Wednesday, 11 May 2011

12. Tag (Regen, Regen und Geldprobleme)

Es regnet wieder in Kyoto, aber so richtig. Es ist ein konstanter Fluß von Wasser, der in Deutschland sicherlich bereits zu Hochwasser geführt hätte, aber in in Kyoto scheint man das Wasser besser ableiten zu können. Das Abwassersystem muss ja ein reißender Strom sein, so viel wie da reinfließt.
Das Geld ist immer noch nicht auf meinem Kreditkartenkonto angekommen, das nervt alles sehr! Der Cleaning Staff im Khaosan Kyoto Hostel ist ständig am kochen, essen, schlafen, DVD gucken und Wii zocken, zusammengefasst: sie okkupieren den Gemeinschaftsraum. Nicht nur ich, sondern auch die anderen Gaijin kommen sich mittlerweile als Störenfriede vor. Nur der reguläre Hostel Staff und eine kleine Koreanerin namens Suji sind echt nett. Trotzdem kein Vergleich zum Hostel in Tokyo.

Robin und ich fahren mit dem Bus zum Kinkaku-ji Tempel (金閣寺) mit dem goldenen Pavillion. Mich nervt es, dass ich alles organisieren muss, ich kann mich nicht mal auf mein Japanisch konzentrieren, ständig muss ich den Weg bestimmen und aufpassen wie was geht. Busfahren in Kyoto ist z.B. schon wieder anders als Bahnfahren, man bezahlt am Ende, meist 220 円 und nicht am Anfang. Dann noch dieser permanenten Mistregen. Meine Laune ist wirklich mies aber als Robin danach fragt, blase ich erstmal Dampf ab und danach geht es mir schon besser.

Im Regen zum Tempel zu fahren war es auf jeden Fall wert. Eine zauberhafte Atmosphäre, sehr friedlich und die Gärten sind einfach wunderschön. Es gibt ansonsten nicht viel zu sagen, man muss es einfach selber sehen. Der goldene Pavillion an sich ist meiner Meinung nach überbewertet, aber das Drumherum ist mehr als lohnenswert.




Bei uns gibt es Wunschbrunnen, in Japan gibt es Wunschsteine.
Robin und ich latschen schweigsam mit unseren Regenschirmen zum nächsten Tempel, dem Ryoan-ji (竜安寺), wo der berühmte Zen-Steingarten steht. Das Haus und derSteingarten sind sehr schön und wir lassen uns Zeit die Bedeutung für uns selber zu erkunden. Eine gewisse Erfurcht ist unter den Besuchern zu erkennen, es wird sich nicht lautstark unterhalten und man betrachtet mehr oder weniger in sich gekehrt den Garten. Ich selbst sehe nur ein schönes "Kunstwerk". Kein tiefsinniges Objekt der Wahrheitsfindung, kein monumentales Heiligtum. Es ist einfach nur ein Werk, welches die Schönheit der Dinge in sich aufnimmt und dem Betrachter präsentiert. Es vermittelt Ruhe und einen Fluß und lässt sicherlich jede Menge Interpretationen zu. Sowas hätten wir mal im Kunstunterricht in der Schule besprechen sollen, hah.


Viel mehr beeindruckt hat mich der Stein (Tsukubai, 蹲踞) mit den 4 Kanji, die in Verbindung mit einem anderen Kanji (Kuchi, 口), welches in der Mitte zu finden ist, folgendermassen gelesen werden können: 吾, 唯, 足, 知 (ware, tada, taru, shiru oder auf Englisch I, only, plenty, know). Diese Worte kann man vielfältig auslegen, hier ein paar Beispiele:

  • What one has is all one needs
  • I am content with what I have
  • I alone know I am content with things
  • If you learn to be content, you are rich in spirit
  • I learn only to be contented
  • He who learns only to be contented is spiritually rich
  • All I know in life is to be contented, to be grateful
  • I know only satisfaction

Was es für mich bedeutet bleibt mein Geheimnis.

Image from Wikipedia, licensed unter Creative Commons.
Zur Erinnerung kaufe ich mir einen Anhänger für meine Schwerttasche. Endlich ein Andenken mit Bedeutung! Es passt auch gut zum Iaido, denn hier lernt man und lernt man, nur am Ende zu wissen, dass die Ruhe und Fortschritt nicht im Wissen, sondern im Akzeptieren des Nichtwissens der Sache liegt. Zen ist schon ne coole Sache.

Als wir gegen 5 zurück im Hostel sind lese ich eine Mail von Sae und Eli, dass wir uns um 6 Uhr treffen sollen. Na super, schon wieder Stress. Wir sind noch nicht mal fertig mit allem und haben noch keine Pause gemacht.Wir haben nicht mal Geld!!! Es sind nur noch 1000円 übrig!!

Anmerkung vom 08.01.2012: Der Rest dieses Tages war so nervig, dass ich in damals nicht mal aufschreiben wollte. Der Rest ist also das Ergebnis meiner staubigen und verdrängten Erinnerungen.

Wir schieben die Zeit etwas nach hinten raus und hoffen, dass ich bis dahin wieder Geld aus dem Automaten ziehen kann. Ich warne sie aber sicherheitshalber vor, dass wir gerade blank sind. Wir sind trotz Hektik pünktlich am verabredeten Treffpunkt in einem Einkaufszentrum. Keine Spur von den Mädels. Ich bin genervt. Ich versuche sie nach einer Wartezeit von ca. 10 Minunten direkt anzurufen, aber sie geht nicht ran. Ich bin noch mehr genervt. Wir warten weitere 20 Minuten, suchen die nähere Umgebung ab, ich rufe ab und an, trotzdem kein Lebenszeichen. Ich bin wirklich angepisst. Auf einmal sehen wir sie, gemütlich schlendernd beim bummeln im Einkaufszentrum. Sie sind nicht mal auf der Suche nach uns. Als sie uns sehen, bleibe ich demonstrativ und offensichtlich genervt sitzen. Auf den kleinen Wortwechsel antworte ich etwas in Japanisch, im Sinne von "jetzt ist es auch egal" und Sae findet genau diese Formulierung ist im Japanischen eher wie "ach leck mich am Arsch". Ich widerspreche ihr nicht. Ich kläre noch mal ganz deutlich, dass wir Null Kohle haben und für ein gemeinsames Essen auf ihre finanzielle Unterstützung angewiesen wären. Natürlich besinne ich mich irgendwann meiner Manieren und entschuldige mich auch für mein gestresstes Selbst. Heute ist einfach nicht mein Tag und es ist natürlich nicht ihre Schuld.

Robin übernimmt beim Gang zum Restaurant Sae und ich quatsche mit Eli. Bei ihr tut es mir besonders leid, dass sie mich von meiner schlechtesten, genervten Seite kennenlernt. Die Unterhaltungen sind den Umständen entsprechend recht angenehm. Zumindest beim Essen geht es mir schon sichtlich besser. Besonders lustig finde ich, dass Suji aus dem Hostel als Bedienung im Restaurant arbeitet und uns wiedererkennt. Das Essen ist auch lecker, wenn ich nur wüsste wie der Name von dem Zeug war. Irgendwas Fritiertes mit einer leckeren Soße. Naja, hiermit enden meine Erinnerungen an den Tag auch. Wir drücken den beiden noch unsere restlichen 1000 Yen in die Hand, ich entschuldige mich noch mal förmlich und unsere Verabschiedung fällt sehr merkwürdig (awkward) aus. Vielleicht lag es an der Umarmung in aller Öffentlichkeit oder an meiner Laune, auf jeden Fall hab ich das Gefühl, dass wir die Beiden nicht so schnell wiedersehen. Schade um Eli, weniger schade um Sae.

Achja, es regnet übrigens immer noch...