Tuesday, 25 December 2012

10. Tag (Nagoya und ein schwedisch-japanischer Heiligabend)

Eigentlich müsste ich gut schlafen in meinem Einzelzimmer aber um 3 Uhr früh wache ich schon wieder auf und denke es ist Zeit zum aufstehen. Schlechter Start in den Tag.

Als ich dann wach bin, geduscht habe und auf dem Weg zum Bahnhof bin, merke ich, dass ich mir echt nen Schal hätte mitbringen sollen. Es ist relativ kühl in Tokyo und der Hals tut schon etwas weh. Dazu machen mich die Klimaanlagen in den  Zügen und Gebäuden ziemlich fertig. Es wird nicht einfach nur geheizt, es ist wie ein Heißluftgebläse, dass dir die Gesichtshaut wegschmilzt.

Die Fahrt im Shinkansen ist auch nicht wirklich angenehm. Ich sitze im Waggon ganz vorne rechts und obwohl der Zug super heiß ist, ist genau an meinem Sitz irgendwie die kalte Luft an. Irgendwann später suche ich mir einen anderen Sitzplatz und versuche dort in den 2 Stunden Fahrt nach Nagoya etwas zu schlafen.

Das führt dazu, dass ich beinahe meine Station verpasse! Hektisch schreibe ich noch die mitgebrachte Glückwunschkarte, die ich eigentlich noch etwas mit Kanji verschönern wollte. Keine Zeit dafür.

In der großen Empfangshalle der Nagoya-Station sieht mich Misako schon von weitem und winkt ganz aufgeregt. Och bin etwas verschlafen und komme schwer in die Gänge. Natürlich freue ich mich sehr sie zu sehen aber leider eröffnet sie mir auch als erstes, dass wir nicht zu ihr nach Hause gehen und die Kinder sehen können weil es gerade etwas schwierig mit ihrem Vater ist. Schade :-(

Wir gehen ins Toshiayama Kaufhaus und suchen uns was zu essen. Die Wahl fällt heute mal auf Tempura. Da die Schlange recht lang ist, nutzen wir die Wartezeit und quatschen über dies und das.

Sie hat abgenommen und sieht etwas müde aus. Mutter von Zwillingen scheint nicht einfach zu sein. Der Hauptgrund ihres Stresses ist aber die Situation mit ihrem Vater, der alles besser zu wissen scheint ins Sachen Erziehung. Zum Glück haben sie bereits ein kleines Haus gekauft (mit 2 Parkplätzen!) und ziehen Anfang des Jahres um. Dann kann ich sie auch besuchen kommen und dort sogar übernachten, super

 
Nach dem Essen und dem Tee geht es mir schon besser und auch das Japanisch sprechen klappt wieder. Misako möchte im Kaufhaus etwas schauen, also gehen wir etwas bummeln. Eine lustige Erfahrung mit ihr einkaufen zu gehen. Japanische Kühlschränke sind z.B. der Knaller, absoluter High-Tech. Sogar ein Vakuum-Fach haben die neuen Modellen, damit das Gemüse ganz besonders frisch bleibt. Das beeindruckt mich in der Tat. Lustigerweise denkt der freundliche Verkäufer, dass wir zusammengehören. Nein, es sind 4 Leute im späteren Haushalt von Familie Kobayashi, nicht nur zwei. Schön auch, dass in Japan auch auf Energie-Effizienz geachtet wird.

Im Bücherladen überlegen Misako und ich krampfhaft welches der ca. 300 Bücher ich für mein Japanischstudium nutzen könnte, leider gibt es aber einfach zu viel Auswahl (wie so oft in Japan). Ich kaufe einfach ein Kanji-Buch zum bereits vorhandenen Mina no Nihongo. Der Kassierer fragt nach ob wir miteinander Deutsch sprechen und gibt zu auch etwas zu verstehen. Er sagt "auf Wiedersehen", sehr putzig.

Misako guckt noch nach Staubsaugern, Deckenlampen und sonstigem Kram. Der neuste Schrei sind LED-Lampen. Mittendrin realisiere ich, dass es das erste Mal ist, dass Misako und ich überhaupt zusammen in Japan sind. Und was machen wir? Bummeln, so herrlich normal :)

Wir trinken noch einen Kaffee zusammen und ich überreiche mein Geschenk, ein deutsches Bilderbuch der kleinen Raupe Nimmersatt, das ich als Kind schon toll fand. Sie freut sich sehr und ich hoffe, dass die Zwillinge vielleicht irgendwann sogar etwas Deutsch lernen können.


Unser Abschied wird etwas rührselig, ich glaube sie hat etwas ein schlechtes Gewissen nicht mehr Zeit gehabt zu haben. Es war aber ein schöner Tag zusammen.

Während der Rückfahrt penne ich fast durchgängig im Zug und rutsche entweder nach rechts oder links, immer meinem Nachbarn beinahe auf den Schoss (sitze in der Mitte). In meinen Wachphasen ist mir das etwas unangenehm, aber die dauern zum Glück nur kurz.

Wieder im Hostel angekommen gibt es erstma eine Karte und ein Geschenk vom Staff, weil doch Weihnachten ist (danke, dass ihr mich daran erinnert).

Heute ist Heiligabend...geplant habe ich nichts, außer den Abend in der Bar zu starten.

Also ab in die Bar und an die Theke. Nicht besonders gut besucht heute, mag wohl am Feiertag liegen. Die Bedienung ist auch nicht besonders freundlich, neues Mädel. Neben mir sitzt ein blonder Typ mit Bart, der permanent auf seinem iPad in Japanisch chattet. Ich quatsche ihn einfach an und wir kommen ins Gespräch. Sein Name ist Frederik, er kommt aus Schweden und ist quasi am Ende seines Studienjahres in Japan. Sein Japanisch ist richtig super und er kann locker flockig über fast alles reden. Er wird mein Dolmetscher für den Rest des Abends. Auch er hat heute nix vor und ist offen für eine lustige Nacht.

Bevor wir gen Shibuya ziehen quatschen wir noch mit einem recht betrunknen Japaner in der Bar. Er kommt aus Hiroshima und ist wirklich ziemlich dicht, sogar leicht agressiv. Er sagt dauernd "Excuse me sir" wenn er etwas auf Englisch anfängt zu erzählen.

Wir reden über Krieg, Frieden, Deutschland, China und Russland. Er will Japan wieder stärker machen, militärisch und nationalistisch. Er hasst China, was irgendwie keine Überraschung ist. Frederik übernimmt das dolmetschen für mich, da ich in dieser Diskussion durchaus eine konträre Meinung habe. Schon komisch, dass jemand aus Hiroshima so eine krasse Einstellung hat. Ich hätte eine mehr pazifistische Einstellung erwartet. Naja, aber er spendiert uns Drinks. Irgendwann hauen wir aber trotzdem ab, da er immer agressiver in seinen Reden wird. Kein Bock auf Stress an Weihnachten.

Erstma was essen gehen, lecker Matsuya. Dann ab nach Shibuya. Am Hachiko ist es rappelvoll, Partyzeit. Viele Leute sind in Weihnachtskostümen. Zwei Ausländerinnen sind vollends dicht und torkeln durch die Gegend. Werden sofort von Japanern angegraben. Als Antwort kotzt die Eine ihm sofort vor die Füße, was der Japaner nur mit "oh, sie hat wohl Rotwein getrunken" kommentiert (Übersetzung von Frederik). Sehr lustig.

Wir laufen etwas in Shibuya rum und zufällig finde ich den Laden mit dem unpassenden Namen Gas Panic, über den ich schon mal gelesen habe. Der Name ist insofern unpassend, da es in Tokyo einmal einen Giftgasanschlag gegeben hat. Dieser Laden ist jedenfalls ein Hip-Hop Schuppen im Keller, ohne Eintritt, klein aber fein. Wir kippen einen Drink und gehen dann weiter.

Eigentlich suchen wir ja The Womb, ist aber schwierg aufgrund von mangelndem WLAN und der verwirrenden Gassen. Letztendlich hat der Laden auch wegen einer Privatveranstaltung geschlossen, schade. Kriegen als Tipp aber das Bijon (?!) genannt.

Der Laden heißt dann eigentlich Vision und scheint ganz interessant zu sein (es stehen fast nur Frauen an). Der Eintritt ist heute nur 2.100円. Drinnen ist in einem Labyrinth von Räumen mit feinstem Techno und Minimal. Die Lautstärke ist so krass, dass es uns beinahe in den Ohren schmerzt. In einem ruhigerem Raum wird House gespielt und es stehen Couches rum. Hier lässt es sich aushalten.

Wir chillen etwas rum und trinken weiter, schauen uns die Leute an. Scheint ein lokaler Club zu sein, fast bis gar keine Ausländer. Vielleicht liegt es auch an Heiligabend...

Die anderen Dancefloors sind eigentlich richtig Bombe aber wirklich so laut, dass wir einfach gehen müssen aus Angst unser Gehör zu verlieren. Wie machen die Japaner das nur? Mit Oropax?! Furchtbar.

Wir gehen zurück ins Gas Panic weil die Züge noch nicht fahren und trinken weiter. Wir quatschen die Barkeeperin an, einfach weil sie total cool und locker drauf ist, ein bisschen zu locker für ne Japanerin vielleicht. Jedenfalls hat sie tolle Beine und animiert uns zum trinken. Sie trinkt sogar einen mit und tut so als ob es verboten wäre. Ihren Job versteht sie jedenfalls.

Frederik wird von einem Päärchen angequatscht, sie heißt Mizumi, er heißt irgendwie. Er scheint wohl reich und aus Okinawa zu sein. Mizumi ist von Frederik fasziniert. Wir dachten, dass die beiden zusammen sind aber scheinbar ist das sowas wie ein Date und er schmeißt mit dem Geld um sich.

Frederik und ich finden, dass ist die lustigste und für uns beide ungewöhnlichste Art ist Heiligabend zu feiern, like ever. Wir wären beide alleine gewesen und hätten vielleicht in unser Bier geweint, aber das hier war 1000x besser.

Tokyo Skytree mit Weihnachtsbeleuchtung

Gegen 5 Uhr haue ich dann ab und nenne es einen gelungenen, wenn auch nicht extatisch-verrückten Abend.

メリークリスマス!