Tuesday, 28 February 2012

5. Tag in 2012 (Erste Kurse in der Schule)

Fast durchgeschlafen. Diesmal um 3:30 aufgewacht und ca. eine Stunde online die Zeit totgeschlagen. Zählt das jetzt noch als Jetlag nach 5 Tagen oder bin ich einfach rastlos?
Stehe um ca. 7:30 auf und gönne mir das Frühstück. Es gibt wieder Toast und sonst leider nix, schade eigentlich. Bin ja auch irgendwie spät dran, selber schuld.

Quatsche etwas mit Rumiko-san über Australien und die lustigen Eigenschaften von Sprachen. Lustig, es gibt neben "arubeito" (アルバイト) noch ein anderes deutsches Wort im Japanischen; "karute" (クルテ) bedeutet sowas wie Krankenakte. Es gibt wohl im medizinisches Bereich viele deutsche Wörter. Rumiko bestätigt mir, dass viele Japaner lauter englische Wörter japanisch aussprechen aber gar nicht die Bedeutung kennen. Das führt dazu, dass sie dann das originale englische Wort aus dem Munde eines native speakers überhaupt nicht verstehen. Ich hab's ja immer gesagt!
Sie hatten kurz vor mir einen Typen aus Holland und als er mit Zuhause telefoniert und Holländisch gesprochen hat, war sie von der kratzigen Lauten der Sprache so überrascht, dass sie ihn gefragt hat ob auch wirklich alles in Ordnung sei und er nicht vielleicht Heimweh hat oder sogar krank ist. Hahaha, Knallergeschichte. Sie sollte mich mal Deutsch sprechen hören, die würde sich wundern. Dabei habe ich schon einen Vorgeschmack mit dem guten alten "Prost" gegeben :D

Ich verschwende meine Zeit online und bin sogar ganz alleine im Haus für eine gewisse Weile, da die Kids in der Schule, Hide bei der Arbeit und Rumiko irgendwo mit den Hunden hin ist. Mache mich erstma auf dem Sofa breit und schmeiß den Heizlüfter an. So lässt es sich leben.

Gegen 11:30 Uhr mache ich mich auf den Weg zur Schule. Vorher gönne ich mir eine gute Udon-Suppe in dem erstbesten Laden den ich finde. Es ist zwar ein Automatenladen, aber das stört mich mittlerweile gar nicht mehr. Die Qualität des Essens ist nämlich vortrefflich.



In der Schule angekommen werde ich in meiner ersten Stunde gleich vor den Kopf gestossen. Es ist eine Kanji-Klasse und das Tempo ist endkrass. Das erste Viertel des Buches ist bereits durchgearbeitet und damit schon Kanjis, bei denen mir schon das Merken schwerfällt, vom schreiben will ich gar nicht anfangen. Ich komme eigentlich in den ersten 45 Minuten nicht so wirklich mit. Die Lehrerin erklärt zwar ganz gut, aber sowas von schnell und ohne Rücksicht, dass ich gleich merke wie mein Frustlevel hochschnellt. Dazu kommt noch eine furchtbar nervige Mitschülerin, die echt gutes Japanisch spricht, aber in einem Ton, der jedes Anime-Porno-Girl vor Neid erblassen lassen würde. Viel zu hoch und viel zu niedlich. うるさい!Als Kontrast kommt dann noch eine vermutlich aus Mexiko kommende Tante dazu, die eine so laute und tiefe Stimme hat, dass sie locker nen Yakuza-Boss mit ihrem Japanisch synchronisieren könnte. Beide labern gerne, gut und oft mit der Lehrerin, so dass die quasi den Unterricht bestimmen. うるさいだよ!

Lustig ist auch, dass die guten Leute alle auf der linken Seite der Klasse sitzen und die schlechteren rechts. Ich sitze natürlich rechts...

Mitten im Unterricht passiert es dann. Mein erstes Erdbeben! Ich merke nur wie ich selbst und die Tische im Raum leicht schaukeln und mein Hirn versucht gleich das irgendwie zu kompensieren. Es ist aber tatsächlich alles am schaukeln und somit Zeit für meinen Körper etwas Adrenalin auszuschütten. Die anderen sind fast amüsiert über meine Reaktion. Das Ganze ist schnell vorbei und selbst für mich als harmlos eingestuft. Trotzdem bin ich echt geflasht und der Puls geht gut ab. Wie soll das erst werden wenns stärker wird?! Ohweia.

Gegen Ende des Kurses kann ich einigermassen folgen, aber so wirklich angenehm ist das nicht. Ich glaube ich muss mich richtig hinsetzen zuhause und lernen. Aber hey, dafür bin ich doch hier verdammt noch mal! Also werd ich das einfach machen, wäre doch gelacht!

Die süße Spanierin Elisa scheint Mitleid mit mir zu haben und warnt mich quasi vor, dass ich mit ihr und anderen in der nächsten Klasse bin. Dort wird zwar mindestens genauso schnell von der Lehrerin gesprochen, aber immerhin nimmt sie sich die Zeit für die Fragen und meine teilweise vorherrschende Ratlosigkeit. Leider sind die hier im Buch schon bei Lektion 22, das ist fast am Ende!!! Scheiße, und soviele Verben, die ich noch nicht richtig auswendig kenne, geschweige denn die Grammatik! *seufz*

In meiner Klasse scheinen alle Deutsch zu können oder zu verstehen. Die Chinesin Kate, die eigentlich in Österreich aufgewachsen ist und in jeder Sprache einen lustigen Akzent hat, dann Patrick, der wohl drei Pässe hat (Deutsch, Finnisch und noch irgendwas) und mindestens 4 Sprachen spricht.  Dann Alice, die Halb-Japanisch, Halb-Holländisch ist, sowie Christian, der Franco-Schweizer mit starkem Akzent und die obligatorische blonde Russin. Der Kurs geht rasant voran, aber ich kann nach ein paar Frustmomenten doch noch aufholen. Aber so richtig vergeht es mir, als plötzlich alle gemeinsam wiederholen müssen was der Lehrer vorliest oder vom Tape gesprochen wurde. Das ist die bescheuerste Lehrtechnik, die ich kenne. Ich verstehe weder mich noch die anderen, ich höre nur dass keiner es wirklich richtig ausspricht, wie soll ich mich da verbessern?! So ein Scheiß, dafür hätt ich kein Geld gezahlt.

Zumindest sind meine Mitschüler alle richtig nett und fragen mich gleich ob ich zum Sushi-Essen mitkomme. Und wie gerne ich das doch mache, vor allem weil ich mich wahrscheinlich schon jetzt in Kate verknallt habe, haha. Wie alt mag sie wohl sein? Faszinierendes Mädel. Als ich höre, wie sie sich für Kabuki interessiert und zu einer Vorstellung gehen möchte, schmeiß ich gleich meine spärliche Erfahrung in die Waagschale und bekunde mein Interesse an einem gemeinschaftlichen Besuch. Das ist sogar nicht mal geschwindelt, ich habe es nur gar nicht mehr auf der Uhr gehabt seit ich es 2010 nicht geschafft habe ins Kabuki-za in Ginza zu gehen.
Bevor es los zum Sushi essen geht, muss ich mich noch bei meiner Hostfamily abmelden. Ich weiß nicht so recht ob derjenige am Telefon auch wirklich verstanden habe was ich wollte, aber eigentlich müsste es klar sein, das Japanisch war eigentlich in Ordnung. Könnte aber sein, dass ich eins er Mädels am Apparat hatte und es nicht mal gemerkt habe.

Wir gehn also nach der Schule zum Kaiten-Zushi und quatschen über den Unterricht und alles mögliche. Es werden bereits weitere Pläne für gemeinschaftliche Aktivitäten geschmiedet und das gefällt mir. Wir planen einen Besuch im Museum der japanischen Kriege bzw. im umstrittenen Schrein für die japanischen Kriegstoten. Elisa und Kate sind wirklich supernett. Alice ist etwas komisch, kann nicht sagen was da nicht so stimmt. Sie fragt ständig merkwürdige Fragen, die ich eigentlich schon beantwortet habe. Aber trotzdem nett. Wie auch immer, natürlich reden wir alle kein Japanisch obwohl wir es vielleicht sollten. Ab und zu etwas einzustreuen kann aber keiner mehr verhindern, der schon ein Weilchen in Tokyo ist, das geht ganz natürlich.

Zuhause muss ich dann tatsächlich Hausarbeiten machen und finde den Fakt alleine schon mehr als putzig. Also setzte ich mich zu Rumiko in das niedliche Wohnzimmer an den Tisch und lerne neue Grammatik und Kanjis. Rumiko hat jetzt bereits eine böse Fahne und scheint in guter Stimmung zu sein. Sie unterbricht micht ständig mit Fragen oder Geschichten. Hallo, ich will vielleicht meine Schularbeiten machen?! Haha, was ne Situation, damit hätte ich nie gerechnet.
Sie erzählt mir, wie handsome ich doch bin und dass alle Japanerinnen mich ja ganz toll finden müssen. Nur wie es im Herzen aussieht, dass wissen sie nicht sagt sie auch. Ihre Freundin wollte mich heute unbedingt kennenlerne, aber ich bin ja ins Restaurant. Wer weiß wie alt ihre Freundin überhaupt ist oder wie sie aussieht. Ich mach mir da gar keine Hoffnungen.

Sie zeigt mir ganz aufgeregt einen Bericht über die deutsche Familie Spielberg, die 2011 während des Erdbebens bzw. des Tsunamis beinahe gestorben wäre. Ein Japaner hat geistesgegenwärtig eine der Frauen gerettet als die Flutwelle über alle schwappte. Die dann folgende Odysee der Familie ist voll von Japanern, die sich rührend für die hilflose Familie eingesetzt und ihnen geholfen haben. Wie der alte Mann, der stundenlang vorbeifahrende Autos anzuhalten versuchte, damit die Familie das Gebiet verlassen konnte und ihnen sogar Zehntausende von Yen in die Hand drückte. Die Geschichte ist so herzzereissend und wieder so typisch japanisch emotional in Szene gesetzt, dass ich beinahe anfange zu heulen. Soviel Nächstenliebe, so viel für so wenig, ein Wahnsinnsland!


Mehr Infos hier: http://menschen2011.zdf.de/ZDFde/inhalt/22/0,1872,8402838,00.html

Unsere Unterhaltung wird recht enthusiastisch, was vielleicht auch daran liegt, dass Rumiko sich einen Drink nach dem anderen einschenkt. Wir reden über meine Probleme mit den (japanischen) Frauen und über eine mögliche Zukunft in Japan für mich. Sie sagt mir dauernd, dass ich es hier bestimmt schaffen könnte und es doch versuchen sollte. Gerade mit den Frauen sollte es doch ein Leichtes sein für mich. Ich wünschte ich hätte ihre Zuversicht. Sie will, dass ich unbedingt zurück komme.

Das Thema schwenkt auf andere asiatische Kulturen und Reiseerfahrungen und Rumiko erzählt mir, wie gerne sie nach Korea zum shoppen fährt. Mit den Chinesen ist sie nicht so ganz grün wie es scheint. Sie sagt, sie hasst laute und unhöfliche Chinesen, die sich nicht zu benehmen wissen, hat wohl aber auch chinesische Freundinnen. Typisch, das kenne ich doch schon von irgendwo her. Sie meint, dass japanische Kultur (ぶんか、文化) schwer für andere zu verstehen ist, insbesondere was die Vergangenheitsbewältigung angeht. Sie ist der Meinung, dass die Kinder nicht zwangsläufig wissen müssen warum die Chinesen vielleicht nicht so gut auf die Japaner zu sprechen sind. Ich bin da anderer Meinung. Ich denke, dass japanische Kinder genauso viel über den Grauen und Verbrechen des Krieges informiert werden sollten, wie deutsche Kinder in der Schule vom Holocaust erfahren. Denn wenn japanische Kinder es nicht besser wissen und nie von Nangking o.ä. gehört haben, wundern sie sich warum ihre  "ignorante" Art bei den Chinesen vielleicht auf Empörung stösst und halten diese dann womöglich sogar noch für unhöflich oder rassistisch.

Es kann nicht sein, dass die Geschichtsbücher in den Ländern unterschiedlich sind. Jeder sollte das gleiche wissen, ungeschönt, unzensiert. Nur so funktioniert Völkerverständigung auf Dauer meiner Meinung nach. Die Geister der Vergangenheit kann man nur mit Wissen, Akzeptanz und Toleranz besänftigen.