Saturday, 7 May 2011

8. Tag (Willkommen in Kyoto)

Wir schlafen bis ca. 8 Uhr und brechen gegen 9:45 Uhr um unseren 11 Uhr Zug nach Kyoto zu erwischen. Mir läuft jetzt permanent die Nase und ich verbrauche Unmengen dieser schrottigen japanischen Taschentücher. Die bestehen aus einer fast hauchdünnen Lage, die gegen meinen europäischen Rotz so gut wie gar nichts ausrichten können. Es nervt so ab! Es läuft und läuft. Ich kaufe zur Sicherheit die Großpackung.

Shinkansen fahren ist wie immer purer Luxus. Die Beinfreiheit ist üppig und man fühlt sich wie in der 1. Klasse. Wie die dann wohl erst aussieht. Wir verwechseln anfangs unsere Sitze mit einer kleinen Familie. Ich zeige ihnen meine Reservierung (die von vor 2 Tagen!) und damit laufen wir erst mal alle falsch, um dann am Ende doch wieder neben ihnen Platz zu nehmen. Die denken auch wir sind grenzdebile Gaijins, die nicht mal Zugreservierungen kapieren...

Keine besonderen Vorkommnisse sonst. Robin pennt, ich stopfe mir irgendwann die Nase komplett mit Taschentüchern zu und schreibe etwas im Tagebuch. Die Familie neben uns ist allerliebst. Sie essen genau wie wir Bento, welches wir am Bahnhof gekauft haben. Es gibt sogar welches, dass man mit irgendwelchen Tricks erhitzen kann. Zauberei!

In Kyoto ist ab der U-Bahn wieder alles komplett neu. Wenig oder nur klitzeklein geschriebenes Englisch an den Schildern. Ich blicke nix, fast wie in Tokyo im letzten Jahr. Meine Suica-Karte geht nicht, der Automat hat überhaupt kein Englisch und ich kann meinen Rucksack langsam nicht mehr tragen. Die Erkältung fordert langsam ihren Tribut. Zum Glück haben wir die Erklärung vom Hostel und laufen sicherheitshalber die einfache, aber ewig lange Strecke zu Fuß. Letztendlich kommen wir auch richtig an. Das Khaosan Kyoto ist riesig! 4 Stockwerke, eine Riesenlobby und Küche/Aufenthaltsraum. Ziemlich Porno das Ganze aber weniger kuschelig als in Tokyo. Das Ding hat sogar einen Fahrstuhl!!

Wir machen kurz Pause und versuchen uns dann nach Gion bzw. auf die Suche nach etwas Essbarem aufzumachen. Beides scheitert furchtbar, einfach weil ich keine Kraft mehr habe und trotz Karte komplett die Übersicht verliere. Kyoto hat eigentlich ein ganz einfache Rasterstraßensystem, aber ich kann nicht mehr und gebe auf. Am Ende sind wir "nur" im Kreis gelaufen, deja-vu.

Randbemerkungen zur näheren Umgebung unseres Hostels:
  • exzellenter 24h Supermarkt und mehrere Konbini in Reichweite
  • verschiedenste Restaurants in der Nähe laden zum ausprobieren ein
  • schräg gegenüber ist sogar eine Bar
  • und direkt nebenan ist ein Buch-/Anime-/Pornoladen

    Die Leute bzw. Frauen in Kyoto sehen irgendwie anders aus, kleiden sich auch anders. Nicht so schrill und hip, eher gediegen aber auch schick. Ich würde nich Anmut sagen, aber irgendwas ist grundlegend anders glaube ich. Es sind weit mehr Ausländer unterwegs und wir fallen gar nicht auf. Ich vermisse fast die Blicke. Es gibt Unmengen an Autos und Bussen, aber keine Hochhäuser. Ein Gewusel wie man es in Japan eigentlich gewohnt ist, nur diesmal ist es wieder ganz anders, schwer zu beschreiben. Mein Gehirn schaltet auch irgendwann ab und kapituliert. Um nicht gänzlich einzugehen gehen wir wieder in ein Automatenrestaurant (すきや) und ich bestelle mir eine Riesenportion Fleisch mit ganz viel Brühe. Robin nimmt irgendwas mit Käse.




    Kann danach trotzdem nicht mehr. Kaufe Aspirin (das einzige Medikament was ich in Japanisch bestellen kann) um das Fieber zu senken und schlafe einfach.

    Willkommen in Kyoto...na das kann ja was werden...

    Friday, 6 May 2011

    7. Tag (Erkältung, Ramen und Fettnäpfchen)

    Wir schlafen lange, seeehr lange. Robin bekommt Durchfall und mir läuft die Nase. Die Ohren sind auch zu, ganz toll. Aber die ca. 11h Stunden Schlaf haben wirklich gut getan. Um den Verschleißerscheinungen entgegen zu wirken, kaufen wir schön im Lawson Store ein und Robin brät sich ein fettes Rührei mit Fleisch und Würstchen. Beim Frühstück schauen wir wieder japanisches Fernsehen und ich sehe eine Halb-Japanerin, die ich vom Fleck weg heiraten würde, so bezaubernd ist sie in Mimik und Gestik. Ihren Namen habe ich vergessen, aber sie war wohl halb Schweitzerisch, halb Japanisch. Feine Mischung indeed!

    Panoramablick vom Dach des Hostels

    Als erste Amtshandlung des Tages fahren wir nach Ueno-Station und reservieren Sitzplätze für den Shinkansen nach Kyoto am Freitag und ich strapaziere gehörig die Geduld der Dame am Schalter. Erst will ich die erste Reservierung nicht, weil ich denke, dass sie uns Sitze ganz vorne im Zug gegeben hat (weniger Beinfreiheit), dann bemerke ich meinen Fehler, versuche ihr zu erklären, dass ich falsch lag und sie darf erneut stornieren und neu reservieren. Das Ganze ist mir ziemlich peinlich, ich bin knallrot und mir ist heiß, aber nicht nur wegen meiner Fieberschübe, die so langsam meine Erkältung einleiten. Achja, Serviveland Japan, ich liebe dich. Danke für deine Geduld.

    Wir fahren nach Kodanshita (九段下) zum Sakuraya Budoladen, bei dem ich mich mit Iaido-Zubehör eindecken möchte. Er hat leider wegen der Golden Week geschlossen. Heute ist übrigens Kodomo-no-hi, der Kindertag. Dementsprechend sind viele Familien unterwegs, z.B. in Asakusa.

    Von Kudanshita latschen wir gemütlich zu den Gärten des Kaiserlichen Palastes. Auf dem Weg kommen wir am Nippon Budokan vorbei, einer recht bekannten und schweinegroßen Kampfkunsthalle. Scheinbar ist heute irgendein Wettbewerb oder eine Veranstaltung, denn es sind viele Busse mit Jugendlichen in der Nähe. Jede Klasse/Gruppe oder Schule trägt dabei die entsprechenden Uniformen. Gleich und doch unterschiedlich, ein interessantes Bild.

    Wir erfreuen uns an der simplen Schönheit der Gärten. Es sind wenig Leute unterwegs, aber auch ein paar Ausländer. Ich bin begeistert von meinen Trekking-Schuhen. Hätte ich die bloß letztes Jahr gehabt! Dann wäre weniger Jammern angesagt gewesen. Tja und jetzt kann ich laufen und laufen und einfach alles mit einem Lächeln genießen :)



    Panoramablödsinn

    Am Ausgang sehe ich ein beschädigtes Tor. Ich schnappe das Gespräch eines japanischen Ehepaares mit einem Polizisten auf, der erklärt, dass die Beschädigung durch das Erdbeben (地震 / じしん) entstanden ist. Das ist das 1. Mal, dass ich überhaupt Schäden in Tokyo sehe. Zum Glück sind wir bislang von Beben jeglicher Art verschont geblieben.


    Leider können wir nicht in den Palast oder wenigstens einen Blick auf ihn erhaschen, aber der Vorplatz ist bereits ziemlich beeindruckend. Robin gefällt die Skyline und der Kontrast. Zwischen den Hochhäusern lugt auch der Tokyo Tower hervor. Gefällt mir irgendwie besser als der Eiffelturm, keine Ahnung warum.




    Die berühmte Nijubashi-Brücke

    Auf dem Weg zur U-Bahn kommen wir an einem kleinen Park vorbei in dem gerade eine Musicfair stattfindet. Die ziemliche coole Musik schallt durch die ganze Gegend, da die Hochhäuser den Schall zurückwerfen. Robin gönnt sich eine Zigarette im traurigsten Raucherbereich in ganz Japan, haha, zum schießen! Man beachte auch, dass Raucher sich scheinbar nicht setzen dürfen. Das wäre ja außerhalb der Absperrung ;)


    Wir fahren nach Harajuku, es ist schon recht spät und wird langsam dunkel. Ich selber bin kein Fan von Harajuku aber Robin liebt es. Es sind aufgrund der späten Stunde nur ca. 1-2 Cosplayer unterwegs, aber die restlichen Mädels sind auch recht crazy angezogen. Dann der Schock: wir sehen zwei fette, wirklich fette Ausländerinnen, die sich genauso angezogen wie man in Harajuku als Japanerin rumrennt, sprich alles in pink, Kleidchen mit Rüschen, halt typisch Cosplay/Harajuku-Style. Fremdschämen Deluxe, aber volle Hütte!!

    Häh?!

    Das Beste an Harajuku ist eigentlich, dass ich zufällig eine Filiale von Ichiran-Ramen entdecke und wir doch endlich lecker Ramen essen können! Wir dokumentieren jeden Schritt dieses kulinarischen Höhepunktes. Das Video kommt wahrscheinlich nicht so gut an (ab Minute 1 des Videos werden wir entdeckt), aber hey, ich wollte schon immer mal wissen wie es in dieser geheimnisvollen Küche aussieht. Wie immer ist Ichiran-Ramen ein Hochgenuss und genau das richtige bei der Erkältung, die ich ausbrüte.

    Das Ramen-Konfigurationsmenü



    Eine Schüssel voll Glückseligkeit
    Zurück im Hostel sehe ich, dass Takako ein Bild von meinem Omiyage auf Facebook gepostet hat, ganz offiziell über das Khaosan Tokyo Profil. Huch ^_^


    Da sie nächste Woche in den Urlaub nach Indien fährt und wir uns wohl nicht wiedersehen würden, da Robin und ich morgen nach Kyoto fahren, überrede ich sie noch in die Khaosan Bar zu kommen. Sie hatte zwar gestern schon zu viel Alk, aber sie ist dabei. Skurrile Nebenhandlung, sie zeigt mir kurz etwas in einem Taschentuch, das wie ein brauner Popel aussieht, sich aber als Mini-Mini-Schnecke herausstellt. Sie bringt sie nach draussen, sehr süß.

    In der Bar hat heute Rintaro oder Rin-Rin Dienst. Netter Typ, viel offener als die anderen. Am Ende des Abends sitzen wir noch nur mit Einheimischen zusammen. Ich höre wie ein Mädel über mich auf Japanisch mit dem Barkeeper redet (かっこいい) und auch die Story von Midori erzählt. Ich tue so, als ob ich es nicht verstehe und warte ein Weilchen. Als ich dann ein weiteres Bier bestelle und auf Gegenfrage auch Japanisch antworte, dämmert es ihr. Sie fragt den Barkeeper ob ich Japanisch verstehe bzw. spreche und ich antworte ihr direkt in Japanisch, nicht ohne ein großes Grinsen im Gesicht :) Es ist ihr unendlich peinlich, die Röte schießt ihr förmlich ins Gesicht. Die halbe Bar amüsiert sich darüber, aber es ist alles easy. Sie ist mutig und schmeißt trotzdem noch ein でも、かっこいい hinterher, haha. Ich denke ich bin locker 10cm gewachsen, oder war's doch nur mein Ego?

    Robin unterhält sich erst angeregt mit Takoko übers italienische Kochen und dann mit Shintaro über Computer- & Videospiele. Shintaro ist Grafikdesigner für Games und hat sich gerade für Jobs in Schweden und Kanada beworben. Er ist recht nervös wegen seines Englisch und leider hat er da auch etwas Grund dazu. Ich spreche ihm aber Mut zu und empfehle ihm so oft Englisch zu sprechen wie nur möglich. Immerhin hat er ja auch mich angesprochen in der Bar und verstehen tue ich ihn ja. Er war übrigens auch in der Gruppe vom letzten Samstag, ich erinnere mich nur dunkel an ihn.
    Als es Zeit ist für Takako zu gehen und die letzte Bahn zu erwischen, verabschiede ich sie, wie bei mir in Deutschland üblich, mit einer herzlichen Umarmung. Das wird plötzlich von der ganzen Bar lautstark mit "Oooohhoooooh" quittiert und ich bin verwirrt. Takoko sucht schnell das Weite und zwei der lautesten Tanten eröffnen mir, dass Rintaro ihr fester Freund ist. Ich bin überrascht und leicht schockiert wegen des Fettnäpfchens in das ich gerade getreten bin. Zeit für mich rot zu werden. Rintaro ist aber cool, es macht ihm nichts aus, schließlich habe ich nichts Schlimmes gemacht. Ich entschuldige mich trotzdem tausend Mal und schleime sogar etwas, nur um die Wogen sicherheitshalber zu glätten. Aber er kennt das von seinen ausländischen Gästen.

    お休み Tokyo, 又来週.

    Blöd nur, dass ich jetzt richtig krank werde...


    Thursday, 5 May 2011

    6. Tag (Shinkansen, Hakone und Fujisan)

    Heute geht es ab nach Hakone, das Wetter soll gut werden. Ich will unbedingt Fujisan (富士山) sehen!

    Es geht gegen 8 Uhr nach Ueno-Station und wir reservieren Sitzplätze im Shinkansen, dem japanischen Turboschnellzug. Mit dem JR Railpass können wir gratis fast jeden Shinkansen in der 2. Klasse nehmen, man muss vorher nur der Formhalber reservieren. Voll easy jedenfalls. Ich freue mich tierisch darauf endlich mal Shinkansen fahren zu können.
    Die Züge sind der Knaller. Flugzeugatmosphäre, alles vom feinsten. So viel Beinfreiheit, unfassbar für japanische Verhältnisse. Die Zugbegleiter und sogar die Snackverkäufer verbeugen sich jedes Mal beim Eintreten und Verlassen des Abteils! Wir fahren gerade mal 30min bis Odawara (小田原), ganz schön flink.

    Achja, heute ist Midori no Hi (みどりの日), der grüne Tag. Quasi der Tag um einen Ausflug ins Grüne zu unternehmen. Nicht nur wir sondern der Großteil der japanischen Bevölkerung nehmen das wörtlich.

    Im Bahnhof Odawara, der brummt wie ein Bienenstock, hilft uns ein Bahnangestellter im perfekten Englisch weiter. Wenn ich meine perfekt, dann wirklich perfekt! Ich liebe dieses Land des Services! Es ist ja letztendlich für alle viel besser so. Keiner ist genervt, gestresst oder hält den Verkehr auf. Alles läuft viel effizienter wenn jeder weiß wo er hin muss.

    Ab Odawara merke ich, dass sich die Landschaft ändert. Wir fahren in die Berge und spätestens ab Hakone-Yumoto-Station sieht man es auch ganz deutlich. Ein ganz neues Bild von Japan zeigt sich uns. Es sind unglaublich viele Menschen unterwegs bei strahlendem Sonnenschein. Es ist einfach herrlich. Bevor wir mit dem Bus weiterfahren, latschen wir noch etwas durch die steilen Strassen und snacken etwas.



    Zum Glück wir noch einen Sitzplatz im Bus. 40min stehen während der ganzen Fahrt würde echt ätzend sein. In Serpentinen geht es die Berge hinauf durch kleine Hoteldörfer hindurch. Die bergige Landschaft ist zauberhaft und in einem intensiven Grün. Ab und zu lugt am Horizont Fujisan durch die Bäume.


    Irgendwann sind wir dann beim Ashi-no-ko (芦ノ湖), dem Ashi-See angekommen. Boah, toll!! Das war die Mühe wert! Ich wecke Robin aus seinem Halbschlaf und wir steigen irgendwo aus wo es nett ist.


    Wir sind an einer alten Kontroll-/Zollstation namens Hakone-Sekisho, die mittlerweile als Nachbau an die alten Zeiten erinnert. Ganz nett gemacht. Die Stufen zum Aussichtsposten sind tough aber der Blick ist echt grandios. Robin entdeckt die Panoramafunktion seiner neuen Kamera, und die rockt!

    Links unten sieht man die Zollstation
    Wir machen uns weiter zu Fuß auf zum Onshi Hakone Detached Palace Garden, einem Garten der kaiserlichen Familie, der nun jedermann zur Verfügung steht. Der Garten ist teilweise wie ein verwunschenes Zauberland angelegt, an anderen Stellen wieder fast karg. Das zentrale Gebäude, eine Villa im westlichen Stil bietet eine traumhafte Aussicht auf den Ashi-See und den Fujisan.


    Im Hintergrund: Fujisan (wirklich!!)



    Aussicht vom Balkon der Villa
    Wir trinken Matcha und Kaffee und genießen die Aussicht aus den Fenstern der Villa. Es gibt einen Bildband mit Impressionen des Sees im Laufe der Jahreszeiten. Wirklich wunderschön, vor allem im Winter sieht es hier unglaublich toll aus. Auf dem Weg zur Busstation versuche ich kurz die Stille des Moments im Garten einzufangen.


    Am zentralen Anlegeplatz der Boote in Hakone (das sind übrigens Piratenschiffe, oh Mann) spricht uns ein Japaner auf Englisch. Er will sich wohl einfach nur unterhalten und ist vollkommen harmlos. Aber scheinbar haben wir Mitteleuropäer wohl einfach diese Grundskepsis wenn ein Wildfremder einen anspricht und seine Dienste ungefragt anbietet. Vor allem als er uns mit unserer Kamera fotografieren will, passe ich ganz genau auf, aber die Sorge ist vollkommen unbegründet. Er macht uns Komplimente über uns Englisch und ich natürlich über seins, natürlich in Japanisch. Das überrascht ihn sehr und er redet wie ein Wasserfall auf Japanisch weiter bis ich irgendwann Stop sagen, weil ich dann doch nur die Hälfte verstanden habe, haha. Er erzählt uns dass der Wind hier sehr stark und kühl ist, jedoch das Grundwasser aufgrund der vulkanischen Aktivitäten etwas wärmer als woanders. Ein lustiger Typ. Er macht wohl den ganzen Tag nix anderes als hier auf Touris zu warten und zu quatschen. Eigentlich ne echt schöne Sache.

    Trotzdem gehen wir irgendwann und suchen uns was zu essen. Wir snacken im Lawson Store und bedienen uns an sowas wie einem Büffet mit verschiedensten Sachen. Wir nehmen fast ausschließlich Dinge, die wir nicht (er)kennen (außer Tintenfisch) und setzen uns an den See zum futtern. Seeehr lecker, vor allem die Brühe.


    Danach machen wir auf zur langen Reise zurück nach Hause. Natürlich sind wir nicht die Einzigen und es ist mal wieder warten angesagt, schön geordnet und vollkommen entspannt :)


    Durch den kalten Wind am See haben wir beide die Befürchtung krank zu werden, also machen wir abends diesmal gar nix (auch nich saufen).

    Ich quatsche im Hostel etwas mit Izumi, die einen tollen britischen Akzent hat und auch sonst ziemlich cool ist. Sie war 3 Jahre in London und war als Guide für Japaner beschäftigt, quasi weltweit. Sie weiß selber nicht mehr wo sie ihre Wurzeln hat bzw. wo sie leben möchte. Sie möchte sich einfach, genau wie ich, keine Sorgen um Geld machen müssen, sondern einfach nur leben. Sie erzählt mir vom verlorenen "Spirit" im Hostel nach dem Erdbeben als die Gäste wegblieben. Eine Guesthouse lebt eben von internationalen Gästen. Sie freut sich, dass wir trotz der Unsicherheit trotzdem gekommen sind. Sie sagt, dass ich jetzt wohl schneller einen Job in Japan finden würde....hmmm...
    Ich beleidige sie wahrscheinlich etwas, als ich ohne Nachzudenken anmerke, dass ich definitiv nicht nach Japan komme, um in einem Hostel zu putzen sondern etwas meiner Qualifikation entsprechendes arbeiten möchte. Mist, das war ein Fettnäpfchen allererster Güte. Ich finde es schwierig sie zu durchschauen, japanische Frauen haben einfach viele Gesichter und sind unberechenbar. Hmmm Moment, gilt das nicht eigentlich für alle Frauen? ;)




    Wednesday, 4 May 2011

    5. Tag (Kamakura, Regen und Bier)

    Also los geht's! Es ist ca. 6 Uhr und ich fühle mich wie durch den Wolf gedreht. Trotz akutem Schlafmangel ist mein Frust aber etwas verflogen, wahrscheinlich weil ich ihn mir von der Seele geschrieben habe. Robin ärgert sich auch darüber, dass ich nicht schlafen konnte wenn er schnarcht, er weiß aber auch nicht was wir machen könnten. Wir probieren es mal mit Bettenwechsel.

    Wir kommen mit relativ wenig Verwirrung in Kamakura an. Superpraktisch hierbei natürlich wieder unser Railpass, der für jeden JR Zug gilt. Man kommt sich schon etwas exklusiv vor wenn man mit seinem "VIP-Pass" an den Schlangen vorbei gehen darf, immer nett begrüßt/bedankt/verabschiedet vom Stationspersonal. Kamakura ist scheinbar noch nicht erwacht. Alles ist noch ruhig und friedlich, der perfekte Ausgleich für die hektischen ersten Tage. Die Straßen sind fast leer. Wir saugen die friedliche Atmosphäre auf. Am Hase-dera (長谷寺), den ich noch nicht kannte, kommt Robin aus dem Staunen nicht mehr heraus und ich bin auch hin und weg.






    Es sind zwar immer mehr Menschen unterwegs aber es wird nicht hektisch oder laut, eher andächtig, trotz des Feiertags. Das ist diese besondere Atmosphäre von Kamakura, die ich besonders mag. Durch diese Ruhe komme ich auch dazu wesentlich mehr Bilder zu schießen, die Muse küsst mich quasi.







    Unterwegs sehe ich erstaunlich viele deutsche Schriftzüge. Warum gibt es hier wohl so viele Geschäfte mit deutschem Kram? Ist das grad Mode oder was?


    Erwähnenswert ist auch der leicht bekloppte Hund, den Robin fotografiert. Er ist zum totlachen und sorgt in den nächsten Tagen immer wieder für Erheiterung. Ein Blick auf das Foto reicht da bereits aus  :)


    Als wir in einer Gasse um die Ecke biegen, erschrickt sich eine uns entgegenkommende Fahrradfahrerin so sehr, dass ihre Gesichtszüge förmlich entgleisen und sie mehr als auffällig den Blick senkt. Gaijin-Power! Irgendwo kann ich sie ja verstehen, dass es vielleicht schöneres gibt als unsere Fressen beim um die Ecke biegen zu sehen, aber bitte...wir sind nur Gaijins, keine Mutanten! In Kamakura werden wir generell deutlich mehr angestarrt als z.B. in Tokyo. Vielleicht weil hier die Leute aus allen Teilen des Landes nach Kamakura kommen und in ihren heimatlichen Gefilden vielleicht nicht so viele Ausländer gewöhnt sind.

    Wir fahren diesmal etwas mehr Bus, egal was es kostet. Wir kommen somit sehr komfortabel zur Pflichtsehenswürdigkeit in Kamakura, dem Daibutsu des Kōtoku-in Tempel (高徳院). Ich pose etwas mit dem Carnaby-Shirt und bin jetzt wahrscheinlich auf 100 Fotos von irgendwelchen Japanern.



    Im Geschenkeshop des Tempels suche ich irgendetwas Nettes als Mitbringsel, bin aber wie an jedem Schrein oder Tempel von der Gleichartigkeit der Dinge abgetörnt. Keine Lust nur Kitsch zu kaufen. Ich denke aber, dass ich mir eine Gebetskette für das Handgelenk zulegen werde (schnell fürs Iaido oder die Arbeit auszuziehen). Ich muss nur noch die richtige Farbe und Größe finden.



    Die Strassen sind mittlerweile richtig voll. Besucherströme zu Fuss und in Autos (wie blöd sind die eigentlich?!). Menschenmassen wälzen sich durch die engen Gassen und Strassen von Kamakura. Jetzt verstehe ich warum Chikako-san zur Golden Week gerne das Weite sucht und lieber außerhalb Kamakura verbringt. Wir laufen zum Strand und finden es toll. Es ist zwar weniger sauber aber sehr beruhigend. Ich denke an den Tsunami, da dieser Ort stark denen aus dem TV ähnelt. Das Tsunami-Warnschild am Eingang zum Strand tut sein übriges. Ich suche mir instinktiv einen erhöhten Punkt falls wir rennen müssen. Jetzt ein Erdbeben und/oder ein Tsunami, das wäre beängstigend und irgendwie cool zugleich. Merkwürdige Gedanken, die ich da habe. Vor allem, wer würde das dann filmen?

    Der Mann und das Meer.
     

    Für das Essen in der Nähe des Hase-dera müssen wir über eine Stunde warten. Robin klappt beinahe zusammen und ich verliere etwas die Geduld mit ihm. Letztendlich habe ich selber einfach nur unfassbaren Hunger und die Warterei ist eine Qual. Das System im Restaurant ist natürlich durchdacht, man muss nur wissen wie es geht. Man schreibt seinen Namen in ein Buch und die Kellner rufen die Leute dann nacheinander auf wenn ein Tisch frei wird. Deswegen gibt es auch Wartebereiche in den Restaurants. Für Unagi-don (Aal) wartet man doch gerne!





    Nach diesem absolut formidablen Essen geht es uns besser und wir machen uns auf den Heimweg. Blöderweise muss ich pissen wie ein Brauereipferd und renne die letzten 100m bis zur Kamakura-Statuion. An jeder Ecke gibt es öffentliche Toiletten in Japan, aber nicht wenn ich gerade 2000bar Druck auf der Blase habe. Puuh, gerade noch mal gut gegangen. Beinahe hätte ich ne Seitengasse aufsuchen müssen, Kreuzberg-Style, aber am hellichten Tag :-/ Leider hat sich Chikako-san nicht mehr gemeldet, also fahren wir einfach zurück nach Tokyo.

    In der supervollen Bahn kann ich irgendwann etwas pennen. Beim Aufwachen liege ich beinahe auf der jungen Japanerin rechts von mir. Ob sie das cool oder eher nicht so cool fand, werde ich wohl nie erfahren. Als wir Asakusa-Station verlassen schüttet es wie aus Kübeln. Natürlich haben wir keine Regenschirme! In der Nähe gibt es auch keinen Laden, also jogge ich los um irgendwo zwei 100 Yen Schirme aufzutreiben. Aber wie mit den Klos ist auch kein 100円 Shop in der Nähe wenn man ihn braucht. Ich finde nur sauteuere 400 Yen Schirme, die trotzdem verkauft werden wie geschnitten Brot bei diesem Regen, aber ich passe lieber. Als ich zurück komme nieselt es nur noch, also gehen wir im Stechschritt zurück zum Hostel.


    Zurück im Hostel skype ich mit Sae-san, meinem Kontakt in Kyoto. Ich merke, dass ich deutlich mit ihr flirte. Sie sendet eindeutige Signale, sowohl was ihre Unsicherheit aber auch was ihre Neugier angeht. Sie fragt z.B. "So have you met any nice Japanese girl yet?" ...ookaayy...das wird noch lustig, entweder volles Drama oder volle Action. Ich tippe auf Ersteres. Man merkt auf jeden Fall, dass sie keine typische Japanerin ist und die Zeit in den USA sie ziemlich geprägt hat.

    Wir haben wieder Bock auf Bier, also auf in die Khaosan Bar! Es sind nur Männer anwesend, naja. Wir quatschen mit zwei besoffenen Japanern aus Gunma., nördlich von Tokyo, südlich von Fukushima (so sagen sie). Der eine ist schon so dicht (knallrotes Gesicht, blutunterlaufende Augen), dass sie darüber wilde Späße reissen und so tun, als ob sie die Todesengel wären und uns jetzt alle verstrahlen. Schwarzer Humor, auch ne Art damit umzugehen. Der andere denkt wahrhaftig ich sehe aus wie Brad Pitt (Burado Pitto)! "Very handsome" Leute, so langsam nervt es!
    Sie bestellen uns/mir Sake und ich ihnen später Wein, wohl wissen, dass sie bereits so elendig sterben werden, so hackezu sind sie. Aber die bierselige Freundlichkeit will ich natürlich erwidern. In der Bar ist auch ein Deutscher, der gerade seit 3 Monaten im Jet-Programm als Hilfslehrer arbeitet. Er hat einen äußerst merkwürdigen Akzent, mir gänzlich unbekannt (Saarland?). Als die Japaner gaaaanz heimlich reinhauen (wahrscheinlich um um die Ecke kotzen zu gehen) unterhalten wir uns etwas ernsthafter mit einem anderen Japaner. Er ist Business Journalist wie er sagt. Bei einer kleinen Rauerpause draussen dankt er Robin tatsächlich, dass wir/er nach Japan gekommen sind. Hammer! All die Flyjin haben das Business merklich verändert, sagt er. Jobs, die vorher Ausländer gemacht worden haben, waren plötzlich unbesetzt, einfach weil die Leute keinen Arsch in der Hose hatten und ihre Kollegen und Arbeitgeber im Stich gelassen haben. Die Dankbarkeit, die uns für einen einfachen Besuch als Touristen jetzt gegenüber gebracht wird, ist einfach toll. Ich freue mich sehr darüber.

    Am Ende des Abends bin ich relativ dicht von dem vielen Bier und Sake aber wir gehen noch im Konbini Zeugs einkaufen, massenhaft!

    Achja, in Japan als Berliner mal Seeed in einer Bar spielen zu können, war und ist einfach grandios! Bis auf den Barkeeper (ein lahmer Reggae-Vertreter) sind alle gut abgegangen :D