Sunday, 1 May 2011

2. Tag (Iaido, Takoyaki und Bier)

Um 05:37 kriege ich einen Anruf von einer unbekannten Nummer, toll! Danach kann ich nicht wirklich weiterschlafen, Robin schnarcht auch wie ein Sägewerk. Ich habe leichte Kopfschmerzen vom gestrigen Bier. Heute ist Iaido-Training in Kitamatsudo (北松戸) und ich werde immer aufgeregter, vor allem weil ich den Weg noch nicht kenne.


Zum Frühstück gibt es Stulle (Sandwiches) aus Robins Rucksack und später Onigiri. Wir gucken etwas Japanisches TV in der putzigen kleinen Küche des Khaosan Samurai Hostels und ich bin nicht nur aufs Neue von den wunderhübschen Moderatorinnen, sondern auch von dem HD-Fernsehen an sich begeistert. Travel Salad heißt die Sendung gerade und es geht um, oh Wunder, das Reisen und die Eindrücke von anderen Ländern. Natürlich höchst Japanische Eindrücke.

Unser Hostelzimmer nach nur 2 Tagen!!
Meine mühsam über Google Maps und Wikipedia erstellte Wegbeschreibung zum Dojo in Kitamatsudo ist Schrott! Nicht aber Izumis Busplan, den sie mir freundlicherweise am Morgen noch zusammengestellt hat (nur mit der Dauer hat sie sich etwas verschätzt). Wir finden trotz Konfusion mit den Rapid, Local und Whatever Trains doch noch zum Ziel. Der Dojo liegt in einer großen Sportanlage mit allem was nur irgendwie dem Sport zuzuordnen ist. Samstag früh sind viele junge Japaner sportlich unterwegs, natürlich uniformiert und in Gruppen.



Ich freue mich Luke wiederzusehen und wir quatschen vor Beginn des Trainings etwas. Zufälligerweise ist sein Sensei, André Diamantenstein auch gerade in Japan (kommt aber zu spät zum Training). Luke erzählt mir von seiner Erdbebenerfahrung. Er war gerade in seiner Wohnung und es hat 2-3 Minuten so stark gebebt, dass er das Getränk, welches er zu dem Zeitpunkt in der Hand hielt, lieber ausgetrunken hat weil er es definitiv umgekippt wäre, hätte er es abgestellt. Er hat sich während der unsicheren Phase mit Fukushima kurzfristig nach Thailand abgesetzt, sagt er. Aber sein schlechtes Gewissen hat ihn eingeholt und er ist relativ schnell wieder zurückgekehrt. Robin ist die ganze Situation etwas zu viel und er verzieht sich nach draußen.

Die Begegnung mit Esaka-sensei und allen anderen wichtigen Leuten ist viel herzlicher als das letzte Mal. Obwohl ich wegen des Trainings aufgeregt bin, bin ich diesmal viel entspannter und auch mutiger. Ich spreche teilweise direkt mit dem Sensei und verstehe echt ne Menge. Man hat diesmal scheinbar größeres Interesse an meiner Person und meiner Kyu- bzw. Dan-Graduierung. Er herrscht große Verwirrung oder Unverständniss, dass ich nach knapp 6 Jahren Iaido erst den 1. Kyu habe. Esaka-sensei macht sogar Witze darüber während des Trainings! Ich schwöre ich hätte ihn etwas von San-dan sagen hören.

Das Beste ist jedoch, dass ich mit Esaka-senseis Iaito trainieren darf!! Es ist winzig! Ich habe Riesenbammel es zu beschädigen. Es ist so leicht, dass es nur so zischt wenn ich Kirioshi mache (der Schnitt von oben nach unten). Anfangs ist es wirklich schwierig sich auf den neuen Boden und das ungewohnte Schwert einzustellen aber nach einer Weile geht es ganz gut. Der Boden ist sowieo der Wahnsinn. Spiegelglatter, glänzender Holzparkettboden. Dabei trainieren wir nur im kleinsten Trainingsraum des Sportkomplexes. Die Halle, die normalerweise für das Iaido-Training genutzt wird, steht aufgrund der Erdbebenflüchtlingssituation nicht zur Verfügung.

Bei Tatehiza-Katas kann ich nicht wirklich mitmachen also schaue ich nur zu. Als Luke die normalen Seiza-Katas macht sehe ich wie gut er in den letzten 12 Monaten geworden ist. Ich werde während des Trainings von einem Sensei betreut, dessen Namen ist trotz höflicher-korrekter Nachfrage in Japanisch ruckzuck wieder vergessen habe. Er spricht sehr gutes, höfliches Englisch und hat eine ernste Natur. Er kümmert sich ausschließlich um mich und macht mich zusammen mit Esaka-Sensei auf viele Dinge aufmerksam, die ich mit Sicherheit schwer wieder ablegen kann, z.B. das Abspreizen des linken Ellbogens. Die Zeit vergeht wie im Fluge. Am Ende weiß ich wieder warum ich Iaido mache und auch warum ich weiter machen werde, egal wie und bei wem.


Nach dem Training fahren wir alle (jedoch ohne Esaka-sensei) in ein Caféhaus, in dem auch geraucht werden darf. Das scheint wohl ein Ritual von Kobara-sensei zu sein, der raucht ja Kette. Diesmal muss Robin mit, ob er will oder nicht. Wir sitzen also mit Luke, André-sensei, Kobara-sensei, Hinago-sensei und dem ernsten Sensei zusammen. André-sensei erzählt Geschichten und gibt Lebensweisheiten von sich, mit denen ich an sich kein Problem habe, jedoch ist seine Art sie vorzutragen etwas strange, leicht nervig und ziemlich theatralisch (er ist ja auch Schauspieler). Er versteht es definitiv sich ins rechte Licht zu rücken und kann die Leute gut unterhalten. Man merkt auch wie stolz er auf seinen Schüler Luke ist und ist vielleicht deswegen so beschwingt und guter Laune.

Der Kaffee wird in komischen gläsernen Geräten gebraut, habe ich noch nie gesehen. Es scheint Filterkaffee zu sein, aber irgendwie auch nicht. Robin und ich trinken lieber Eistee. Verstehe sowieso nich wie man nach so einem Training den Kreislauf noch mit Kaffee belasten kann. Wir hauen letztendlich früher rein, da ich ziemlich fertig aber auch superglücklich dank dieses Trainings bin.

Hinago-sensei, von dem mir Gerald schon im Vorfeld erzählt hat, ist ein lustiger Typ und drückt mir Esaka-senseis Iaito in die Hand, damit ich es am nächsten Tag wieder mit zum Training bringe. So krass, ich latsche mit dem Schwert des Senseis durch Tokyo!!?!!! Es hat sogar sein Mon (Familienwappen) als Menuki!! Ich fühle mich schon etwas special und trage das eingepackte Iaito nicht ohne einen gewissen Anteil Stolz. Am Bahnhof Kitamatsudo gehen Robin und ich erstmal etwas Leckeres essen, Ebifry-Supp mit Soba.


Nach der Dusche im Hostel geht es auf nach Shibuya (渋谷), Robin ins kalte Wasser schubsen. Wir fahren direkt zum Hachiko und ich bin überrascht wie viele Menschen hier unterwegs sind. Entgegen meinen Erwartungen ist auch fast jede Leuchtreklame angeschaltet! Luke was right, Tokyo is pretty much back to normal! Es ist 19 Uhr und sooooo viele Leute auf einem Haufen habe ich wirklich schon lange nicht mehr gesehen. Shibuya Scramble is scrambled! Robin ist unglaublich geflasht von den Massen und von der Menge an attraktiven (und crazy) Japanerinnen. Wo kommen die eigentlich alle auf einmal her?! Das waren doch letztes Jahr nicht so viele?! Wir filmen etwas und schießen Fotos.

Hachiko





Robin kann seine Freunde kaum unterdrücken, aber warum sollte er auch. Hier kommen, anders als im restlichen Tokyo, jetzt 3 Ausländer auf geschätzte 100 Japaner, also wesentlich mehr. Letztes Jahr waren es aber deutlich mehr. Ich setze mich kurz hin und schreibe etwas während Robin die geschäftige Atmosphäre aufsaugt. Ich bin über mich selbst erstaunt wie wenig mich das Ganze "mitnimmt" im Vergleich zu früher. Ich habe immer mehr das Gefühl nach Hause zurück gekommen zu sein...

Eingang zum Khaosan Annex Hostel
Zeit für die Takoyaki-Party, die als gekonnter Gaijin-Event im Khaosan Annex organisiert wurde. Leider kann Takako nicht kommen aber wir sehen neben Izumis crazy Mitbewohnerin auch Robert wieder. Ihn hatten wir zuvor in der Khaosan Bar getroffen und uns gut unterhalten. Anfang ist es Robin deutlich anzumerken, wie unangenehm ihm die Situation mit all den Leuten ist (der Aufenthaltsraum war brechend voll!). Nach 2 Bier und den leckeren Takoyaki ist das Eis aber gebrochen und er entspannter. Ich unterhalte mich einer zuckersüßen blonden Kanadierin, die etwa wie 16 aussieht aber 20 ist. Total unbedarft, naiv, aufgekratzt und mit nem richtigen Tool als Freund. Sie ist all giggly and excited! Großartige Unterhaltung, haha.
Als der Bierverkauf beendet wird schlägt Robert, der übrigens Lehrer in Japan ist und aus England kommt, in die Khaosan Bar zu gehen. Wegbier muss aber sein, daher holen wir uns welches im Konbini um die Ecke. Engländer und Deutsche vereint im Zweifel immer der gemeinsame Bierkonsum, herrlich.

In der Bar ist es genauso voll und die Stimmung gut. Ich bestelle ein Riesenbier (Samurai-Größe) und später Shochu. Eine hübsche Blondine wirft mir Blicke zu, ist aber mit einem Typen unterwegs, der eigentlich wie ihr Bruder aussieht...hoffentlich! Ich spreche aber erstmal Izumi hinter der Bar darauf an, dass Takako mir erzählt hat, dass sie (Izumi) mich auf Facebook gestalkt hat. Shit, es stellt sich heraus, dass das Midori war! Midori arbeit auch im Hostel und ich kenne sie vom letzten Jahr. Sie ist absolut unauffällig, extrem schüchtern, macht fast nur die Nachtschicht und ein richtiger Freak, jedoch begnadet in Origami. Naja, ich verdränge das und knüpfe lieber Kontakt zu Marije aus Holland (die Blonde mit den verstohlenen Blicken). Ob des Alkohols gehe ich dabei deutlich offensiver vor als sonst ("Hi, I am Michael, what's your name?") Lustigerweise ist die kleine Kanadierin auch da und bereits so dicht, dass sie wahrscheinlich von jedem Honk hätte aufgerissen werden können. Aber ihr genervter Freund erkennt die Lage und entzieht sie lieber dem Haifischbecken "Bar" und sie geht natürlich brav mit. Ich beneide und bemitleide ihn zugleich. Entweder hat er nämlich jetzt die geilste Nacht seines Lebens oder die schlimmste (wenn sie ihn nämlich vollkotzt so knülle wie die war). Marije und ich quatschen und flirten viel und gehen auch mit den anderen nach Asakusa in eine andere Bar als die Khaosan Bar schließt. Zum Glück haben wir ein paar Japaner dabei sonst wäre es ein Ding der Unmöglichkeit gewesen noch eine Horde von angetrunkenen Gaijins unterzukriegen. Die Bar sieht relativ merkwürdig aus, ist aber gemütlich. Die Karte ist auf Pappkarton geschrieben, höchst originell?!


Auf dem Klo hängt ein Plakat der WM 2006 in Berlin, toll! Es ist auch deutsches Graffiti an der Wand, ich bin aber schon so dicht, dass ich es gleich wieder vergesse. Robert haben wir übrigens irgendwo verloren...


Nach ein paar Bier...nur ein paar...
Als auch diese Bar zumacht, gehe ich aufs Ganze und sage Marije, dass ich gerne Zeit mit ihr alleine verbingen möchte. Läuft! Robin bringen wir vorher noch in unser Hostel und ich begleite Marije noch in ihrs. 30 Minuten Fußweg, WTF??!!!?! Ich dachte sie übertreibt einfach damenhaft. Auf dem Weg dahin kommt es dann zum ziemlich romantischen Kuss mitten auf der Strasse, nachts um 4 oder 5 Uhr. Ganz schön verrückt, fast wie bei Lost in Translation. Im Hostel ist ihr Bruder auch schon da, hängt aber an den Lippen einer Asiatin. Eigentlich ist mein Aufenthalt in einem fremden Hostel, selbst wenn es zur gleichen Gruppe gehört, höchst illegal. Alle Gäste werden gewarnt, dass "Outsiders" nicht erlaubt sind und eine heftige Geldstrafe nach sich ziehen. Dessen ungeachtet suchen Marije und ich verzweifelt nach einem ruhigen Plätzchen. Im Eingangsbereich knutschen wir wie Teenager und ich bemerke ein wenig spät, dass die ganze Zeit eine Kamera auf uns gerichtet ist...ooops. Also weiter gesucht...

Happy und ein wenig schmutzig gehe ich gegen 6 Uhr nach Hause, es ist bereits taghell. Um 13 Uhr ist wieder Iaido-Training in Kitamatsudo, das bedeutet gerade mal 4 Stunden Schlaf!!!

Aber das war es echt wert :)