Wednesday, 4 May 2011

5. Tag (Kamakura, Regen und Bier)

Also los geht's! Es ist ca. 6 Uhr und ich fühle mich wie durch den Wolf gedreht. Trotz akutem Schlafmangel ist mein Frust aber etwas verflogen, wahrscheinlich weil ich ihn mir von der Seele geschrieben habe. Robin ärgert sich auch darüber, dass ich nicht schlafen konnte wenn er schnarcht, er weiß aber auch nicht was wir machen könnten. Wir probieren es mal mit Bettenwechsel.

Wir kommen mit relativ wenig Verwirrung in Kamakura an. Superpraktisch hierbei natürlich wieder unser Railpass, der für jeden JR Zug gilt. Man kommt sich schon etwas exklusiv vor wenn man mit seinem "VIP-Pass" an den Schlangen vorbei gehen darf, immer nett begrüßt/bedankt/verabschiedet vom Stationspersonal. Kamakura ist scheinbar noch nicht erwacht. Alles ist noch ruhig und friedlich, der perfekte Ausgleich für die hektischen ersten Tage. Die Straßen sind fast leer. Wir saugen die friedliche Atmosphäre auf. Am Hase-dera (長谷寺), den ich noch nicht kannte, kommt Robin aus dem Staunen nicht mehr heraus und ich bin auch hin und weg.






Es sind zwar immer mehr Menschen unterwegs aber es wird nicht hektisch oder laut, eher andächtig, trotz des Feiertags. Das ist diese besondere Atmosphäre von Kamakura, die ich besonders mag. Durch diese Ruhe komme ich auch dazu wesentlich mehr Bilder zu schießen, die Muse küsst mich quasi.







Unterwegs sehe ich erstaunlich viele deutsche Schriftzüge. Warum gibt es hier wohl so viele Geschäfte mit deutschem Kram? Ist das grad Mode oder was?


Erwähnenswert ist auch der leicht bekloppte Hund, den Robin fotografiert. Er ist zum totlachen und sorgt in den nächsten Tagen immer wieder für Erheiterung. Ein Blick auf das Foto reicht da bereits aus  :)


Als wir in einer Gasse um die Ecke biegen, erschrickt sich eine uns entgegenkommende Fahrradfahrerin so sehr, dass ihre Gesichtszüge förmlich entgleisen und sie mehr als auffällig den Blick senkt. Gaijin-Power! Irgendwo kann ich sie ja verstehen, dass es vielleicht schöneres gibt als unsere Fressen beim um die Ecke biegen zu sehen, aber bitte...wir sind nur Gaijins, keine Mutanten! In Kamakura werden wir generell deutlich mehr angestarrt als z.B. in Tokyo. Vielleicht weil hier die Leute aus allen Teilen des Landes nach Kamakura kommen und in ihren heimatlichen Gefilden vielleicht nicht so viele Ausländer gewöhnt sind.

Wir fahren diesmal etwas mehr Bus, egal was es kostet. Wir kommen somit sehr komfortabel zur Pflichtsehenswürdigkeit in Kamakura, dem Daibutsu des Kōtoku-in Tempel (高徳院). Ich pose etwas mit dem Carnaby-Shirt und bin jetzt wahrscheinlich auf 100 Fotos von irgendwelchen Japanern.



Im Geschenkeshop des Tempels suche ich irgendetwas Nettes als Mitbringsel, bin aber wie an jedem Schrein oder Tempel von der Gleichartigkeit der Dinge abgetörnt. Keine Lust nur Kitsch zu kaufen. Ich denke aber, dass ich mir eine Gebetskette für das Handgelenk zulegen werde (schnell fürs Iaido oder die Arbeit auszuziehen). Ich muss nur noch die richtige Farbe und Größe finden.



Die Strassen sind mittlerweile richtig voll. Besucherströme zu Fuss und in Autos (wie blöd sind die eigentlich?!). Menschenmassen wälzen sich durch die engen Gassen und Strassen von Kamakura. Jetzt verstehe ich warum Chikako-san zur Golden Week gerne das Weite sucht und lieber außerhalb Kamakura verbringt. Wir laufen zum Strand und finden es toll. Es ist zwar weniger sauber aber sehr beruhigend. Ich denke an den Tsunami, da dieser Ort stark denen aus dem TV ähnelt. Das Tsunami-Warnschild am Eingang zum Strand tut sein übriges. Ich suche mir instinktiv einen erhöhten Punkt falls wir rennen müssen. Jetzt ein Erdbeben und/oder ein Tsunami, das wäre beängstigend und irgendwie cool zugleich. Merkwürdige Gedanken, die ich da habe. Vor allem, wer würde das dann filmen?

Der Mann und das Meer.
 

Für das Essen in der Nähe des Hase-dera müssen wir über eine Stunde warten. Robin klappt beinahe zusammen und ich verliere etwas die Geduld mit ihm. Letztendlich habe ich selber einfach nur unfassbaren Hunger und die Warterei ist eine Qual. Das System im Restaurant ist natürlich durchdacht, man muss nur wissen wie es geht. Man schreibt seinen Namen in ein Buch und die Kellner rufen die Leute dann nacheinander auf wenn ein Tisch frei wird. Deswegen gibt es auch Wartebereiche in den Restaurants. Für Unagi-don (Aal) wartet man doch gerne!





Nach diesem absolut formidablen Essen geht es uns besser und wir machen uns auf den Heimweg. Blöderweise muss ich pissen wie ein Brauereipferd und renne die letzten 100m bis zur Kamakura-Statuion. An jeder Ecke gibt es öffentliche Toiletten in Japan, aber nicht wenn ich gerade 2000bar Druck auf der Blase habe. Puuh, gerade noch mal gut gegangen. Beinahe hätte ich ne Seitengasse aufsuchen müssen, Kreuzberg-Style, aber am hellichten Tag :-/ Leider hat sich Chikako-san nicht mehr gemeldet, also fahren wir einfach zurück nach Tokyo.

In der supervollen Bahn kann ich irgendwann etwas pennen. Beim Aufwachen liege ich beinahe auf der jungen Japanerin rechts von mir. Ob sie das cool oder eher nicht so cool fand, werde ich wohl nie erfahren. Als wir Asakusa-Station verlassen schüttet es wie aus Kübeln. Natürlich haben wir keine Regenschirme! In der Nähe gibt es auch keinen Laden, also jogge ich los um irgendwo zwei 100 Yen Schirme aufzutreiben. Aber wie mit den Klos ist auch kein 100円 Shop in der Nähe wenn man ihn braucht. Ich finde nur sauteuere 400 Yen Schirme, die trotzdem verkauft werden wie geschnitten Brot bei diesem Regen, aber ich passe lieber. Als ich zurück komme nieselt es nur noch, also gehen wir im Stechschritt zurück zum Hostel.


Zurück im Hostel skype ich mit Sae-san, meinem Kontakt in Kyoto. Ich merke, dass ich deutlich mit ihr flirte. Sie sendet eindeutige Signale, sowohl was ihre Unsicherheit aber auch was ihre Neugier angeht. Sie fragt z.B. "So have you met any nice Japanese girl yet?" ...ookaayy...das wird noch lustig, entweder volles Drama oder volle Action. Ich tippe auf Ersteres. Man merkt auf jeden Fall, dass sie keine typische Japanerin ist und die Zeit in den USA sie ziemlich geprägt hat.

Wir haben wieder Bock auf Bier, also auf in die Khaosan Bar! Es sind nur Männer anwesend, naja. Wir quatschen mit zwei besoffenen Japanern aus Gunma., nördlich von Tokyo, südlich von Fukushima (so sagen sie). Der eine ist schon so dicht (knallrotes Gesicht, blutunterlaufende Augen), dass sie darüber wilde Späße reissen und so tun, als ob sie die Todesengel wären und uns jetzt alle verstrahlen. Schwarzer Humor, auch ne Art damit umzugehen. Der andere denkt wahrhaftig ich sehe aus wie Brad Pitt (Burado Pitto)! "Very handsome" Leute, so langsam nervt es!
Sie bestellen uns/mir Sake und ich ihnen später Wein, wohl wissen, dass sie bereits so elendig sterben werden, so hackezu sind sie. Aber die bierselige Freundlichkeit will ich natürlich erwidern. In der Bar ist auch ein Deutscher, der gerade seit 3 Monaten im Jet-Programm als Hilfslehrer arbeitet. Er hat einen äußerst merkwürdigen Akzent, mir gänzlich unbekannt (Saarland?). Als die Japaner gaaaanz heimlich reinhauen (wahrscheinlich um um die Ecke kotzen zu gehen) unterhalten wir uns etwas ernsthafter mit einem anderen Japaner. Er ist Business Journalist wie er sagt. Bei einer kleinen Rauerpause draussen dankt er Robin tatsächlich, dass wir/er nach Japan gekommen sind. Hammer! All die Flyjin haben das Business merklich verändert, sagt er. Jobs, die vorher Ausländer gemacht worden haben, waren plötzlich unbesetzt, einfach weil die Leute keinen Arsch in der Hose hatten und ihre Kollegen und Arbeitgeber im Stich gelassen haben. Die Dankbarkeit, die uns für einen einfachen Besuch als Touristen jetzt gegenüber gebracht wird, ist einfach toll. Ich freue mich sehr darüber.

Am Ende des Abends bin ich relativ dicht von dem vielen Bier und Sake aber wir gehen noch im Konbini Zeugs einkaufen, massenhaft!

Achja, in Japan als Berliner mal Seeed in einer Bar spielen zu können, war und ist einfach grandios! Bis auf den Barkeeper (ein lahmer Reggae-Vertreter) sind alle gut abgegangen :D