Friday, 6 May 2011

7. Tag (Erkältung, Ramen und Fettnäpfchen)

Wir schlafen lange, seeehr lange. Robin bekommt Durchfall und mir läuft die Nase. Die Ohren sind auch zu, ganz toll. Aber die ca. 11h Stunden Schlaf haben wirklich gut getan. Um den Verschleißerscheinungen entgegen zu wirken, kaufen wir schön im Lawson Store ein und Robin brät sich ein fettes Rührei mit Fleisch und Würstchen. Beim Frühstück schauen wir wieder japanisches Fernsehen und ich sehe eine Halb-Japanerin, die ich vom Fleck weg heiraten würde, so bezaubernd ist sie in Mimik und Gestik. Ihren Namen habe ich vergessen, aber sie war wohl halb Schweitzerisch, halb Japanisch. Feine Mischung indeed!

Panoramablick vom Dach des Hostels

Als erste Amtshandlung des Tages fahren wir nach Ueno-Station und reservieren Sitzplätze für den Shinkansen nach Kyoto am Freitag und ich strapaziere gehörig die Geduld der Dame am Schalter. Erst will ich die erste Reservierung nicht, weil ich denke, dass sie uns Sitze ganz vorne im Zug gegeben hat (weniger Beinfreiheit), dann bemerke ich meinen Fehler, versuche ihr zu erklären, dass ich falsch lag und sie darf erneut stornieren und neu reservieren. Das Ganze ist mir ziemlich peinlich, ich bin knallrot und mir ist heiß, aber nicht nur wegen meiner Fieberschübe, die so langsam meine Erkältung einleiten. Achja, Serviveland Japan, ich liebe dich. Danke für deine Geduld.

Wir fahren nach Kodanshita (九段下) zum Sakuraya Budoladen, bei dem ich mich mit Iaido-Zubehör eindecken möchte. Er hat leider wegen der Golden Week geschlossen. Heute ist übrigens Kodomo-no-hi, der Kindertag. Dementsprechend sind viele Familien unterwegs, z.B. in Asakusa.

Von Kudanshita latschen wir gemütlich zu den Gärten des Kaiserlichen Palastes. Auf dem Weg kommen wir am Nippon Budokan vorbei, einer recht bekannten und schweinegroßen Kampfkunsthalle. Scheinbar ist heute irgendein Wettbewerb oder eine Veranstaltung, denn es sind viele Busse mit Jugendlichen in der Nähe. Jede Klasse/Gruppe oder Schule trägt dabei die entsprechenden Uniformen. Gleich und doch unterschiedlich, ein interessantes Bild.

Wir erfreuen uns an der simplen Schönheit der Gärten. Es sind wenig Leute unterwegs, aber auch ein paar Ausländer. Ich bin begeistert von meinen Trekking-Schuhen. Hätte ich die bloß letztes Jahr gehabt! Dann wäre weniger Jammern angesagt gewesen. Tja und jetzt kann ich laufen und laufen und einfach alles mit einem Lächeln genießen :)



Panoramablödsinn

Am Ausgang sehe ich ein beschädigtes Tor. Ich schnappe das Gespräch eines japanischen Ehepaares mit einem Polizisten auf, der erklärt, dass die Beschädigung durch das Erdbeben (地震 / じしん) entstanden ist. Das ist das 1. Mal, dass ich überhaupt Schäden in Tokyo sehe. Zum Glück sind wir bislang von Beben jeglicher Art verschont geblieben.


Leider können wir nicht in den Palast oder wenigstens einen Blick auf ihn erhaschen, aber der Vorplatz ist bereits ziemlich beeindruckend. Robin gefällt die Skyline und der Kontrast. Zwischen den Hochhäusern lugt auch der Tokyo Tower hervor. Gefällt mir irgendwie besser als der Eiffelturm, keine Ahnung warum.




Die berühmte Nijubashi-Brücke

Auf dem Weg zur U-Bahn kommen wir an einem kleinen Park vorbei in dem gerade eine Musicfair stattfindet. Die ziemliche coole Musik schallt durch die ganze Gegend, da die Hochhäuser den Schall zurückwerfen. Robin gönnt sich eine Zigarette im traurigsten Raucherbereich in ganz Japan, haha, zum schießen! Man beachte auch, dass Raucher sich scheinbar nicht setzen dürfen. Das wäre ja außerhalb der Absperrung ;)


Wir fahren nach Harajuku, es ist schon recht spät und wird langsam dunkel. Ich selber bin kein Fan von Harajuku aber Robin liebt es. Es sind aufgrund der späten Stunde nur ca. 1-2 Cosplayer unterwegs, aber die restlichen Mädels sind auch recht crazy angezogen. Dann der Schock: wir sehen zwei fette, wirklich fette Ausländerinnen, die sich genauso angezogen wie man in Harajuku als Japanerin rumrennt, sprich alles in pink, Kleidchen mit Rüschen, halt typisch Cosplay/Harajuku-Style. Fremdschämen Deluxe, aber volle Hütte!!

Häh?!

Das Beste an Harajuku ist eigentlich, dass ich zufällig eine Filiale von Ichiran-Ramen entdecke und wir doch endlich lecker Ramen essen können! Wir dokumentieren jeden Schritt dieses kulinarischen Höhepunktes. Das Video kommt wahrscheinlich nicht so gut an (ab Minute 1 des Videos werden wir entdeckt), aber hey, ich wollte schon immer mal wissen wie es in dieser geheimnisvollen Küche aussieht. Wie immer ist Ichiran-Ramen ein Hochgenuss und genau das richtige bei der Erkältung, die ich ausbrüte.

Das Ramen-Konfigurationsmenü



Eine Schüssel voll Glückseligkeit
Zurück im Hostel sehe ich, dass Takako ein Bild von meinem Omiyage auf Facebook gepostet hat, ganz offiziell über das Khaosan Tokyo Profil. Huch ^_^


Da sie nächste Woche in den Urlaub nach Indien fährt und wir uns wohl nicht wiedersehen würden, da Robin und ich morgen nach Kyoto fahren, überrede ich sie noch in die Khaosan Bar zu kommen. Sie hatte zwar gestern schon zu viel Alk, aber sie ist dabei. Skurrile Nebenhandlung, sie zeigt mir kurz etwas in einem Taschentuch, das wie ein brauner Popel aussieht, sich aber als Mini-Mini-Schnecke herausstellt. Sie bringt sie nach draussen, sehr süß.

In der Bar hat heute Rintaro oder Rin-Rin Dienst. Netter Typ, viel offener als die anderen. Am Ende des Abends sitzen wir noch nur mit Einheimischen zusammen. Ich höre wie ein Mädel über mich auf Japanisch mit dem Barkeeper redet (かっこいい) und auch die Story von Midori erzählt. Ich tue so, als ob ich es nicht verstehe und warte ein Weilchen. Als ich dann ein weiteres Bier bestelle und auf Gegenfrage auch Japanisch antworte, dämmert es ihr. Sie fragt den Barkeeper ob ich Japanisch verstehe bzw. spreche und ich antworte ihr direkt in Japanisch, nicht ohne ein großes Grinsen im Gesicht :) Es ist ihr unendlich peinlich, die Röte schießt ihr förmlich ins Gesicht. Die halbe Bar amüsiert sich darüber, aber es ist alles easy. Sie ist mutig und schmeißt trotzdem noch ein でも、かっこいい hinterher, haha. Ich denke ich bin locker 10cm gewachsen, oder war's doch nur mein Ego?

Robin unterhält sich erst angeregt mit Takoko übers italienische Kochen und dann mit Shintaro über Computer- & Videospiele. Shintaro ist Grafikdesigner für Games und hat sich gerade für Jobs in Schweden und Kanada beworben. Er ist recht nervös wegen seines Englisch und leider hat er da auch etwas Grund dazu. Ich spreche ihm aber Mut zu und empfehle ihm so oft Englisch zu sprechen wie nur möglich. Immerhin hat er ja auch mich angesprochen in der Bar und verstehen tue ich ihn ja. Er war übrigens auch in der Gruppe vom letzten Samstag, ich erinnere mich nur dunkel an ihn.
Als es Zeit ist für Takako zu gehen und die letzte Bahn zu erwischen, verabschiede ich sie, wie bei mir in Deutschland üblich, mit einer herzlichen Umarmung. Das wird plötzlich von der ganzen Bar lautstark mit "Oooohhoooooh" quittiert und ich bin verwirrt. Takoko sucht schnell das Weite und zwei der lautesten Tanten eröffnen mir, dass Rintaro ihr fester Freund ist. Ich bin überrascht und leicht schockiert wegen des Fettnäpfchens in das ich gerade getreten bin. Zeit für mich rot zu werden. Rintaro ist aber cool, es macht ihm nichts aus, schließlich habe ich nichts Schlimmes gemacht. Ich entschuldige mich trotzdem tausend Mal und schleime sogar etwas, nur um die Wogen sicherheitshalber zu glätten. Aber er kennt das von seinen ausländischen Gästen.

お休み Tokyo, 又来週.

Blöd nur, dass ich jetzt richtig krank werde...