Saturday, 10 March 2012

14. Tag in 2012 (Letzter Schultag und letztes Training)

Uh oh, mir geht's gar nicht gut. Ich hab zwar gut geschlafen und das kurze und schwache Erdbeben hat mich auch nicht gestört, aber gestern war dann wohl doch etwas zu viel des Guten. Ich hab böse Kopfschmerzen, aber wenigstens keine Magenschmerzen. Ich beschließe keine Tabletten zu nehmen und versuche mich lieber an den Hausarbeiten, so wie einem einigermaßen reichthaltigen Frühstück. Weil ich nicht das Gefühl habe, dass es besser wird, lege ich mich zwischen 11 und 12 Uhr noch mal hin.

So wirklich besser gehts mir danach aber auch nicht. Selbst das Betanken mit Nährstoffen vom Konbini hilft nicht wirklich, ich habe eher das Gefühl es wird immer schlimmer.

Das wird es dann auch. Die letzten paar Schulstunden sind wirklich eine Qual. Mein Kater ist vollständig erwacht und peinigt mich wo er nur kann. Dazu kommt noch, dass genau wie gestern, am Konbini neben der Schule eine Riesenschlange von Kids steht, die irgendeine Scheiß-Animefigur haben wollen und ich daher nicht so schnell an mein lebensrettendes Essen komme. Diese Otakus stehen um den ganzen Block im strömenden Regen für diesen Quatsch. Selbst Ordner waren gestern und sind auch heute im Einsatz um die Massen zu kanalisieren. Super, und wir Kudan-Schüler gucken in die Röhre. Zum Glück sind die zum späten Nachmittag alle verschwunden und ich kann etwas Futter einkaufen. Helfen tut es nicht wirklich, mir ist super schlecht. So schlecht, dass ich fast fürchte nicht am Training teilnehmen zu können. Elisa und die anderen wollen auch noch Sushi essen gehen, es ist ja auch Elisas letzter Tag. Sogar Kate kommt noch vorbei, und mir gehts so elend.

Das Foto ist zwar von der Woche davor, aber hier sind alle meine Mitschüler vertreten :)

Dazu kommt ja auch noch, dass beim letzten Tag eines Schülers immer feierlich die Urkunden übergeben und ein Foto gemacht wird. Na da hab ich ja jetzt richtig Bock drauf. Ihr mit eurem blöden Shadowing, so ein Zertifikat kann ich mir auch selber ausdrucken! Naja, ich reiß mich trotzdem zusammen, es ist ja nicht die Schuld der Schule, dass ich anders lernen möchte. Über die Einrichtung selber kann ich mich ja nicht beklagen, im Gegenteil. Ich gebe auf dem abschließenden Bewertungsbogen durchweg gute Noten für die Schule und die Lehrer. Einen Kommentar zum Shadowing spare ich mir. Dann wird das Zertifikat übergeben, das Foto und ab dafür.


Ich seh' schon etwas fertig aus, oder?
Ich gehe noch mit den anderen mit und hoffe, dass mir etwas frische Nahrung vielleicht hilft wieder in 60 Minuten fit zu werden. Wobei ich Angst habe, dass Sushi genau das Gegenteil bewirkt. Aber es gibt ja dort heißen Tee umsonst, der ist meine letzte Hoffnung. Als ich reinkomme wird mir kurz noch schlechter wegen des Fischgeruchs und der teilweise merkwürdig aussehenden Sushi-Kreationen. Aber als ich dann die erste Tasse Matcha trinken geht  es mir schlagartig besser. Ich verdrücke eine Portion Fisch und trinke noch zwei weitere Becher und oh Wunder, mir geht es wieder gut. Ich verabschiede mich schnell und düse los in Richtung Shibuya. Oh Mann, das war echt haarscharf. Hätte mich grün und blau geärgert wenn das nicht geklappt hätte mit dem Training heute.

Die Züge sind rappelvoll und es schwebt wieder die Stimmung des Party-Freitags über allem. Mir aber egal, ich will ja heute wieder ernsthaft trainieren und nicht feiern. Dafür morgen umso mehr, hehe. Wie schon ein paar Mal zuvor nehme ich in Shibuya-Station (渋谷駅) den falschen Ausgang und lande an der falschen Stelle. Ich laufe etwas umher und finde dann bekannte Strukturen, die Fußgängerbrücke. Nachdem ich sie schon komplett überquert habe, kommt mir der Rest der Straße aber komisch vor und ich stürze mich wieder in Unkosten und suche Hilfe bei Google Maps. Prompt kommt die SMS von der Telekom: "Ihre monatliche Nutzung von Daten im Ausland hat den Betrag von 134€ überschritten. Dies gilt nur als Information." Ja danke, du mich auch! Ohne GPS und 3G wäre ich hier nun mal verloren, denn ich bin wirklich falsch gelaufen. Die gleiche Fußgängerbrücke gibt es nämlich auch auf der anderen Seite der Station, da hätte ich lang müssen. Zum Glück komme ich nicht allzu spät im Dojo an.
So hätte ich EIGENTLICH gehen müssen...
Das Training ist alles in allem ganz ok. Nashima-sensei erinnert sich an meinen Namen und ich darf vorne links trainieren. Luke ist auch wieder da und ich freue mich ihn wieder zu sehen. Matsumoto-sensei leitet das Training, Esaka-sensei steht meist im Hintergrund und beobachtet eher andere Schüler. Matsumoto-sensei erklärt in einem mir vollkommen unverständlichen Japanisch die jeweiligen Feinheiten der Katas. Er zeigt jeweils zwei Wege um z.B. einen Schnitt zu machen, ich kann aber nie deuten welcher jetzt der falsche Weg ist. Luke klärt mich nachher auf, dass es ihm das genau so geht und er nicht wüsste was er meint wenn er kein Japanisch verstehen würde. Ich mache es einfach so wie ich es gelernt habe und das scheint akzeptabel genug zu sein. Als ich am Ende meiner zwei Tage Training bezahlen will, meint Nashima-sensei, dass ich ja aufgrund der Kokusai-Renmei Mitgliedschaft nicht bezahlen muss. Stimmt, hatte ich ganz vergessen, wie praktisch!

Später gehen wir wieder gemeinsan in die Stamm-Izakaya und ich bringe mich auf den neusten Stand zu Lukes Befinden. Er hat von der Dojo-Situation nichts mitbekommen sondern hat berufsbedingt 3 Monate Pause machen müssen. Sein Schock muss groß gewesen sein als er dann mitbekommen hat, dass Hinago-sensei quasi rausgeschmissen wurde. Auch wenn die Situation in Deutschland jetzt offenbar wieder ok ist, heißt das noch lange nicht, dass in Japan alles klar ist. Esaka-sensei fragt wieder mal nach meiner Herkunft und ist auch dieses Jahr etwas überrascht, dass ich aus Berlin und Geralds Dojo bin. Er erzählt mir vom kommenden Lehrgang in Stuttgart, von dem ich noch gar nichts wusste und freut sich schon wieder auf Deutschland. Er ist sehr gut gelaunt und irgendwie habe ich das Gefühl, dass er sich wie erleichtert, sozusagen freier fühlt.  Diesmal fragt er sogar direkt nach meinem Namen und möchte ihn notieren. Das übernehme ich natürlich und schreibe im feinsten Katakana meinen Namen. Schade nur, dass es sein Notizbuch bzw. Kalender aus 2011 ist und er ihn sowieso irgendwann entsorgen wird :-/ Wenn er sich wirklich an mich in Stuttgart erinnert, wäre das schon lustig. Diesmal verstehe ich sogar fast alles was Esaka-sensei auf Japanisch sagt. Zum Glück ist aber Luke noch als Backup da und kann besser ausdrücken was ich selber sagen möchte. Auf jeden Fall ist es schön, dass ich schon beinahe eine richtige Konversation mit dem Sensei führen kann. Sprache verbindet einfach.

Schöner Abend gewesen. Lustig ist auch, dass Luke morgen auch in den Club Womb gehen möchte. Er hat sogar halb-japanische weibliche Begleitung in petto. Wir tausche Nummern aus und verabreden uns locker für morgen abend. Coole Sache, so klein ist die Welt.

Zuhause bemerke ich beim Begutachten des Zertifikats, dass mich die Schule zum Holländer gemacht hat (オランダ = oranda = Holländer) *epic facepalm*