Wednesday, 26 December 2012

11. Tag (Iaido in Kisarazu, Wiedersehen mit alten Bekannten)

War eine lange Nacht, bin etwas durch. Schlafe daher länger. Die freundliche Taiwanesin über mir im Bett scheucht die Putze raus weil ich noch schlafe, schaffe es aber nicht ihr zu danken.





Ich komme leider etwas zu spät los und folge meinem Plan nach Kisarazu (木更津). Dort trainiere ich heute im Dojo von Kobara-Sensei. Irgendwie dauert alles länger als gedacht und ich bin erst gegen 18 Uhr da, obwohl ich schon gegen 16-17 Uhr da sein wollte.

Als ich an der Chiba Station (千葉駅) angekommen bin schreibe ich Kobara-Sensei eine SMS. Ich weiß gar nicht sicher ob er die auch lesen kann, das ist ja alles etwas anders hier mit dem Telefonnetz (jeder hat ja E-Mail stattdessen). Klappt aber! Er schickt sogar eine zurück und will mich an der Kisarazu Station abholen.

Er fährt mit nem dicken Benz vor, sogar mit Lenkrad auf der linken Seite und nicht rechts. Direktimport aus Deutschland? Die Konversation mit ihm klappt ganz gut, er redet nur etwas schnell.

Zu seinem kleinen Haus mit angeschlossenem Dojo ist es mit dem Auto ein Katzensprung. Sogar ein großes Schild steht an der Straßenkreuzung um auf den Dojo hinzuweisen. Der Name seines Dojos ist Genshinkan (厳心館), was sich aus den Kanji für Strenge (厳), Herz/Seele (心) und Residenz/Haus (館) zusammensetzt. Quasi Residenz des strengen Herzens, ein recht passender Name für einen Iaido Dojo wie ich finde.

Schon von aussen sieht der Dojo absolut traumhaft aus. Von innen ist es mit Abstand der schönste Dojo, den ich je sehen durfte. Toller Boden, tolles Holz, alles perfekt sauber und organisiert, sogar eine Klimaanlage gibt es. Kobara-Sensei sagt, dass der Boden nicht mal versiegelt sondern das Holz einfach so perfekt glatt ist. Muss ein Vermögen gekostet haben. Mehr Bilder gibt es auf der offiziellen und sehr gut gemachten Website des Dojos -> www.genshinkan.jp/english/

Image from genshinkan.jp
Heute ist übrigens das letzte Training und daher auch Putztag, na was hab ich ein Glück.

Kobara-senseis Haus ist auf dem gleichen Gelände direkt nebenan und ich bekomme Tee und Kekse von seiner Frau. Obwohl wir so viele Mails im Vorfeld miteinander gewechselt haben kommt irgendwie keine richtige Unterhaltung zustande. Stattdessen sitze ich mich Kobara-sensei in seinem Arbeitszimmer und er malt Kanjis. Ich bin sprachlos von seiner Fertigkeit! Er ist absolut begnadet in der Kunst des Shodo (書道). Er zeigt mir 3 verschiedene Arten wie man Kanjis malen kann, vor allem die dritte ist sowas von filligran und kunstvoll, ich bin total begeistert (lesen kann ich nicht mal mehr die zweite Variante). 



Wir reden über Kanji und Radikale, und er malt mir etwas größer auf einem extra Papier die Kanjis für YUME 夢 (Traum) und AI 愛 (Liebe).  Komisch warum gerade die? Wieder so ein kleines Zeichen in Japan, von denen es so viele bislang bei meinen Besuchen gab...

Er zeigt mir die ganz großen Kanjirollen, die man nur im Stehen mit riesigen Pinseln bemalen kann. Ich möchte mich auch versuchen aber scheitere kläglich. Es fängt schon damit an, dass ich gar nicht weiß wie ich den Pinsel richtig halten sollen. Schön ist daher was anderes. Aber ich würde das wirklich gerne können. In Kombination mit Iaido kann ich mir das sehr gut vorstellen.

Das Training selber ist sehr interessant aber nicht allzu spektakulär und recht kurz. Ich bin wie immer ein wenig aufgeregt und nicht gut genug konzentriert, am Ende komme ich vollends durcheinander als eine Art Mischung aus Junto so no ichi und Junto so no ni gemacht wird. Diese "neue" Kata heißt jetzt nur noch Junto und wird ganz am Anfang gemacht. Scheint jetzt der Standard zu sein, zusätzlich zu den anderen beiden. Muss man mir doch sagen...

Nach dem kurzen Training geht es dann ans Großreinemachen im Dojo. Das traditionelle Auskehren vor dem Jahreswechsel, genau wie in Deutschland eigentlich. Ich erhalte die wichtige Aufgabe mit der Sprühflasche den Spiegel und Glasflächen zu putzen. Der Spiegel ist übrigens praktisch in der Wand versteckt. Einfach ein toller Dojo.




Übrigens ist zu meiner Unterstützung ein englischsprechender Schüler namens Daniel im Dojo. Er ist Halbjapaner aber in Japan aufgewachsen und sehr freundlich. Kobara-sensei sorgt dafür, dass wir unsere Kontaktdaten austauschen, so dass ich auch ja nicht den Anschluß verliere. Daniel hat einen Autohandel, quasi ein Familienbetrieb. Er legt mir auch nahe, dass ich lieber mit dem Bus zurück nach Tokyo fahren sollte. Der fährt weniger als ne Stunde bis Tokyo Station und ich muss nicht dauernd umsteigen. Wäre ich mal auch so hergefahren, meh.

Daniel fährt mich zur Bushaltestelle und wir quatschen etwas. Er macht mir Komplimente über mein Englisch und ich lasse mich einfach mal schmeicheln. Ich freue mich schon darauf ihn beim nächsten Mal wiederzutreffen. Mist, ich hab das Papier mit den Kanjis beim Sensei liegen lassen :-/

Am kleinen Busbahnhof von Kisarazu ist es dunkel und leer, er steht inmitten eines großen Parkplatzes. Der Warteraum ist hell erleuchtet und bietet für Speis und Trank diverse Automaten. Ich kaufe mir eine wärmende Dose Maissuppe, haha
 

Nach einer komfortablen Busfahrt, die ich meistens dösend verbracht habe, begebe ich mich nach einer Dusche natürlich erst mal wieder in die Khaosan Bar. Dort treffe ich meinen alten Bekannten Bini wieder. Er kommt aus Island und hat eigentlich den blumigen Namen Brynjólfur Brynjólfsson, aber das kann ja nicht mal ich richtig aussprechen, geschweige denn die Japaner. Also heißt er bei allen Bini (ビン二). Wir quatschen über die lustigen Abende im letzten Februar als wir uns kennengelernt haben und über dies und das. Ein komisches Buch mit sehr lustigen Sex-Übersetzungen macht die Runde in der Bar und sorgt für ausgelassene Stimmung. Eine der Barkeeperin ist Saori, die auch im Samurai Hostel arbeitet. Sie kenne ich auch noch vom Februar. Komischerweise glaubt sie mir das nicht als sie mich direkt fragt ob ich mich noch an sie erinnere. Hmm, hüsches Mädel...