Wednesday, 7 March 2012

12. Tag in 2012 (Kabuki und Shabu-Shabu)

Heute schwänze ich mal die Schule und gehe mit Kate ins Kabuki-Theater. Ich bin schon richtig gespannt, einerseits auf etwas Zeit mit Kate und natürlich wie so eine Kabuki-Vorstellung wirklich ist. Sollen ja recht lange gehen, habe ich gehört. Da ich am Abend sogar noch eine andere Verabredung habe, wird das heute wohl ein ganz guter Tag, habe ich jedenfalls so im Gefühl.

Ich habe so gute Laune, dass ich einfach eine Japanerin in der U-Bahn vor mir fotografiere weil sie so putzig aussieht wie sie da so vor sich hin döst. Blöd nur, dass ich vergesse habe den Blitz auszuschalten. Es kriegt also das halbe Abteil mit und eine ältere Frau schaut mich finster an. Oh Gott, wie peinlich!! Naja, ich bin ja Gaijin, was solls...

Nein, ich wollte NICHT ihr Höschen fotografieren!

Ich komme pünktlich und gut gelaunt am National Theatre of Japan in Chiyoda an und hole die bereits im Internet gebuchten und bezahlten Karten an einem Automaten ab. Geht alles ganz easy. Die Menschenmassen strömen bereits in den riesigen, beindruckenden Theaterbau. Manche sind in Kimons gekleidert und der Altersdurschnitt liegt recht hoch. Es scheint eine gut besuchte Veranstaltung zu werden. Das Stück heute heißt 一谷嫩軍記 (Ichi No Tani Futaba Gunki). Draussen sehe ich bereits wie die Spielzeiten sind. Zuerst läuft das Stück nur 30 Minuten, dann eine Pause, dann 1 Stunde, dann wieder eine Pause und der Rest geht noch mal 2 Stunden! Uff, das wird ja ein langer Nachmittag. Wahrscheinlich bleib ich gleich in der Gegend und hole beim Budoladen Sakura-ya noch die Sachen für Marco (ein Obi und ein Sageo). Richtig angezogen für mein Date heute abend bin ich zwar schon, aber es ist heute etwas schwül und ich bin schon leicht angeschwitzt.


Das Theater während der Pause.
Kate kommt etwas abgehetzt aber rechtzeitig an. Wir begeben uns in den großen Theatersaal und warten gespannt auf den Beginn. Vorher haben wir uns den englischen Audioguide geholt, um dem Stück besser folgen zu können. Wie sich später herausstellt, war das eine weise Entscheidung.

Der erste Akt beginnt mit einer Art Einführungsszene bei dem ein paar wichtige Charaktere und Gegebenheiten erklärt werden. Ich bin leicht überfordert. All die Namen und die etwas komplizierte Story aus dem Booklet werden durch den Audioguide noch detailierter beschrieben, aber leider meist während die Schauspieler auf der Bühne sprechen und nicht wie versprochen mit gutem Timing davor oder dazwischen. Am Anfang raffe ich daher recht wenig von der Story und versuche mich einfach auf das Schauspiel an sich zu konzentrieren. Ich bin etwas überrascht, dass das gesprochene Japanisch so dermassen anders ist. Vor allem die weiblichen Rollen, natürlich von Männern gespielt, sprechen so übertrieben hoch und quakend, dass es fast schon komisch ist. Trotzdem bin ich jetzt schon beeindruckt von dem Aufwand und der Hingabe wie die Darstellung abläuft. Mein Versuch hierüber ein Gespräch mit Kate zu beginnen scheitern kläglich und prallen von ihr ab.

Während der ersten Pause schlendern wir etwas herum. Es gibt jede Menge Fressstände und sogar Restaurants im Theater. Wie praktisch! Man kann hier also den ganzen Tag verbringen. Die Preise sind jedoch recht gesalzen. Ich versuche erneut etwas mehr mit Kate zu sprechen, aber ihre Distanz zu mir ist mittlerweile sogar physisch eindeutig zu erkennen, da sie weder auf mich wartet wenn sie voran schlendert noch mir nachfolgt wenn ich voran gehe. So schlecht kann ich doch nicht riechen...

Im zweiten Teil der Story gewinnt die Geschichte deutlich mehr an Umfang und Inhalt. Es werden sogar Szenen gewechselt und es herrscht viel Aktion auf der Bühne. Ab und zu rufen ein paar Männer aus dem Publikum lauthals, keine Ahnung was. Wahrschienlich: mehr Emotionen! Ich höre nur もっと (motto) raus, was so viel wie "mehr" heißt.

Die Geschichte an sich ist eine typische Samurai-Story von Ehr- und Pflichtgefühl, Aufopferungsbereitschaft und Bushido. Ohne den Audioguide hätte ich wahrscheinlich nur 20% verstanden von all den Implikationen und Andeutungen des Schauspiels. Auch sind mir die teilweise historischen Charaktere gar nicht bekannt. Es ist jedoch unheimlich faszinierend wie welchem Sinn für das Detail hier gearbeitet wird, ob es das Kostüm, der Hintergrund, die Requisite oder die Stimme der Schauspieler ist.
Besonders die Darsteller der Frauen spielen extrem ausdrucksstark, was wohl üblich beim Kabuki ist. Die Männer sprechen natürlich in diesem typisch tiefen und aggressiv wirkenden Samurai-Ton. Wie halten das bloß die Stimmbänder auf Dauer aus? Das muss doch anstrengend sein.

Anstrengend ist es auch wach zu bleiben während der Vorstellung. Ich kämpfe regelmäßig gegen zufallende Augen und versorge mich in den Pausen mit Tee und Kaffee, um dagegen zu halten. Meine rechte Sitznachbarin, eine ältere Japanerin, pennt schon in den ersten 10 Minuten des 2. Akts ein. Es schlafen überhaupt recht viele im Publikum, gehört wohl auch dazu irgendwie.

Zwischen den Schauspielern laufen auf der Bühne ab und zu sowas wie Bühnenhelfer herum, die allesamt schwarze Kleidung und verschleierte Gesichter tragen. Sie stellen teilweise Hocker unter die Akteure oder reichen bzw. halten Requisiten. Einer von ihnen muss einen halben Akt hinter einem der Schauspieler hocken und liest glaub ich ein Buch während der Wartezeit?! Knaller.

Besonders lustig ist die Darstellung eines Pferdes durch die Bühnenhelfer. Es sieht so dermassen echt aus, dass Kate und ich anfangs denken hier kommt grad ein echtes Pferd auf die Bühne. Der Schauspieler setzt sogar drauf und reitet es!!! Ein weiteres Highlight ist der angedeutete Kampf zwischen dem Haupt-Samurai und einer Gruppe von Soldaten. Obwohl Kate die Choreographie nicht sonderlich gefällt ("zu unsauber"), finde ich die künstlerische Umsetzung doch recht gut gemacht.

Zum Ende gibt es die typisch japanische Auflösung, in dem der Held seinen eigenen Sohn opfert um den heimlichen Sohn des Kaisers weiterhin zu beschützen. Die Trauer wird herzzerreissend dargestellt und ich kriege teilweise sogar Gänsehaut. Die typische Aufopferungsbereitschaft und das Akzeptieren des Unausweichlichen gehört einfach zum japanischen Geist, auch heute noch.

In der letzten Szene führt der tragische Held, der fortan nun als Mönch für die Vergebung seiner Tat beten wird, einen längeren Monolog über den Sinn und Unsinn des Lebens. Seine letzten Worte sind mir nicht unbekannt und fassen die Handlung in einen einzigarten Zen-Moment zusammen. "Nur ein Traum, nur ein Traum..." Ein starker Abgang mit viel Gänsehaut-Effekt.

Großartiges Kabuki-Theater, ich bin wirklich begeistert. Ich denke ich werde beim nächsten Mal auch wieder ein Stück besuchen. 

Nachdem ich mich von Kate verabschiedet habe, begebe ich mich in Richtung Roppongi um Junka-san zu treffen. Sie arbeitet direkt im Roppongi Hills Mori Tower (六本木ヒルズ森タワー).

Als ich Junka sehe, denke ich nur "Jackpot". Sie sieht wirklich umwerfend gut aus in ihrem Arbeitskostümchen. Ihre Art ist super-freundlich, lustig und ziemlich sexy. Das kann ja nur ein schöner Abend werden ^_^

Wir laufen ein bisschen durch Roppongi zum Shabu-Shabu Laden ihrer Wahl. Mir fällt deutlich auf wie viele Ausländer es hier in Roppongi gibt. Teilweise ganze Gruppen von Touristen aber auch viele Geschäftsleute. Immer wieder sehe ich den typischen männlichen Gaijin mit seiner obligatorischen japanischen weiblichen Begleitung. Das Klischee wird hier voll bedient und ich komme mir selber etwas komisch vor. Aber was solls, meine Begleitung ist eh heißer als eure!


Das Shabu-Shabu Essen ist großartig. Wir bestellen eine Fuhre Fleisch nach dem anderen und quatschen und futtern wie die Weltmeister. Ich kann gar nicht aufhören, so lecker ist das alles.Das Restaurant hat diese typische, leicht düstere, Kerzenschein-ähnliche Atmosphäre, fast schon romantisch. Ich bestelle mir Sake und bin recht zügig angeheitert. Junka lässt von mir auch zu etwas Alkoholkonsum ermutigen, ist aber in der Hinsicht wohl noch etwas schüchtern oder unsicher. Die Atmosphäre ist aber wunderbar gelöst und freundlich, ein echt schöner Abend mit interessanten Gesprächsthemen (das übliche: Japan, Deutschland, Beziehungen, Ex-Partner, Reisen, Arbeit, usw.).

Nachdem wir so viel gegessen haben, dass wir weiteres Essen nicht mal mehr ansehen möchten, verlagern wir unser Gespräch in einen nahe gelegenen Club bzw. Bar. Der Laden heißt Vanity und erinnert mich an das 40seconds oder das Felix in Berlin. Nur das hier der Ausblick auf Roppongi einfach der Knaller bei Nacht ist.

Ein Bild von der offiziellen Website. So sieht es da aber tatsächlich aus!
Der Club ist beinahe leer, es ist ja schließlich auch ein Wochentag. Am Wochenende geht es hier bestimmt gut ab und die (neu)reichen Boys & Girls der Stadt zeigen was sie haben. Würde ich mir ja gerne mal als Kontrastprogramm geben irgendwann, aber heute gilt meine Aufmerksamkeit ganz Junka. Als sie mir eröffnet, dass sie eigentlich nur ca. 70% von dem versteht was ich so sage, bin ich etwas perplex. Es zeigt mir auch wieder, dass ich viel zu schnell Englisch spreche manchmal. Mein Japanisch ist noch weit davon entfernt, diese interessanten Themen abzudecken, die Junka und ich so besprechen, aber zum Glück ist ihr Englisch sehr gut, auch wenn sie mich Schnellsprecher manchmal nicht versteht.

Ich hätte wirklich gerne noch mehr Zeit mit ihr verbracht, aber das wird weder heute abend noch in dieser Woche klappen :( Sie ist der Inbegriff einer cleveren, intelligenten, zurückhaltenden, aber auch wirklich lustigen wie sensiblen und Beschützerinstinkt-weckenden japanischen Frau. Ihre Attraktivität übertrifft das Ganze dann nur noch und kann einem einsamen Typen wie mir ganz schön den Kopf verdrehen. Nicht nur "good girlfriend-material" wie man so sagt, vielleicht sogar mehr. Naja, zum Abschied gibt es eine Umarmung und die Hoffnung auf einer Wiedersehen.

Tatsächlich habe ich dann noch den allerletzten Zug in Richtung Itabashihonsho gekriegt. Geiles Gefühl! Fühle mich wie ein richtiger Bürger dieser Stadt. Ich bezweifle aber, dass ich hier öfters zwei schöne Frauen an einem Tag treffen kann :)