Monday, 5 March 2012

10. Tag in 2012 (Hiroshima Peace Memorial Museum)

Wie erwartet regnet es heute den ganzen Tag. Deswegen habe ich mir auch meinen Schirm aus Tokyo mitgebracht, auch wenn ich eigentlich einen vom Hostel hätte leihen können. Nach einer guten Dusche und einem kleinen Frühstück checke ich aus und schließe meinen schweren Rucksack erstmal an der Hiroshima-Station ein. Von hier aus geht es jetzt zum A-Bomb Dome nur noch mit Kamera und Regenschirm.

Ich bin ein wenig besorgt, dass das deprimierende Wetter meine Stimmung noch weiter runterzieht als es das Museum wahrscheinlich sowieso schon tun wird. Überhaupt muss ich echt an mir halten wenn ich nur darüber nachdenke was ich gleich alles sehen werde. Ich bin an der Stätte des ersten Massakers einer Atombomben-Explosion. Doch Hiroshima ist nicht deswegen die Stadt des Grauens oder des Todes, sondern die Stadt des Friedens. Überall wird das Wort Peace in Verbindung mit dem Gebiet um das Hypocenter der Atombombe in Verbindung gebracht.


Ich sehe zuerst den A-Bomb Dome, ein Gebäude das ein Tscheche konstruiert hat. Ein ähnliches Gebäude steht tatsächlich auch in Prag. Der A-Bomb Dome wird gerade renoviert und ist deswegen in ein Baugerüst eingepackt. Das zerstört etwas das Bild einer Gedänkstätte muss ich zugeben, aber es ist nicht weniger bedrückend diese Ruine zu sehen. Wenn ich bedenke, dass nur wenige Meter in der Luft damals die Bombe explodiert ist.

Über die Brücke hinweg begebe ich mich in Peace Memorial Park, Ort von vielen Denkmälern und der Hauptmuseen. Zu allererst sehe ich mir das Denkmal für die gestorbenen Kinder an und ich bin schon aus der Weite ergriffen. Japanische Besucher schlagen die Glocke, die die Form eines Papierkranichs hat, so wie ihn die bekannte Sadako Sasaki bis zu ihrem Tode gebastelt hat. Ich muss jetzt schon schlucken. Es wird noch schlimmer als ich die englische Übersetzung des Gedenksteins in der Mitte lese. Warum ergreifen mich solche Worte immer nur so?
Ich merke erst jetzt, dass die bunten Schaukästen um das Denkmal herum allesamt aus Tausenden Papierkranichen bestehen. Oh Mann.





Als nächstes laufe ich zum Hauptdenkmal des Parks, dem Kenotaph mit der Liste sämtlicher Opfer der Atombombe am 6. August 1945. Durch den Bogen hindurch blickt man auf die ewige Flamme und im Hintergrund ist deutlich der A-Bomb Dome zu sehen. Mir kommen Tränen in die Augen als ich die Japaner vor dem Bogen beten sehe.



Das Peace Memorial Museum ist mein nächster Anlaufpunkt und ich atme tief durch. Obwohl ich jetzt schon eigentlich Pippi in den Augen habe darf ich jetzt natürlich nicht kneifen und den Weg auch zu Ende gehen. Ich habe schon viel über die verschiedenen Ausstellungsstücke gehört, aber nun werde ich sie mit eigenen Augen sehen.

Im ersten Teil sieht man wie und wo die Bombe über der Stadt explodiert ist. Der auf einem Banner abgedruckte Beginn einer Erzählung eines Augenzeugen wirkt fast wie ein Gedicht. Solch schaurige Schönheit in diesen wenigen Worten...


Unglaublich beeindruckt bin ich von der Sammlung von sage und schreibe 597 Protestschreiben der der Stadt Hiroshima. Seit Frankreich 1968 begann eine Wasserstoffbombe zu testen, schickt der Bürgermeister zu jedem größeren Test und an jedes entsprechende Land eine offizielle Protestnote.



Ganz anders als im Yushukan-Museum werden hier jedoch auch deutlich die Gründe für den Krieg und somit auch den Abwurf der Bombe genannt. Es wird auch das Nanking-Massaker deutlich erwähnt! Japan wird als Agressor nicht verharmlost, aber auch nicht verteufelt. Ähnlich wie in deutschen Museen werden die Fehler vorangegangener Generationen bedauert, beklagt, aber auch aufgeklärt, in Verhältnisse gesetzt und immer mit dem Wunsch nach Frieden und Vergebung versehen.

Zum Beispiel wird die Stadt Hiroshima während des 2. Weltkriegs und auch davor als klarer militärischen Standort deklariert. Diese Information ist mir neu, ich hatte immer angenommen, dass Hiroshima komplett unbedeutend war. Vielleicht war das ja Nagasaki (長崎), muss ich mal recherchieren.

Eine recht detailgetreuer Teil der Ausstellung befasst sich mit den Auswirkungen der Bombe kurz nach Abwurf sowie in den langen Jahren danach. Es gibt für letzteres sogar ein eigenes Wort mit einer sehr traurigen Geschichte, Hibakusha (被爆者). Es werden nachgebaute Ruinen von Häusern, sowie zerstörte und in Mitleidenschaft gezogene Objekte ausgestellt, die man teilweise sogar berühren kann, wie die zu kleinen Perlen geschmolzene Oberfläche eines Dachziegels. Oder die Betonwand, die durch unglaublich schnelle Glassplitter und Holzsplitter beschädigt wurde, wie durch ein Maschinengewehr.
Es werden auch Wachsfiguren von Menschen gezeigt wie sie kurz nach der Explosion ausgesehen haben müssen. Ein schrecklicher Anblick. Geschmolzene Haut und Kleidung hängen in Fetzen herab, die Haare verbrannt, das Gesicht beinahe unkenntlich. Welch ein grausamer Tod. Gleich daneben hängt die allererste Fotografie, die nach der Explosion von diesen Menschen gemacht wurde. Wie eine Parade von Geistern, von Zombies, stehen die Einwohner dort, vollkommen unwissend über ihr Schicksal, dem Tod geweiht. Die Beschreibungen des Fotografen sind furchtbarer als jede Wachsfigur, jedes Bild je darstellen könnten. Die Hölle auf Erden.


Ein Japaner vor mir verbeugt sich in Ehrfurcht vor diesen zwei Wachsfiguren, wie vor zwei Verstorbenen. Diese Darstellung von tief verwurzelten Respekt und Mitgefühl macht mich fertig, ich muss mich zusammenreissen nicht laut zu schluchzen.

Ein weiteres trauriges Zeugnis der Atombombe ist das verkohlte Dreirad von Shinichi Tetsutani, der zum Zeitpunkt der Explosion knappe 4 Jahre alt war. Der Vater, der überlebt hat, vergrub seinen Sohn zusammen mit seinem geliebten Dreirad im heimischen Garten, so dass der Junge noch etwas zum spielen hatte. Erst Jahrzehnte später stiftete er es dem Museum.

Ein anderes Ausstellungsstück ist die Lunchbox aus Metall eines Schülers, die nur noch Kohlestücken enthielt und nicht mehr die Reisbällchen der Mutter, so heiß war die Hitze der Explosion. Oft sind es nur diese Dinge, die die Eltern von ihren Kindern nach der Explosion finden und somit den traurigen Beweis für den Verlust ihrer Söhne und Töchter sehen.


Gleich zu Beginn der Ausstellung befindet sich eine Uhr, die genau zum Abwurf der Bombe stehen blieb und nun ein stilles Zeugnis für diesen traurigen Wendepunkt in der Menschheitsgeschichte abgibt.


Im Teil, der sich mit den Auswirkungen der Atombombe auf die Überlebenden befasst, wird im Detail die Geschichte von Sadoka Sasaki und ihren tausenden Origami-Kranichen erzählt. Die Strahlung der Atombombe brauchte letztendlich 10 Jahre um sie zu umzubringen.

Ganz gegen Ende der Ausstellung werden selbstgezeichnete Bilder von Überlebenden ausgestellt, meistens von Kindern gemalt. Es sind die schlimmsten und dunkelsten Albträume, die hier in kindlicher Einfachheit dargestellt sind. Bilder aus einer real erlebten Hölle. Brennende Häuser, brennende Menschen, schwarze Leichen die den Fluß hinuntertreiben, Tod überall. Grauenvoll und unheimlich.Schlimmer als

Ich finde ein Buch, in dem prominente Besucher des Museums ihre Gedanken und Wünsche hinterließen. Es sind die verschiedensten Aussagen der Führer dieser Welt, z.B. Richard von Weizäcker, Helmut Schmidt, der Dalai Lama, Mutter Theresa, etc. Alle vereint in dem Wunsch, dass sich so etwas niemals wiederholen darf. Einzig Jimmy Carter schreibt nichts über die Zukunft, warum nur?

Es ist geschafft, ich habe das Museum quasi überstanden. Die Ausstellung war kleiner als ich dachte, aber sie hat ihren Sinn und Zweck nicht verfehlt. Weiterhin tief bewegt und traurig begebe ich mich zur National Peace Memorial Hall for the Atomic Bomb Victims. Dabei handelt es sich um eine reine Gedenkeinrichtung für die 140.000 Toten, für die namentlich Bekannten und die Namenlosen. In einem Raum werden die Geschichten von verschiedenen Überlebenden in Bild und Ton präsentiert. Man kann sie auf einem Terminal in Englisch lesen und teilweise werden sie auch in bewegender Weise auf einem großen Bildschirm mit Musik und Bildern untermalt. Ich verfasse seit ein paar Stunden schon krampfhaft meine Fassung zu behalten, aber hier ist es mir fast unmöglich. Wie muss es wohl geweisen sein, Brüder und Schwester in dieser Hölle verloren zu haben. Wie wohl die Rückkehr gewesen sein muss, um die sterblichen Überreste zu finden oder einzusammeln. Welch unmenschliche Kraft hat jeder einzelne der Überlebenden aufbringen müssen um nicht wahnsinng zu werden bei dem Anblick all des Leids?


Ich lese mir 4 Geschichten durch und höre mir zwei weitere an. Jede von ihnen ist so unendlich traurig und doch sind sie nur ein Wassertropfen in diesem Ozean voller Tränen. Geschichten von Eltern, die ihre Kinder lebendig in brennenden Häusern zurücklassen mussten; von Kindern, die nicht wussten ob ein brennenden Haufen Fleisch einmal ihre Mutter war oder nicht.

Niemals darf sich diese Tragödie wiederholen. Niemals! Die eingravierten Worte des Kenotaphen werde ich nicht vergessen:


 安らかに眠って下さい 過ちは 繰返しませぬから
 (Yasuraka ni nemutte kudasai ayamachi wa kurikaeshimasenukara)
 Rest in Peace, for the error shall not be repeated


Ich gebe nach dem letzten Museum auf und will eigentlich nur noch nach Hause. Meine Reservierung für den Shinkansen war eigentlich für 18 Uhr, aber es ist jetzt gerade mal 12 Uhr und ich fahre lieber zurück und komme vielleicht noch dazu zu schreiben und Hausaufgaben zu machen. Also ändere ich schnell meine Reservierung, pfeif mir noch ne leckere Soba-Suppe rein, kaufe Hiroshima-Mochi für meine Gastfamilie und Zuhause und bin dann um 12:48 schon wieder im Shinkansen Richtung Heimat.


Die Rückfahrt kommt mir extrem lange vor. Freue mich richtig wieder nach Tokyo zurückkehren zu können. Leider bricht damit aber auch meine letzte Woche in Japan an und so wirklich habe ich noch keine besonderen Dingen für die nächste Woche geplant, außer dem Kabuki-Besuch mit Kate und der lockeren Verabredung mit Chiaki.

Zuhause setze ich mich doch tatsächlich an die verdrängten Hausarbeiten und komme gut voran. Beim Kanji üben zeigt mir Kotone, die ältere und recht clevere Tochter der Shibuichis, wie man richtig mit dem Fudepen schreiben kann. Ich mache es ihr nach und kriege ein ganz anständiges Kanji für 週 - SHUU (Woche) hin. Sie erklärt mir die Bedeutung von Akane und Kotone. Ich wünschte ich könnte etwas besser kommunizieren in solchen Situationen.