Sunday, 23 December 2012

Taiwan: 8. Tag (Letzter Tag, Sun Yat-sen und Abschied)

Da ich spät ins Bett gekommen bin schlafe ich auch heute etwas länger. Tiffany schreibt aus dem Stockwerk über mir, dass sie frühstücken gehen will aber ich bin viel zu müde. Außerdem ist es mein letzter Tag in Taiwan, also heißt es Koffer packen und Zeugs zusammen suchen.

Bevor wir heute auf irgendeine Geburtstagsparty von Freunden gehen treffe ich mich mit meiner Flugzeugbekanntschaft Chih Xuan bzw. Ryan in der Nähe vom Taipei 101.

Vorher mache ich aber noch eine kleine Touristensache und besichtige das Sun Yat-Sen Memorial Hall in der Nähe der Taipei City Hall. Dank der kostenfreien App "Maps with Me" ist alles einfach zu finden.


Sun Yat-Sen


 Das Areal um die Halle ist ziemlich groß und weitläufig. Es ist Abenddämmerung und auf dem Platz ist viel los. Die Leute lassen Drachen steigen, diverse Tanzgruppen üben ihre Moves und die obligatorischen Touristen machen ihre Fotos.  Die Luft ist angenehm warm und es weht ein laues Lüftchen. Ein schöner Herbstabend (oh warte, es ist ja Winter). Ich komme auch gerade richtig zum Beginn des Springbrunnenspektakels. Schön gemacht, sogar mit Musik.

Der Eintritt zur eigentlichen Memorial Hall ist frei. Ein bisschen ist die Halle wie ein Labyrinth aufgebaut. Die Wege winden sich zwischen Studienräumen, Auditorien und Ausstellungsräumen. Hier und da gibt es Kunst, teilweise sogar richtig schöne Sachen.

Vorherrschend ist aber natürlich das Thema Sun Yat-Sen und seine Lebensgeschichte. Sun Yat-sen wird wirklich wie ein Volksheld verehrt, jeder noch so kleine Pups wird als wegweisend für die spätere Revolution gesehen und detailliert in verschiedenen Räumen und Tafeln beleuchtet.

Der Mann hat es oft versucht mit der Revolution und ist oft gescheitert. Das waren damals heiße Zeiten würde ich sagen, da konnten noch wenig Menschen mit Idealen und einem Traum viele Menschen nur mit ihren Worten bewegen und mobilisieren. Heute ist das alles genau umgekehrt. Heute liken und twittern viele Menschen mit vielen (überflüssigen) Worten und erreichen doch nichts.

Die Prinzipien von Sun Yat-sen: Nationalismus, Demokratie, Volkswohl

Wieviel von der Ausstellung wohl der Wahrheit entspricht kann ich nicht beurteilen, die Glorifizierung von Sun Yat-Sen ist jedoch beeindruckend. Ob er wohl gewollt hätte, dass Taiwan lange eine Diktatur blieb und seine Prinzipien hierfür instrumentalisierte?



Danach laufe zur City Hall station und verlaufe mich trotz meiner tollen App.  Ich denke wieder viel zu kompliziert. Bin sogar so blöd, dass ich einen Weg zweimal gehe, einmal oberirdisch, einmal unterirdisch durch die U-Bahn.

Ich treffe Chih Xuan und wir laufen etwas rum. Sie ist gut draufund bringt mich zu einem ihrer Lieblingsrestaurants.

Auf dem Weg entdeckt: Deutsches Restaurant "Zum Adler"
Wir gehen Rindfleischsuppe essen in einem kleinen unscheinbaren Laden. Sitzplätze im Keller unter Kunstlicht. In Taiwan ist das kein Indikator für schlechtes Essen, sondern schlichtweg normal.


Die dicken Dinger in der Suppe sind Knorpel und ich ekle mich etwas davor sie zu essen.  Letztendlich sind die aber erstaunlich weich und echt lecker, fast süßlich. Eine richtige Kraftsuppe.

Es macht richtig Spaß mal wieder Deutsch zu sprechen und noch mehr Spaß ihr zu helfen, nicht den Anschluss mit ihrem Deutsch zu verlieren. In Würzburg scheint sie nicht allzu viel Chancen zu haben Deutsch zu sprechen scheint mir. Überraschenderweise hat sie auch einen chinesischen Freund und keinen deutschen. Letzteres würde ihr bestimmt helfen Deutsch zu sprechen ;)

Sie hat etwas Probleme "kl..." zu betonen, also gebe ich ihr den folgenden Satz quasi als Hausaufgabe mit auf den Weg: "Die kleine Klimaanlage in der kleinen Klinik." Super lustig und eine gute Übung.

Sie zeigt mir ihre Universität und die Gegend drumherum. Ein richtig netter Campus, man denkt gar nicht, dass das geschäftige Zentrum so nah ist.

Taipei 101 ist allgegenwärtig.
Weihnachten verfolgt mich überall, in Weihnachtssongs, Beleuchtung und mehr. Nicht mal in Ruhe einen Eiskaffee kann man zusammen schlürfen ohne von furchtbarer Weihnachtsmusik beschallt zu werden.

Wegen der bunten Lichterdeko überall laufen auch permanent irgendwelche Hobbyfotografen in Rudeln rum. Die machen dann alle Fotos von einem oder zwei hübschen Mädels (oft auch in Weihnachtsdress). Die Mädels bessern sich  scheinbar so ihre Kasse auf. Irgendwie billig finde ich.

Nach ein paar Stunden quatschen und rumalbern verabschieden sich Ryan und ich uns. Es war echt nett mit ihr was zu unternehmen und ich freue mich sie vielleicht auch in Berlin mal wieder zu sehen und mich für die kleine Tour zu revanchieren.

Die weitere Abendplanung erfahre ich über Fifi und nem freien WLAN-Zugang. Bevor wir zur Geburtstagsparty ihrer Freundin gehen gibt es zum Abendessen Ramen (komisch, Ramen ist doch chinesisch eigentlich, aber eigentlich doch Japanisch). Der Laden ist jedenfalls Japanisch.



Hier versuche ich, dass der Fleischspieß wie das Schwert vom Samurai aussieht. Hat nicht geklappt...
Im Lokal stößt eine andere Freundin von Fifi zu uns. Sie hat einen britischen Akzent, der wohl ihrem Ex geschuldet ist. Wieder der Beweis, dass Sprache lernen in Beziehungen am besten funktioniert.

Nach dem Ramen geht Fifi in einen besonderen Kanpai Laden Wein kaufen. Das Restaurant heißt "Kanpei de Wine" und hat ein schicki-micki Konzept. Fine dining am Samstagabend. Entsprechend fällt auch die Garderobe der Gäste aus (und was sind da leckere dabei, hauahauahaa).

Unser Taxifahrer von gestern hat sich angeboten mich in aller Herrgottsfrühe zum Flughafen zu fahren und hat uns extra sein Kärtchen gegeben. Fifi ist so nett und organisiert den Termin, sogar zum Festpreis. Hoffentlich taucht er dann auch auf.

Mit der Bahn fahren nach New Taipei City und treffen uns an der Station mit dem Geburtstagskind Jenna. Ihr Freund heißt auch Michael, kommt aus den USA und ist genauso groß (klein) wie sie. In Summe sind wir 2 Typen (2x Michael) und 5-6 Taiwanesinnen.

Mehr dürften es auch gar nicht sein, denn  die Wohnung von Jenna und Michael ist winzig, aber cool eingerichtet. Das Haus sieht von aussen genauso oll aus wie alle anderen in der Gegend, aber schon der Hausflur ist richtig schick mit Strukturtapete und Spiegeln. Die Wohnung ist wie ein Transformer, alles lässt sich aufklappen, drehen, verschieben. Maximale Raumausnutzung. Den TV kann man um 180 Grad drehen, so dass er entweder auf die Couch zeigt oder auf das Bett. Echt clever.

Die Gruppe kennt sich gut und ich fühle mich instinktiv wie ein Eindringling. Das grundsätzlich unwohle Gefühl wird noch schlimmer als Michael direkt neben mir anfängt Ukulele zu spielen und sogar zu singen!

Bei den Mädels kommt er damit gut an, denn die verhalten sich allesamt wie ein Fanclub von Michael und die Vorsitzende ist natürlich Jenna. Michael fühlt sich dabei sichtlich wohl und hält sich für den "best boyfriend there is".

Jenna ist unfassbar attraktiv und ich muss zugeben, dass ich recht neidisch auf deren ganze Liebesbeziehung bin. Die wird in dieser Wohnung jedem Gast eindeutig präsentiert, überall hängen Fotos und Zeugnisse ihres Kennenlernens. Natürlich ist wegen Jennas Geburtstag noch mal extra Romantik aufgefahren worden und Michael hat sich mit den Geschenken richtig ins Zeug gelegt. Nette Idee: die ersten Facebook-Nachrichten und -Kommentare des Kennenlernens in Papierform als Geschenks zu machen. Ich muss etwas schmunzeln als ich höre, dass die sich gerade mal 1 Jahr kennen.

Auf jeden Fall hat Jenna die Hosen in der Beziehung an, Michael gibt sich irgendwie gar nicht männlich, gleichzeitig aber arrogant den Freundinnen von Jenna gegenüber. Er ist klar der Mittelpunkt des Abends und ich fühle mich immer unwohler, auch weil fast permanent chinesisch gesprochen wird. Keiner hat wirklich Interesse daran mich zu integrieren. Allein Jenna wagt ein paar mütterliche Vorstöße, dass ich mich besser fühle. Mir ist aber alles irgendwie zu intim, die Gruppe kennt sich einfach viel zu gut und sowohl Themen als auch der Art des Umgangs sagen mir irgendwie nicht zu. Die Mädels reden oft davon wer jetzt mit welchem Ausländer in Taipei zusammen ist. Sind wohl alles Gaijin-Fans hier. Ach und unglaublich heiß ist es außerdem noch in der Bude.

Noch mehr stört mich, dass wieder getrunken wird und ich eigentlich gar keinen Bock habe. Vielleicht habe ich auch noch nen Kater von gestern. Das Trinkspiel ist aber ganz lustig, irgendwas mit King's Cup, kenn ich gar nicht. Zum Glück sorgt das Trinkspiel für etwas Entspannung und Gelächter und mit erhöhtem Pegel tauen die anderen und auch ich etwas auf.

Ein bisschen punkten kann ich wohl als ich die "meow" Regel einführe (man muss 2x "meow" in jedem Satz unterbringen, ansonsten muss man trinken) und dann später noch die "woof" Regel mit dazunehme (sagt jemand. "meow", muss der Nachbar "woof" sagen, ansonsten muss man trinken). Wer den Film "Super Troopers" kennt, weiß wie lustig das sein kann.

Nachdem das Spiel vorbei ist werden winterliche Reisbällchen, Tangyuan (湯圓) zubereitet. Das ist wohl Tradition und gehört zur Jahreszeit. Sie schmecken leicht süß und richtig lecker.

2x Michael, 1xYoyo
Nach einem kurzen Talk mit Yoyo über Deutschland weiß ich irgendwie nicht wie es jetzt weitergeht. Ich will nichts mehr trinken möchte und habe keinen Bock mehr auf die Party. Also mache ich mich aus dem Staub, schließlich kommt mein Taxi ja auch schon um 6 Uhr morgens.

Allein die Ankündigung, dass ich gehe, lässt alle verwundert schweigen und mein Gewissen wird dadurch noch schlechter. Fifi ist sichtlich enttäuscht und ich versuche mich einfach irgendwie rauszureden bei den Anderen. Ich bedanke mich recht freundlich für die Gastfreundschaft und entschuldige mich für das frühe Verschwinden an meinem letzten Tag in Taiwan.

Abschiedsfoto mit Fifi
Ich bin extrem erleichtert als ich mich ins Taxi setzen und nach Hause fahren kann, immerhin kriege ich so noch ein paar Stunden Schlaf. Habe aber ein mächtig schlechtes Gewissen.

Zuhause angekommen texte ich wieder mit Tiffany um mich wenigstens verabschieden zu können, da sie noch auf Arbeit ist. Sie will tatsächlich morgens mit dem Taxi mitfahren, sie kommt ja aus Tayoung in der Nähe des Flughafens. Na ob das klappt.

Letzte Nacht in Taiwan. Nicht so ideal gelaufen :-(