Tuesday, 3 May 2011

4. Tag (Girl's Generation, Ueno Park und Akihabara)

Ich schreibe das hier gegen 4 Uhr morgens am 5. Tag weil ich einfach überhaupt nicht schlafen konnte. Robin sägt Wälder ab und ich mein Oropax hilft nicht mehr, da das ganze Stockbett vibriert. Ich sitze daher in der Küche, habe damit einen betrunkenen Japaner verscheucht und schaue japanische Musikvideos, die komischerweise nur ca. 30 Sekunden angespielt werden und nach roundabout 100 Videos geht's wieder von vorne los. Die meisten J-Pop Girlbands sehen alle schwer illegal aus für europäische Verhältnisse. Aber verdammt, sind die süß!

Ein Video fällt mir ganz besonders auf, ich habe es schon vorher in Shibuya auf einer großen Werbetafel gesehen, der Refrain ist Englisch und die Musik ist nicht ganz so kitschig sondern richtig gut produziert. Und die Frauen erst!?! 9 Stück an der Zahl, eine umwerfender als die andere. Es ist SNSD (소녀시대, So Nyuh Shi Dae) bzw. Girls' Generation bzw. Shōjo Jidai (少女時代). Eigentlich eine bereits langjährig erfolgreiche Popgruppe aus Korea, hat sie mittlerweile auch in japanischer Sprache die Insel erobert.


Die Realität holt mich jedoch wieder ein. Der Tag beginnt, es ist Montag und das Frühstücks TV wirkt jetzt anders als am Wochenende. Ich sehe zum ersten Mal Berichte über den Tsunami und Fukushima. Ein Japaner aus einer betroffenen Hafenstadt wird über mehrere Wochen von einem Kamerateam begleitet. Sie zeigen ihn beim Bau einer Behelfsküche, Räumungsarbeiten, Gespräche mit Stadtbewohnern, bei all den Dingen, die aus normalen Menschen Helden und Verlorene gleichermaßen machten. Meine Stimmung sinkt mit jeder Minute, mit jedem neuen Bild der Verzweiflung und Zerstörung und erreicht ihren Tiefpunkt als sie zeigen wie ein beschädigtes Familienhaus in dieser beinahe vollständig zerstörten Stadt abgerissen werden muss, während die Mutter weinend davor steht. Als auch das Kleinkind auf ihrem Arm zu heulen anfängt, weil es merkt, dass hier sein Zuhause zerstört wird, gebe ich die Fernbedienung lieber an die Amis im Raum und versuche mich wieder zu fassen. Es ist wirklich deprimierend und rührend. Aber eins lassen diese Berichte niemals vermissen: die Hoffnung auf einen Neuanfang, den Aufbau, die Kraft alle Widerstände zu überwinden. Bewundernswert!

Heute fahren wir früh nach Ueno, um in den nahgelegenen Ueno Park zu gehen. Mir geht es blendend! Robin scheint aber nun langsam schlapp zu machen. Er trottet mehr oder weniger nur hinter mir her und probiert mit dem Brain-Overload und seinen schmerzenden Beinen klar zu kommen.
Ueno Park gibt uns zum Glück die mittlerweile dringend notwendige Ruhe vor all dem Chaos in dieser Stadt. Das Wetter ist großartig und der Park wirklich schön.




An der Statue von Saigō Takamori (die Vorlage für den Samurai Katsumoto aus "Last Samurai) werden wir einer kleinen Gruppe Japanerinnen angesprochen, die mit uns Fotos machen wollen. Robin muss sein Schmunzeln sehr unterdrücken, aber ist ja auch das "1. Mal" für ihn als Gaijin fotografiert zu werden. Die kleinen Mädels bedanken sich brav auf Englisch und für meine höflicher Erwiderung in Japanisch haut die Eine doch glatt 「かっこいいーー!」 (cool) raus, mein Lieblingskompliment in Japan ^_^



In einem Schrein versuchen wir uns おみくじ (omikuji), ich zerreiße aber meins beim anknoten...toll, soviel zu meinen Wünschen. Aber eigentlich wusste ich eh nicht ob der Zettel nun Gutes oder Schlechtes verhieß.


Im Ueno Tōshō-gū Schrein, der wirklich sehr schön ist, steht die Flamme von Hiroshima und Nagasaki. Die dazugehörige Geschichte ist wirklich sehr traurig...


Nach dem Abwurf der Atombombe der US-Amerikaner über Hiroshima suchte Tatsuo Yamamoto nach seinem Onkel. Er fand nur eine Flamme, die noch in den Ruinen des zerstörten Hauses seines Onkels loderte. Er brachte diese eine Flamme zurück in seine Heimatstadt und hielt sie am brennen als Andenken an seinen Onkel. Über die Jahre wurde sie zu einem Symbol für den Wunsch der Abkehr von Atombomben und dem Wunsch nach Frieden auf der Welt. Sie wurde 1990 mit einer anderen Flamme von Nagasaki, dem zweiten Atombombenabwurf,  an diesem Mahnmal vereint.
We, hereby pledge to keep burning the A-bomb flame, convinced that this monument should contribute to strengthening the worldwide people's movement to abolish nuclear weapons and achieve peace, which is the most urgent task for the people across borders.

Harter Schnitt. Hier Fotos vom Schrein selber und vom Eingang zum Ueno-Zoo, der sogar Pandas hat!

Mit mich.
Ohne mich.
Shinshin und Lili sind scheinbar die Stars im Zoo.
Mit etwas mehr Lebensenergie durch den trotz allem entspannten Parkbesuch machen wir uns auf den Weg nach Akihabara. Robin ist ganz aus dem Häuschen und ich muss sagen, diesmal gefällt es mir hier auch besser. Es ist zwar alles immer noch super crazy happy power super store und so, aber mit ein bisschen Backup fühlt man sich als Tourist doch gleich viel sicherer. Wir schauen uns im Kaufhaus um und zweifele an meinen Augen. Ich kann partout kein 3D auf den TVs sehen. Sehen die Japaner etwa anders 3D??! Bei mir klappt's einfach nicht! Robin ergötzt sich an dem ganzen Otaku-Figuren (jetzt hätte ich fast Hentai geschrieben, haha). Neon Genesis Evangelion und One Piece sind scheinbar immer noch / wieder populär. Kenn ich ja sogar noch den Scheiß!






Space Invaders!!

Wir kehren in die nächstgelegene Spielhalle ein und zocken erstma ein paar Ballerspiele, so wie damals als wir mal zusammen in London waren (199?), good times, good memories. Robin fällt auf, dass obwohl überall in öffentlichen Gebäuden Rauchverbot herrscht, gerade in diesen von Jugendlichen stark frequentierten Spielhallen geraucht werden darf! Only in Japan, sag ich nur...
Ein Spiel kostet im Schnitt 100 Yen und wir verprassen einfach mal ein paar Tausend weil's so schön ist. Der Knaller ist ein Ballerspiel mit Pirates of the Carribean Thema bei dem man nicht nur mit Geschützen ballert, sondern auch in Quicktime-Momenten ein Steuerrad entsprechend dem Event steuern muss. Dabei wackelt und ruckelt die ganze Kabine, in der man zu zweit sitzt. Absolut geil das Teil, aber auch höllisch schwer! Japanisches Level halt, da können wir Weißbrote nur abloosen.

Wir sehen natürlich auch den obligatorischen besessenen Guitar-Hero Spieler, fast so wie "Lost in Translation".

Wir laufen an dem Gebäude von AKB48 vorbei, machen sogar Fotos, checken aber nicht, dass HIER die Showbühne ist! Später wird sich das aufklären.


Zum Mittag gibt es Teriyaki auf Reis, sehr lecker. Ich schaffe es sogar der Bedienung zu erklären, dass ich wirklich die große Portion will und Robin die kleine. Ich habe nämlich einen Bärenhunger!


Hostelbreak, ich penne sofort ein und schlafe gefühlte 3 Stunden. Tatsächlich waren es gerade mal 30 Minuten! Bin sowas von erfrischt, also geht's gleich wieder weiter! Nach etwas Recherche zum Thema AKB48 fahren wir direkt zum Gebäude zurück und versuchen in die Show zu kommen, die wohl jeden (!) Abend dort stattfindet. Blöd nur, dass wir nicht reinkommen. Der Typ an der letzten Rolltreppe kann überhaupt kein Englisch und ich verstehe seine Antwort auf meine japanische Frage nicht. Er lässt nur die Leute mit Armbändchen rein aber ich sehe weit und breit keinen Ticketcounter oder ähnliches. Kacke, wieder Frust! Dabei wollten wir doch nur Japans kitschigstes und niedlichstes Popmusik-Produkt mal live erleben, und wenn's nur zum abgewöhnen ist ;)


Robin ist eh schon schlecht, er baut sichtlich ab. So langsam bin ich leicht genervt von seiner Passivität, aber ich weiß auch, dass das alles einfach zu viel für ihn sein muss. Trotzdem denke ich, dass er auf sich alleine gestellt bestimmt mehr aus sich herauskommen könnte. Er weicht mir aber nicht von der Seite, nicht mal im Hostel. Ich quatsche mit Takako und zeige ihr mein Tenugui und bitte sie um eine Übersetzung der Erklärung von Esaka-sensei. Hachja, sie ist einfach zum liebhaben die Kleine. Ihr Interesse wirkt echt, aber es ist auch ihr Job den Gästen zu helfen. Mir gefällt einfach ihre offene Art genau das zu tun. Midori stösst auch dazu und fragt mich, sichtlich interessiert, über Iaido aus. Sie will meine linke Hand sehen, sie kennt sich scheinbar aus. An der linken Hand sieht man üblicherweise die Schnittverletztungen wenn man mit echten Schwertern trainiert. Ich trainier doch nicht mit echten Schwertern, bin doch nicht bescheuert! Ich zeige den beiden Fotos und Videos über unsere Iaido-Aktivitäten auf dem Hostel-iPad und da ist es dann wieder 「かっこいい!」 (das geht runter wie Öl). Midori versucht mich irgendwie zu beeindrucken indem sie mir von einem ihrer Facebook-Freunde erzählt, der Ninjitsu oder sowas macht. Auf seinem Profilfoto posiert er mit einem Schwert, quasi in Angriffsstellung zur Kamera. Sorry Kumpel, da biste gleich voll durchgefallen bei mir...

Später versuche ich unseren Trip nach Hakone zu planen und lasse mir wieder dreist von Takako helfen. Ich bin etwas durcheinander mit den Tagen, denn die Golden Week beginnt ja quasi morgen schon. Am Feiertag zum Fujisan gucken fahren wenn das Wetter nicht unbedingt gut werden soll ist doof, also Planänderung -> Kamakura. Chikako-sensei treffen wird wohl nix, das hatte sie mir schon vorab gesagt, da sie andere Pläne mit der Familie hat, aber ich sage ihr zumindest per Mail Bescheid.

Tja, dumm nur, dass es jetzt gerade 05:15 Uhr am nächsten Tag ist und ich gerade mal 2,5 Stunden geschlafen habe und wir um 05:30 Uhr los wollten. Ich kann aber einfach nich pennen, zu viele Gedanke, zu viel Schnarchen und irgendwas anderes...