Sunday, 30 December 2012

15. Tag (Nikko, Jazz und Party)

Auf auf, heute geht es nach Nikko. Berühmt für seine schöne Landschaft und wunderschönen Tempel und Schreine, die sogar in Summe ein UNESCO Welterbe sind.
Vorher quatsche ich noch mit meinem neuen Zimmergenossen Tim. Er ist aus Australien, vietnamesischer Abstammung und sehr freundlich. Ihm ist dauernd kalt, haha. Irgendwie werde ich am Ende unseres Gespräches zur Neujahrs-Party seiner Freunde eingeladen. Also keine Party im eigentlichen Sinne, man geht einfach in einen Club und feiert zusammen. Die Wahl ist auf den Club Asia gefallen. Kenn ich nicht, soll aber auch gut sein habe ich gehört. Achja, Tim ist ziemlich schwul, das hört man schon daran wie er spricht und seine ganzen Kumpels wohl auch (abgesehen von den Mädels). Wir adden uns gleich auf Facebook und da ich spontane Sachen natürlich cool finde, bin ich bei der Party sofort dabei.

Küssende Shinkansen-Züge
Mein Railpass ist noch gültig, also fahre ich komfortabel mit dem Shinkansen. Von Ueno-Station geht es mit dem Tohoku Shinkansen nach Utsonomiya (宇都宮) und von dort aus mit der JR Nikko Line bis zur Endhaltestelle Nikko Station. In Utsonomiya ist es noch gutes Wetter und trocken, eigentlich sogar recht warm. Als ich dann in den altbackenen Waggon der Nikko Line einsteige wundere ich mich schon warum es hier so bullig heiß ist. Also wieder raus aus den Klamotten. Das nervt mich etwas an Japan. Jedenfalls fährt der Zug gemächlich gen Norden und die Wärme sowie die Klimaanlage lassen mich einschlummern. Als ich erwache sehe ich auf einmal Schnee! Überall! WTF? Sind wir so weit in den Norden bzw. in die Berge gefahren? Ein toller Anblick. Jetzt verstehe ich auch warum geheizt wird. In Nikko angekommen finde ich mich in einem zauberhaft verträumten Bergstädtchen wieder, dass unter einer leichten Schneedecke liegt. Es ist wirklich richtig kalt hier. Gottseidank hab ich mir in Nagoya den Schal gekauft, sonst müsste ich jetzt frieren.


Von der Nikko Station aus geht es mit dem Bus hoch zu den diversen Tempeln und Schreinen. Noch habe ich nicht direkt einen Plan was ich sehen will, also verlasse ich mich auf den Touristenführer, den ich am Bahnhof mitgenommen habe. An irgendeinem Stop springe ich ab und latsche die rutschigen, mit Schneematsch bedeckten Wege den Berg hinauf zum Tosho-gu, dem Shinto-Schrein des berühmten Tokugawa Ieyasu, dem Begründer des Shogunats und der Edo-Periode. Der Schrein ist vor allen Dingen berühmt für seine prunkvollen Verzierungen. Außerdem sehe ich hier zufällig die Drei Affen, die wohl jeder schon seit seiner Kindheit kennt.







Der Schrein ist wirklich prunkvoll und mit seinen Türmchen und Giebeln eine Augenweide. Überall liegt Schnee und macht aus dem dem simpelsten Stein ein attraktives Motiv für den gewillten Fotografen (moi).









Hipster-Filter



Mit dem Schnee wirkt dieser Ort wahrlich bezaubernd
Heute machen alle Tempel und Schreine und überhaupt alles in Nikko ziemlich zeitig zu. Mir bleibt also eigentlich nicht genug Zeit um mir alles anzuschauen. Es bleibt also nur bei ein, zwei Sehenswürdigkeiten.



Die Entfernung zurück zum Bahnhof sieht nicht allzu weit aus, also laufe ich einfach. Die kühle Luft tut gut. Auf dem Weg liegt auch die berühmte "Heilige Brücke" (神橋) des Futarasan Schreins (日光二荒山神社). Sie ist natürlich wegen des Schnees gesperrt. Macht aber auch so einen schönen Eindruck, inklusives des darunterliegenden Flusses. Das Tauwasser macht daraus einen glucksenden, wirbelnden Strom. Wieder ein schönes Fotomotiv. Ausnahmsweise habe ich heute ja mal die große Kamera mitgenommen, auch wenn ich damit immer weniger Fotos mache.







Auf meinem Fußmarsch sehe ich mehrere Läden, die Bilder von Drachen verkaufen. Die Besonderheit ist, dass die Bilder offenbar mit nur einem Pinselstrich gemalt werden. Leider haben alle Läden schon zu, so wie der Rest der Stadt. Liegt ja auch an dem kommenden Neujahr schätze ich. Da haben die Leute besseres zu tun als nach Nikko zu fahren. Hätte mir aber in den Drachenläden gerne ein paar Anregungen für die Colorierung meines Tattoos geholt, vielleicht sogar ein richtiges Bild zum aufhängen.


Einer der vielen Drachenbild-Läden
Nikko Station
Die Heimfahrt ist lang und mummelig. Im Zug schlafe ich fast die ganze Zeit, bin ja mittlerweile Profi darin. Wieder im Hostel angekommen mache ich mich fertig für den heutigen Abend. Es geht zwar wieder in die Bar aber zur Abwechslung gibt es heute mal Jazz im 1. Stock. Hiro-san der Barkeeper, der mich sogar immer wieder erkennt und ein echt netter Zeitgenosse ist, tritt mit seiner Band auf, dem Asaba Trio.

Der Isländer Bini und seine hübsche Freundin sind auch schon da. Eigentlich kostet der Abend heute Eintritt, aber da ich schon so früh da sind und bereits Drinks haben, hoffen wir um die Kosten drumrum zu kommen, klappt aber nicht ganz. Cheffe Akira-san passt auf!

Das Jazz Gedudele ist wirklich großartig, die Jungs sind talentiert und Hiro wirklich ein begnadeter Gitarrenspieler. Er hat wirklich komplizierte Arrangements gemacht wo ich mir schon beim Zugucken die Finger verknote, aber er hat ein Ding nachm anderen raus. Cooler Typ! Und typisch Japanisch ist er dabei ganz zurückhaltend und bescheiden. Man merkt, die Jungs haben wirklich Spaß bei der Sache. Das zweite Set wird sogar noch cooler.

Hiro (links) an der Gitarre
Bereits zum Konzert ist der Laden ziemlich voll. Irgendwann kommt dann die gesammelte Khaosan Belegschaft aus ganz Japan um den Abschiedsabend ihres Oberbosses (社長) in der Bar ausklingen zu lassen. Alle in schicken Klamotten, richtig formell. Der Boss ist schon gut besoffen und ein richtiges party animal wie es scheint. Er haut die Runden raus und gröhlt und rangelt mit den Leuten, es ist der Knaller. Auch Saori ist dabei und fängt an richtig zu trinken. Das hat bei ihr einen ziemlich extremen und unschönen Effekt, quasi die schlimmste betrunkene Nerv-Ische die man sich vorstellen kann, und ihre zwei Kolleginnen genauso. Aber dabei ignoriert sie mich völlig.  Freudigerweise ist auch Takako-san da, die ich zuletzt vor ihrer langen Reise durch Südamerika gesehen habe. Wir quatschen etwas, stossen an und beäumeln uns mit den anderen über die immer besoffeneren beer pong matches.

Takako mit viel beer pong Geld
Seit einer Weile wird im 1. Stock der Bar recht oft beer pong gespielt. Ein bescheuertes, viel zu amerikanisches Spiel wie ich finde. Die Japaner stehen aber irgendwie drauf, auch wenn sie es nur mit Wasser spielen. Heute wird sogar um Geld gespielt, richtig viel Geld sogar. Der Khaosan Boss fordert den letzten Gewinner lärmend heraus. Beim Spielen provoziert er, ignoriert mehr oder weniger die Regeln und macht lustige Sachen, es ist zum Schießen. Er ist viel zu betrunken, um gerade zu werfen, verliert also daher fast jedes Spiel.



Der ging daneben...
 

Zum letzten match lagen wohl knapp 50 -70.000 Yen auf dem Tisch, das sind fast 700€!!! Der Boss verliert natürlich am Ende wieder aber nimmt es mit Humor. Er schmeißt Runden in Form von Tickets, ziemlich geil.

In der Bar steht ein großer spanischer Schinken, von dem man für den Wert eines Tickets einen kleinen Teller abbekommen kann. Heute werden ein paar Runden geschmissen aber irgendwann eskaliert es zur kostenlosen Selbstbedienung. Ein Franzose übertreibt es ein bisschen und kriegt von Akira Anschiss ("This us not free, this is for sale!!").

Ganz interessant ist auch, dass der Boss vom Khaosan Kyoto da ist. Ich nutze die Gelegenheit um mich über den nervigen Cleaning Staff vom letzten Jahr zu beschweren. Ich merke sofort, dass er weiß um wen es geht. Er entschuldigt sich und bedankt sich für die Rückmeldung. Das Problem scheine nicht nur ich gehabt zu haben, aber nun ist es wohl geklärt. 

Der Boss wird irgendwann volltrunken ins Taxi gesetzt und von allen verabschiedet. Das ist in Japan so, dass alle vorm Taxi stehen, sich verbeugen und wirklich warten bis das Taxi dann auch um die Ecke ist. Eine Respektsbekundung, die man wohl nur als ganz Vorgesetzter bekommt.

Die ganze Truppe geht noch Ramen essen. In Asakusa gibt es wohl einen Laden mit ganz spezieller, super-fettiger Ramen-Suppe, die gut gegen Kater ist. So ein paar Kollegen (z.B. Saori) können das gut jetzt gebrauchen und ich gehe einerseits mit weil ich Hunger hab, andererseits weil ich hoffe, dass ich mich doch noch mit Saori davonstehlen kann. Letztendlich redet nur Hiro mit mir und den anderen zwei Ausländern. Die anderen Khaosan Leute sondern sich eher ab, Saori ignoriert mich partout. Der Ramen ist so krass fettig, das ist schon nicht mehr feierlich. Es wird in jede Portion extra eine Portion Fett oben raufgepackt, quasi durch ein Sieb geschwenkt. Viel zu heftig die Portion, ich schaffe nur die Hälfte.


Als alle aufbrechen laufe ich einfach nach Hause, hab die Schnauze voll. Das mit Saori nervt mich total. Aber der Abend war wirklich der Knaller.