Friday, 2 March 2012

7. Tag in 2012 (Ein feucht-fröhlicher Izakaya-Abend)

Ich stehe recht früh auf und möchte meine Wäsche waschen. Leider ist die Waschmaschine immer noch kaputt und so langsam wird es schwierig mit den Klamotten. Ich frage Rumiko nach Alternativen aber sie lässt das natürlich nicht auf sich sitzen und sammelt meine Wäsche ein, um sie wahrscheinlich woanders waschen zu lassen. Morgen nachmittag soll sie fertig sein, sagt sie. Hoffentlich klappt das, sonst wird mein Trip nach Hiroshima etwas ungemütlich. Ja, in der Tat habe ich mich für Hiroshima entschieden auch wenn meine Host-Family sich doch sehr über meine Wahl wundert. In Osaka hätte ich nur shoppen und eine nachgebaute Burg bewundert können. Dann lieber gleich die volle Packung und zu einem bedeutungsschwangeren Ort wie Hiroshima fahren.Ich weiß jetzt schon, dass ich da bestimmt ganz schön mit den Tränen kämpfen werde. Allein der Gedanke daran macht mich jetzt schon  traurig...

Ich mache früh Hausaufgaben und versuche zu verstehen was ich da eigentlich lernen soll. Es ist kniffelig, aber nicht unschaffbar. Die Grammatik ist eigentlich ganz logisch, nur fehlt mir die Übung in der Anwendung weswegen ich dann doch noch etwas mehr Fehler mache als es mir lieb ist. Hide-san zeigt Interesse an meinem Kanji-Übungen und führt mir vor wie man mit dem Fudepen (筆ペン) schreiben kann. Er schreibt ein beinahe perfektes Kanji für 私 (watashi = ich) und ich bin begeistert. Natürlich sagt er, dass es nicht so gut und vor allem schwer ist, aber mein Versuch sieht dagegen aus wie hingespuckt. Ich glaube ich sollte mal in einen Kalligrafiekurs gehen, Kanjis gefallen mir immer mehr und helfen mir beim lernen von neuen Vokabeln.

Während der Hausarbeiten kläre ich mit Kate noch den Termin für das Kabuki-Theater ab und buche mit der Kreditkarte für nächste Woche Dienstag. Die Tickets kosten pro Person 4.500円 in der Kategorie "2nd Grade A". Bin wirklich gespannt wie das wird. Kate hat bestimmt durch ihre künstlerische Theater-Ausbildung und besseres Sprachverständnis ein ganz anderes Auge für diese Dinge, aber dafür habe ich dann halt mehr Augen für Kate, so kann man sich den Kunstgenuss teilen ;)

Und wieder Shadowing in der Schule, ich brech' zusammen! Maaaaan, so ein Scheiß!! Kommt das jetzt jeden Tag?!?!

Mit diesem erhöhten Frustlevel ist es durchaus schwierig für mich am Unterricht weiter teilzunehmen. Ich versuche aber mein bestes und kann der Lehrerin auch eigentlich immer folgen. Wörter, die ich nicht kenne werden erklärt und somit kann ich den Zusammenhang und auch die Fragen eigentlich immer verstehen. Aber der Schritt, frei zu antworten und wie die anderen Schüler längere Sätze zu formen fällt mir noch super schwer. Erst recht wenn ich gar keinen Bock habe weil mich das Shadowing so ankotzt!!! Wenigstens läuft es im Kanji-Kurs etwas besser, selbst wenn das Tempo noch schneller ist. Mein Glück ist, dass ich die Kanjis in anderer Reihenfolge gelernt habe, daher kenne ich schon ein paar, die erst später in den Lektionen kommen. Leider fehlen mir dafür auch wieder Kanjis, die bereits gelehrt wurden. Aber mit dem Buch kann ich das ja zum Glück nachholen.

Nach der Schule schleift mich Rumiko gleich mit in eine naheliegende Izayaka zum gemeinschaftlichen Essen und Trinken. Dabei habe ich so schlechte Laune, dass ich mich am liebsten ins Bett legen würde. Die Izakaya liegt in einer ganz beschaulichen Gegend in Itabashi, die mich etwas an Kyoto erinnert. Ein Bach durchkreuzt die engen Straßen und auf kleinsten Raum finden sich viele Restaurants und Lebensmittelgeschäfte. In der Abenddämmerung hängt ein angenehmer Duft von geräuchertem Fisch und gebratenem Fleisch.
 
Eine Brücke in Itabashi von Google StreetView

Rodney und seine Homestay-Familie sind auch wieder mit dabei und ich lasse etwas Frust wegen des Shadowing bei ihm ab. Er hat damit scheinbar weniger Probleme und ich bin wahrscheinlich für ihn der unflexible Deutsche, der dazu noch ein Problem mit seinem Temperament hat (denn heute ich habe mich wirklich bei ihm darüber aufgeregt).

Timothé, der schüchterne Franzose aus dem Einführungskurs, und seine Homestay-Familie kommen auch, sie wohnen sogar im gleichen Gebäude der Izakaya. Er wirkt viel relaxter und ganz happy mittlerweile. Als ich seine Homestay-Mutti kennenlerne weiß ich auch warum, haha. Sie ist von der 3er Homestay-Family Truppe definitiv die Hübscheste. Nett sind aber alle, keine Frage. Meine Laune ist immer noch nicht besser also lasse ich mich von Rumiko gerne zum trinken verleiten. Erst mal her mit dem Sake und der Gesellschaft zeigen, dass der Deutsche auch trinken kann! Ich komme auf ein großes Bier, 3 große Gläser Sake und irgendsoeinen Shochu-Cocktail. Zu Essen gibt es verschiedene Izakaya-Gerichte, alle irgendwie gar nicht Japanisch, aber irgendwie doch.

Rumiko ist schnell  hackedicht und wird mutiger. Wir reden irgendwann (natürlich) wieder über Frauen und was Timothé und ich doch für unterschiedliche Typen sind. Nach Ansicht der Japaner ist er der Shy-Guy und ich der Cool-Guy. Tims Homestay-Mutti fragt mich doch tatsächlich warum mein Gesicht nicht zeigt, dass ich Spaß habe. Ich bin verwirrt, ich grinse doch die ganze Zeit (bin ja mittlerweile auch etwas angetütert)?! Ich denke ich weiß aber was sie meint. Deswegen bin ich wohl der Cool-Guy und lerne niemanden kennen, weil sich wohl keiner traut den ersten Typen anzusprechen? Mia-san, die Homestay-Mutti von Rodney geht mit mir auf Tuchfühlung indem sie sich beinahe auf meinen Schoß setzt. Da muss ich wohl etwas aufpassen. Ganz abgesehen davon, dass sie gar nicht mein Typ ist, sind ja auch schließlich alle verheiratet. Rumiko piekt mir derbe ins Auge, als sie eigentlich nur gucken wollte welche Augenfarbe ich habe. Klar, mache ich auch immer mit ausgestrecktem Zeigefinger wenn ich Leuten ins Gesicht packe!! Unter Schmerzen mir das Gesicht zuhaltend sage ich dauernd auf Japanisch "blau, blau", aber es hilft nichts, zusammen halten sie meinen Kopf fest und sehen selber nach. Boah, besoffene Japaner, Mensch Mensch Mensch!!!

Interessant ist auch, dass sämtliche Kinder der Familien die ganze Zeit, sprich bis spät in den Abend, an dem Ganzen teilhaben. Sie turnen sowohl in der Kneipe als auch auf der Straße davor herum. Sie kriegen sogar für das Essen einen eigenen Kindertisch während ihre Eltern es sich an der Sitztheke mit Bier und Härterem gut gehen lassen. Anfangs fand ich das etwas merkwürdig, aber ich sehe, dass die Kinder nicht nur extrem selbständig sind sondern auch gut gegenseitig aufeinander aufpassen. Ich habe nicht das Gefühl, dass die Eltern ihre Vorbildrollen irgendwie vernachlässigen. Es ist eher so, dass sie die Kinder auch hier teilhaben lassen und nicht ausgrenzen. Ob das gut oder schlecht ist, gerade in Bezug auf Alkoholkonsum, kann ich nicht beurteilen. Müsste man mal länger beobachten oder sogar die Kids befragen, wie die das sehen.

Jedenfalls hat der Abend dafür gesorgt, dass ich dank des guten Essens und mit Sicherheit auch wegen des Sakes wieder bessere Laune habe. Ich bin nicht sicher ob ich das nochmal machen möchte, aber für dieses Mal hat es sehr viel Spaß gemacht.

Tjaaa, es war ja auch alles gratis ne ^_^