Saturday, 29 December 2012

14. Tag (Treffen mit den Koopmans-Tanakas und Iaido-Training)

Da Saori heute Dienst hat stehe ich ganz früh auf um vor ihr im Hostel zu sein. Es sollen ja keine blöden Fragen kommen. Gar nicht so einfach in der Eiseskälte in die Gänge zu kommen. Ein heißer Dosenkaffee aus dem Automaten am Bahnhof tut sein Bestes. Mit vielen verschlafenen Pendlern stehe ich also im Zug Richtung Asakusa und genieße die herrliche Stille im Zug. Was für eine Nacht.

Heute stehen auf der Tagesordnung nur zwei Dinge. Ein Treffen mit Annika und Junichi Koopman Tanaka in Asakusa und ein erneutes Iaido-Training im Shibuya Dojo.

Junichi hatte mich damals auf doitsunet friends angesprochen, wahrscheinlich weil ich aus Berlin bin. Da er ganz lustig wirkte und interessanterweise mit einer Deutschen verheiratet ist, dachte ich mir diese beiden sind doch ein Treffen werd. Ihre Hintergrundgeschichte interessiert mich einfach.

Wir treffen uns am Kaminarimon in Asakusa und gehen erstmal zusammen Kaiten-Sushi essen. Hatte noch kein Sushi bislang fällt mir dabei ein. Annika kommt irgendwo aus Hessen, hört man ihr aber nicht an. Sie ist ziemlich groß, ihr Mann sieht dagegen klein aus obwohl er für japanische Verhältnisse nicht klein ist. Junichi schenkt mir was Süßes von der Nakamise-dori. Super...und ich habe nix für die beiden.

Sie haben sich online kennengelernt, wahrscheinlich auch bei doitsunet bzw. worldfriends. Nach einer Weile haben sie sich dann online "verlobt", quasi über Skype. Sie hat ihn dann in Japan besucht und dort standesamtlich geheiratet. Die Ehe ist in Deutschland aber noch nicht bestätigt. Er ist 28, sie gerade mal 20, krass. Zusammen sprechen sie eigentlich nur Englisch, er lässt sie scheinbar nicht wirklich Japanisch lernen. Das kenne ich aber, man nimmt immer die Sprache mit der man am besten Gefühle und Informationen austauschen kann. Annika und ich sprechen nur ganz kurz etwas Deutsch und bleiben dann beim Englisch.

Wir sitzen so an der Sushi-Theke, dass links von mir Annika und links von ihr dann Jun sitzt. Mir fällt auf, dass er immer wieder demonstrativ seinen Arm um sie legt, will wohl seinen Besitzanspruch kenntlich machen. Kommt ein bisschen prollig rüber und ist auch unnötig. Ihr gefällt das nicht so ganz, sie nimmt seinen Arm immer wieder runter. Ich rede auch meistens mit ihr bzw. richte die meisten Fragen an sie, vielleicht liegt es daran? Ich versuche ihn auch mehr mit ins Gespräch zu holen.

Nächstes Jahr wollen sie nach Berlin, wo sie ein Ausbildung machen möchte und er versucht japanische Musik nach Deutschland zu holen. Er hat hierzu ein eine Geschäftsidee entwickelt und bereits den Namen (Actwitness) und das Konzept erarbeitet. Sehr umtriebig der Gute, er hat wirklich vor sich einen Traum zu verwicklichen. Sowas mag ich und unterstütze ich gerne, vor allem wenn es dann noch in Berlin ist. Ich biete Jun all meine Hilfe an, so ein paar Kontakte in die Musikszene habe ich ja dann doch.

Ein interessantes Paar die beiden, einfach putzig zusammen.Trotzdem kommt mir die Kombination merkwürdig vor, schon alleine wegen des Alters. Wahrscheinlich bin ich da aber einfach zu sehr abgebrüht und desillusioniert, dass ich noch an die wahre Liebe glauben könnte. Aber ich bin sehr zuversichtlich, dass die beiden irgendwie ihren Weg machen werden.

Nach knapp ner Stunde mache ich mich auf den Weg Richtung Shibuya zum Iaido Training. Die beiden dachten wohl, ich hätte mehr Zeit für einen Bummel in Asakusa und sind etwas enttäuscht. Aber wir sehen uns ja sicherlich in Berlin wieder, dann zeige ich ihnen etwas die Stadt. Ich möchte mich ja auch revanchieren, dass sie mein Essen bezahlt haben :)

Mein Plan war ursprünglich mich ins Starbucks an der berühmten Kreuzung von Shibuya zu setzen (ausnahmsweise) und dort mit freiem WLAN etwas die Zeit im Internet tot zu schlagen. Pustekuchen, Starbucks hat nur sauteuren Kaffee aber kein Gratis-WLAN. Es gibt sogar eine extra Erklärungskarte auf Englisch dafür. Bin wohl nicht der einzige Ausländer, der das voraussetzt.

Also schreibe ich offline etwas an meinem Blog und hören den diversen ausländischen Gästen zu. Die Aussicht ist natürlich grandios, zu jeder Ampelphase strömen die Menschenmassen über die Kreuzung. Den Ausländern gefällt das und wird hunderte Male fotografiert und kommentiert.


Mir fällt auf, dass es in der Nähe von großen JR Stationen Gratis-WLAN gibt. Yeah baby! Ich nutze die Möglichkeit um mit Saori zu kommunizieren erhalte aber keine wirkliche Antwort. Da ich immer noch Zeit habe bis zum Training stelle ich mich an der langen Schlage am JR Ticketcounter an und hole mir einen Sitzplatz für morgen. Ich möchte nämlich etwas Sightseeing nachholen und endlich nach Nikko (日光) fahren solange mein Railpass noch gültig ist. Ticket und alles klappt wunderbar, sogar auf Japanisch.

Danach hole ich mir noch lecker Gebäck im Bahnhof, es ist immer noch viel Zeit. Komisch, es gibt immer mehr dieser Backshops in Japan, fast so wie bei uns. Natürlich sind die Variationen und Kreationen hier viel zahlreicher und die Qualität ist auch gefühlt doppelt so gut.

Ich laufe zum Dojo und finde ihn diesmal sogar auf Anhieb. Leider hat er noch nicht geöffnet, also verputze ich mein Essen direkt davor. Den Schrein nebenan schaue ich mir auch an, wie jedes Mal. Scheinbar wegen des Jahreswechselns hat man hier eine Art Kreis aufgehängt, durch den die Menschen auf eine bestimmte Art hindurch laufen müssen. Sogar eine Anleitung hängt daneben. Wahrscheinlich soll das Glück bringen. Noch länger in der Kälte zu warten ist mir aber nix, also gehe ich in die nächstgelegene Bar. Nur ne Cola, das reicht.


Im Dojo ist Mochisai-Sensei schon da und beginnt das Training recht früh. Esaka-sensei kommt heute später. Auch Nashima-sensei kommt und erkennt mich natürlich wieder. Schön, diesmal mit Namen angesprochen zu werden. Esaka-Sensei begrüßt mich jedoch kurz und knapp, bin mir immer noch nicht sicher ob er weiß wer ich bin.

Scheisse kalt im Dojo heute, hier gibt es keine Heizung wie in Kisarazu. Aber Gelegenheit mich zu bewegen habe ich in den nächsten 2 Stunden Einzeltraining von Mochisai-Sensei genug. Er zeigt mir viele Dinge auf, die sich bei mir im Laufe der Zeit eingeschlichen haben. Ich hoffe ich behalte sie alle auch im Kopf. Da ich noch nicht alle Tatehiza Katas (立膝之部) kenne, zeigt er mir zwei weitere; Urukogaeshi und Namigaeshi. Sind ähnlich wie Migi und Ushiro.

Esaka-sensei haut einfach mittendrin ab, ohne sich direkt bei mir zu verabschieden. Ich kriege es nicht mal direkt mit. Er hat sich innerhalb des Dojos auch gar nicht blicken lassen, nicht mal umgezogen glaub ich. Hmm, komisch, vielleicht war es zu kalt?

Am Ende soll jeder Schüler eine Reihe Katas vormachen. Zum Glück kann ich mich drum drücken weil ich noch nicht alle Tatehizas kann. Puuh, Schwein gehabt, ich wäre wahrscheinlich da vorne gestorben vor Nervosität.

Einer der jüngeren Schüler hat etwas Süßes mitgebracht und es wird gemeinschaftlich verputzt. Da Esaka-sensei heute nicht dabei ist, gehen nicht alle in die Izakaya wie sonst. Ein bisschen schade aber eigentlich finde ich das ganz gut so, denn ich will zurück und irgendwie den Abend noch mit Saori verbringen, wenn möglich.

Der Traum platzt aber rasch, sie sagt mir ab, keine Chance. Ärgerlich. Also gehe ich wieder in die Khaosan Bar und unterhalte mich mit einem Belgier und einem Brasilianer. Letzterer lernt in Fukuoka an der Uni Philosophie und hat schon 6 Jahre Japanisch-Erfahrung, Wahnsinn. Seine Aussprache ist aber trotzdem nicht so gut finde ich, viel zu krasser Akzent. Er hatte aber schon den JLPT N2 bevor er das erste Mal nach Japan gekommen ist, das ist schon heftig.

Der Belgier reist schon seit 6 Monaten meistens über Land durch Ost-Asien, kommt gerade aus Korea wo er einen Monat verbracht hat. Er ist etwas down weil die Gruppe im koreanischen Partyhostel ihn irgendwie rausgeekelt hat. Rädelsführerin war eine Japanerin, die auch aus der Khaosan Familie kommt. Tatsächlich kommt heraus dass Midori, die früher im Khaosan Samurai gearbeitet hat, jetzt genau in diesem Hostel arbeitet und auch dafür verantwortlich ist, dass er am Ende dumm da stand. Haha, die Welt ist einfach so klein. Ich erzähle ihm etwas von meinem Eindruck von Midori und ich habe das Gefühl, dass er etwas erleichtert ist und sich nicht mehr so stark selbst die Schuld an allem gibt, da Midori schon ein etwas schwieriger Charakter ist. Patient geheilt :)

Ich gehe etwas früher ins Bett, will morgen nicht verpennen und den Tag maximal für Nikko nutzen.