Monday, 2 May 2011

3. Tag (Iaido mit Kater und Shinjuku)

Oh Mann, ich hab nen Kopf und meine Knie tun etwas weh von gestern nacht. Verdammt, aber ich muss los! Es bleibt gerade noch Zeit für eine Tasse Tee (gratis im Hostel, aber nur schwarz), eine Aspirin und japanisches Frühstücksfernsehen.

Ich verfranse mich wieder irgendwo mit dem Zug auf dem Weg nach Kitamatsudo und werde panisch weil ich zu spät dran bin. Ich muss ja auch noch auf den Bus warten! Am Bahnhof angekommen nehme ich daher mutig zum allerersten Mal in Japan ein Taxi und zahle gerade mal 710 Yen (die in Berlin verhasste Kurzstrecke ist hier also auch bei parkenden Taxis möglich, haha). Nach dem Aussteigen schmettere ich die Taxitür krachend zu obwohl sie eigentlich automatisch schließt wie mir hinterher einfällt. Typisch Gaijin halt...

Ich bin rechtzeitig da und auch nur leicht abgehetzt. Das Training ist heute superhart, da meine Beine einfach im Arsch sind. Nicht unbedingt die Knie, aber die auch. Es gibt jedoch auch zu Beginn Grund zur Freude, denn ich bekomme vom Sensei ein Geschenk! Es ist ein Tenugui, ein japanisches (Hand)tuch mit den Kanji JO-HA-KYU (序破急), plus eigens vom ihm geschrieben Erklärung auf einem DIN A4 Blatt (nein Moment, die haben doch Letter, oder?!). Es ist von einem Taikai aus dem letzten Jahr wie es scheint. Ich freue mich unheimlich!


JO-HA-KYU 序破急 (copyright)

Nur leider zieht das harte Training bzw. meine körperlichen Nachwirkungen der Alkoholnacht meine Stimmung krass runter. Ich werde gleich von zwei Senseis unterrichter, einer davon ist zu mir weniger freundlich, zu André-sensei aber schon (der übrigens wieder zu spät kommt). Der andere Sensei erklärt mir sämtliche Grundlagen beim Sitzen, Ziehen des Schwertes, Noto, alles was ich schon Milionenmal gehört habe, aber scheinbar immer noch nicht beherrsche. Ich setze zumindest alles sofort um und ernte als Dank viel zustimmendes そうそうそう. Am Ende klappe ich beinahe zusammen, rette mich aber mit etwas Zugucken gegen Trainingsende.
Danach zeigt mir Esaka-sensei noch mal sein Iaito, mit dem ich gestern und heute trainiert habe. Er hat es bis vor kurzem noch selber benutzt, sagt er. Ich versuche Luke dazu zu bewegen dem Sensei zu sagen, dass ich hoffe durch das Training mit seinem Schwert jetzt etwas besser Iai zu können aber Luke unterbricht den Sensei natürlich nicht. Zack und schon hat der Sensei den selben Joke gerissen :) Er vergisst, dass ich eigentlich am übernächsten Freitag wiederkomme und trägt mir jetzt schon Grüße für Berlin auf.

Der ältere, weißhaarige Sensei, der mir vorher schon den 3. Dan beim richtigen Ziehen in Aussicht gestellt hat, denkt dass ich Michel heiße und wundert sich über meinen vermeintlich weiblichen Vornamen.  ミカエル (Mikaeru) kennt er aber und meint "very Christian name". Da hat er wohl recht, christlicher geht's kaum.

Gott, ich bin so fertig...ich penne im Zug sofort ein und zucke peinlich im Schlaf. Im Hostel angekommen schmeisse ich mich gleich wieder ins Bett und penne ne Runde.

Gegen 20 Uhr fahren Robin und ich nach Shinjuku, um bei Ichiran ラメン (Ramen) zu essen. Hmm, Shinjuki ist mehr Rotlichtviertel als ich es in Erinnerung hatte. Überall stehen zwielichte Typen, die versuchen die Leute in ihre Bars und Clubs zu bekommen. Richtige Rudelbildung, teilweise wirken sie sogar etwas bedrohlich in ihren stylischen Anzügen und den noch stylischen Anzügen. An ihnen haftet der Hauch von Illegalität. Dazu kommen noch die Schwarzen in Shinjuku, die uns wirklich ALLE anquatschen und einfach nicht locker lassen wollen. Nicht nur, dass sie uns hinterher laufen und weiter vollquatschen, einer von ihnen zerrt sogar an mir als wir an seiner Spelunke vorbei laufen. Da werde ich langsam ungemütlich und sage ihm einermaßen höflich, dass er Leine ziehen soll und seine Zeit verschwendet. Voll krass die Typen hier! Die Spanne der Anmachen geht von "do you want to have a good time?" bis "do you want to fuck Japanese girls?". Leute, ich will doch nur Ramen essen!!


Als ich dann einen der weniger bedrohlich wirkenden aber nicht weniger stylischen Japaner frage ob er Ichiran Ramen kennt und ihm sogar die Karte vom letzten Jahr zeige, tut der so als ob er kein Japanisch versteht und dreht sich einfach um. Da kommt mir glatt ein gepflegtes deutsches "Arschloch" über die Lippen bei so viel Unfreundlichkeit. Es nützt aber nichts, wir finden Ichiran einfach nicht und das ärgert mich. Ich bin total verloren in Shinjuku, wer hätte das gedacht. Mizuki anrufen kommt wohl dieses Jahr nicht mehr in Frage, hehe.

Aus Frust gehen wir wieder in ein Automatenrestaurant  und welch Ironie, es ist wieder mal Matsuya! (arrgggh). Immerhin weckt das Burger-Ei-Gericht wieder schöne Erinnerungen und Robins Essen ist wohl auch ein wahres Gewürzwunder.


Uns gegenüber setzen sich zwei Typen von denen einer ganz besonders faszinierend ist. Es sind Anquatscher von draussen in ihren schicken Anzügen, aber der eine ist ganz speziell. Abgesehen davon, dass er ziemlich viel getrunken hat, schreit alles an ihm "Yakuza trainee". Seine Fingerknöchel sind tättoowiert, genauso wie seine Brust (offenes Hemd). An ihm hängt diverser Silberschmuck, ob an der Hand, in den Ohren oder als dicke Kette um den Hals. Seine Gesten, seine Mimik, ja sogar seine Sprache sagt mir deutlich: don't mess with me. Der allererste Japaner, der mich einschüchtert. Trotzdem kann ich meine Augen nicht von ihm lassen und Robin geht es genauso. Ich hoffe unsere Gaijin-Power steht uns bei! Von irgendwem habe ich mal die Story gehört, dass er sich genau in so einem Futterladen ganz locker mit einem Yakuza unterhalten hat. Denn der Yakuza lebt in seiner Welt und der Tourist in seiner, da gibt es eigentlich keine Probleme. Ob nun Yakuzalehrling oder simpler Kleinkrimineller, ich spare mir einfach die Kontaktaufnahme und widme mich lieber dem Essen.

Am Ende sind wir beide froh diesem Sündenpfuhl wieder entkommen zu sein. Man merkt, dass einfach keine Ausländer in der Stadt sind, da fürchtet das Rotlichtmillieu wohl um seine Einnahmen und stürzt sich auf jeden potentiellen Kunden. Nein danke, ich passe.

Diese Nacht schlafe ich wie ein Stein, einfach weil Robin schlecht pennt und deswegen nicht schnarcht.