Saturday, 3 March 2012

8. Tag in 2012 (Yasukuni-Schrein und J-Rock)

Mensch, nach dem Saufgelage gestern hätte ich echt mit nem Kater gerechnet. Aber keine Spur davon. Ich habe sogar richtig gute Laune!  Gottseidank, denn heute früh geht es zum berühmt-berüchtigten Yasukuni-Schrein (靖国神社) mit Elisa und Kate. Der Schrein ist für die Seelen der gefallen Japaner der verschiedenen Kriege und somit wohl auch für sämtliche Japaner, die im 2. Weltkrieg Kriegsverbrechen begangen haben. Elisa hat sich mit dem Thema ziemlich intensiv für ihre Studien auseinander gesetzt und mir davon ein paar Tage zuvor erzählt. Ich kenne den Schrein nur aus den Nachrichten wenn sich die Chinesen wieder empören, dass ein Ministerpräsident den Schrein besucht und für die Seelen betet.

Tori am Eingang

Kate, ich und Elisa


Die kaiserliche Chrysantheme

Der Schrein selber ist unspektakulär, wobei das enorm riesige Tori natürlich schon beeindruckt. Das Gelände sieht durch den Regen und die kahlen Bäume recht traurig aus. Elisa findet es eher friedlich. Wir gehen in das angrenzende Yūshūkan-Museum (遊就館) über die Japanischen Kriege. Gleich im Eingang wird ein Flugzeug aus dem 2. Weltkrieg ausgestellt. Würde mich nicht wundern, wenn das damals Pearl Harbour mit zerbombt hat.

Wir schlendern durch die Räume in den akribisch genau sämtliche militärischen Auseinandersetzungen der japanischen Nation in den letzten Jahrhunderten dargestellt werden. Hier und da werden Gedichte auf Bannern präsentiert, die sich mit dem heldenhaften Opfer für das Land und den Kaiser beschäftigen. Selten ist dort eins zu finden, das den Krieg als solches beklagt. Überhaupt wird hier keine Kritik am "warum" oder "wieso" gemacht. Kein Bedauern über all die Toten und Verletzten, über die Schäden und Tragödien. Vom Nanking-Massaker z.B. keine Spur. Es wird nur in einer Randnotiz erwähnt und dazu auch noch so verharmlosend, dass einem schlecht werden könnte. Alles ist wie ein großer Wikipedia-Eintrag mit nichts als trockenen Fakten. Am Ende stehen die Zahlen für die Toten auf beiden Seiten. Fertig.

Faszinierend patriotisch, aber auch erschreckend.

Spannender wird es für mich als wir uns auf dem Zeitstrahl dem 2. Weltkrieg nähern. Die Japaner nennen ihn aber scheinbar anders, denn für sie begann dieser große Krieg schon vorher (um 1933) und sie nennen das Ganze "Great East Asian War". Durch den achso glorreichen Sieg über die Russische Flotte um 1905 begann der Anfang vom Ende, doch damals war es für Japan wohl ein extatisches Gefühl, vergleichbar mit dem Sieg der Deutschen über die Franzosen in 1871 schätze ich. Ich bin etwas schockiert wie nüchtern hier die Gründe für die kriegerische Expansion Japans dargestellt wird. Durch die Abhängigkeit des Rohstoffimports versuchte Japan sich daher im Ausland zu bedienen. Als Deckmantel und Rechtfertigung wird im Museum hier tatsächlich der Wunsch Japans nach einem von den Kolonialmächten unabhängigen Ost-Asien vorgeführt. Quasi mit Führung Japans sollen die Völker Ost-Asiens Wohlstand und Stabilität erreichen, so wie Japan es eben auch als erstes Ost-Asiatisches Land zu etwas gebracht hat. Das mächtige Japan, dass sie von den unfairen Verträgen und Zwängen der westlichen Mächte aus eigener Kraft befreit hat.

Als dann der weitere Verlauf und der Eintritt der Japaner in den 2. Weltkrieg dargestellt wird, werde ich mit jedem Panel, das ich lese trauriger und trauriger. Mit welch Größenwahn hier der vermeintlich unausweichliche Schritt zum Krieg von den Japanern gerechtfertigt wird. Ich lese die offizielle (übersetzte) Kriegserklärung Japans an die USA. Wie kann man in einer Kriegserklärung vom Wunsch zum Frieden für die Welt sprechen?! Es ist alles so traurig und so dumm. Mein Mitgefühl überwältigt mich fast, so sehr nimmt mich diese trockene Darstellung von Tod und Verderben mit.

Nach 2 Jahren von Erfolgen wird dann der Krieg für Japan zur Defensivstrategie. Plötzlich wird in den Subtexten von der "heldenhaften Verteidigung des Heimatlandes" gesprochen. Wie kann man das nur so verherrlichen? Kamikaze-Piloten, die als Helden ihr Land "verteidigen" wenn doch sie die ursprünglichen Aggressoren waren?! Es werden rührende Briefe von Kamikaze-Piloten an ihre Frauen und Familie ausgestellt, die mich natürlich auch mitnehmen, da ich ihre Situation und vielleicht auch die japanischen Denkweise verstehe, doch sehe ich nirgends auch nur eine Spur an Kritik an dieser wahnsinnigen Verzweiflungsstrategie des Japanischen Militärs. Die Kamikaze-Einheiten wurden doch nur gebildet weil Japan bereits wusste, dass sie den Krieg nicht mehr mit normalen Mitteln gewinnen können und daher verzweifelt jeden Körper in die Schlacht schmissen, den sie rekrutieren konnten. Dann das Ganze noch schön mit Heldenfarbe bestreichen und fertig ist der Selbstmordattentäter. War es etwa heldenhaft von 13jährigen Jungs der Hitlerjugend von den Russen aufgerieben zu werden? Nein, es war auch nur der verzweifelte Versuch von Wahnsinnigen der Lage Herr zu werden, ohne Rücksicht auf das Wohl des Einzelnen.



Als am Ende die Bomben fallen muss Japan handeln, muss der Kaiser handeln. Die Regierung und das Militär flehen den Kaiser an eine Entscheidung zu treffen, da es scheinbar keiner wagt hier eigenmächtig zu entscheiden. Ich kann mir bildlich vorstellen welch Elend und welch gebrochener Stolz geherrscht haben muss als der Kaiser seine Erklärung im Kabinett verliest und die Nation Japan kapitulieren lässt. Es ist eine rührende Rede, so voller Scham, Naivität aber auch Ehre und Mut. Ich glaube, hätte es diesen Kaiser nicht gegeben, der wirklich willens war all das zu beenden und für seine Fehler Rede und Antwort zu stehen, dann würde es das japanische Volk in seiner heutigen Form nicht mehr geben. Auch wenn es genau diese Ehre, dieser Stolz war, der Japan in die vielen Kriege getrieben hat, ähnlich wie die Deutschen, so hat im Gegensatz zu uns, auch diese Eigenschaften dabei geholfen, Japan zu erhalten und in neues Zeitalter zu führen.

Meine Traurigkeit weicht dann fast so etwas wie Wut, als ich zum allerletzten Teil der Ausstellung komme. Dort wird doch tatsächlich der East-Asian War als im Nachinein gute Sache dargestellt. Ein Panel zeigt die verschiedenen Unabhängigkeitsbestrebungen der Ost-Asiatischen Völker. Da ich ja gerade in Malaysia war ist mir deren Unabhängigkeit noch gut in Erinnerung, genau wie die Geschichte zur Unabhängigkeit Indiens. Welch Unverfrohrenheit hier Japan als Katalysator oder sogar Helfer für den Frieden darzustellen. Wie kann man nur Ghandi, als Verfechter von Frieden und Freiheit abbilden und von Japans großen Opfer für die Welt sprechen??! Ich glaube Ghandi wäre gar nicht begeistert wenn ihm hier unterstellt wird, er habe durch Japans verlorenem Krieg es überhaupt erst schaffen können Indien zur Unabhängikeit zu verhelfen. Noch unglaublicher wird es als in einem Filmraum ein Schauspiel gezeigt wird, bei dem ein Veteran, seines Zeichens jetzt Kaffeeröster, tatsächlich darüber philosphiert wie Japan Neu-Guinea doch geholfen hat die Wirtschaft eigenständig und das Land unabhängig zu machen.



War der Krieg OK wenn das Ergebnis letztendlich ein gutes war?

Die Japaner scheinen das zumindest in dieser Ausstellung gerne denken zu wollen. Ich werde meine Kinder jedenfalls so nicht erziehen!

Sinner and Saints, Criminals and Heroes

Ich bin etwas aufgewühlt und teile meine Ansichten mit Kate, aber sie reagiert gar nicht darauf. Teilweise sieht sie das etwas anders und tut meine Aufreger der Aufstellung als "typisch Japanisch" ab. Überhaupt habe ich das Gefühl, sie will sich nicht richtig mit mir abgeben, keine Ahnung warum. Das Kabuki am Dienstag kann ja heiter werden o_O

In der Schule wird gleich wieder mit Shadowing gestartet und kriege echt nen Hals. Ich HASSE diese Lehrmethode wirklich. Wir müssen sogar genau die Intonation wiederholen, selbst wenn wir eine Frau nachsprechen sollen wie dem ganzen übertriebenen Gequietsche und so. Was für ein Schwachsinn, ich hab doch keinen Schauspielkurs gebucht!!
Wenigstens der Grammatikteil ist interessant und bringt mich etwas nach vorne. Nebenbei lerne ich natürlich auch ein paar neue Wörter, aber es wie immer viel  zu schnell für mich. Die Lehrerin (die coole) gibt mir einen Feedbackbogen und schreibe auf was mich stört. Für mich zur Übung und um auch ein bisschen mein Lehrbestreben zu zeigen, schreibe ich einen Teil in Japanisch. Ich halte mich aber etwas mit der Kritik, denn einerseits will ich nicht sagen, dass Shadowing furchtbar Scheiße ist und andererseits fehlt mir dafür auch das richtige Japanisch ;)

Ich bin froh, dass der Unterricht vorbei ist und ich düse mit Verspätung nach Shinjuku um Shimako-san zu treffen. Leider habe ich vergessen meine Reservierung für Hiroshima morgen zu machen, also komme ich dadurch noch etwas später. Es geht aber schneller als gedacht und nach etwas Verwirrung finden wir uns und laufen zur Konzerthalle. Shima kenne ich noch von vor 2 Jahren, als ich mit Andrew auf diesem epischen J-Rock Konzert war. Jetzt war es wieder Kaori-san, die mich zum Gig eingeladen hat, da sie den Headliner namens GravityZEЯO managed. Sie ist den ganzen Abend schwer beschäftigt und wir tauschen nur ein paar Begrüßungen auf Deutsch aus, aber es war trotzdem nett sie mal wieder gesehen zu haben. Sogar Ichi treffe ich wieder, den Bassisten aus der alten Band, ich nenne ihn auch gerne den japanischen Keanu Reeves.
Natürlich ist der Laden wieder voller Teenie-Girls oder Frauen, die sich zumindest so anziehen. Shima ist z.B. 41 und steht ziemlich auf diese Band(s). Sie warnt mich vor, das eine der Bands ziemlich in die vollen geht beim Konzept "Visual Kei". In der umfangreichen Hochglanz-Flyer Sammlung, die ich am Eingang erhalte, hätte ich schon vorher sehen was jetzt kommt.

Die Headliner und coolen Säue: GravityZEЯO

Herrlich der Albumtitel, oder?

Die verrückteste Gruppe des Abends

Was dann auf die Bühne kommt übertrifft meine Befürchtungen/Erwartungen. Scheiß auf Tokio Hotel, die sind doch gar nix gegen diese verrückte Truppe hier! Teilweise wünschte ich mir fast, dass der eine oder andere kein Kerl ist, dann könnte ich mich nämlich wirklich an den Gesten und Bewegungen erfreuen, aber so ist es leider wirklich straaaange!!! Die Typen sind nicht mal schwul sagt mir Shima! Warum dann das Ganze frage ich in die Runde? Eine Freundin von Shima meint, es hat in Japan schon fast Tradition, dass Männer sich als Frauen verkleiden und damit unterhalten Sie meint damit das Kabuki und No-Theater und ich verstehe was sie meint. Bin gespannt wie das am Dienstag dort wird, mit Sicherheit weniger crazy.






 Die Jungs auf der Bühne verstehen alle ihr Handwerk, egal ob verrückte Klamotten oder nicht. Wobei die Sänger meistens doch etwas mau sind. Gitarrentechnisch sind sie aber alle exzellent, zumindest was ich mit meinem Laien-Ohr und -Auge dazu sagen kann. Es treffen mich ein paar Blicke von einer hübschen Japanerin, doch leider sind wir beide viel zu schüchtern, um da weiter zu gehen, trotz meines 3. Wodka Tonics intus. Ich bin tatsächlich so angetrunken, dass ich etwas auf meine Bewegungen achten muss. Ich schwanke etwas beim Gang zum Klo. Meine "motto, motto kudasai" Sprüche bei der dicken Bardame haben wohl doch etwas zu gut gefruchtet. Sie hat's dann doch zu gut mit mir gemeint und mir die Gaijin-Mische gemacht (Hälfte Wodka, Hälfe Tonic Water). Naja, jedenfalls kann ich schon aus erschwerten Bedingungen heraus nicht flirten, denn die Dame mit den schönen Augen hat eine Gesichtsmaske auf, die die Hälfte des Gesichts verdeckt. Wer weiß was sich darunter versteckt hätte. Sie düst nach dem Konzert einfach ab und ich tue es ihr gleich, nachdem ich mich höflich bei Shima, ein paar ihrer Freunde mit denen ich mich etwas unterhalte und natürlich Kaori verabschiedet habe. Reicht einfach für heute, was Tolles wird eh nicht mehr passieren.
Ich laufe durch die Partymeile von Shinjuku zum Bahnhof und fühle mich ziemlich einsam. Klar war das ein ereignisreicher und lustiger Tag bzw. Abend, aber am Ende kann ich es auch nur hier ins Blog schreiben oder in Erzählungen mit Leuten teilen. Im Endeffekt habe ich alles trotzdem mehr oder weniger alleine erlebt und gehe alleine nach Hause.

Auf dem Heimweg kaufe ich mir noch zwei leckere Karage-Sticks, mein neues Lieblingsessen vom Konbini. Ziemlich hacke falle ich ins Bett und hoffe, dass ich morgen für den Trip nach Hiroshima fit genug bin. Gottseidank hat Rumiko-san Wort gehalten und meine Wäsche gewaschen. Ich muss also nicht wie ein Penner losfahren.