicher ob vor oder nach dem Iaido-Training. Wahrscheinlich verkacke ich so krass wegen meines Knies, ich sehe es schon.

Der Schrein auf der Karte ist der Hanazono Jinja Schrein und hat heute wohl einen Flohmarkt. Er lässt mich komplett kalt. Halt wieder nur ein Schrein, so langsam gewöhne ich mich an deren Anblick. Meine Laune zieht alles runter. Vermisse Mizuki.

Der Shinjuku Gyoen Park hebt zwar meine Stimmung, aber Mizuki vermisse ich umso mehr. Es sind viele Päärchen und Grüpchen von Freunden unterwegs. Manch einer setzt sich einfach unter einen Kirschbaum und geniesst den Tag. Ich versuche mich zu entspannen. Der Park ist schon faszinierend, so mitten in der Stadt, bewacht von den bedrohlich wirkenden Wolkenkratzern. Ein kleines Schläfchen mitten auf der Wiese hilft.











Später in Shibuya, wo der Dojo ist, verlaufe ich mich schon wieder!! Es ist zum wahnsinnig werden, trotz Navi!! Esse wieder im Matsuya, wie originell. Schaffe das schon irgendwie mit dem Knie.
Warte auf Luke im Konno Hachiman-gu Schrein, schreibe diese Zeilen und beobachte die Leute, die den Schrein besuchen. Es ist alles dabei, vom Geschäftsmann, der kurz nach dem Feierabend noch kurz dem Shinto mit einem Stoßgebet huldig, über den Familienvater, der seiner viel zu kleinen Tochter zeigt, wie der Ablauf ist, bis hin zum jugendlichen Gangsta, der sich tief im Angesicht des Shinto verbeugt. Es ist wirklich süß wie der Papa das da macht. Das kleine Mädel macht brav alles nach. Ich habe mal gehört im Shintoismus geht es weniger um den Glauben sondern mehr um die Tradition und die alltäglichen Rituale. Das deckt sich mit meinen Beobachtungen. Apropos Beobachtungen, hier läuft ein komischer Typ rum, der sich wahrscheinlich grade eine Art Buße auferlegt hat. Er läuft immer vom Eingang des Schreins zum Heiligtum, verbeugt sich dort und läuft wieder zurück. Er macht das ohne Pause und ist bestimmt schon bei seinem 20gsten Durchgang! Da er nicht so wirklich wie ein Bekloppter aussieht, hat es wohl einen Sinn was er da macht.

Esaka-sensei
Letztendlich habe ich nicht auf Luke gewartet sondern bin dem erstbesten Iaidoka, der eine Schwerttasche umgeschultert hatte hinterher. Bin viel zu aufgeregt, kann plötzlich gar kein Japanisch mehr. Aber ein Glück spricht Brian Englisch und hilft mir. Puuh, Glück gehabt. Als ich eintrete, sitzt Esaka-sensei erhaben auf der Couch und ignoriert mich, aber Nishima-sensei freut sich sichtlich. Er war mein Gruppenlehrer auf dem Regensburger Lehrgang und ist wohl sowas wie der Verwalter im Esaka-Dojo. Ihm gebe ich zumindest mein Geld für die 2 Trainingsstunden, die ich in Tokyo absolvieren werde. Er sagt, ich darf vorne in der Mitte trainineren. Als dann Luke kommt, kriege ich auch das Iaito von Yokosawa-sensei aka Takeshi-san.
Dem Himmel sei Dank, knien geht!!!!!! Die Aufregung legt sich langsam während ich meine Katas machen und selbst Esaka-sensei nimmt mich wahr. Es sind ungefähr weitere 4 Ausländer beim Training. Einer von ihnen hat wohl immer seine niedliche Tochter dabei, wie auch heute. Sie sitzt am Eingang zur Halle und malt. Ab und zu quatscht sie mit ihrem Papa, während des Trainings! Überhaupt ist das Training total anders als in Berlin oder auf Lehrgängen. Viel lockerer, eigenständiger. Es wird miteinander geredet, sich gegenseitig geholfen bzw. bestimmte Sachen besprochen. Es muss wohl am Tag liegen, dass es hier so anders ist. Es wird nämlich nicht gemeinschaftlich begonnen, da viele von der Arbeit kommen und Arbeit in Japan ist so ne Sache. Ganz recht vorne trainiert jemand, der das alles irgendwie gar nicht so ernst nimmt kommt es mir vor. Aber irgendwie habe ich auch das Gefühl, dass der Typ ne relativ hohe Position in der Hierarchie hat. Tja hier bin ich und trainiere Eishin-Ryu direkt bei Esaka-sensei. Einfach nur krass.
Am Ende des Trainings machen wir Ashi-sabaki (足裁き), also Fußarbeit, obwohl alle schon fix und alle sind. In Berlin machen wir sowas maximal am Anfang des Trainings.

Bevor wir sich alle am Ende des Trainings verstreuen, wird noch der französische Papa mit der kleinen Tochter verabschiedet, da es wohl sein letztes Training war. Esaka-sensei bedankt sich für die familiäre Atmosphäre, die die Kleine in den Dojo gebracht hat. Es mag scheinbar kleine Kinder und geht sehr liebevoll mit ihr um. Sie hat den alten Mann scheinbar auch sehr gern. Es ist schon lustig ihn so zu sehen.
Danach gehen alle immer noch gemeinsam was futtern und ich natürlich mit. Es geht in die Stamm-Izakaya (sowas wie ne Kneipe). Vorher schnappe ich mir noch Luke und bitte ihn zu übersetzen. Ich überreiche Esaka-sensei mein Geschenk und er freut sich. Es ist ein Foto aus Berlin in einem schlichten Rahmen. Leider hält er es verkehrt herum und ich bin unsicher ob ich es ihm sagen soll. Jetzt erst checkt er überhaupt vorher ich komme und ich überbringe ihm Grüße aus Berlin (Luke übersetzt alles astrein).
Beim Essen ist Esaka-sensei ganz anders als auf den Seminaren, so familiär, locker und auch lustig. Er ist natürlich immer im Zentrum als Großmeister, aber trotzdem fühlt es sich so an als ob er einfach nur ein Iaidoka wie die anderen ist. Er fragt mich wie es in Berlin steht und erzählt viel vom deutschen Iai. Luke und Tim (aus London) hören seinen Geschichten aufmerksam zu. Ich unterhalte mich mit beiden über die Kyu und Dan Situation. In Japan ist das einfach alles anders, hier gibt es keine Kyu-Graduierungen, da geht's gleich mit dem Dan los. Also ich find das deutsche System super. Was mich beeindruckt ist, dass Luke, der aus San Fransciso stammt und dessen Sensei mal bei uns Berlin gelernt hat, tatsächlich nur wegen Iaido in Japan ist!!! Er hat sowas wie ein Kulturvisum von Esaka-sensei besorgt bekommen. Krass, ein absolutes Novum. Er trainiert dementsprechend auch mit völliger Hingabe. Tim hat seit 8 Jahren eine japanische Freundin und lebt aber noch nicht so lange in Japan.

Ich erzähle von den Worten des verstorbenen Ishihara-senseis, der mir damals nach meinem ersten Lehrgang gesagt hat "Höre nie auf Iaido zu machen!". Es war mir irgendwie wichtig ihm zu sagen wie mich das geprägt hat und ich weiß, dass Ishihara-sensei ein großer Verlust für uns alle darstellt. Nashima-sensei läd mich am Ende zum Essen ein! Super nett! Ich beschließe ihm meine Extra-Omiyage zugeben, dass ich für solche Fälle extra mitgenommen habe. Was für ein großartiger Abend! Achja, Esaka-sensei bezeichnet am Ende Gerald und Raymond tatsächlich als Samurai. So richtig wahre, neue Samurais...Luke ist sehr verunsichert und sagt, dass er sowas noch nie erzählt hat. Er relativiert es auch, denn Esaka-sensei hat schon ein paar Gläser Sake intus.

Man läuft noch gemeinsam zur U-Bahn und Luke zeigt mir, dass die Suica doch in der U-Bahn funktioniert. Na toll, ich hab mir immer diese kleinen Tickets gekauft. Naja, wieder was gelernt.
So langsam fühle ich mich wie ein Einheimischer, vor allem wenn ich U-Bahn fahre.



Gehe noch in die Khaosan Bar etwas trinken weil ich gut drauf bin und noch nen Gutschein habe für'n Drink habe. Ich treibe etwas Konversation (meist auf Englisch) mit dem Bartender, dem Leiter meines Hostels und nem 52jährigen Japaner. Er ist Support Engineer (サポトエンジニア, sapoto enjinia), sein Englisch ist grauenvoll aber seine Stimme sehr markant. Wir verständigen uns irgendwie trotzdem. Ich erzähle ihm vom Iaido-Training heute und er fragt mich ob ich somit ein Iaido-Player bin. Das ist sein Versuch, seine Englischkenntnisse anzuwenden, aber ich erkläre ihm, dass wir Iaidoka einfach keine Spieler wie beim Baseball sind. Ich bin so gut drauf, dass ich ihm meine Visitenkarte überreiche, natürlich so richtig japanisch mit beiden Händen. Er ärgert sich etwas, dass er keine von der Arbeit dabei hat, aber er gibt mir dafür die Karte seiner Musikproduktion. Wir reden etwas von Musik und ich schreibe ihm die Beatsteaks und Die Ärzte auf. Er produziert langsame Musik also dachte ich er sollte mal guten deutschen Rock'n Roll hören.
Der Leiter des Hostels erzählt mir, dass die Bar durch die verschiedenen Khaosan Hostels nur subventiert wird und sich gar nicht trägt. Der Besitzer sieht die Bar eher als get together Laden für die Hostelgäste und da Alkohol angeblich extrem teuer in Japan ist, hält er die Preise absichtlich niedrig. Der Leiter meines Hostels sieht jünger als ich aus und trinkt wieder mal wie ein Loch. Ich glaube er und viele andere Japaner haben ganz schöne Alkoholprobleme. Aber die Stimmung in dem extrem kleinen Laden ist gut und ich probiere mal Shochu. Ganz schön stark, aber lecker! Telefoniere noch mit Mizuki, kurz aber schön.

Thursday, 29 April 2010

5. Tag (Harajuku und Meiji-Schrein)

Unruhigen Schlaf gehabt. Es ist Vollmond. Habe von dem Selbstmörder auf dem Berliner Reichstag geträumt glaube ich...
Das Knie ist etwas besser aber nicht wirklich gut. Nach einem erneut kargen Frühstück fahre ich Richtung Shinjuku/Shibuya mit der Yamanote-Linie. Mir gefällt diese Linie von JR (Japan Rail) irgendwie am besten. Nicht nur weil sie die bekanntesten und coolsten Stationen im Ring anfährt, sondern weil sie an jeder Station eine spezielle Melodie spielt. Es gibt wohl auch ein Lied oder Abzählreim bei dem man alle Yamanote-Stationen aufzählen muss. Wenn nicht gerade Rush Hour ist fühle ich mich total wohl auf dieser Linie, wie im Wohnzimmer. Es gibt auch lustige Werbung auf den Monitoren und ich kann etwas mein Verständnis für Hiragana üben .Die meiste Zeit aber schaue ich mir die Tokyoter an.

Die Frauen sind meist mit dicker Schminke bedeckt. Von weitem hui, von nahem eher pfui. Es sieht zwar sehr makellos und gekonnt aus, gar nicht wirklich wie Schminke, aber beim näheren hinsehen merkt man es eben. In Japan tragen die Menschen viele Masken. Diese scheint nur eine davon zu sein. Obwohl ich ja eher auf Natürlichkeit stehe, gibt es doch viele japanische Schminkpuppen, die mir den Kopf verdrehen. An ein flirten ist natürlich nicht zu denken, aber gucken kann ich fast ganz ungeniert. Ausländer sind auf der Yamanote-Linie ja sowieso nichts besonderes. Achja, so ziemlich jeder im Zug hat eins der typischen japanischen Klapphandys vor der Nase. Jeder spielt, schreibt, liest, schaut TV oder macht irgendetwas damit, aber Hauptsache irgendwas um sich zu beschäftigen. Sie schaffen sich somit eine eigene kleine Privatsphäre glaub ich.

Harajuku (原宿): das Paradies für shopping-süchtige Mädels. Die Waren lassen mich im ersten Durchgang kalt. Ich bin wohl die falsche Zielgruppe. Nach stöbern ist mir irgendwie auch nicht, dazu ist es viel zu voll. Eigentlich sollte ja hier der Szenetreff für Cosplayer, Freaks und Ausgeflippte sein, aber ich sehe irgendwie nur normal Ausgeflippte. Aber ab und an sehe ich dann schon ein paar richtige Freaks im Leder-Kleidchen-Krankenschwester-Outfit und hochtoupierten wasserstoffblonden Haaren mit Schleife drin. Ich würde sagen sie flanieren einfach ein bisschen, aber so sicher bin ich mir da nicht. Könnte auch sein, dass sie einfach auf dem Weg zur Arbeit sind (!!?!).
Auf der Suche nach Futter finde ich sogar einen Dönerladen! Wie lustig. Stattdessen esse ich aber Crepes, witzigerweise genau an einem Imbiss-Trailer, der auch im Reiseführer abgebildet ist (wie ich später feststelle). In diesem silbernen Trailer arbeiten ca. 10 Japanerinnen auf einer Fläche bei der schon 3 Deutsche nach dem Arbeitsschutz geschrien hätten! Es ist unglaublich eng in diesem Teil, wie machen die das ohne sich nach 10 Minuten umzubringen?! Ein Glück muss ich nicht Crepes in Harajuku verkaufen...

Der Eingang zur Shoppingmeile.

Ich begeben mich humpelnd in den Park in Richtung Meiji-Schrein (明治神宮). Es führen breite Kieswege durch den Wald und es bläst ein kräftiger Wind. Die Sonne scheint hier und da zwischen den Blättern hindurch und spielt mit dem Licht. Die Bäumen raunen mir zu (Video).

Als ich im Schrein bin überwältigt mich beine eine traurig-schöne Melancholie. Ich sehe erst eine Hochzeitszeremonie, die sich andächtig im Entenmarsch durch den Komplex bewegt um dann am Heiligtum des Tempels ihre Aufwartung zu machen oder ihren Segen zu empfangen. Trotz der vielen Touristen herrscht eine andächtige Stille irgendwie. Ich überlege lange und schreibe dann Wünsche auf eine käuflich erworbene Holztafel und hänge sie an einem der Bäume auf. Dort hängen die Wünsche und Gedanken von hunderten Menschen, die alle hier waren und den Ort auf sich haben wirken lassen. Ich spüre, dass mit mir irgendetwas auf einer Ebene passiert, die ich vorher noch nicht kannte. Wenn es nicht so voll wäre, ich würde heulen....

Im Souvenirshop, das Todesgedicht eines Samurais.

四十九年一睡の夢 一期の栄華一盃の酒
(Yon jū kyū-nen issui no yume ichi-ki no eiga ichi sakazuki no sake)

Forty Nine Years; One night's dream. A lifetime of prosperity; a cup of sake.

Für mich immer noch...





Ich maile mit dem Handy etwas mit Kaori hin und her. In Japan gibt es keine SMS, da haben alle Handys UMTS und E-Mail. Kaori meint ich soll ins ca. 350km entfernte Sendai fahren um GENE nochmal zu sehen. Coole Idee eigentlich, aber ich hab kein Geld. Hätte ich mal doch nen Railpass gekauft! Damit hätte ich alle Shinkansen-Schnellzüge nehmen können und wäre flexibler gewesen. 350km sind nämlich nix für diesen Zug!

Bin noch kurz durch Shibuya gelaufen, da war vielleicht was los! Vor allem am Hachiko (ハチ公), der Hundestatute, die als Treffpunkt für so ziemlich jeden dient. Selber gesehen habe ich das Ding aber nicht. Ich finde mich an der berühmten Shibuya Scramle Kreuzung wieder, die schon in so manchem Film verwurschtelt wurde. Ganz schön was los da! Einfach nur krass (Video).

Finde den Weg zum Dojo fast wie von selbst. Ein Ort der Ruhe inmitten diesem Chaos. Das große Bosch-Gebäude nebenan wirkt fast wie Blasphemie. Der Dojo ist Teil eines buddhistischen Tempels, der klein aber fein ist. Gegenüber ist ein größerer Shinto-Schrein. Mir gefällt die Schlichtheit des kleinen Dojo-Tempels aber irgendwie besser. Hier werde ich also morgen Esaka-sensei treffen und versuchen trotz meiner Knieprobleme noch ein anständiges Training durchzuziehen. Ich bin ein klein wenig nervös...

Der Eingang zum Dojo.




Diese Affen kennt man :)
Mir fällt auf, dass es in der Stadt relativ wenig Insekten gibt, trotz der schwülfeuchten Hitze. Tauben auch nicht so viele, wahrscheinlich weil die Stadt generell so sauber ist. Es wird ja auch überall geputzt und gewienert, selbst metallene Poller werden poliert und Kaugummis vom Boden abgekratzt. Sauberkeit ist in Japan ein Teil der Ästhetik und das gefällt mir sehr.
Was mir nicht gefällt ist, dass ich immer noch keine Sonnenbrille habe! Ich muss dauernd die Augen zukneifen. Wenn das weiter so geht, seh ich später auch aus wie ein Japaner...
Eigentlich war ich abends mit Takehiro verabredet, aber da er sich nicht meldet, bleibe ich einfach im Hostel für den Abend. Die junge Crew macht in der Gemeinschaftsküche eine Hamburger-Party -> kostenlose Hamburger -> aber teures Bier. たかい! Ich unterhalte mich viel mit Elizabeth. Sie macht auch viel IT und arbeitet bei CERNER und viel mit Citrix und HP. Zufälle gibt es. Sie ist ganz perplex weil sie sich nicht hat träumen lassen in Japan zu sitzen und über Serveradministration zu quatschen. Sie ist nur leider der Inbegriff einer naiven, dümmlich wirkenden Amerikanerin, schon allein wegen ihrem Akzent (Kansas City). Der Grund für ihren Japan-Besuch: "the ticket was cheap." Oh Mann....ohne Worte...

Bild vom Khaosan Tokyo Samurai Flickr Stream

Bild vom Khaosan Tokyo Samurai Flickr Stream
 
Bild vom Khaosan Tokyo Samurai Flickr Stream

Hätte mich mal lieber mit den Japanern unterhalten, aber für die sind wir Ausländer wohl nur Geldmaschinen. Einer von ihnen spielt gut Gitarre und singt wie Louis Armstrong. Sein Akzent ist lustig wenn er Englisch singt. Eins der Mädels vom Hostel ist so süß, dass man vom Anblick schon zuckerkrank wird. Sie weiß, dass ich noch ne Woche bleibe. Ich frage ob sie mich etwas loswerden will und sie kichert so herrlich typisch japanische Frau.
Ich frage ein Päärchen woher es kommt und kriege als Antwort "Chilli". Ich bin etwas verwundert weil ich damit nichts anfangen kann und merke wie die anderen englischsprachigen Leute denken, dass ich wohl keine Allgemeinbildung habe. Dann dämmert es mir, sie meinten Chile! Wer ist eigentlich auf die Idee gekommen das Land auf Englisch wie ein scharfes Bohnengericht zu nennen?!? Am Ende unterhalten sich die Japaner nur noch untereinander und lassen sich richtig zu Hucke volllaufen. Irgendwie haue ich dann ab. Alles in allem ein schöner Abend.

Schlafe nur recht schlecht ein. Takehiro hat sich nicht gemeldet, auch nicht auf meine Mails und Anrufe. Er sagt, dass er extra gewartet hat und keine Nachrichten oder Anrufe bekommen hat. Ich glaube er lügt oder sein Handy ging nicht.