Friday, 28 December 2012

13. Tag (Ein Tag mit Saori)

Heute treffe ich mich mit Saori. Schön, endlich mal eine Unternehmung mit jemanden aus Tokyo, den bzw. die ich auch in Tokyo kennengelernt habe (und nicht nur online).

Einen wirklichen Plan haben wir eigentlich nicht für heute, nur essen und trinken, keine Ahnung was noch zu machen wäre. Vielleicht ins Kino?

Ich frühstücke leicht und mache mich auf den Weg nach Ikebukuro (池袋駅). Während ich draußen warte kommt ein älterer Herr auf mich zu und fragt mich wie es mir geht und woher ich komme. Er spricht etwas komisches Englisch, ist aber ganz höflich. Er war schon mal in Deutschland, in Frankfurt, aber nur auf der Durchreise nach Norwegen, wo er auf einer Mission war.

Ich bin kurz verwundert was er mit Mission meint, aber als er dann sagt "You are the same age as Jesus", dämmert es mir. Er ist ein Missionar und versucht mich ganz eindeutig ein Gespräch zu verwickeln. Da ich eh früh dran bin und warten muss, tu ich mir das Ganze einfach mal an. Es geht offensichtlich um eine Christliche Gemeinschaft, welche weiß ich noch nicht. Er erzählt, dass alles „dual“ ist, zwei Augen, zwei Arme, zwei Beine, usw. Daher auch Mann und Frau, und dass Gott quasi das Duale Prinzip zum Menschen darstellt.

Er gibt mir seine Karte, Unification Church of blabla, kenn ich nicht. Klingt aber schon mal komisch. Als er dann seine Broschüre öffnet in der als oberste Leitung ein Koreaner und eine Koreanerin zu sehen sind und ich dann Moon heraus höre, wird es mir plötzlich klar; das ist diese Moon-Sekte!! Jetzt beginnt es mir erst richtig Spaß zu machen. Ich lasse ihn ein bisschen (für sein Geld) arbeiten und stellen sowohl grundsätzliche religiöse Thesen in Frage, so wie das Vorhandensein eines einzelnen Gottes, als auch die Entstehung von Religionen an sich.

Ganz besonders gehe ich darauf ein, dass ich es quasi für Blasphemie halte wenn jemand wie dieser Moon meint, er ist der neue Messias und darf damit Menschen vorschreiben was sie zu glauben haben. Als er mir die Seite über die Massenhochzeiten zeigt, in der westliche und asiatische Paare im vermeintlichen Glück zu sehen sind, frage ich provokant ob gleichgeschlechtliche Ehen auch akzeptiert sind. Er ist sichtlich verunsichert, behauptet aber, dass das kein Problem ist. Ich behaupte weiterhin, basierend auf meinen veralteten Wikipedia-Kenntnissen, dass Moon einfach nur einen ökonomischen und politischen Kontrollmechanismus erschaffen hat und dass ich mich nicht kontrollieren lassen möchte. Ich bleibe jedoch immer respektvoll und versichere meinem Gegenüber, übrigens ist er wahrscheinlich Chinese, dass ich seinen Glauben respektiere.

Er gibt nicht auf und versucht weiter mich in tiefere Kenntnisse und Wahrheiten einzuweihen. Die ultimative Wahrheit scheint ihm besonders wichtig zu sein. Moon hat die Wahrheit erkannt, Jesus hatte Nachfolger, ich kann aber nicht verstehen wen er meint, da seine englische Aussprache stellenweise viel zu schlecht ist. Irgendwie der Sohn von Johannes dem Täufer?!

Ein paar andere Sachen verstehe ich auch nicht ganz, wie z.B. den Vergleich vom Apfel aus der Adam & Eva Geschichte mit einem Sexorgan, als Sinnbild des Teufels. Kann mir nicht verkneifen nachzufragen, ob sie deswegen keine Äpfel essen, hehe.

Er wird im Laufe des Gespräches immer lauter und gestikulierender, beinahe predigt er auf offener Straße. Ich stachele ihn weiter an, in dem ich Vergleiche zu Scientology und dem Islam ziehe. Als Verteidigung sagt er, dass der Messias nicht physisch als Moon wiedergeboren wurde sondern spirituell. Ich hole sogar die Geschichte vom Erzengel Michael aus der Tasche und erzähle wie Luzifer anmaßte, die Macht im Himmel an sich zu reißen und letztendlich von Michael mit den Worten „wer ist wie Gott“ in die Hölle gestoßen wurde. Angenommen es gäbe den einen Gott, wer darf sich dann anmaßen wie er zu sein? Niemand anderes, oder? So wirklich geht er darauf nicht ein, er versucht es anders.

Er spricht über Liebe und das vieles im Leben durch den Mangel an Liebe geschieht. Da gebe ich ihm natürlich Recht, aber ich merke an, dass das Gefühl der Gruppenzugehörigkeit und schwache Charaktere das Futter für Organisationen wie seine sind. Ich sage ihm ganz direkt, dass ich mit Sicherheit nicht in seine Kirche eintrete, zumal ich ja Katholisch erzogen wurden und dann mit 18 aus der Kirche ausgetreten bin. Dass ich eher dem Buddhismus zugeneigt bin findet er ziemlich interessant und gesteht mir zu, dass ich einen weiten Horizont habe. Naja, gar nicht mal wegen der Komplimente sondern wegen seiner Hingabe und seiner offensichtlichen Überzeugung etwas Gutes zu vertreten und etwas Gutes zu tun, muss ich einfach sagen, dass er mir sympathisch ist. Auf meine Frage hin warum er denn überhaupt missioniert, sagt er, dass er nur seinen Glauben vorstellen und niemanden zwingen will („only introduce“).

Zum Glück taucht irgendwann Saori auf und rettet mich. Ich wäre ihn wahrscheinlich gar nicht losgeworden, so hartnäckig war er. Aber klar, als Missionar muss man das wohl. Vielleicht hatte er ja sogar eine Quote, persönlich-emotional oder sogar eine tatsächliche.

Saori sieht schick aus, ganz in schwarz, scheint aber etwas schüchterner zu sein als sonst. Wir laufen in der Gegend von Ikebukuro rum und suchen uns was zu essen. Die Wahl fällt auf Shabu-Shabu. Ich bin etwas unsicher ob ich es diesmal vertrage, denn letztes Mal ist es mir ganz schön im Magen rumgegangen. Lecker ist es aber unbedingt, also go for it.


Wir quatschen über dies und das, Musik und ihre Arbeit, Pläne für die Zukunft, Reisen, usw. Sie ist 25, älter als man denkt. Kriegt sie wohl öfters zu hören. Sie liebt ihre Katze Ebi-chan und hat außerhalb der Arbeit wohl nicht so viel soziale Interaktion mit Menschen. Sie wirkt wie jemand, der Angst und Unsicherheit im Alltag hinter einer Maske von Coolness und einer Scheiß-egal-Haltung versteckt, aber sie verrät sich oft und lässt mich auch langsam hinter ihre Fassade blicken.

Als wir mit dem Essen fertig sind ist es noch viel zu früh, um was trinken zu gehen. Also geht sie noch etwas nach Geschenken für ihre Freundinnen gucken. Ich finde mich also wieder in Begleitung einer netten Dame in einem japanischen Kaufhaus wieder, hah. Eigentlich ganz angenehm, nur kaufen kann ich einfach nichts, denn es gibt einfach zu viel Auswahl! Von allem gibt es nicht nur 5, nein 12 verschiedene Ausführungen. Egal was ich brauchen würde, ich wüsste nicht was ich nehmen sollte bei so viel Varianten in Form, Farbe, Preis und Qualität. Wobei in Sachen Qualität sieht alles super aus, es ist gar nicht so einfach Unterschied zwischen billig, normal und teuer zu erkennen.

Das Shabu-Shabu haut mir dann doch wieder direkt in die Eingeweide und es rumort gewaltig, kein angenehmes Gefühl wenn man gerade ein Date hat. Ich versuche es irgendwie zu überspielen. Nie wieder Shabu-Shabu!!!

Da sie nicht viel Glück bei der Geschenkesuche hat beschließen wir einfach zu ihr nach Hause zu fahren und da etwas zu trinken. War ein etwas dreister Vorschlag von mir aber es gab keine erkennbare Unsicherheit diesbezüglich. Sie warnt mich nur noch mal vor, dass sie nicht wirklich viel trinken kann, es aber gerne tut. Oha, na das kann ja lustig werden. Wir fahren nach Shakujii-Park Station (石神井公園駅), eine Station nach Nerima (練馬), ihrem Heimatort. Dort begeben wir uns in einen Liquorshop und ich kaufe mir interessant aussehenden Sake (er hat kleine Reisteilchen, sieht aus wie Schnee). Ich habe sogar selber in Japanisch nach einem etwas süßen Sake gefragt und der Verkäufer hat mir gerne ausgeholfen. Saori kauft eine Piccolo-Flasche Multivitamin-Sekt aus Deutschland und meint damit schon gut betrunken zu sein?! Sie meint es ist leicht sie abzufüllen und benutzt dafür ein japanisches Wort 低燃費 (ていねんぴ). Das bedeutet sozusagen "niedriger Treibstoffverbrauch". Ich glaube sie verarscht mich etwas.

Die Gegend um den Bahnhof ist eine typische Sleepertown, aber irgendwie finde ich sie ganz niedlich. Saori und ich unterhalten uns übrigens fast nur auf Englisch, denn obwohl ich ihr klar gemacht habe, dass ich fast alles Japanisch verstehe, kommt es ihr nur schwer über die Lippen. Ihr Englisch hat bedingt durch ihren australischen Ex einen entsprechenden Klang und hört sich angenehm an, leider nuschelt sie etwas bzw. hat eine "faule" Aussprache. Ich versuche oft mit Japanisch zu antworten und manchmal gelingt es mir sogar, ihr ein paar mehr Worte auf Japanisch zu entlocken.

Cool, mein erster Besuch in einer japanischen Wohnung. Sie sieht viel zu riesig aus für eine Person, trotz Katze als Mitbewohner. Ich traue mich gar nicht fragen was sie hierfür zahlt. Alles wirkt sehr neu aber etwas leer. Das Schlafzimmer hat nur einen Futon und das wars eigentlich. Die Küche ist offen und hat eine amerikanische Theke.

Die Katze ist sehr mißtrauisch und es dauert eine ganze Weile bis sie mich an sie ran lässt. Irgendwann spielen wir sogar zusammen, was Saori durchaus überrascht. Wir vertreiben uns die Zeit mit quatschen und trinken auf dem Sofa. Dort steht auch die einzige Klimaanlage der Wohnung. Die Wärme brauchen wir auch, denn es ist superkalt in der Wohnung. Doppelt hält besser, also heizen wir auch von innen mit Sake. Tatsächlich hat Saori nicht übertrieben was den Effekt von Alkohol angeht, sie ist nach kürzester Zeit knallrot. Sogar ihr Hals und Rücken sind tiefrot und sie wird definitiv offener und überschwenglicher.

Nunja, den Rest kann man sich ja als Leser dieses Blogs sicherlich denken. Ich will da nicht zu sehr ins Details gehen. Nur soviel: es war so ziemlich das Beste was mir seit langem passiert ist und hat ne große Menge Spaß gemacht. Auch wenn ich ihr immer wieder versichern musste, dass ich kein Arschloch sei, dass sie nur ausnutzt, wurde ich nicht das Gefühl los, dass sie das eigentlich gar nicht so stören würde. Denn je offener sie wurde, desto mehr war klar, dass sie ein großes Problempaket mit sich herumschleppt, teilweise sogar beängstigend problematisch. Des öfteren fragt sie ganz direkt ob ich ihr helfen kann. Zusätzlich betont sie aber immer wieder, dass ich ja bald wieder weg sein würde und aus dieser Sache sowieso nichts werden kann. Zu gefährlich sei die Kombination unserer Charaktere, zu riskant die emotionale Bindung. Recht hat sie, aber trotzdem war es ein ziemlich bemerkenswerter Abend mit einer aufregenden Frau, die für einen Weile nicht nur ihr Bett sondern auch ihr Herz für mich geöffnet hat.

Ein kleines Highlight ist als sich spät nachts die Katze direkt neben mich unter unsere Decke kuschelt, sich doch zusammenrollt und mit uns weiterschläft.