Tuesday, 28 February 2012

4. Tag in 2012 (Einführungstag in der Schule)

So, heute geht's los mit der Schule. Komisches Gefühl wieder in die Schule zu gehen, haha. Obwohl ich wieder schlecht geschlafen habe und das ganze verdammte Haus eiskalt ist, gibt mir die heiße Dusche einen guten Schub am Morgen. Lustige Aufteilung der Räume übrigens. Badezimmer, Klo und Schlafzimmer der Eltern ist im Erdgeschoß, Küche/Wohnzimmer und Extra-Raum (inkl. Elektro-Klavier) im 1. Stock und Spielzimmer der Kinder, ein weiteres Klo und mein Zimmer sind im 2. Stock. Alles natürlich auf kleinsten Raum aber trotzdem sehr großzügig geschnitten wie ich finde.
Zum Frühstück gibt es kalten Tee und zwei dicke Toastbrote. Lustig, die würden bei mir zuhause nicht mal in den Toaster passen, so dick sind die. Onigiri (御握り) gibt es auch, echt lecker wenn die selbstgemacht sind.

Rodney holt mich wie versprochen gegen 8 Uhr ab und begleitet mich zum Kudan Institute of Japanese Language & Culture (九段日本文化研究所 日本語学院). Er ist wirklich fürsorglich und fragt mich tausend Mal ob ich mir den Weg noch merken kann. Wenn der wüsste durch welch harte Schule ich in 2010 in Tokyo gegangen bin um meinen Weg in dieser Stadt zu finden ;)

Es ist furchtbar kalt in der Stadt. Nur in der U-Bahn wird es einigermaßen warm. Die Toei Mita Line (都営 三田線) ist  rappelvoll und es herrscht eine unheimliche Stille so früh am Morgen. Zur Rush-Hour mit der Yamanote-Line war damals zumindest ein Grundrauschen zu vernehmen aber jetzt ist es absolut still. Richtig merkwürdig wird es als der Zug kurz im Tunnel halten muss und der Antrieb ausgeschaltet wird. Fehlt jetzt nur noch das Grillenzirpen.

Die unscheinbare Schule. Links an der Ecke war sogar mein Klassenzimmer.
Besonders praktisch: der Konbini nebenan!

In der Schule ist es auch nicht wirklich wärmer. Die Jacke kann ich gleich anlassen. Ein anderer Ausländer ist auch schon da und er stellt sich auch als Deutscher raus. Christian ist auch schon zum dritten Mal hier und macht seit 10 Jahren Judo. Er studiert in Weimar, kommt aber aus Dresden. Sein Japanisch ist deutlich besser als meins, das merke ich sofort. Ein echt netter Typ der Christian. Es gesellt sich eine hübsche Blonde mit faszinierenden Augen zu uns, die erst ruhig bleibt während wir auf Deutsch quatschen, sich dann aber auch als Deutsche outet. Sie ist sogar zum 5. Mal hier und studiert Japanisch und BWL in einer Art Kombination in Bremen. Interessant, wusste gar nicht, dass es sowas gibt. Verdammt, das wäre vielleicht was für mich gewesen aber nu ist es wohl zu spät. Sie kann jedenfalls natürlich super Japanisch und war sogar zum Erdbeben in Tokyo, genauer gesagt auf der künstlichen Insel Oidaba (お台場,). Schon relativ dramatisch ihre Erzählung. Überhaupt wird mir irgendwann etwas mulmig als wir nur noch über Erdbeben reden und ich ja der Einzige bin, der noch keins erlebt hat.

Als erstes müssen wir einen Test machen damit die Schule unser Level einschätzen kann. Ich bin so krass müde und mein japanischer Sprachmotor kann bei der Kälte gar nicht starten (muss ein Diesel sein). Irgendwie bin ich jetzt schon genervt, ich denke allein schon wegen der Zeitvorgabe für den Test bzw. die Tests, denn ich muss noch einen Kanji-Test für den Intensiv-Kurs machen. Von den 4 Kanji-Seiten kann ich aber gerade mal eine Seite ausfüllen, pfff, epic fail.

Das dann folgende Interview stotterte ich so irgendwie durch. Auf dem Zettel der Lehrerin stehen ca. 10 Fragen und wir hören schon bei Frage 5 auf als ich ein paar Worte nicht verstehe und auch nicht die Bedeutung erahnen kann. Level B1 sagt sie. Ist das jetzt totaler Anfänger oder gut? Irgendwie eine frustrierende Erfahrung. Unter Druck kann ich wohl echt schlechter arbeiten...

Die folgende Orientierungsstunde zeigt mir wieder wie genau es die Japaner mit ihren Regeln und Vorschriften nehmen. Wir gehen Punkt für Punkt alles zum Thema Homestay durch. Ganz schön heftig teilweise. Bei weniger als 80% Anwesenheit kann der Vertrag aufgelöst werden und somit auch das Homestay. Ein Zertifikat gibt es dann auch nicht. Hmm, ob ich das mit den 80% schaffe? Ist ja nicht so, als ob ich das Zertfikat bräuchte, aber einen Schlafplatz ja schon irgendwie.

Die größte Überraschung ist eigentlich, dass ich nicht den ganzen Tag Unterricht habe sondern nur ca. 4 Stunden am Nachmittag von 13:30 bis 17 Uhr. Oops, da habe ich wohl die Website nicht richtig gelesen. Voll blöd, was soll ich denn am Vormittag machen? Da hat doch eh keiner Zeit! Es geht auch erst morgen wirklich los, also weiß ich gar nicht ob ich vielleicht doch zum Konversationskurs wechseln sollte. Na mal schaun. Die anderen Deutschen sehe ich wahrscheinlich sowieso nicht wieder, die sind wesentlich höher im Level. Ich kriege gleich zwei brandneue Bücher in die Hand gedrückt. Ein Minna no Nihongo (みんなの日本語) und ein Kanji-Buch mit 300 Kanji, cool!



Den wichtigsten Punkt kann der nette Japaner mit seinem schlechten Englisch aber gut rüberbringen. Ich bin kein Gast im Homestay, ich bin ein Familienmitglied und muss mich einbringen und Hilfe anbieten wo ich kann. Stimmt, das habe ich irgendwie nicht richtig bedacht. Bei der Freundlichkeit und Atmosphäre bei den Shibuichis bin ich da aber zuversichtlich.

Ein Franzose mit dem schillernden Nachnamen Thimoté Moliére macht auch Homestay und seine Familie ist wohl mit meiner befreundet. Wohnen wohl auch um die Ecke. Sein Englisch ist nicht so gut und er scheint auch etwas nervös wegen seines Französisch zu sein. Weil wir eine Art Rabattschein für die Toei Mita Line Monatskarte bekommen, begleite ich ihn zur Jinbocho-Station (神保町駅). Es stellt sich heraus, dass er zum ersten Mal in Japan ist, sich sein Japanisch nur selber beigebracht hat und gerade mal 22 ist. Er ist so nervös und unsicher, dass seine Hände die meiste Zeit zittern. Er tut mir richtig leid und erinnert mich an mich selber in 2010. Der Japan-Flash muss für ihn echt krass sein, er kennt sich nämlich gar nicht aus. Armer Junge, total überfordert. Na hat der ein Glück, dass ich fast schon Profi bin, haha. Schade nur, dass die Kommunikation etwas schleppend ist. Auf meinen Versuch Französisch zu sprechen geht er erst gar nicht ein. Er bleibt einen Monat in Tokyo und geht dann nach Nara für ein Studienpraktikum.

Wir kaufen uns also ein Monatsticket, was mich für 2 Wochen trotzdem günstiger kommt als jeden Tag den normalen Preis zu zahlen. Jetzt habe ich eine Pasmo- UND eine Suica-Karte, lustig. Muss aufpassen, dass ich nicht beide in die Brieftasche packe und über den Leser ziehe, sonst geht bestimmt was schief.

Ich glaube Thimoté braucht erstmal was zu essen um wieder runterzukommen. Also nehme ich ihn mit in den erstbesten Laden. Ich bestellte mir Ramen, Gyoza und ein Bier. Er trinkt auch ein Bier und kriegt Nikkusoba (肉そば) in einer riesigen Portion, viel zu viel, selbst mit Riesenkohldampf. Irgendwie checkt er selten wenn ich ihm was auf Englisch erkläre, was die Situation irgendwann etwas nervig macht. Aber ich denke einfach, dass er geistig grad nicht auf der Höhe ist bei all den neuen Eindrücken, die auf ihn einschlagen. Wahrscheinlich werd ich ihn wieder sehen wenn unsere Familien wieder gemeinsam einen heben, hehe.

Zuhause schmeiße ich mich erstma ins Bett, so müde bin ich. Vorher schreibe ich aber tatsächlich noch an meinem Blog. Ich habe noch nicht ein Mal in mein Notizbuch geschrieben sondern immer direkt online in den Entwurf bei Google Blogger.

Abends mit der Familie gemeinsames Essen und Gameshows gucken. Knaller, die Halb-Japanerin, die ich in den letzten Jahren mal entdeckt habe ist in der Show, keine Ahnung wie sie heißt. Furchtbar niedlich die Kleine! Die Shows sind einfach viel geiler als bei uns. Die ganze Familie schmeißt sich teilweise weg vor Lachen. Das Essen ist abwechslungsreich. Wieder Bier und Drinks aus der Dose, der Papa immer gut dabei. Eine liebevolle Familie, nach dem Essen schmeißen sich die Kinder mit dem Papa und den Hunden auf den Teppich vorm TV und chillen und kuscheln.

Ich geh früh pennen und schreibe etwas weiter. Keine Ahnung was ich morgen früh unternehmen soll, wahrscheinlich frühstücke ich einfach und schreibe dann wieder am Blog. Bin gespannt wie der Unterricht morgen wird.