Monday, 27 February 2012

3. Tag in 2012 (Ankunft bei der Hostfamily)

Kann nicht schlafen. Ich wache um 2:30 Uhr auf und es geht mir im Magen um wie nur was. War wohl doch etwas viel Fleisch gestern. Außerdem habe ich mein Oropax im Rucksack gelassen und der ist wiederum im Schrank eingesperrt. Wenn ich den jetzt raushole wecke ich das ganze Zimmer auf (4er Dorm). Bin übrigens im gleichen Zimmer wie in 2010. Midori schläft genau über mir im Stockbett. Ich identifiziere 3 Schnarcher, von denen gerade mal einer in meinem Zimmer ist, der Rest muss in den Nebenzimmern sein! Scheisse です!!

Ich stehe also vollkommen fertig gegen 6 Uhr auf und gehe duschen. Ich versuche die Zeit in der eiskalten Küchen bzw. Wohnzimmer totzuschlagen. Erstma die Aircon anschmeißen und durchheizen. Oh, welch Wohltat! In meinem Bett ist es nämlich extrem kalt weil ich genau neben dem undichten Fenster penne. Hätt ich den Arm außerhalb der Decke während der Nacht gehabt, wäre er mir wahrscheinlich abgefroren.Nur der Vorhang schützt mich vorm Kältetod.
Nach ner Weile ist es in der Küche aber richtig warm. Die warme Luft bläst mir schön in den Nacken, ist fast wie warm duschen. Ich schaue japanisches Musikfernsehen und erfreue mich wieder an den verschiedenen, niedlichen Acts.

Ich muss erst um 13 Uhr beim Training in Kita-Matsudo (北松戸) sein, also lege ich mich dann doch noch mal hin und penne ein paar Stunden sehr unruhig. Als ich aufstehen muss bin ich noch fertiger als vorher. Aber es hilft ja nix, muss einfach los! Später treffe ich mich mit meiner Hostfamily um 17 Uhr an der Itabashi-honcho Station. Na ob ich das alles schaffe?
Ich verabschiede mich von Takako und den anderen im Hostel. War echt mal wieder schön hier gewesen zu sein. Das Khaosan Samurai Hostel ist und bleibt meine Lieblings"absteige" ;-)

Den Weg finde ich einigermaßen gut obwohl ich kurz in die falsche Richtung fahre und ca. 12 Minuten Zeit verliere. Ein Glück bin ich schon um 11 Uhr losgefahren.

Das Training an einem Sonntag ist wieder ganz was anderes. Es sind super viele Leute da, meistens etwas älter, aber kein Luke oder Brian oder irgendwer der Englisch spricht. Aber immerhin erkannt werde ich von ein paar Leuten. Diesmal wird in der üblichen Dojo-Halle trainiert, die wirklich beeindruckend groß ist. Leider ist es uuuuunfassbar kalt im Dojo. Da ich ganz links hinten stehe und somit genau neben einer der zwei offenen Türen, friere ich echt heftig. Dazu kommt noch, dass wir in knapp 2 Stunden nur Seiza-Katas machen und jede einzelne Kata im Detail durchgesprochen wird. D.h. es wird mehr rumgestanden als sich bewegt. Ich bereue nicht mal mit Tabis gekommen zu sein. Die tragen nämlich alle und frieren scheinbar auch nicht!

Matsumoto-Sensei leitet das Training und spricht viele Feinheiten in den Katas an. Eigentlich kenn ich schon alle, aber irgendwie alle anderen nicht. Oder sie tun nur so als ob sie ganz neu bzw. unbekannt sind.  Esaka-Sensei bittet während des Trainings meinen Trainings-Nachbarn sich etwas um mich zu kümmern, aber ich kann ihm nur sagen, dass ich alles verstanden habe bzw. es kein Problem ist was ich da sehe und höre (大丈夫), auch wenn ich manchmal ob der Erklärungen etwas verwirrt bin. Mann, ich wünschte es würde freies Training geben, dann könnte ich den Körper wieder auf Betriebstemperatur bringen. さむいいいいい!!

Ich düse gleich nach dem Training ab und sage nur Kobara-Sensei auf Wiedersehen. Esaka-Sensei scheint schon weg zu sein. Tja, schade.

Von unterwegs rufe ich Rumiko Shibuichi (四分一 留美子), meine Host-Mutti, an und bitte sie, dass wir uns später treffen können, da ich es um 17 Uhr definitiv nicht mehr schaffe. So habe ich wenigstens Zeit noch schnell zu duschen und mir wieder frische Sachen anzuziehen. Ich schultere meinen großen Rucksack, den kleinen Rucksack und das Schwert und mache mich auf den Weg. So vollgepackt hat die Dusche auch nur kurzzeitig was gebracht, hrmpf. Bin dann um 17:50 Uhr am Bahnhof Itabashi-Honcho (板橋本町駅). und werde gleich von zwei Leuten auf Fahrrädern abgeholt. Bin verwirrt, das sind aber nicht die Shibuichis?! Eine Frau begrüßt mich überschwenglich und umarmt mich. Der andere Typ spricht ab und zu English mit mir, da ich durch die ganze Hektik irgendwie nicht verstehe was die Tante mich eigentlich fragt. Natürlich versuche ich mein Bestes und kriege gleich das übliche 「日本語が上手です!」. Es geht im  Zickzack zum Haus der Shibuichis. Ohweia, kann ich mir das überhaupt merken?

Das Haus der Shibuichis in Google StreetView.
Ich wohne ganz oben, Penthouse sozusagen!

Scheinbar gibt es sowas wie eine Welcome-Party für mich bzw. es sind einfach viele Leute anwesend und es gibt Selbstgegrilltes. Hideaki-san (秀明), genannt Hide, der Herr des Hauses, begrüßt mich mit knallrotem Gesicht und hat scheinbar schon gut getankt. Wie sich herausstellt sind hier alle gut dabei und scheinen das auch zur Gewohnheit gemacht zu haben. Dabei ist es auch egal, dass ca. 5 Kinder im Haus rumspringen und alles mitkriegen. Aber irgendwie sind alle cool. Gerade die Mädels sind echt putzig und können sogar etwas Englisch. Trotzdem bin ich froh, dass Rodney aus Taiwan noch dabei ist und dass ich mit ihm Englisch sprechen kann. Beim Abholen dachte ich noch, dass er Japaner ist weil er so gut kommunizieren kann. Er war mal in Dallas und spricht deswegen gutes Englisch. Er gibt mir ein paar Tipps für den Umgang mit der Familie und bietet sich an mich am Montag zur Schule zu begleiten. Er ist dort sein Januar im Konversationskurs. Den Weg hätte ich eh nicht mehr wirklich gewußt, es war ja schon dunkel und wir sind nicht wirklich gradlinig gelaufen.

Ich fresse mich voll und versuche an der aufgelösten Atmosphäre teilzuhaben. Eine so offene Familie ist mir noch nie begegnet. Ich bin sofort Teil des Ganzen und fühle mich willkommen. Es wird immer mehr Futter aufgetischt und ich bin irgendwann pappsatt. Die anderen essen einfach weiter und weiter.Vor allem Hide scheint einen guten Appetit zu haben. 

Die Shibuichi-Mädels Kotone (琴音) und Akane (朱音), sowie die jüngeren Gästemädels sind echt begabt im Singen und Musizieren. Sie spielen stundenlang auf dem Klavier und singen lauthals mit. Die Stimmung im Haus ist der Knaller, absolut laut und vollkommen verrückt. Als Sahnehäubchen kommen noch zwei unglaublich hässliche Hunde dazu, die gehörig Krach machen. Ich glaube es sind beides Langhaar-Chihuahuas und eigentlich nur Fußhupen. Ich muss echt aufpassen, dass ich nicht aus Versehen auf einen trete! Bierseeling lerne ich, dass das zuprosten wie bei den Franzosen üblich mit "Tchin-Tchin" hier durchaus mißverstanden werden könnte, da es auch Penis (ちんちん) heißt!

Gehe relativ früh pennen. Das Zimmer ist auch wieder super kalt. Muss mir mal morgen die Aircon erklären lassen. Der Wind pfeift durch das Dach wie zur Geisterstunde. Hat aber irgendwie was.

Scheiße, wache wieder um 2:30 auf und kann nicht pennen.