Saturday, 14 May 2011

15. Tag (Der letzte Tag, das letzte Training, das letzte Bier)

Letzter Tag in Japan vor der Abreise = letztes Training. Außerdem: Shoppingtag!

Es geht früh los zum Budo-Shop Sakuraya in Chiyoda. Ich sage brav, dass ich vom Esaka-Dojo komme, aber meine Grammatik ist furchtbar. Die ältere Dame im Laden denkt natürlich erst, ich will ein Iaito kaufen, aber ich weiß ja genau was ich eigentlich will. Sie holt sicherheitshalber lieber doch einen jüngeren Japaner (im Anzug?!), der mir in Englisch weiterhilft. Ich gehe mit einer Schwerttasche aus Brokat, einem Seiden-Sageo und ner Jacke für Gunnar aus dem Laden, natürlich mit 10% Esaka-Dojo Rabatt. Feiner Laden, nette Leute.


In Asakusa shoppen wir weiter. Hauptsächlich Mitbringsel für Zuhause. Gleich am Metro-Ausgang finde ich (endlich) eine schöne Kette fürs Armgelenk für mich. Schon dezent aus Holz, echt schick. Hätte gleich mehrere kaufen sollen. Jetzt seh ich fast aus wie ein Buddhist, haha.
Nach und nach finden wir unsere Geschenke. Robin findet sogar eine pornöse Brieftasche. Asakusa ist und bleibt einfach einer meiner Lieblingsorte in Tokyo, trotz all der Touristen.

Wir gehen spontan Sushi essen, Kaiten-Sushi sogar. Das erste Mal in Japan überhaupt, dass ich Sushi esse glaube ich. Ich zahle für 5 Teller feinstem Fisch nur 670円 !!! Unglaublich eigentlich, hammergünstig! Ich zeige allen noch mal kurz, dass ich ein trotteliger Gaijin bin als ich vor Panik jemanden rufen will als es plötzlich Stau auf dem Laufband gibt. Ich dachte gleich fliegen alle Teller runter, aber falsch gedacht, das war alles Absicht, um neue Teller raufzustellen. Peinlich, peinlich...

Im Hostel begrüßt uns eine kranke, aber wie immer liebreizende Izumi. Manchmal weiß ich echt nicht ob sie flirtet, uns entertainen will oder wirklich einfach nur so superlieb und nett ist.

Ich breche recht früh zum Training auf und lasse Robin alleine im Hostel zurück. An der Ueno-Keisei-Line Station will ich Tickets für den Zug zum Flughafen für den nächsten Tag kaufen und platze in eine Art spontane Schwarzmarktaktion. Irgendein Ausländer hat zuviele Tickets gekauft und will sie wieder loswerden, aber ich reagiere zu spät und kriege nur die Hälfte ab. Letztendlich habe ich überhaupt keinen Vorteil davon, aber es war eine lustige Situation. Drei wildfremde Ausländer, die in Tokyo auf einer Station Tickets untereinander verscherbeln.

Ich fahre ganz nostalgisch mit der Yamanote-Line und setze mich in Shibuya am Hachiko erstmal etwas hin und schreibe Tagebuch. Ich habe noch Stunden Zeit, aber wo kann man besser 2 Wochen Japan ausklingen lassen als am Hachiko? Ich sehe wieder Tausende schöner Frauen, lustige Typen und viele Gaijin. Ich würde mich jetzt auch gerne mit Freunden treffen und ins Wochenende starten, so wie alle anderen auch. Ich werde etwas wehmütig weil all das bald wieder weit weg sein wird.

Den Weg zum Dojo finde ich diesmal ohne Probleme, ich weiß ja jetzt, dass die Stadtkarten an der Straße fast nie genordet sind. Unterwegs sehe ich bereits einen Iaidoka (Erkennungszeichen: schwarze Schwerttasche). Hah, das der Typ der letztes Mal so komisch locker trainiert hat und mir total unsympatisch war! Zufälle gibt's...
Aber diesmal liegen die Dinge ganz anders, ich bin anders. Er stellt sich als sehr nett und hilfsbereit heraus und spricht sogar gutes Englisch. Da wir beide zu früh dran sind, schauen wir uns das merkwürdige Training oder die Probe an, die gerade im Dojo stattfindet. Es scheint eine Sicherheitsfirma zu sein, die ihren Angestellten Disziplin einbläuen will. Das geht so: strammstehen, laut brüllen, verbeugen, immer und immer wieder. Der Chef oder auch Vorbrüller ist hammermäßig autoritär. Das Ganze nimmt fast militärische Züge an. Mir scheint, dass wer am lautesten antworten bzw. zurück brüllen kann weiter in der Rangordnung steigt. Die zwei Frauen in der Truppe scheinen nur genervt zu sein und machen nur halbherzig mit. Motivationstraining mit und durch Brüllen, ganz doll.

So sieht ein richtiger Dojo aus!

Tachigawa-san, so der Name des bereits erwähnten Iaidokas, macht mit mir alleine Ashisabaki (Fußtraining) und wirkt überrascht, dass ich die Lektionen und Übungen bereits kenne. Ich fühle mich irgendwie glücklich, Teil der Iaido-Gemeinschaft zu sein. Als der bzw. die Senseis kommen, wird es plötzlich hektisch weil ich ja gar kein Schwert habe. Ich dachte Yokosawa-sans Schwert nehmen zu können, so wie letztes Jahr, aber das war ein Irrtum. Ich bekomme einfach irgendein anderes (leider noch kleiner als letztes Mal). Diesmal werde ich nicht direkt trainiert, aber ab und an kommt Nashima-sensei, der mich auch gleich wieder erkannt hat, und Esaka-sensei vorbei und korrigieren mich.

Die Atmosphäre im Dojo diesmal ganz anders, es wird wirklich ernsthaft trainiert, trotz kleinerer Unterhaltungen am Rande. Das war letztes Jahr noch ganz anders, da hat jeder so ein bisschen hier und ein bisschen da trainiert. Jetzt kann man die Konzentration spüren und deutlich sehen. Ein junger Japaner wird von Esaka-sensei durchgehend im Befehlston angemacht, fast schön wütend angefahren. Er scheint ihn fördern zu wollen oder ist unzufrieden mit seiner Leistung. Bei mir ist der Sensei aber immer freundlich. Der andere Typ tut mir fast schon leid, denn sein Iai ist 100x besser als meins!

Ich kriege endlich raus, wer mich letztes Jahr trainiert hat. Es war Matsumoto-sensei! Diesmal aber bleibt er mir fern. Ein Typ kommt erst ca. 20 Minuten vor Ende des Trainings und darf zur Belohnung/Bestrafung die gemeinsamen Abschlußkatas und die Abgrüßung machen. Er macht viele Fehler und deswegen werden wir alle am Ende darauf hingewiesen gefälligst die Kommandos und Abläufe zu verinnerlichen, so dass wir sie ggf. auch selber ansagen können. Das Training war gut, ich habe Dinge an denen ich arbeiten kann und mitnehmen werde. Ich bin wegen des geplanten Interviews etwas aufgeregt. Brian erinnert sich an mich und wird übersetzen, da er perfekt Englisch und Japanisch spricht. Er wurde übrigens beim Taikai (Wettbewerb) von der kräftigen Nadine (aus Regensburg) besiegt. Er hat schon den 1. oder 2. Dan und sie musste ohne japanische Dan-Gradierung wohl gegen ihn antreten. Haha, voll unfair sowas, sie macht ja Iaido schon wesentlich länger.

Es geht wieder gemeinschaftlich in die Stamm-Izakaya und ich lege mit dem Interview los. Großartige Sache das, mal schauen was ich damit machen kann. Das Interview ist weniger journalistisch interessant als der Prozess an sich. Die Ansichten und Meinungen des Senseis sind immer wieder interessant. Nach dem Interview lässt sich der Sensei über die Freundschaft und Qualität des deutschen Iai aus.Er vertraut Gerald und Raymond als Lehrer und insbesondere an Gerald erinnert er sich in verschiedenen Geschichten. Ich erfahre viel über die deutsche Iai-Geschichte. Ich erzähle nochmals was ich vom verstorbenen Ishihara-Sensei gesagt bekommen habe und diesmal kommt es wohl bei Esaka-sensei an. Er ist sichtlich beeindruckt und sogar berührt, dass ich mich an solche Worte erinnern kann und sie auch weiter beherzige. Hmm, vielleicht wird es jetzt mal an mich erinnern wenn wir uns in Deutschland wieder sehen. Schön wäre es ja. Esaka-sensei ist übrigens auch Widder, so wie ich :)

Leider wechseln wir das Thema nich wirklich, es geht immer wieder darum wie toll wir Deutschen doch sind, wie loyal (wobei ich dazu sogar einiges erläutere) und wie ähnlich wir den Japanern doch sind in dieser Hinsicht. Eine gute Verbindung, fruchtbar und beständig, so drückt sich der Sensei aus und ich kann ihm natürlich nur Recht geben.
Es ist mir aber irgendwann peinlich, dass wir immer noch bei dem Thema sind. Das Ganze ist einfach zu idealisiert und entspricht nicht unbedingt den Tatsachen. Luke sieht auch schon etwas abgenervt aus.

Um 22 Uhr ist hektischer Aufbruch und ich gebe Luke mein letztes omiyage (er sagt ich habe ihm letztes Jahr auch schon eins gegeben, häh echt?!). Der Abschied vom Sensei ist herzlich und ich bin happy wegen des Gesprächs und der verschiedenen Erkenntnisse. Zusammen mit Brian fahre ich mit der Ginza-Line zurück und relativiere ein paar Details über das deutsche Iai. Ich finde er sollte ruhig das ganze Bild sehen. Er tut das Gleiche über die aktuellen Entwicklungen in der Iaido-Organisation, was mehr als interessant ist. Er gibt mir sogar seine Visitenkarten und ich habe natürlich keine eigene dabei, super. Super netter Typ der Brian.

Im Hostel angekommen ist Robin schon beim dritten Bier. Ich dusche schnell und wir düsen ab in Richtung Khaosan-Bar. Sie ist rappelvoll, sogar mit Japanern. Keine Izumi, aber John ist wieder da, so wie ein Japaner mit amerikanischem Akzent (Nao?) und eine ziemlich angetütete Taiwanesin namens Jennifer. Sie ist laut und lustig, aber auch anstrengend to talk to. Ich zische schnell ein paar Bier und schon ist auch schon die last order angesagt. Nao kriegt vom Barkeeper gesteckt, dass ich Japanisch verstehe, wohl als kleine Vorsichtsmaßnahme, haha. Weil wir noch nicht ins Bett wollen, folgen wir John gefühlte 6km in eine Bar in Asakusa, die treffenderweise Samurai heißt. Sie ist zu 90% mit Gaijin besetzt und John kennt den einen oder anderen. Ganz besonders wäre hier ein Paar zu erwähnen. Er Franzose, sie Japanerin. Beide sind so um die 40 und dem Alkohol scheinbar gut zugetan. Der Franzose ist der absolute Oberknaller und erzählt uns hackestramm die dreckigsten und lustigsten Japanstories, egal ob die Alte zuhört oder nicht. Viele Storys handeln von Escortdamen in den Clubs in Shinjuku und auch eine Massage-Story ist dabei. Meistens hat er sich in prikäre Situation gebracht und sollte abgezockt werden, was ihm natürlich nicht so gefallen hat. So wie der Typ sich dann aber verhalten hat, kann er von Glück sagen, dass er noch am Leben ist. So ein wilder Franzose ist wohl schwer zu bremsen für den Durschnitts-Yakuza. Er ist jedenfalls immer heile davon gekommen, hat nach seiner wilden Zeit eine Japanerin geheiratet und hängt jetzt mit ihr in Gaijin-Bars ab. Leute trifft man hier nachts um 3, schon der Hammer.

Der letzte Abend in Tokyo endet genau wie der erste. Bierselig und mit einem großen Grinsen im Gesicht.

バイバイ東京。また来年 ^_^





P.S. Kleine Story noch vom darauffolgenden Heimreisetag, der vollkommen unspektakulär verlief, bis eben auf die folgende Begegnung:

Robin und ich fahren mit dem Bummelzug Richtung Flughafen und irgendwann steigt eine attraktive gebräunte und luftig gekleidete Asiatin ein. Sie setzt sich direkt neben mich und ich bin sofort vollkommen weg von ihrem Geruch. Man sagt ja, dass sich Menschen gut riechen können, aber ihr Duft ist einfach der Wahnsinn. Ich kann ihn nicht beschreiben, aber ich merke, dass wir uns irgendwie sofort sympatisch sind, wenn nicht sogar voneinander angezogen fühlen. Es dauert daher auch gar nicht lange, dass sie mich anspricht und fragt ob der Zug auch wirklich zum Flughafen fährt. Daraus entwickelt sich ein Gespräch, das durchaus angenehm ist. Sie wirkt sehr intelligent und hat das gewisse Etwas. Soweit alles ganz normal (abgesehen davon, dass ich ja leider gerade wegfliege und sie jemanden abholt). Das Ungewöhnliche an ihr sind aber ihre Arme. Sie ist aber offenbar eine Ritzerin, Borderline-Syndrom oder so. Ihre Unterarme sind komplett zerschnitten, von oben bis unten. Sie versteckt das nicht mal, sie trägt ein kurzes T-Shirt und zeigt ihre Narben, die sie mit Sicherheit nicht aus ästhetischen Gründen hat. Da sie aus Indonesien kommt und eine etwas dunklere Hautfarbe hat, sieht man die Narben umso deutlicher. Und wie das immer so ist, ist sie gerade wegen dieses offensichtlichen Problems (und des Geruchs natürlich) irgendwie total faszinierend. Ich suche mir auch immer nur die Problemkinder, nee nee nee.Ich werde solche Begegnungen in Japan wirklich vermissen.