Monday, 10 May 2010

14. Tag (Last thoughts)

Anmerkung vom 16.12.2010: Eigentlich gibt es von diesem Tag keine Aufzeichnungen, aber irgendwie fehlt mir der richtige Abschluß und es sind noch ein paar Dinge ungesagt.



Es ist der letzte Tag. Heute fliege ich heim. Ich stehe sehr früh auf und verlasse das Hostel. Es sind wenig Menschen unterwegs an diesem Morgen. In Ueno setze ich mich in den Bummelzug in Richtung Narita Airport. Da es in Japan mehrere Bahngesellschaften gibt, die sich teilweise sogar die Gleise teilen (oder vielleicht auch nicht, ich weiß nicht), bin ich mal wieder verwirrt ob ich tatsächlich im richtigen Zug sitze. Zum Glück habe ich extra viel Zeit eingeplant und komme letztendlich entspannt am Flughafen an. Dort wird schon fleißig wieder alles geputzt und gewienert bevor die Menschenmassen ihr Minimum an Dreck hinterlassen.

Ich fühle mich seltsam entspannt. Ich freue mich auf zuhause und bin auch ein wenig traurig. Keiner verabschiedet mich außer all diese Gesichert, an die ich mich in den 2 Wochen so gewöhnt habe. Bald werde ich wieder mit Menschen aller couleur und Lautstärke in der Bahn sitzen und nicht mit der zurückhaltenden und uniformen japanischen Bevölkerung verschmelzen. Mir fällt ein sehr typisches japanischen Sprichwort ein, von dem mir Andrew erzählt hat:

出る杭は打たれる
(Deru kui wa utareru)

The stake/nail that sticks out, gets hammered down.

Wer aus dem Rahmen fällt, wird also wieder an seinen Platz befördert, ob er will oder nicht. Dieses Hämmern kann von vielen Menschen erfolgen, aber maßgeblich ist es wohl einfach die japanische Gesellschaft, die einen durch ihre Regeln und Traditionen nicht zu weit rausschwimmen lässt. Ich muss an Noe denken. Sie ist ein Nagel, der herausstechen will, aber auch sie muss sich oft den gesellschaftlichen Restriktionen beugen. Aber sie wird ihr Ding schon noch machen, da bin ich mir sicher.

Ich kann mich nicht großartig an den Flug erinnern, nur dass ich einen ziemlich interessanten Film mit dem coolen Komiker Ricky Gervais gesehen habe. Es ging um eine alternative Realität der Welt, in der die Menschen nie das Lügen entdeckt haben. Sie waren einfach nicht fähig dazu und dementsprechend hat sich die Gesellschaft entwickelt. Ein typischer Versager kann es aber auf einmal und krempelt damit nicht nur sein Leben, sondern auch die Gesellschaft um. Da ihm alle glauben, weil sie das Konzept, nicht mal das Wort der Lüge kannten, findet er sich am Ende als so etwas wie ein Heiland wieder, der die Konzepte von Gut und Böse und Himmel und Hölle sowie Gott (old man in the sky) gegen alle Widersprüche vor den Menschen verteidigt. Ein lustiger, aber auch sehr kritischer und zeitgemäßer Film über Religion und die Oberflächlichkeit der Welt. The Invention of Lying.

Es gibt viele Dinge, die noch bezüglich Japan in meinem Kopf schwirren und die ich noch nicht erwähnt habe oder einfach (nochmal) loswerden will. Hier ein Auszug davon:

  • In Tokyo steht man links auf der Rolltreppe und geht rechts. Außerhalb ist es wohl genau anders herum. Rechts ist es meist komplett frei gewesen, selbst zur Rush-Hour. Man stellt sich gerne an, auch wenn die Schlange dann den halben Bahnsteig lang geht.
  • In Bahnhöfen wird auf dem Boden, den Treppen und mit Schildern angezeigt wo man zu laufen hat. Wohl um den Ansturm der Menschen besser zu kanaliseren.
  • Auf dem Bahnsteig gibt es Wartelinien an denen man sich als Einsteiger anstellt. Die Aussteiger fächern sich dann auf und gehen links und rechts an den wartendenen Einsteigern vorbei. Bei uns ist es ja genau umgekehrt.
  • Auf den Bahnhöfen wird oft Vogelgezwitscher aus den Lautsprechern gespielt. Keine Ahnung warum. Vielleicht gegen die Vögel oder damit sich Kinder oder Sehbehinderte besser orientieren können.
  • Tokyo scheint mir fast durchgängig Blindengerecht ausgestattet zu sein, vor allem an den Bahnhöfen.
  • Ich habe fast keine schwangeren Frauen in den 2 Wochen gesehen. Vielleicht bleiben die eher zu Hause?
  • Die meiste Zeit musste ich Fahrrädern ausweichen, da ich die Markierungen für die Fahrradwege nicht gesehen habe und auch noch wie im Rechtsverkehr gedacht habe. Letztendlich wurde mir aber gesagt, dass sich eh keiner dran hält von den Fahrradfahrern.
  • Alte Frauen tragen oft überdimensionale Sonnenschutz-Caps und weiße Handschuhe.
  • Die Dichte der Getränkeautomaten ist großartig, man würde nie verdursten. Passend dazu gibt es auch überall saubere öffentliche Toiletten.
  • In Japan macht jeder Überstunden. Selbst wenn er nichts mehr zu tun und alle Arbeiten schon erledigt hat. Früher zu gehen heißt schlecht zu arbeiten, spät zu gehen bedeutet, dass man sich für den Job opfert und das wird auch stillschweigend verlangt.
  • Tankstellen sind ein lustiger Haufen von Servicemenschen, die jeden Autofahrer wie einen König begrüssen und auch wieder verabschieden. Es wird sogar der Verkehr geregelt wenn der Kunde wieder abfährt.
  • Es gibt scheinbar ne Menge Pachinko-Süchtige. Die warten schon am Laden bevor er aufmacht, um dann ganz früh ihrer Sucht zu fröhnen.
  • Ich kann das Alter von Japanern nicht einschätzen, weder Mann noch Frau. Ich sehe nur anhand der Kleidung in welchem Lebensabschnitt sie ungefähr sein könnten.
  • Taxis sind sehr teuer (hat man mir gesagt bzw. das habe ich gelesen). Die Türen für den Fahrgast können vom Fahrer automatisch geöffnet werden. Der Fahrer hat natürlich eine Uniform, weiße Handschuhe und die Polster sind mit weißen Spitzendeckchen belegt. Die Autos scheinen immer von der gleichen Type zu sein und wirken sehr alt.
  • Den Joe Hisaishi Soundtrack von Hana-bi (花火) zu hören während man durch Tokyo fährt, hat etwas bewegendes. Solch musikalische Anmut in all diesem Chaos. Ein inspirierender Gegensatz, der mir mehr als einmal Gänsehaut bereitet hat. Joe Hisaishi - Sea of Blue
  • Die Ärzte oder Beatsteaks zu hören hat einen anderen, nicht weniger interessanten Effekt.


Ich habe auf dem Flug nach New York einmal einen deutschen Haiku geschrieben.

Friedliche Stille.
Ein Meer der weichen Ruhe.
Über den Wolken.

Später wurde er mir von Mizuki ins Japanische transferiert und behielt weitesgehend seine Bedeutung. Ich habe ihn auswendig gelernt, um ihn Andrews Frau Chika-chan vorzutragen. Das war ihr Wunsch, aber leider habe ich sie nicht sehen können.

Als selbsterdachtes, fremd-weiterentwickeltes Gedicht, entstanden auf meinen beeindruckensten Reisen in die Welt, wird es nun für immer für meine Japan-Erfahrung stehen.

雲の上静寂の海永久つづく
(kumo no ue, seijaku no umi, towa tsuzuku)

Damit endet mein Japan-Blog von 2010. Es ist jedoch nichts abgeschlossen, es ist nur eine Etappe, ein Meilenstein erreicht. Von hier beginnt es erneut, um wieder erneut zu beginnen. In 2011 werde ich mich hoffentlich wieder in das Land der aufgehenden Sonne begeben.

また今度日本
Bis nächstes Mal, Japan.