Sunday, 8 May 2011

9. Tag (Ein wunderschöner Tag in Kyoto)

Gottseidank, der Schlaf hat mich kuriert! Die Nase ist frei und ich bin wieder fit. Ein Glück, denn heute treffe ich Sae, die mich irgendwann über Facebook geaddet hat, sowie ihre Freunde.

Vorher versuchen Robin und ich aber erneut auf eigene Faust die Gegend zu erkunden und siehe da, es geht sogar wenn man sich fit fühlt.


Der Bezirk Gion ist toll, lauter kleine Bauten und enge Gassen. Jedes Gebäude sieht aus wie aus einem alten Samuraifilm aus der Edo-Zeit. Leider sind die Straßen auch für Autos freigegeben. Polizisten regeln der Verkehr und verbeugen sich vor jedem Auto, dass sie stoppen oder sonstwie anweisen müssen.

 


In der großen Tempelanlage des Kennin-ji sehe ich warum so viele Menschen die Schönheit von Kyoto preisen. Die Gebäude an sich aber vor allem die kleinen Gärten vor und in den Gebäuden sind  zauberhaft schön. Die Stille ist beruhigend und lässt mich entspannen. Ich beobachte minutenlang wie ein Mönch den kleinen Steingarten in der Mitte des Gebäudes mit einem Schlauch wässert. Dabei entstehen bunte Farbenspiele mit Licht und Wasser, aber kein Foto wird dem tatsächlichen Anblick gerecht.




Einer der Hallen trägt ein imposantes Gemälde von zwei Drachen an der Decke. Ich steh auf Drachen, insbesondere wenn sie so dynamisch und beeindruckend dargestellt werden.


Das Wetter wird immer heißer und damit auch besser. Vorher war es ziemlich nieselig und öde. Irgendwann sitzen wir daher im Maruyama-Park, essen Grüntee-Eis, lauschen einem Straßenmusiker der Kehlkopfgesang macht und lassen die Atmosphäre ihr Übrigens tun. 


Randnotiz: die Raben sind hier wohl die Bosse, die Tauben dagegen die Schisser. Sobald so ein Vieh von Rabe sein markerschütterndes Krächzen loslässt und sich nur in die Nähe von 3215 Tauben bewegt, hauen die sofort geschlossen ab. Dementsprechend war echt was los auf dem Platz.

Wir treffen Sae und ihre Freunde in der U-Bahn gegen Mittag. Ich bin schockiert wie dünn sie ist. Sie redet viel, ist aber weniger nervös als ich dachte. Es dauert ein klein wenig bis wir alle warm miteinander werden. Ich mag Saes beste Freundin Eli (エリ) irgendwie sofort. Wenn Sae die Extrovertierte, US-Amerikanisch beeinflusste ist, dann ist Eli die Ruhige, Clevere, Zurückhaltende. Obwohl sie nicht wie ein typische Japanerin wirkt und sich eher leger und europäisch kleidet.
Sae hat jedenfalls Null Ahnung von gar nix, am wenigsten von ihrer eigenen Stadt, was'n Abtörn. Elis Begleiter und somit Dritter im Bunde ist 38, sieht aber aus wie 30. Er und Eli sind Arbeitskollegen. Ich halte beide für ein Paar, das sich extrem zurückhalt, bin mir aber nicht 100% sicher. Mir gefällt Saes übertriebene Art überhaupt nich, Elis dagegen sehr. Der "ältere Herr" im Bunde ist total in Ordnung und lustig. Er erzählt ein wenig über Kyoto und die verschiedene Orte, die wir besuchen. Auf jeden Fall ist es eine tolle Sache wenn Einheimische sich die Zeit nehmen und einen rumführen, da kann man wirklich nur dankbar sein für all diese zufälligen Begegnungen, ob über FB oder wo sonst.

Gleich die erste buddhistische Tempelanlage ist so hammermäßig schön, dass sie den Vormittag locker schlägt. Ich komme aus dem fotografieren gar nicht mehr heraus.






Der Fisch schwimmt tatsächlich im Teich


Bleibt ein geworfener Stein liegen, so bringt das Glück.

Wir besuchen die berühmte Kiyomizu-dera Tempelanlage und machen alles touristische was nur geht. Wir trinken Wasser aus der Quelle und machen den Gang mit verbundenen Augen zwischen zwei Liebessteinen. Finden man den Weg ohne hinzusehen, so verliebt man sich bald. Derjenige der einem dabei hilft, gilt dann als Vermittler. Sae schafft es mit Elis Hilfe. Ich scheitere im Eigenversuch und lande sogar trotz Hilfe von Sae irgendwo ganz anders. Allet klar Universum, ick hab verstanden...
Ich kaufe mir etwas Schnickschnack und Deko für zuhause und vergesse prompt die ganze Tüte in der Tempelanlage. Das verstimmt eigentlich nur leicht, was aber viel mehr nervt ist wieder mal Sae. Ihr oberflächliches Gelabere und tölpelhafte Art kommt bei mir gar nicht gut an, das wirkt irgendwie alles total unjapanisch auf mich. Eli dagegen taut mehr und mehr auf und spricht sogar ab und zu Deutsch mit mir, da sie mal Au-pair in der Schweiz war, sehr cool!



Zufällig entdeckt, sehr treffend und bewegend
Als dann der Magen knurrt suchen wir uns etwas zu essen und es wird beschlossen, dass es Sukiyaki sein soll. Gar nicht so einfach einen guten Laden zu finden, sogar für die Einheimischen. Sae hilft da nicht wirklich, sie kennt nur den Weg von ihrer Wohnung zur Arbeitstelle mit der U-Bahn und das wars fast schon. Sie verläuft sich sogar in ihrem eigenen Zimmer, so wenig Peilung hat die Frau.
Wir nehmen tabehodai (たべほだい), quasi all-you-can-eat. Das Fleisch wird in Mengen aufgefahren und wir essen uns so richtig satt. Es ist herrlich, ein wahres Geschmackserlebnis! Die Konversation ist durchweg angenehm, richtig anregend. Ich denke ich tue Sae etwas unrecht, vielleicht ist es nur ihre Art Unsicherheit zu überspielen, wer weiß.

Nach dem Essen gehen wir bowlen, scheinbar eine typisch japanische Aktivität. Es ist Samstag abend und in den engen Gassen von Kyoto ist richtig was los. Ziemlich cool diese Gegend, ich verstehe warum viele diese Stadt so mögen. Bowlen geht klar, sie haben sogar meine Schuhgröße, wer hätte das gedacht. Die richtige Kugel zu finden ist hingegen schon schwieriger. Ich lege trotzdem ein Traumspiel von 150 (!!!) Punkten hin und beeindrucke unsere Japaner ein bisschen. Ein Foto gibt's aber leider nur vom 2ten Spiel, aus dem ich auch wieder als Gewinner hervor gehe.

Hihi, Robin und mein Name in Katakana!
Sae bowlt furchtbar und sieht dabei auch furchtbar aus. Eli bowlt richtig fein und sieht echt putzig dabei aus. Robin bowlt...naja, er bowlt immerhin ;)
Nach dem Bowling schleppen wir Sae noch mit eine relativ schäbige Gaijin/Hipster/Gangster/House/Ticketsystem-Kneipe gegenüber vom Hostel (300 Yen per night). Sae will ständig mein Tattoo sehen und fummelt an mir rum. Das stört mich echt, aber ich zeige es ihr trotzdem irgendwann. Natürlich findet sie es ja sooo toll, blablabla...nerv! Zumindest die Bar gefällt mir immer besser, die Musik wird housiger und fast wie in einem Club. Ein europäischen Paar aus dem Hostel ist auch da und sie hat uns beide schon öfters angegrinst im Hostel, genau wie jetzt auch. Wie freundlich manche Menschen doch sind :)
Das Robin und ich als zwei Gaijin mit einer einzigen Japanerin in einer Bar saufen ist mir erst nach zwei Drinks nicht mehr so unangenehm. Am Ende bringe ich Sae noch zur U-Bahn und hätte nicht mal angetrunken jetzt noch versucht da irgendwas zu landen. Als wir alleine sind redet sie ständig von Beziehungswünschen und -ängsten, ihren Problemen und und und. Ich zeige etwas Mitgefühl und Verbundenheit und erzähle von meinem letzten Jahr und wie ich es gemeistert habe. Sie scheint nicht erst dadurch eine Menge auf mich zu setzen aber so wirklich habe ich keine Lust sie wieder zu sehen. Auf dem Nachhauseweg überlege ich mir bereits wie ich ihr das erklären soll ohne sie zu verletzen. Sie ist ja ein lieber und netter Mensch eigentlich. Vielleicht habe ich mir selber einfach zuviel erhofft?

Ich lache mich im wahrsten Sinne des Wortes in den Schlaf weil Robin aus Versehen und vollkommen verpeilt im Dunkeln zum Thailänder ins Bett klettern wollte. Der hat das natürlich mitbekommen und sich stark gewundert warum ein halbnackter Deutscher ihn aus dem Schlaf reißt und in sein Bett steigen will. Grandiose Aktion, Robin und ich konnten nur noch lachen und haben das auch immer wieder in den folgenden Tagen :-D Die Tücken eines 4er Dorms mit Stockbetten, hahaha.