Monday, 31 December 2012

16. Tag (Regen und neue Freunde zum Feiern)

Es regnet heute ziemlich stark. Dementsprechend ist meine Laune auch nicht die Beste. Vor allem weil ich es partout nicht schaffe, dass Saori sich mit mir treffen möchte obwohl sie frei hat. Sie hat nen ziemlichen Kater, kein Wunder nach dem Gelage gestern.

Ich gehe nur kurz raus und esse was bei dem großen Sakura-ya, das ich schon aus Itabashi kenne. Die Kellnerin spricht sehr gut English und bringt mir auch prompt ein englisches Menü. Ich bestelle mal was simples; mit Käse überbackene Kartoffeln und ne gebratene Makrele. Letzteres braucht ewig, schmeckt aber ganz lecker. Hätte ich mal kein Bier bestellt, mir ist schon wieder viel zu warm.

Da es immer stärker regnet versuche ich gar nicht erst etwas anderes zu probieren und kehre ins Hostel zurück. Ich überlege heute einfach mal allein wegzugehen, am besten in einen Club, der eher für Japaner ist und alles mögliche an Musik hat. Meine Wahl fällt auf den Club Atom. Ich sichere mir brav Screenshots von der Route und gehe dann wieder in die Bar mit der Hoffnung, vielleicht eine spontane Begleitung zu finden. Meine Bekanntschaften von gestern bzw. von vor einer Weile reagieren leider genauso wenig wie Saori.

Die Bar ist um 21 Uhr nicht besonders gut gefüllt und die Leute sehen irgendwie langweilig aus. Ich trinke zwei Drinks und will mich schon auf den Weg machen, da kommt eine etwas verloren wirkende, aber aufgekratzte Asiatin in die Bar. Sie ist gerade angekommen und kommt aus Taiwan. Peng, und schon haben wir ein Gesprächsthema. Joanna ist quasi zu Silvester in Tokyo gestrandet, ihre Freundin musste unerwartet zurück nach Taiwan. Ich lasse es mir nicht nehmen sie ebenfalls auf die NYE Party der Facebook-Gruppe von Tims Freunden einzuladen, genauso wie zu meiner heutigen Unternehmung. Als dann Ashley auch ein Lebenszeichen per Mail von sich gibt, bitte ich sie gleich mit dazu. Sie kommt mit einer putzig aussehenden Waschbär-Mütze und versprüht gleich gute Laune. Sie und Joanna verstehen sich gleich super, haben die gleiche Kamera, haha. Der Abend ist also gerettet.

Plötzlich wird auch die Bar voller, bekannte Gesichter und auch Bini und Freundin kommen vorbei. Wir quatschen also wesentlich läger als ursprünglich geplant, ziehen dann aber zu dritt los. Ich bin also der Anführer von zwei Japanneulingen und fühle mich dabei ganz wohl muss ich zugeben. Da ich noch sehr gut nachfühlen kann wie verloren man sich teilweise vorkommen kann, gebe ich ab und zu eine paar Tipps zum Besten und besonders Ashley ist darüber sehr dankbar.

Ich dachte ich kenne den Weg zum Club Atom, hab mir ja sogar Notizen gemacht. Verlaufe mich aber tooottaaaal. Wir gehen im Lawson Konbini lieber erstmal Alkohol kaufen, das hilft beim Denken. Aus Versehen kaufe ich statt Sake den starken Shochu für Ashley, aber das steckt sie weg. Vom netten Verkäufer versuche ich mir dann den Weg erklären zu lassen, bin aber etwas verwirrt wegen der Karten, die er mir präsentiert. Kann einfach nicht unseren Standort mit dem vom Club Atom verbinden.

Scheiß drauf, wir nehmen einfach ein Taxi, kostet eh nur 710 Yen. Zu dritt ist das ja nix. Der Taxifahrer ist auch total nett und erlaubt uns unsere kleinen Späße im Taxi.

Das coolste Taxibild ever!!!!!
Na toll, der verdammte Laden ist genau eine Ecke neben The Womb! Hätte ich das gewußt, wäre ich anders gelaufen, grrr. Naja, jetzt sind wir ja da. Uh oh, Ashley hat ihren Pass nicht dabei, wir kommen deswegen nicht rein. Sie hat alles andere dabei, diverse Altersnachweise, sogar ihr koreanisches Visa. Der Türsteher ist aber ein Arsch und wird sogar leicht aggressiv als er uns verständlich macht, dass es nur mit Pass geht. So ein Wixer. Das erste Mal, dass ich auf nen Japaner sauer bin.

Ashley hat ein schlechtes Gewissen aber wir lassen uns nicht die Laune verderben und  gehen einfach ins Womb nebenan, da weiß ich wenigstens, dass alles gut läuft. Wir haben dann auch Glück, im Womb wird nicht ausschließlich nach Pässen gefragt, jegliche ID reicht. Der Eintritt ist aber sportlich; 3.500 Yen, puuh.

Der Laden ist wieder immerder Knaller, richtig geil. Die Mucke fetzt und diesmal hat's sogar Tänzerinnen. Ein Facebook Video dazu gibt es hier.
 


Joanna ist total happy weil sie Leute gefunden hat um in Tokyo Party zu machen und kein Trübsal blasen muss. Ashley amüsiert sich auch großartig. Beide danken mir tausend Mal für den geilen Abend. Ich fühle mich wie der Partykönig von Tokyo :D

Nach dem vielen Tanzen und Trinken gehen wir noch in das nächste Kushinoya und verputzen alle ein leckeres Mahl. Ein Typ pennt ganz ungeniert auf dem Tresen und hat erstaunlicherweise ein recht großes Tattoo auf dem Rücken.


Die erste Bahn geht erst um 5:01 Uhr und wir haben noch mehr als 30 Minuten Zeit. Also verbringen es mit Warten vor der verschlossenen Station und reden über Waffengesetze in den USA und Amokläufe. Ashley hält das Recht auf Waffen für integral im amerikanischen Gesetz, ist aber strikt gegen Waffen und weiß nur keine Lösung. Sehr amerikanisch irgendwie. Joanna bringt die Frage nach der Unabhängigkeit Taiwans auf, sie weiß auch keine Antwort auf eine Lösung in naher Zukunft. Harte Thema zu einer unmenschlichen Uhrzeit, haha.



In der Bahn dösen wir dann alle seelig vor uns hin. Echt ein cooler Abend, ob der noch von der morgigen Silvesternacht getoppt werden kann? Wird schwer!

Sunday, 30 December 2012

15. Tag (Nikko, Jazz und Party)

Auf auf, heute geht es nach Nikko. Berühmt für seine schöne Landschaft und wunderschönen Tempel und Schreine, die sogar in Summe ein UNESCO Welterbe sind.
Vorher quatsche ich noch mit meinem neuen Zimmergenossen Tim. Er ist aus Australien, vietnamesischer Abstammung und sehr freundlich. Ihm ist dauernd kalt, haha. Irgendwie werde ich am Ende unseres Gespräches zur Neujahrs-Party seiner Freunde eingeladen. Also keine Party im eigentlichen Sinne, man geht einfach in einen Club und feiert zusammen. Die Wahl ist auf den Club Asia gefallen. Kenn ich nicht, soll aber auch gut sein habe ich gehört. Achja, Tim ist ziemlich schwul, das hört man schon daran wie er spricht und seine ganzen Kumpels wohl auch (abgesehen von den Mädels). Wir adden uns gleich auf Facebook und da ich spontane Sachen natürlich cool finde, bin ich bei der Party sofort dabei.

Küssende Shinkansen-Züge
Mein Railpass ist noch gültig, also fahre ich komfortabel mit dem Shinkansen. Von Ueno-Station geht es mit dem Tohoku Shinkansen nach Utsonomiya (宇都宮) und von dort aus mit der JR Nikko Line bis zur Endhaltestelle Nikko Station. In Utsonomiya ist es noch gutes Wetter und trocken, eigentlich sogar recht warm. Als ich dann in den altbackenen Waggon der Nikko Line einsteige wundere ich mich schon warum es hier so bullig heiß ist. Also wieder raus aus den Klamotten. Das nervt mich etwas an Japan. Jedenfalls fährt der Zug gemächlich gen Norden und die Wärme sowie die Klimaanlage lassen mich einschlummern. Als ich erwache sehe ich auf einmal Schnee! Überall! WTF? Sind wir so weit in den Norden bzw. in die Berge gefahren? Ein toller Anblick. Jetzt verstehe ich auch warum geheizt wird. In Nikko angekommen finde ich mich in einem zauberhaft verträumten Bergstädtchen wieder, dass unter einer leichten Schneedecke liegt. Es ist wirklich richtig kalt hier. Gottseidank hab ich mir in Nagoya den Schal gekauft, sonst müsste ich jetzt frieren.


Von der Nikko Station aus geht es mit dem Bus hoch zu den diversen Tempeln und Schreinen. Noch habe ich nicht direkt einen Plan was ich sehen will, also verlasse ich mich auf den Touristenführer, den ich am Bahnhof mitgenommen habe. An irgendeinem Stop springe ich ab und latsche die rutschigen, mit Schneematsch bedeckten Wege den Berg hinauf zum Tosho-gu, dem Shinto-Schrein des berühmten Tokugawa Ieyasu, dem Begründer des Shogunats und der Edo-Periode. Der Schrein ist vor allen Dingen berühmt für seine prunkvollen Verzierungen. Außerdem sehe ich hier zufällig die Drei Affen, die wohl jeder schon seit seiner Kindheit kennt.







Der Schrein ist wirklich prunkvoll und mit seinen Türmchen und Giebeln eine Augenweide. Überall liegt Schnee und macht aus dem dem simpelsten Stein ein attraktives Motiv für den gewillten Fotografen (moi).









Hipster-Filter



Mit dem Schnee wirkt dieser Ort wahrlich bezaubernd
Heute machen alle Tempel und Schreine und überhaupt alles in Nikko ziemlich zeitig zu. Mir bleibt also eigentlich nicht genug Zeit um mir alles anzuschauen. Es bleibt also nur bei ein, zwei Sehenswürdigkeiten.



Die Entfernung zurück zum Bahnhof sieht nicht allzu weit aus, also laufe ich einfach. Die kühle Luft tut gut. Auf dem Weg liegt auch die berühmte "Heilige Brücke" (神橋) des Futarasan Schreins (日光二荒山神社). Sie ist natürlich wegen des Schnees gesperrt. Macht aber auch so einen schönen Eindruck, inklusives des darunterliegenden Flusses. Das Tauwasser macht daraus einen glucksenden, wirbelnden Strom. Wieder ein schönes Fotomotiv. Ausnahmsweise habe ich heute ja mal die große Kamera mitgenommen, auch wenn ich damit immer weniger Fotos mache.







Auf meinem Fußmarsch sehe ich mehrere Läden, die Bilder von Drachen verkaufen. Die Besonderheit ist, dass die Bilder offenbar mit nur einem Pinselstrich gemalt werden. Leider haben alle Läden schon zu, so wie der Rest der Stadt. Liegt ja auch an dem kommenden Neujahr schätze ich. Da haben die Leute besseres zu tun als nach Nikko zu fahren. Hätte mir aber in den Drachenläden gerne ein paar Anregungen für die Colorierung meines Tattoos geholt, vielleicht sogar ein richtiges Bild zum aufhängen.


Einer der vielen Drachenbild-Läden
Nikko Station
Die Heimfahrt ist lang und mummelig. Im Zug schlafe ich fast die ganze Zeit, bin ja mittlerweile Profi darin. Wieder im Hostel angekommen mache ich mich fertig für den heutigen Abend. Es geht zwar wieder in die Bar aber zur Abwechslung gibt es heute mal Jazz im 1. Stock. Hiro-san der Barkeeper, der mich sogar immer wieder erkennt und ein echt netter Zeitgenosse ist, tritt mit seiner Band auf, dem Asaba Trio.

Der Isländer Bini und seine hübsche Freundin sind auch schon da. Eigentlich kostet der Abend heute Eintritt, aber da ich schon so früh da sind und bereits Drinks haben, hoffen wir um die Kosten drumrum zu kommen, klappt aber nicht ganz. Cheffe Akira-san passt auf!

Das Jazz Gedudele ist wirklich großartig, die Jungs sind talentiert und Hiro wirklich ein begnadeter Gitarrenspieler. Er hat wirklich komplizierte Arrangements gemacht wo ich mir schon beim Zugucken die Finger verknote, aber er hat ein Ding nachm anderen raus. Cooler Typ! Und typisch Japanisch ist er dabei ganz zurückhaltend und bescheiden. Man merkt, die Jungs haben wirklich Spaß bei der Sache. Das zweite Set wird sogar noch cooler.

Hiro (links) an der Gitarre
Bereits zum Konzert ist der Laden ziemlich voll. Irgendwann kommt dann die gesammelte Khaosan Belegschaft aus ganz Japan um den Abschiedsabend ihres Oberbosses (社長) in der Bar ausklingen zu lassen. Alle in schicken Klamotten, richtig formell. Der Boss ist schon gut besoffen und ein richtiges party animal wie es scheint. Er haut die Runden raus und gröhlt und rangelt mit den Leuten, es ist der Knaller. Auch Saori ist dabei und fängt an richtig zu trinken. Das hat bei ihr einen ziemlich extremen und unschönen Effekt, quasi die schlimmste betrunkene Nerv-Ische die man sich vorstellen kann, und ihre zwei Kolleginnen genauso. Aber dabei ignoriert sie mich völlig.  Freudigerweise ist auch Takako-san da, die ich zuletzt vor ihrer langen Reise durch Südamerika gesehen habe. Wir quatschen etwas, stossen an und beäumeln uns mit den anderen über die immer besoffeneren beer pong matches.

Takako mit viel beer pong Geld
Seit einer Weile wird im 1. Stock der Bar recht oft beer pong gespielt. Ein bescheuertes, viel zu amerikanisches Spiel wie ich finde. Die Japaner stehen aber irgendwie drauf, auch wenn sie es nur mit Wasser spielen. Heute wird sogar um Geld gespielt, richtig viel Geld sogar. Der Khaosan Boss fordert den letzten Gewinner lärmend heraus. Beim Spielen provoziert er, ignoriert mehr oder weniger die Regeln und macht lustige Sachen, es ist zum Schießen. Er ist viel zu betrunken, um gerade zu werfen, verliert also daher fast jedes Spiel.



Der ging daneben...
 

Zum letzten match lagen wohl knapp 50 -70.000 Yen auf dem Tisch, das sind fast 700€!!! Der Boss verliert natürlich am Ende wieder aber nimmt es mit Humor. Er schmeißt Runden in Form von Tickets, ziemlich geil.

In der Bar steht ein großer spanischer Schinken, von dem man für den Wert eines Tickets einen kleinen Teller abbekommen kann. Heute werden ein paar Runden geschmissen aber irgendwann eskaliert es zur kostenlosen Selbstbedienung. Ein Franzose übertreibt es ein bisschen und kriegt von Akira Anschiss ("This us not free, this is for sale!!").

Ganz interessant ist auch, dass der Boss vom Khaosan Kyoto da ist. Ich nutze die Gelegenheit um mich über den nervigen Cleaning Staff vom letzten Jahr zu beschweren. Ich merke sofort, dass er weiß um wen es geht. Er entschuldigt sich und bedankt sich für die Rückmeldung. Das Problem scheine nicht nur ich gehabt zu haben, aber nun ist es wohl geklärt. 

Der Boss wird irgendwann volltrunken ins Taxi gesetzt und von allen verabschiedet. Das ist in Japan so, dass alle vorm Taxi stehen, sich verbeugen und wirklich warten bis das Taxi dann auch um die Ecke ist. Eine Respektsbekundung, die man wohl nur als ganz Vorgesetzter bekommt.

Die ganze Truppe geht noch Ramen essen. In Asakusa gibt es wohl einen Laden mit ganz spezieller, super-fettiger Ramen-Suppe, die gut gegen Kater ist. So ein paar Kollegen (z.B. Saori) können das gut jetzt gebrauchen und ich gehe einerseits mit weil ich Hunger hab, andererseits weil ich hoffe, dass ich mich doch noch mit Saori davonstehlen kann. Letztendlich redet nur Hiro mit mir und den anderen zwei Ausländern. Die anderen Khaosan Leute sondern sich eher ab, Saori ignoriert mich partout. Der Ramen ist so krass fettig, das ist schon nicht mehr feierlich. Es wird in jede Portion extra eine Portion Fett oben raufgepackt, quasi durch ein Sieb geschwenkt. Viel zu heftig die Portion, ich schaffe nur die Hälfte.


Als alle aufbrechen laufe ich einfach nach Hause, hab die Schnauze voll. Das mit Saori nervt mich total. Aber der Abend war wirklich der Knaller.

Saturday, 29 December 2012

14. Tag (Treffen mit den Koopmans-Tanakas und Iaido-Training)

Da Saori heute Dienst hat stehe ich ganz früh auf um vor ihr im Hostel zu sein. Es sollen ja keine blöden Fragen kommen. Gar nicht so einfach in der Eiseskälte in die Gänge zu kommen. Ein heißer Dosenkaffee aus dem Automaten am Bahnhof tut sein Bestes. Mit vielen verschlafenen Pendlern stehe ich also im Zug Richtung Asakusa und genieße die herrliche Stille im Zug. Was für eine Nacht.

Heute stehen auf der Tagesordnung nur zwei Dinge. Ein Treffen mit Annika und Junichi Koopman Tanaka in Asakusa und ein erneutes Iaido-Training im Shibuya Dojo.

Junichi hatte mich damals auf doitsunet friends angesprochen, wahrscheinlich weil ich aus Berlin bin. Da er ganz lustig wirkte und interessanterweise mit einer Deutschen verheiratet ist, dachte ich mir diese beiden sind doch ein Treffen werd. Ihre Hintergrundgeschichte interessiert mich einfach.

Wir treffen uns am Kaminarimon in Asakusa und gehen erstmal zusammen Kaiten-Sushi essen. Hatte noch kein Sushi bislang fällt mir dabei ein. Annika kommt irgendwo aus Hessen, hört man ihr aber nicht an. Sie ist ziemlich groß, ihr Mann sieht dagegen klein aus obwohl er für japanische Verhältnisse nicht klein ist. Junichi schenkt mir was Süßes von der Nakamise-dori. Super...und ich habe nix für die beiden.

Sie haben sich online kennengelernt, wahrscheinlich auch bei doitsunet bzw. worldfriends. Nach einer Weile haben sie sich dann online "verlobt", quasi über Skype. Sie hat ihn dann in Japan besucht und dort standesamtlich geheiratet. Die Ehe ist in Deutschland aber noch nicht bestätigt. Er ist 28, sie gerade mal 20, krass. Zusammen sprechen sie eigentlich nur Englisch, er lässt sie scheinbar nicht wirklich Japanisch lernen. Das kenne ich aber, man nimmt immer die Sprache mit der man am besten Gefühle und Informationen austauschen kann. Annika und ich sprechen nur ganz kurz etwas Deutsch und bleiben dann beim Englisch.

Wir sitzen so an der Sushi-Theke, dass links von mir Annika und links von ihr dann Jun sitzt. Mir fällt auf, dass er immer wieder demonstrativ seinen Arm um sie legt, will wohl seinen Besitzanspruch kenntlich machen. Kommt ein bisschen prollig rüber und ist auch unnötig. Ihr gefällt das nicht so ganz, sie nimmt seinen Arm immer wieder runter. Ich rede auch meistens mit ihr bzw. richte die meisten Fragen an sie, vielleicht liegt es daran? Ich versuche ihn auch mehr mit ins Gespräch zu holen.

Nächstes Jahr wollen sie nach Berlin, wo sie ein Ausbildung machen möchte und er versucht japanische Musik nach Deutschland zu holen. Er hat hierzu ein eine Geschäftsidee entwickelt und bereits den Namen (Actwitness) und das Konzept erarbeitet. Sehr umtriebig der Gute, er hat wirklich vor sich einen Traum zu verwicklichen. Sowas mag ich und unterstütze ich gerne, vor allem wenn es dann noch in Berlin ist. Ich biete Jun all meine Hilfe an, so ein paar Kontakte in die Musikszene habe ich ja dann doch.

Ein interessantes Paar die beiden, einfach putzig zusammen.Trotzdem kommt mir die Kombination merkwürdig vor, schon alleine wegen des Alters. Wahrscheinlich bin ich da aber einfach zu sehr abgebrüht und desillusioniert, dass ich noch an die wahre Liebe glauben könnte. Aber ich bin sehr zuversichtlich, dass die beiden irgendwie ihren Weg machen werden.

Nach knapp ner Stunde mache ich mich auf den Weg Richtung Shibuya zum Iaido Training. Die beiden dachten wohl, ich hätte mehr Zeit für einen Bummel in Asakusa und sind etwas enttäuscht. Aber wir sehen uns ja sicherlich in Berlin wieder, dann zeige ich ihnen etwas die Stadt. Ich möchte mich ja auch revanchieren, dass sie mein Essen bezahlt haben :)

Mein Plan war ursprünglich mich ins Starbucks an der berühmten Kreuzung von Shibuya zu setzen (ausnahmsweise) und dort mit freiem WLAN etwas die Zeit im Internet tot zu schlagen. Pustekuchen, Starbucks hat nur sauteuren Kaffee aber kein Gratis-WLAN. Es gibt sogar eine extra Erklärungskarte auf Englisch dafür. Bin wohl nicht der einzige Ausländer, der das voraussetzt.

Also schreibe ich offline etwas an meinem Blog und hören den diversen ausländischen Gästen zu. Die Aussicht ist natürlich grandios, zu jeder Ampelphase strömen die Menschenmassen über die Kreuzung. Den Ausländern gefällt das und wird hunderte Male fotografiert und kommentiert.


Mir fällt auf, dass es in der Nähe von großen JR Stationen Gratis-WLAN gibt. Yeah baby! Ich nutze die Möglichkeit um mit Saori zu kommunizieren erhalte aber keine wirkliche Antwort. Da ich immer noch Zeit habe bis zum Training stelle ich mich an der langen Schlage am JR Ticketcounter an und hole mir einen Sitzplatz für morgen. Ich möchte nämlich etwas Sightseeing nachholen und endlich nach Nikko (日光) fahren solange mein Railpass noch gültig ist. Ticket und alles klappt wunderbar, sogar auf Japanisch.

Danach hole ich mir noch lecker Gebäck im Bahnhof, es ist immer noch viel Zeit. Komisch, es gibt immer mehr dieser Backshops in Japan, fast so wie bei uns. Natürlich sind die Variationen und Kreationen hier viel zahlreicher und die Qualität ist auch gefühlt doppelt so gut.

Ich laufe zum Dojo und finde ihn diesmal sogar auf Anhieb. Leider hat er noch nicht geöffnet, also verputze ich mein Essen direkt davor. Den Schrein nebenan schaue ich mir auch an, wie jedes Mal. Scheinbar wegen des Jahreswechselns hat man hier eine Art Kreis aufgehängt, durch den die Menschen auf eine bestimmte Art hindurch laufen müssen. Sogar eine Anleitung hängt daneben. Wahrscheinlich soll das Glück bringen. Noch länger in der Kälte zu warten ist mir aber nix, also gehe ich in die nächstgelegene Bar. Nur ne Cola, das reicht.


Im Dojo ist Mochisai-Sensei schon da und beginnt das Training recht früh. Esaka-sensei kommt heute später. Auch Nashima-sensei kommt und erkennt mich natürlich wieder. Schön, diesmal mit Namen angesprochen zu werden. Esaka-Sensei begrüßt mich jedoch kurz und knapp, bin mir immer noch nicht sicher ob er weiß wer ich bin.

Scheisse kalt im Dojo heute, hier gibt es keine Heizung wie in Kisarazu. Aber Gelegenheit mich zu bewegen habe ich in den nächsten 2 Stunden Einzeltraining von Mochisai-Sensei genug. Er zeigt mir viele Dinge auf, die sich bei mir im Laufe der Zeit eingeschlichen haben. Ich hoffe ich behalte sie alle auch im Kopf. Da ich noch nicht alle Tatehiza Katas (立膝之部) kenne, zeigt er mir zwei weitere; Urukogaeshi und Namigaeshi. Sind ähnlich wie Migi und Ushiro.

Esaka-sensei haut einfach mittendrin ab, ohne sich direkt bei mir zu verabschieden. Ich kriege es nicht mal direkt mit. Er hat sich innerhalb des Dojos auch gar nicht blicken lassen, nicht mal umgezogen glaub ich. Hmm, komisch, vielleicht war es zu kalt?

Am Ende soll jeder Schüler eine Reihe Katas vormachen. Zum Glück kann ich mich drum drücken weil ich noch nicht alle Tatehizas kann. Puuh, Schwein gehabt, ich wäre wahrscheinlich da vorne gestorben vor Nervosität.

Einer der jüngeren Schüler hat etwas Süßes mitgebracht und es wird gemeinschaftlich verputzt. Da Esaka-sensei heute nicht dabei ist, gehen nicht alle in die Izakaya wie sonst. Ein bisschen schade aber eigentlich finde ich das ganz gut so, denn ich will zurück und irgendwie den Abend noch mit Saori verbringen, wenn möglich.

Der Traum platzt aber rasch, sie sagt mir ab, keine Chance. Ärgerlich. Also gehe ich wieder in die Khaosan Bar und unterhalte mich mit einem Belgier und einem Brasilianer. Letzterer lernt in Fukuoka an der Uni Philosophie und hat schon 6 Jahre Japanisch-Erfahrung, Wahnsinn. Seine Aussprache ist aber trotzdem nicht so gut finde ich, viel zu krasser Akzent. Er hatte aber schon den JLPT N2 bevor er das erste Mal nach Japan gekommen ist, das ist schon heftig.

Der Belgier reist schon seit 6 Monaten meistens über Land durch Ost-Asien, kommt gerade aus Korea wo er einen Monat verbracht hat. Er ist etwas down weil die Gruppe im koreanischen Partyhostel ihn irgendwie rausgeekelt hat. Rädelsführerin war eine Japanerin, die auch aus der Khaosan Familie kommt. Tatsächlich kommt heraus dass Midori, die früher im Khaosan Samurai gearbeitet hat, jetzt genau in diesem Hostel arbeitet und auch dafür verantwortlich ist, dass er am Ende dumm da stand. Haha, die Welt ist einfach so klein. Ich erzähle ihm etwas von meinem Eindruck von Midori und ich habe das Gefühl, dass er etwas erleichtert ist und sich nicht mehr so stark selbst die Schuld an allem gibt, da Midori schon ein etwas schwieriger Charakter ist. Patient geheilt :)

Ich gehe etwas früher ins Bett, will morgen nicht verpennen und den Tag maximal für Nikko nutzen.

Friday, 28 December 2012

13. Tag (Ein Tag mit Saori)

Heute treffe ich mich mit Saori. Schön, endlich mal eine Unternehmung mit jemanden aus Tokyo, den bzw. die ich auch in Tokyo kennengelernt habe (und nicht nur online).

Einen wirklichen Plan haben wir eigentlich nicht für heute, nur essen und trinken, keine Ahnung was noch zu machen wäre. Vielleicht ins Kino?

Ich frühstücke leicht und mache mich auf den Weg nach Ikebukuro (池袋駅). Während ich draußen warte kommt ein älterer Herr auf mich zu und fragt mich wie es mir geht und woher ich komme. Er spricht etwas komisches Englisch, ist aber ganz höflich. Er war schon mal in Deutschland, in Frankfurt, aber nur auf der Durchreise nach Norwegen, wo er auf einer Mission war.

Ich bin kurz verwundert was er mit Mission meint, aber als er dann sagt "You are the same age as Jesus", dämmert es mir. Er ist ein Missionar und versucht mich ganz eindeutig ein Gespräch zu verwickeln. Da ich eh früh dran bin und warten muss, tu ich mir das Ganze einfach mal an. Es geht offensichtlich um eine Christliche Gemeinschaft, welche weiß ich noch nicht. Er erzählt, dass alles „dual“ ist, zwei Augen, zwei Arme, zwei Beine, usw. Daher auch Mann und Frau, und dass Gott quasi das Duale Prinzip zum Menschen darstellt.

Er gibt mir seine Karte, Unification Church of blabla, kenn ich nicht. Klingt aber schon mal komisch. Als er dann seine Broschüre öffnet in der als oberste Leitung ein Koreaner und eine Koreanerin zu sehen sind und ich dann Moon heraus höre, wird es mir plötzlich klar; das ist diese Moon-Sekte!! Jetzt beginnt es mir erst richtig Spaß zu machen. Ich lasse ihn ein bisschen (für sein Geld) arbeiten und stellen sowohl grundsätzliche religiöse Thesen in Frage, so wie das Vorhandensein eines einzelnen Gottes, als auch die Entstehung von Religionen an sich.

Ganz besonders gehe ich darauf ein, dass ich es quasi für Blasphemie halte wenn jemand wie dieser Moon meint, er ist der neue Messias und darf damit Menschen vorschreiben was sie zu glauben haben. Als er mir die Seite über die Massenhochzeiten zeigt, in der westliche und asiatische Paare im vermeintlichen Glück zu sehen sind, frage ich provokant ob gleichgeschlechtliche Ehen auch akzeptiert sind. Er ist sichtlich verunsichert, behauptet aber, dass das kein Problem ist. Ich behaupte weiterhin, basierend auf meinen veralteten Wikipedia-Kenntnissen, dass Moon einfach nur einen ökonomischen und politischen Kontrollmechanismus erschaffen hat und dass ich mich nicht kontrollieren lassen möchte. Ich bleibe jedoch immer respektvoll und versichere meinem Gegenüber, übrigens ist er wahrscheinlich Chinese, dass ich seinen Glauben respektiere.

Er gibt nicht auf und versucht weiter mich in tiefere Kenntnisse und Wahrheiten einzuweihen. Die ultimative Wahrheit scheint ihm besonders wichtig zu sein. Moon hat die Wahrheit erkannt, Jesus hatte Nachfolger, ich kann aber nicht verstehen wen er meint, da seine englische Aussprache stellenweise viel zu schlecht ist. Irgendwie der Sohn von Johannes dem Täufer?!

Ein paar andere Sachen verstehe ich auch nicht ganz, wie z.B. den Vergleich vom Apfel aus der Adam & Eva Geschichte mit einem Sexorgan, als Sinnbild des Teufels. Kann mir nicht verkneifen nachzufragen, ob sie deswegen keine Äpfel essen, hehe.

Er wird im Laufe des Gespräches immer lauter und gestikulierender, beinahe predigt er auf offener Straße. Ich stachele ihn weiter an, in dem ich Vergleiche zu Scientology und dem Islam ziehe. Als Verteidigung sagt er, dass der Messias nicht physisch als Moon wiedergeboren wurde sondern spirituell. Ich hole sogar die Geschichte vom Erzengel Michael aus der Tasche und erzähle wie Luzifer anmaßte, die Macht im Himmel an sich zu reißen und letztendlich von Michael mit den Worten „wer ist wie Gott“ in die Hölle gestoßen wurde. Angenommen es gäbe den einen Gott, wer darf sich dann anmaßen wie er zu sein? Niemand anderes, oder? So wirklich geht er darauf nicht ein, er versucht es anders.

Er spricht über Liebe und das vieles im Leben durch den Mangel an Liebe geschieht. Da gebe ich ihm natürlich Recht, aber ich merke an, dass das Gefühl der Gruppenzugehörigkeit und schwache Charaktere das Futter für Organisationen wie seine sind. Ich sage ihm ganz direkt, dass ich mit Sicherheit nicht in seine Kirche eintrete, zumal ich ja Katholisch erzogen wurden und dann mit 18 aus der Kirche ausgetreten bin. Dass ich eher dem Buddhismus zugeneigt bin findet er ziemlich interessant und gesteht mir zu, dass ich einen weiten Horizont habe. Naja, gar nicht mal wegen der Komplimente sondern wegen seiner Hingabe und seiner offensichtlichen Überzeugung etwas Gutes zu vertreten und etwas Gutes zu tun, muss ich einfach sagen, dass er mir sympathisch ist. Auf meine Frage hin warum er denn überhaupt missioniert, sagt er, dass er nur seinen Glauben vorstellen und niemanden zwingen will („only introduce“).

Zum Glück taucht irgendwann Saori auf und rettet mich. Ich wäre ihn wahrscheinlich gar nicht losgeworden, so hartnäckig war er. Aber klar, als Missionar muss man das wohl. Vielleicht hatte er ja sogar eine Quote, persönlich-emotional oder sogar eine tatsächliche.

Saori sieht schick aus, ganz in schwarz, scheint aber etwas schüchterner zu sein als sonst. Wir laufen in der Gegend von Ikebukuro rum und suchen uns was zu essen. Die Wahl fällt auf Shabu-Shabu. Ich bin etwas unsicher ob ich es diesmal vertrage, denn letztes Mal ist es mir ganz schön im Magen rumgegangen. Lecker ist es aber unbedingt, also go for it.


Wir quatschen über dies und das, Musik und ihre Arbeit, Pläne für die Zukunft, Reisen, usw. Sie ist 25, älter als man denkt. Kriegt sie wohl öfters zu hören. Sie liebt ihre Katze Ebi-chan und hat außerhalb der Arbeit wohl nicht so viel soziale Interaktion mit Menschen. Sie wirkt wie jemand, der Angst und Unsicherheit im Alltag hinter einer Maske von Coolness und einer Scheiß-egal-Haltung versteckt, aber sie verrät sich oft und lässt mich auch langsam hinter ihre Fassade blicken.

Als wir mit dem Essen fertig sind ist es noch viel zu früh, um was trinken zu gehen. Also geht sie noch etwas nach Geschenken für ihre Freundinnen gucken. Ich finde mich also wieder in Begleitung einer netten Dame in einem japanischen Kaufhaus wieder, hah. Eigentlich ganz angenehm, nur kaufen kann ich einfach nichts, denn es gibt einfach zu viel Auswahl! Von allem gibt es nicht nur 5, nein 12 verschiedene Ausführungen. Egal was ich brauchen würde, ich wüsste nicht was ich nehmen sollte bei so viel Varianten in Form, Farbe, Preis und Qualität. Wobei in Sachen Qualität sieht alles super aus, es ist gar nicht so einfach Unterschied zwischen billig, normal und teuer zu erkennen.

Das Shabu-Shabu haut mir dann doch wieder direkt in die Eingeweide und es rumort gewaltig, kein angenehmes Gefühl wenn man gerade ein Date hat. Ich versuche es irgendwie zu überspielen. Nie wieder Shabu-Shabu!!!

Da sie nicht viel Glück bei der Geschenkesuche hat beschließen wir einfach zu ihr nach Hause zu fahren und da etwas zu trinken. War ein etwas dreister Vorschlag von mir aber es gab keine erkennbare Unsicherheit diesbezüglich. Sie warnt mich nur noch mal vor, dass sie nicht wirklich viel trinken kann, es aber gerne tut. Oha, na das kann ja lustig werden. Wir fahren nach Shakujii-Park Station (石神井公園駅), eine Station nach Nerima (練馬), ihrem Heimatort. Dort begeben wir uns in einen Liquorshop und ich kaufe mir interessant aussehenden Sake (er hat kleine Reisteilchen, sieht aus wie Schnee). Ich habe sogar selber in Japanisch nach einem etwas süßen Sake gefragt und der Verkäufer hat mir gerne ausgeholfen. Saori kauft eine Piccolo-Flasche Multivitamin-Sekt aus Deutschland und meint damit schon gut betrunken zu sein?! Sie meint es ist leicht sie abzufüllen und benutzt dafür ein japanisches Wort 低燃費 (ていねんぴ). Das bedeutet sozusagen "niedriger Treibstoffverbrauch". Ich glaube sie verarscht mich etwas.

Die Gegend um den Bahnhof ist eine typische Sleepertown, aber irgendwie finde ich sie ganz niedlich. Saori und ich unterhalten uns übrigens fast nur auf Englisch, denn obwohl ich ihr klar gemacht habe, dass ich fast alles Japanisch verstehe, kommt es ihr nur schwer über die Lippen. Ihr Englisch hat bedingt durch ihren australischen Ex einen entsprechenden Klang und hört sich angenehm an, leider nuschelt sie etwas bzw. hat eine "faule" Aussprache. Ich versuche oft mit Japanisch zu antworten und manchmal gelingt es mir sogar, ihr ein paar mehr Worte auf Japanisch zu entlocken.

Cool, mein erster Besuch in einer japanischen Wohnung. Sie sieht viel zu riesig aus für eine Person, trotz Katze als Mitbewohner. Ich traue mich gar nicht fragen was sie hierfür zahlt. Alles wirkt sehr neu aber etwas leer. Das Schlafzimmer hat nur einen Futon und das wars eigentlich. Die Küche ist offen und hat eine amerikanische Theke.

Die Katze ist sehr mißtrauisch und es dauert eine ganze Weile bis sie mich an sie ran lässt. Irgendwann spielen wir sogar zusammen, was Saori durchaus überrascht. Wir vertreiben uns die Zeit mit quatschen und trinken auf dem Sofa. Dort steht auch die einzige Klimaanlage der Wohnung. Die Wärme brauchen wir auch, denn es ist superkalt in der Wohnung. Doppelt hält besser, also heizen wir auch von innen mit Sake. Tatsächlich hat Saori nicht übertrieben was den Effekt von Alkohol angeht, sie ist nach kürzester Zeit knallrot. Sogar ihr Hals und Rücken sind tiefrot und sie wird definitiv offener und überschwenglicher.

Nunja, den Rest kann man sich ja als Leser dieses Blogs sicherlich denken. Ich will da nicht zu sehr ins Details gehen. Nur soviel: es war so ziemlich das Beste was mir seit langem passiert ist und hat ne große Menge Spaß gemacht. Auch wenn ich ihr immer wieder versichern musste, dass ich kein Arschloch sei, dass sie nur ausnutzt, wurde ich nicht das Gefühl los, dass sie das eigentlich gar nicht so stören würde. Denn je offener sie wurde, desto mehr war klar, dass sie ein großes Problempaket mit sich herumschleppt, teilweise sogar beängstigend problematisch. Des öfteren fragt sie ganz direkt ob ich ihr helfen kann. Zusätzlich betont sie aber immer wieder, dass ich ja bald wieder weg sein würde und aus dieser Sache sowieso nichts werden kann. Zu gefährlich sei die Kombination unserer Charaktere, zu riskant die emotionale Bindung. Recht hat sie, aber trotzdem war es ein ziemlich bemerkenswerter Abend mit einer aufregenden Frau, die für einen Weile nicht nur ihr Bett sondern auch ihr Herz für mich geöffnet hat.

Ein kleines Highlight ist als sich spät nachts die Katze direkt neben mich unter unsere Decke kuschelt, sich doch zusammenrollt und mit uns weiterschläft.


Thursday, 27 December 2012

12. Tag (Mori Art Museum, Tokyo Skytree)

Heute plane ich nichts zu tun bis zum Abend. Treffe mich mit Junka-san für einen Besuch auf dem Tokyo Skytree (東京スカイツリー) und einem Abendessen.

Es bleibt also den Tag über beim Ausschlafen, im Hostel frühstücken und dann etwas in Asakusa bummeln.
Danke für den Hinweis!
Zurück im Hostel packe ich mich in den Aufenthaltsraum und hole Notizen für mein Blog nach. Saori-san kommt in die Küche für ihre Pause und wir verwickeln uns beide in ein Gespräch. Ihr geht es ähnlich wie mir, Weihnachten will sie lieber irgendwas tun anstatt zu viel Zeit zu haben (bei ihr ist es arbeiten, bei mir ist es reisen). Sie hat morgen frei und nichts geplant, also bin ich so mutig und frage sie ob wir zusammen was unternehmen wollen. Sie sagt direkt zu. Hui.

Aber bevor ich mir Gedanken über morgen machen kann, muss ich auch schon wieder los Richtung Roppongi, um Junka abzuholen. Ich schmeisse mich mal in den Anzug, einfach weil ich's kann. Jedes Jahr habe ich mich etwas underdressed gefühlt in Japan wenn ich schick essen war, aber diesmal bin ich der Gegend und der Begleitung entsprechend angepasst.

Junka arbeitet im Roppongi Hills Mori Tower. Da noch viel Zeit bis zu ihrem Feierabend ist möchte ich die Gelegenheit nutzen und ins Mori Art Museum gehen, das im 53. Stock untergebracht ist. Die aktuelle Ausstellung ist "Aida Makoto: Monument for Nothing" bzw. 会田誠天才でごめんなさい (was übersetz soviel heißt wie: Sorry, dass ich ein Genie bin).


Der Typ ist schon etwas krank. Ein begnadeter Künstler, keine Frage, seine Bilder sind teilweise sehr beeindruckend und visuell mit Tiefgang und Detailreichtum. Viele Bilder haben einen typischen Manga/Anime Einschlag und greifen auch klassische japanische Motive auf. Manch andere sind einfach total simpel aber dafür mit großer Aussagekraft (z.B. das fast skizzenhaft wirkende Bild "Imagine", welches die Ansicht eines Piloten in Anflug auf zwei Wolkenkratzer zeigt, natürlich klar das World Trade Center).

Azemichi

Blender

Harakiri School Girls

Picture of a Waterfall
Einer meiner Lieblingsbilder (Image from gadabout.jp)
Es gibt riesige schöne Bilder, die zum verweilen und entdecken einladen, dann aber auch wieder Bilder wie das treffende betitelte "Space Shit" welches einfach nur eine Kackwurst im Weltall zeigen. Auch interessant die lebendige Installation von Pappe und Karton, die quasi während der Ausstellung vom Künstler erweitert wird. Sieht aus wie bei einem Umzug.

Kleines Highlight ist die große Plastik "The Non-Thinker". Ein Reismännchen, das auf einem goldenen Kackhaufen sitzt....ähm, wut?!

The Non-Thinker

Es gibt sogar einen Extra-Raum für über 18jährige. Dort werden die ganz kranken Sachen gezeigt. Bishojo-Splatter Bilder von Frauen mit amputierter und noch verbundenen Gliedmaßen, allesamt in unterwürfigen Positionen aus den schlimmsten Abspritzfantasien der Künstlers. Sogar Fotografien gibt es, zum Glück ohne Amputationen. Aber eine nackte Frau, die es mit einer gigantischen Kakerlake treibt, ist irgendwie auch nicht besser. Was das Video soll, das den Künstler von hinten nackt zeigt wie er masturbiert, frage ich mich auch. Das soll alles Kunst sein??! Trotzdem, irgendwie faszinierend. In Deutschland hätte das mit Sicherheit nicht sein dürfen...hmm, oder?

In Summe jedenfalls eine sehr interessante Ausstellung. Und die Aussicht vom Mori Tower zum Sonnenuntergang ist auch sehr schön.





Pünktlich wie die Maurer treffe ich Junka in der Lobby. Sie ist schick angezogen und freut sich mich zu sehen. Sie spricht weniger Englisch als früher mit mir, es ist wohl etwas eingerostet seit sie es nicht mehr für die Arbeit nutzt, sagt sie. Wir fahren mit der U-Bahn zum Tokyo Skytree, der hat mittlerweile sogar eine eigene Station!

Beeindruckende Ansicht von unten
Schon der Bahnhof Tokyo Skytree Station ist beeindruckend, alles neu und auf große Besuchermassen ausgelegt. Glücklicherweise ist heute nicht so viel los und wir kommen schnell durch. Alles natürlich wieder perfekt koordiniert und organisiert.

Der Eintritt ist 2.000 Yen pro Person für die Hauptplattform. Dabei war das Anstehen an der Kasse nur der Anfang, zu den Fahrstühlen stehen wir dann doch länger an. Junka ist richtig aufgeregt.

Der Fahrstuhl ist extrem schnell und hat ne richtige Lichtershow. Total romantisch ^_^

Oben angekommen entweicht den Neuankömmlingen ein gemeinschaftliches 「すぅぅぅごーいー!!」 Die Aussicht ist wirklich großartig, die Stadt ist ein Lichtermeer, durchzogen von den strahlenden Flüssen der Straßen. Sogar Tokyo Tower sieht von hier oben klein aus.

In der oberen Bildmitte sieht man den Tokyo Tower


Wir legen noch ne Schippe drauf und gehen für schlappe 1.000 Yen noch mal höher auf ca. 450m Höhe. Dieser Fahrstuhl erlaubt die freie Sicht nach oben und draussen und verschlägt einem erneut den Atem. Ganz oben gibt es einen spiralförmigen Rundgang. Natürlich gibt es auch die durchsichtigen Bodenplatten zum draufstellen, Junka traut sich aber nicht 「怖い!」



Die Aussicht muss hier tagsüber bei klarem Himmel einfach großartig sein, man kann sicherlich Fuji-san sehen. Heute ist aber natürlich nicht zu sehen. Schade.

In der Basis des Skytrees gibt es eine ganze Menge an Restaurants und ich kann mich einfach nicht entscheiden was ich heute essen möchte. Wir nehmen dann ein westlich-japanisches Restaurant, also westliches Essen, das japanisch zubereitet wird. Klingt jedenfalls interessant. Ist im Endeffekt eigentlich ganz lecker, nur etwas zu viel, typisch westlich also.


Die Unterhaltung mit Junka ist irgendwie schleppend, ganz anders als das letzte Mal. Ich versuche ein paar Fragen zu stellen, aber obwohl wir auch japanisch sprechen kommt irgendwie keine gute Stimmung auf. Daher fahre ich am Ende zurück ins Hostel und versuche den Abend auch nicht künstlich zu verlängern. Junka muss ja eh morgen arbeiten. War aber trotzdem sehr schön sie wieder zu sehen. Mal im Anzug mit einer hübschen Frau in Tokyo unterwegs zu sein hat halt auch was für sich.

Das wars dann schon mit Weihnachten...heute war der 2. Weihnachtstag, krass. Gut umschifft die Klippe würde ich sagen. Jetzt kann ja Silvester kommen.