Wednesday, 19 December 2012

Taiwan: 5. Tag (Ein Besuch in Tainan)

Heute fahre ich in den Süden von Taiwan, nach Tainan. Nachdem ich im Vorfeld ein paar Mal mit einem Schüler oder Schülerin von Kobara-Sensei in Japanisch gemailt hatte, um ggf. weiter südlich von Tainan auch in Kaohsiung vorbeizuschauen, um den dortigen Dojo zu besuchen, war mir das Ganze dann doch zu viel Aufwand und Gehetze. Ich bin ja schließlich im Urlaub, also lieber weniger vornehmen und dann mehr machen.

Bevor es los geht gehe ich noch mit Tiffany ein typisch Taiwanesisches Frühstück essen. Es ist eine Art Eierpfannkuchen (蛋餅), der auf einer heißen Platte mit verschiedenen Zutaten wie Thunfisch, Bacon, Mais o.ä. schnell zubereitet, zusammengerollt und dann geschnitten wird. Der Laden hat laut Tiffany wirklich nur in den Morgenstunden auf. Die kleinen Snacks kosten lächerlich günstige 25 TWD (weniger als 1 EUR). Ich esse gleich zwei :D


Danach fahre ich wie geplant gegen Mittag los und besuche in Tainan die freundliche Yu Wen Chen, mit der ich schon seit längerem online auf Facebook befreundet bin. Auch bei ihr zeigt sich wieder die Gastfreundlichkeit der Taiwaner, denn sie hat mir nicht nur ein Zimmer besorgt, sondern es ist auch ganz in der Nähe des Restaurants ihrer Familie.

Die ca. 300km Entfernung lege ich locker und entspannt mit der Taiwan High-Speed Railway (HSR) zurück, eine Art Shinkansen Schnellzug. Den reservierten Sitzplatz buche und bezahle ich online. Ich muss dann nur mit meiner Pass- und der Reservierungsnummer das Ticket an einem Automaten an der Station abholen. Das geht wohl sogar in einem 7-eleven wie ich dann später erfahre.

Die Bahnsteige der HSR sind etwas enger und schmaler als in Japan, aber ansonsten ist fast alles exakt genau so wie in Japan.

Erst im Zug fällt mir auf, dass Taipei und Tainan in Sachen Schriftzeichen ganz einfach zu verstehen sind. Während Taipei 台北 das Zeichen für Norden am Ende hat, ist bei Tainan 台南 das Zeichen für Süden zu finden.


Im Zug lese ich etwas in meinem Reiseführer und schreibe an meinem Blog. Natürlich lullt mich die Klimaanlage irgendwann ein und ich nicke wie immer weg.


Als ich in Tainan ankomme merke ich erst, dass ich mich etwas verschätzt habe. Den Weg, den ich von der Station zum Restaurant eigentlich zu Fuß zurücklegen wollte war an sich korrekt, nur leider war die Station die Falsche. Die HSR Station ist nämlich etwas außerhalb der Stadt, mitten in weiten unbebauten und grünen Flächen. Jetzt sieht es wirklich so aus, als ob ich auf dem Land wäre.

An der Station ist eine große Gruppe von buddhistischen Mönchen scheinbar auch gerade angekommen. Irgendwie cool. Vielleicht auch ein gutes Omen? Ich versuche Kontakt mit Yu Wen aufzunehmen und ihr von meinem kleinen Fehler zu berichten. Ich bin auch viel zu früh dran, sie wird noch gar keine Mittagspause haben.

Ich nehme ein Taxi und zeige dem Taxifahrer auf meinem Handy die Adresse in Chinesisch. Der Haken mit dieser Sprache ist nämlich immer, dass ich nie weiß wie man es ausspricht, selbst wenn es in lateinischen Buchstaben steht. Aber es klappt ganz gut, ich sehe tatsächlich das Restaurant Yonlin mit dem bekannten Logo an der angebenen Adresse.

Auf der Fahrt wird klar, dass Tainan leider nicht wirklich ländlich ist. Zwar gibt es hier keine großen Hochhäuser aber die Bebauung ist sehr dicht und die Luft ist etwas stickig. Das liegt wohl auch an den Millionen Motorrollern in der Stadt. Es gibt sie wirklich überall. Tainan, die Stadt der Roller.

Yu Wen ist leider nicht da. Ich bin auch etwas durcheinander ob ich wirklich im richtigen Restaurant bin. Die Adresse stimmt aber. Ich versuche die zwei Angestellten nach Yu Wen zu befragen, aber selbst bei ihrem Namen verhaue ich Betonung scheinbar so, dass sie nicht wissen zu wem ich will. Aber ich glaube sie ahnen etwas und meinen ich soll warten mit den paar Brocken Englisch, die sie können. Ich rufe Yu Wen sicherheitshalber an und sie sagt, dass sie gleich da ist.

Als sie kommt kriege ich gleich ein kleines Gratisessen mit feinsten Spezialitäten der Region. So mag ich das! Ich lasse mich in meinem Genuss auch gar nicht von der Gruppe besoffener Geschäftsleute im Nebenraum stören, die eine Flasche Hochprozentigen nach der anderen an den Tisch kommen lassen, und das um 15 Uhr! Sie lärmen, gröhlen und feiern während sie essen und essen. Sehr lustig.

Die besoffenen Geschäftsleute
Yu Wen und ich unterhalten uns angeregt beim Essen und planen den Rest des Tages. Sie ist gar nicht schüchtern oder zurückhaltend. Hatte ich auch nicht erwartet. Ist schon von Vorteil wenn man sich schon lange vorher über die ein oder anderen Themen unterhalten kann, auch wenn es nur online und über die große Distanz ist. Ihre Schicht fängt gleich an also muss ich den Nachmittag alleine durch die Stadt ziehen. Wir latschen danach rüber zum Hostelzimmer und ich bin ganz entzückt. Es ist richtig putzig und auch sehr praktisch. Die Dusche ist quasi über dem Klo und das Badezimmer eigentlich nur eine offene Nische direkt vorm Bett. Duschen beim Kacken, wie in Rimini, ist doch super.

Nachdem ich mich etwas frisch gemacht habe bietet sich Yu Wen an mich mit dem Roller etwas in die Innenstadt mitzunehmen. Da bin ich natürlich dabei. Sie sagt, sie hätte auch einen Helm für mich. Ich glaube natürlich nicht daran, dass der mir passen würde. Aber der Freund ihrer Schwester hat einen großen Kopf, also passt er auch auf meinen großen Ausländerschädel. Klappt wirklich.

Also düsen wir zusammen mit einem relativ verkehrssicher aussehenden Roller los. Ein bisschen aufregend ist es ehrlich gesagt. Das Ding fährt bestimmt nicht nur 50.


Ein echt cooles Gefühl so mit den Massen an Rollern durch die Stadt zu cruisen. Die Leute gucken  zwar etwas weil ich als Riese hinten drauf bestimmt lustig aussehe, aber so wirklich kümmerts keinen. Ebenso wie die Verkehrsregeln scheinbar, hier fährt man einfach wie es passt.

Yu Wen setzt mich am Koxinga-Schrein bzw. Musem ab. Leider hat das Musem bereits geschlossen. Es wird auch schon langsam dunkel draussen. Dann geh ich halt morgen noch mal.



Ich trotte einfach den interessantesten Lichtern nach und lande im Lady Linshui Tempel.





Ich laufe durch die Straßen, einfach der Nase lang und sauge die abendliche Atmosphäre auf. Erhellt durch viele bunte Lichter wirkt die Stadt ganz niedlich und weniger schmuddelig. Die meisten Lichter sind zwar furchtbar kitschige Weihnachtsdeko aber ab und zu sieht es fast romantisch aus. Besonders interessant wird das Spiel von Licht und Schatten im berühmten Konfuziustempel von Tainan. Trotz der Dunkelheit ist der Hof geöffnet und indirekt beleuchtet. So etwas habe ich noch nie gesehen. Gespenstisch schön. Ich bin ganz alleine und bewege mich ehrfürchtig über das Gelände.

Tor zum Konfuziustempel

Ganz zufällig komme ich an einer Gasse vorbei, die fast so aussieht als ob sie mit einem Dach aus Blättern und Blüten versehen ist, eingetaucht in ein warmes Licht. Zauberhaft und wunderschön.



Tainan hat mehrere runde Plätze mit Kreisverkehr, in denen meist mehr als 4 Hauptstraßen plus ein paar kleinere Straßen enden Dort wird zur Beleuchtung noch mal eine Schippe drauf gelegt. Viele Taiwanesen nutzen das auch um Fotos mit ihren Liebsten zu machen, oftmals auch gezielt mit weihnachtlichen Touch. Deutlich erkennbar auch hier die christlichen Kirchen mit obligatorischen Neon-Kreuz. Schön ist was anderes.



Am Bahnhof dann eine lustige Szene. Irgendwie niedlich wie die Taiwanesen Weihnachten feiern.

You can't escape Christmas...
Vintage Reklame
Als ich so langsam müde vom Laufen werde fahre ich mit dem Taxi zurück ins Hotel. Kostet ja fast nix hier.  Erstmal eine Dusche und ein Nickerchen, dann geht es wieder ab ins Yonlin-Restaurant. Die Dusche braucht eeeeewig um warm zu werden und es fühlt sich so an als ob ich mitten im Wohnzimmer duschen würde, da der Duschvorhang auch nicht wirklich das Wasser abhält.

Ich latsche rüber ins Restaurant und bin verblüfft wie voll es hier jetzt ist. Die Leute sitzen eng gedrängt sowohl drinnen als auch auch draussen. Full-House, Hot Pot Time! Yu Wen stellt mich ihrer ganzen Familie vor, Vater, Mutter, Schwester. Ich bin etwas verunsichert ob ich jetzt die Hand geben soll oder nicht, aber ich machs einfach. Ich bekomme einen extra Platz mit eigenem Hot-Pot und Yu Wens kleine Schwester Yu Chen bzw. Elly übernimmt die Bedienung. Yu Wen hatte mich schon vorgewarnt, dass Yu Chen sehr gut Englisch spricht und es bei ausländischen Gästen auch gerne anwendet. Ich soll also nicht genervt sein wenn sie mich vollplappert. Bin ich natürlich auch nicht, denn sie ist wirklich sehr putzig und erklärt mir in wirklich exzellentem Englisch haarklein und genau jedes Gericht und die Vorgehensweise beim Hot Pot Essen, bei uns auch Feuertopf genannt. Was Yonlin so besonders macht ist, dass sie nur natürliche Zutaten ohne Geschmacksverstärker (no MSG) oder Konservierungsmittel verwenden. Quasi ein Bio-Restaurant mit hohen Qualitätsansprüchen. Laut Yu Wen ist das eher ein Novum in Taiwan und die Preise sind auch eher etwas höher. Ich bilde mir ein, den Unterschied auch zu schmecken. Alles schmeckt frisch und einfach vorzüglich.


Der Vater kommt extra zu mir und erklärt mir, dass sie auch ein ganz berühmtes deutsches Bier haben, das ich unbedingt probieren soll. Sogar selbstgemachte Wurst stellt er mir hin. Here we go again, der Deutsche mag Bier und Wurst, die lieben Stereotypen. Aber hey, die Wurst ist wirklich der Knaller. Ziemlich trocken, aber super würzig und einzigartig im Geschmack. Das Deluxe Beer, welches ziemlich offensiv mit deutscher Qualität beworben wird stellt sich am Ende zwar als rein taiwanesisches Produkt heraus, aber immerhin scheint der Hersteller nach deutschen Vorgaben zu brauen und hat sogar richtige Zertifikate dafür. "Best beer in the world" is aber etwas hochgegriffen.

Ich fühle mich leicht beobachtet, denn die Familie guckt des öfteren rüber und redet wohl darüber wie ich auf dies und das reagiere. Ab und zu kommt Yu Wen vorbei und fragt mich ob ich noch was möchte oder ob es mir auch schmeckt. Special service for special customer, finde ich super :)

Als sie dann endlich Feierabend machen kann schwingen wir uns wieder auf den Roller und fahren in eine nette Gegend, die wohl für Ihre Künstler und Wandmalereien bekannt ist, die Hai An Road. Hierzu habe ich ein schönes Video auf YouTube gefunden, dass die Gegend gut zusammenfasst -> Video

Eines der Kunstwerke auf einer Häuserwand
Wir landen in einer super coolen Bar namens Taikoo, die wie ein zweistöckiges Wohnzimmer aussieht. Die Möbel und alles sehen aus wie aus dem Second-hand zusammengewürfelt. Durch die Holzdecke und die kleinen Balkone mit Tischen und Stühlen wirkt es sowas von kuschelig und angenehm, dass man sofort beim Eintreten in den Entspannungsmodus schaltet. Für Dates auf jeden Fall eine super location. Die verkaufen sogar teilweise die Möbel, hah.

Image taken from Tainan City Guide

Yu Wen und ich bestellen uns ein paar Drinks und eine Schale Pommes und quatschen über Gott und die Welt. Etwas überrascht bin ich, dass wir auch über heiklere Themen wie die politische Situation Taiwans reden können. Auch über die teils schwierigen Verhältnisse vom Norden zum Süden Taiwans und umgekehrt sind Thema, genau so wie die Problematik der taiwanesischen Sprache zur chinesischen Sprache (Mandarin) in der heutigen Zeit. Vieles läuft auf stereotypische Ansichten raus, egal ob es innerhalb des Landes ist (Nord-Taiwanesen sind alle reich ...Auch das Überthema 2. Weltkrieg und die Beziehung von Japan zu Deutschland wird Thema. Ich hätte nicht erwartet, auf diesem doch etwas höherem Niveau mit ihr eine Diskussion zu führen. Nicht weil ich sie für oberflächlich gehalten habe sondern weil ich einfach nicht dachte, dass sie sich mit diesen Themen befasst hat. Aber nicht nur was sie so sagt sondern auch wie sie darüber spricht, nämlich mit feinstem englischen Vokabular, entfacht in mir regelrechte Begeisterung für diese Unterhaltung.

Aber es kommt letztendlich doch immer wieder durch wie starkt hier in Schubladen gedacht wird, vor allem in Bezug auf Deutschland und den anderen europäischen Ländern. Yu Wen fragt mich oft nach diesem Sachverhalt oder jenem im Land und ich wiederhole mich irgendwann nur noch als ich ihr sage, dass sie letztendlich ihre eigenen Eindrücke vor Ort sammeln sollte und ich ihr nicht irgendwelche Fakten nennen kann. Nicht alle Deutschen sind grundsätzlich pünktlich und ordentlich. Nicht alle Italiener sind Hitzköpfe und essen andauernd Pizza und Pasta. Und vor allem essen wir Deutschen auch nicht andauernd Fleisch und Kartoffeln.

Nachdem wir den einen oder anderen Drink schon intus haben verlagert sich die Unterhaltung natürlich auch in die persönliche Richtung, Stichwort Männer und Frauen. Irgendwie kommen wir dann nach Austausch von expliziten Details darauf, dass es Zeit ist die location zu wechseln und mit dem jungen Abend noch etwas anzufangen. Wir kommen irgendwie auf das Thema Tabledancing und sie schlägt einen Laden vor, wo die Mädels heute auf den Tischen tanzen. Man darf sie sogar anfassen, sagt sie o_o

When in Rome, do as the Romans do, sage ich mir und folge in einen Schuppen namens "Red Wolf Tavern". Das Ding ist eher ne Sports Bar mit Poolbillard und Bühne für Live-Musik. Es hängen hier diverse Ausländer ab, die meist eins oder mehrere taiwanesische Mädels in ihrem Orbit haben. Die Mucke ist sehr laut und eine Unterhaltung zu führen ist eher schwierig.


Alles leuchtet in Neonfarben, sogar die lächerlich günstigen Drinks. Auch die knappen Hotpants und BHs der zwei Tänzerinnen leuchten im billigen Neon. Die eine ist ziemlich heiß und kann sich gut bewegen. Die andere hat nicht mal ansatzweise nen Hintern und bewegt sich langweilig. Aber so wirklich Tabledancing ist das hier auch nicht, einfach nur Go-Go würde ich sagen. Die paar Ausländer an der Bar tun den Mädels zwar immer wieder Scheine ins Strumpfband aber ich erwarte da schon jetzt etwas mehr bevor es Trinkgeld gibt. Yu Wen amüsiert sich königlich über meine Reaktionen.

Nach der zweiten Runde Go-Go, bei die schärfere Tänzerin von den beiden direkt vor meiner Nase ihre Performance abgeliefert hat, entschließen wir uns nach Haus zu gehen. Mit einem bierseeligem Grinsen und dem Gefühl eines langen, durchweg angenehmen Tag setzen wir uns beide ins Taxi und fahren wieder zurück zu meinem Zimmer, das nicht nur in der Nähe des Restaurants sonder auch in der Nähe von Yu Wens Elternhaus liegt. Yu Wen muss morgen ziemlich früh aufstehen und zum Markt gehen. Die frischen Lebensmittel für das Restaurant kaufen sich auch nicht von alleine. Bevor ich sie aber gehen lassen bedanke ich mich noch mal herzlich für die tolle Führung und die nette Begleitung. Sie bedankt sich auf ihre ganz eigene Art :)