Saturday, 3 March 2012

8. Tag in 2012 (Yasukuni-Schrein und J-Rock)

Mensch, nach dem Saufgelage gestern hätte ich echt mit nem Kater gerechnet. Aber keine Spur davon. Ich habe sogar richtig gute Laune!  Gottseidank, denn heute früh geht es zum berühmt-berüchtigten Yasukuni-Schrein (靖国神社) mit Elisa und Kate. Der Schrein ist für die Seelen der gefallen Japaner der verschiedenen Kriege und somit wohl auch für sämtliche Japaner, die im 2. Weltkrieg Kriegsverbrechen begangen haben. Elisa hat sich mit dem Thema ziemlich intensiv für ihre Studien auseinander gesetzt und mir davon ein paar Tage zuvor erzählt. Ich kenne den Schrein nur aus den Nachrichten wenn sich die Chinesen wieder empören, dass ein Ministerpräsident den Schrein besucht und für die Seelen betet.

Tori am Eingang

Kate, ich und Elisa


Die kaiserliche Chrysantheme

Der Schrein selber ist unspektakulär, wobei das enorm riesige Tori natürlich schon beeindruckt. Das Gelände sieht durch den Regen und die kahlen Bäume recht traurig aus. Elisa findet es eher friedlich. Wir gehen in das angrenzende Yūshūkan-Museum (遊就館) über die Japanischen Kriege. Gleich im Eingang wird ein Flugzeug aus dem 2. Weltkrieg ausgestellt. Würde mich nicht wundern, wenn das damals Pearl Harbour mit zerbombt hat.

Wir schlendern durch die Räume in den akribisch genau sämtliche militärischen Auseinandersetzungen der japanischen Nation in den letzten Jahrhunderten dargestellt werden. Hier und da werden Gedichte auf Bannern präsentiert, die sich mit dem heldenhaften Opfer für das Land und den Kaiser beschäftigen. Selten ist dort eins zu finden, das den Krieg als solches beklagt. Überhaupt wird hier keine Kritik am "warum" oder "wieso" gemacht. Kein Bedauern über all die Toten und Verletzten, über die Schäden und Tragödien. Vom Nanking-Massaker z.B. keine Spur. Es wird nur in einer Randnotiz erwähnt und dazu auch noch so verharmlosend, dass einem schlecht werden könnte. Alles ist wie ein großer Wikipedia-Eintrag mit nichts als trockenen Fakten. Am Ende stehen die Zahlen für die Toten auf beiden Seiten. Fertig.

Faszinierend patriotisch, aber auch erschreckend.

Spannender wird es für mich als wir uns auf dem Zeitstrahl dem 2. Weltkrieg nähern. Die Japaner nennen ihn aber scheinbar anders, denn für sie begann dieser große Krieg schon vorher (um 1933) und sie nennen das Ganze "Great East Asian War". Durch den achso glorreichen Sieg über die Russische Flotte um 1905 begann der Anfang vom Ende, doch damals war es für Japan wohl ein extatisches Gefühl, vergleichbar mit dem Sieg der Deutschen über die Franzosen in 1871 schätze ich. Ich bin etwas schockiert wie nüchtern hier die Gründe für die kriegerische Expansion Japans dargestellt wird. Durch die Abhängigkeit des Rohstoffimports versuchte Japan sich daher im Ausland zu bedienen. Als Deckmantel und Rechtfertigung wird im Museum hier tatsächlich der Wunsch Japans nach einem von den Kolonialmächten unabhängigen Ost-Asien vorgeführt. Quasi mit Führung Japans sollen die Völker Ost-Asiens Wohlstand und Stabilität erreichen, so wie Japan es eben auch als erstes Ost-Asiatisches Land zu etwas gebracht hat. Das mächtige Japan, dass sie von den unfairen Verträgen und Zwängen der westlichen Mächte aus eigener Kraft befreit hat.

Als dann der weitere Verlauf und der Eintritt der Japaner in den 2. Weltkrieg dargestellt wird, werde ich mit jedem Panel, das ich lese trauriger und trauriger. Mit welch Größenwahn hier der vermeintlich unausweichliche Schritt zum Krieg von den Japanern gerechtfertigt wird. Ich lese die offizielle (übersetzte) Kriegserklärung Japans an die USA. Wie kann man in einer Kriegserklärung vom Wunsch zum Frieden für die Welt sprechen?! Es ist alles so traurig und so dumm. Mein Mitgefühl überwältigt mich fast, so sehr nimmt mich diese trockene Darstellung von Tod und Verderben mit.

Nach 2 Jahren von Erfolgen wird dann der Krieg für Japan zur Defensivstrategie. Plötzlich wird in den Subtexten von der "heldenhaften Verteidigung des Heimatlandes" gesprochen. Wie kann man das nur so verherrlichen? Kamikaze-Piloten, die als Helden ihr Land "verteidigen" wenn doch sie die ursprünglichen Aggressoren waren?! Es werden rührende Briefe von Kamikaze-Piloten an ihre Frauen und Familie ausgestellt, die mich natürlich auch mitnehmen, da ich ihre Situation und vielleicht auch die japanischen Denkweise verstehe, doch sehe ich nirgends auch nur eine Spur an Kritik an dieser wahnsinnigen Verzweiflungsstrategie des Japanischen Militärs. Die Kamikaze-Einheiten wurden doch nur gebildet weil Japan bereits wusste, dass sie den Krieg nicht mehr mit normalen Mitteln gewinnen können und daher verzweifelt jeden Körper in die Schlacht schmissen, den sie rekrutieren konnten. Dann das Ganze noch schön mit Heldenfarbe bestreichen und fertig ist der Selbstmordattentäter. War es etwa heldenhaft von 13jährigen Jungs der Hitlerjugend von den Russen aufgerieben zu werden? Nein, es war auch nur der verzweifelte Versuch von Wahnsinnigen der Lage Herr zu werden, ohne Rücksicht auf das Wohl des Einzelnen.



Als am Ende die Bomben fallen muss Japan handeln, muss der Kaiser handeln. Die Regierung und das Militär flehen den Kaiser an eine Entscheidung zu treffen, da es scheinbar keiner wagt hier eigenmächtig zu entscheiden. Ich kann mir bildlich vorstellen welch Elend und welch gebrochener Stolz geherrscht haben muss als der Kaiser seine Erklärung im Kabinett verliest und die Nation Japan kapitulieren lässt. Es ist eine rührende Rede, so voller Scham, Naivität aber auch Ehre und Mut. Ich glaube, hätte es diesen Kaiser nicht gegeben, der wirklich willens war all das zu beenden und für seine Fehler Rede und Antwort zu stehen, dann würde es das japanische Volk in seiner heutigen Form nicht mehr geben. Auch wenn es genau diese Ehre, dieser Stolz war, der Japan in die vielen Kriege getrieben hat, ähnlich wie die Deutschen, so hat im Gegensatz zu uns, auch diese Eigenschaften dabei geholfen, Japan zu erhalten und in neues Zeitalter zu führen.

Meine Traurigkeit weicht dann fast so etwas wie Wut, als ich zum allerletzten Teil der Ausstellung komme. Dort wird doch tatsächlich der East-Asian War als im Nachinein gute Sache dargestellt. Ein Panel zeigt die verschiedenen Unabhängigkeitsbestrebungen der Ost-Asiatischen Völker. Da ich ja gerade in Malaysia war ist mir deren Unabhängigkeit noch gut in Erinnerung, genau wie die Geschichte zur Unabhängigkeit Indiens. Welch Unverfrohrenheit hier Japan als Katalysator oder sogar Helfer für den Frieden darzustellen. Wie kann man nur Ghandi, als Verfechter von Frieden und Freiheit abbilden und von Japans großen Opfer für die Welt sprechen??! Ich glaube Ghandi wäre gar nicht begeistert wenn ihm hier unterstellt wird, er habe durch Japans verlorenem Krieg es überhaupt erst schaffen können Indien zur Unabhängikeit zu verhelfen. Noch unglaublicher wird es als in einem Filmraum ein Schauspiel gezeigt wird, bei dem ein Veteran, seines Zeichens jetzt Kaffeeröster, tatsächlich darüber philosphiert wie Japan Neu-Guinea doch geholfen hat die Wirtschaft eigenständig und das Land unabhängig zu machen.



War der Krieg OK wenn das Ergebnis letztendlich ein gutes war?

Die Japaner scheinen das zumindest in dieser Ausstellung gerne denken zu wollen. Ich werde meine Kinder jedenfalls so nicht erziehen!

Sinner and Saints, Criminals and Heroes

Ich bin etwas aufgewühlt und teile meine Ansichten mit Kate, aber sie reagiert gar nicht darauf. Teilweise sieht sie das etwas anders und tut meine Aufreger der Aufstellung als "typisch Japanisch" ab. Überhaupt habe ich das Gefühl, sie will sich nicht richtig mit mir abgeben, keine Ahnung warum. Das Kabuki am Dienstag kann ja heiter werden o_O

In der Schule wird gleich wieder mit Shadowing gestartet und kriege echt nen Hals. Ich HASSE diese Lehrmethode wirklich. Wir müssen sogar genau die Intonation wiederholen, selbst wenn wir eine Frau nachsprechen sollen wie dem ganzen übertriebenen Gequietsche und so. Was für ein Schwachsinn, ich hab doch keinen Schauspielkurs gebucht!!
Wenigstens der Grammatikteil ist interessant und bringt mich etwas nach vorne. Nebenbei lerne ich natürlich auch ein paar neue Wörter, aber es wie immer viel  zu schnell für mich. Die Lehrerin (die coole) gibt mir einen Feedbackbogen und schreibe auf was mich stört. Für mich zur Übung und um auch ein bisschen mein Lehrbestreben zu zeigen, schreibe ich einen Teil in Japanisch. Ich halte mich aber etwas mit der Kritik, denn einerseits will ich nicht sagen, dass Shadowing furchtbar Scheiße ist und andererseits fehlt mir dafür auch das richtige Japanisch ;)

Ich bin froh, dass der Unterricht vorbei ist und ich düse mit Verspätung nach Shinjuku um Shimako-san zu treffen. Leider habe ich vergessen meine Reservierung für Hiroshima morgen zu machen, also komme ich dadurch noch etwas später. Es geht aber schneller als gedacht und nach etwas Verwirrung finden wir uns und laufen zur Konzerthalle. Shima kenne ich noch von vor 2 Jahren, als ich mit Andrew auf diesem epischen J-Rock Konzert war. Jetzt war es wieder Kaori-san, die mich zum Gig eingeladen hat, da sie den Headliner namens GravityZEЯO managed. Sie ist den ganzen Abend schwer beschäftigt und wir tauschen nur ein paar Begrüßungen auf Deutsch aus, aber es war trotzdem nett sie mal wieder gesehen zu haben. Sogar Ichi treffe ich wieder, den Bassisten aus der alten Band, ich nenne ihn auch gerne den japanischen Keanu Reeves.
Natürlich ist der Laden wieder voller Teenie-Girls oder Frauen, die sich zumindest so anziehen. Shima ist z.B. 41 und steht ziemlich auf diese Band(s). Sie warnt mich vor, das eine der Bands ziemlich in die vollen geht beim Konzept "Visual Kei". In der umfangreichen Hochglanz-Flyer Sammlung, die ich am Eingang erhalte, hätte ich schon vorher sehen was jetzt kommt.

Die Headliner und coolen Säue: GravityZEЯO

Herrlich der Albumtitel, oder?

Die verrückteste Gruppe des Abends

Was dann auf die Bühne kommt übertrifft meine Befürchtungen/Erwartungen. Scheiß auf Tokio Hotel, die sind doch gar nix gegen diese verrückte Truppe hier! Teilweise wünschte ich mir fast, dass der eine oder andere kein Kerl ist, dann könnte ich mich nämlich wirklich an den Gesten und Bewegungen erfreuen, aber so ist es leider wirklich straaaange!!! Die Typen sind nicht mal schwul sagt mir Shima! Warum dann das Ganze frage ich in die Runde? Eine Freundin von Shima meint, es hat in Japan schon fast Tradition, dass Männer sich als Frauen verkleiden und damit unterhalten Sie meint damit das Kabuki und No-Theater und ich verstehe was sie meint. Bin gespannt wie das am Dienstag dort wird, mit Sicherheit weniger crazy.






 Die Jungs auf der Bühne verstehen alle ihr Handwerk, egal ob verrückte Klamotten oder nicht. Wobei die Sänger meistens doch etwas mau sind. Gitarrentechnisch sind sie aber alle exzellent, zumindest was ich mit meinem Laien-Ohr und -Auge dazu sagen kann. Es treffen mich ein paar Blicke von einer hübschen Japanerin, doch leider sind wir beide viel zu schüchtern, um da weiter zu gehen, trotz meines 3. Wodka Tonics intus. Ich bin tatsächlich so angetrunken, dass ich etwas auf meine Bewegungen achten muss. Ich schwanke etwas beim Gang zum Klo. Meine "motto, motto kudasai" Sprüche bei der dicken Bardame haben wohl doch etwas zu gut gefruchtet. Sie hat's dann doch zu gut mit mir gemeint und mir die Gaijin-Mische gemacht (Hälfte Wodka, Hälfe Tonic Water). Naja, jedenfalls kann ich schon aus erschwerten Bedingungen heraus nicht flirten, denn die Dame mit den schönen Augen hat eine Gesichtsmaske auf, die die Hälfte des Gesichts verdeckt. Wer weiß was sich darunter versteckt hätte. Sie düst nach dem Konzert einfach ab und ich tue es ihr gleich, nachdem ich mich höflich bei Shima, ein paar ihrer Freunde mit denen ich mich etwas unterhalte und natürlich Kaori verabschiedet habe. Reicht einfach für heute, was Tolles wird eh nicht mehr passieren.
Ich laufe durch die Partymeile von Shinjuku zum Bahnhof und fühle mich ziemlich einsam. Klar war das ein ereignisreicher und lustiger Tag bzw. Abend, aber am Ende kann ich es auch nur hier ins Blog schreiben oder in Erzählungen mit Leuten teilen. Im Endeffekt habe ich alles trotzdem mehr oder weniger alleine erlebt und gehe alleine nach Hause.

Auf dem Heimweg kaufe ich mir noch zwei leckere Karage-Sticks, mein neues Lieblingsessen vom Konbini. Ziemlich hacke falle ich ins Bett und hoffe, dass ich morgen für den Trip nach Hiroshima fit genug bin. Gottseidank hat Rumiko-san Wort gehalten und meine Wäsche gewaschen. Ich muss also nicht wie ein Penner losfahren.

Friday, 2 March 2012

7. Tag in 2012 (Ein feucht-fröhlicher Izakaya-Abend)

Ich stehe recht früh auf und möchte meine Wäsche waschen. Leider ist die Waschmaschine immer noch kaputt und so langsam wird es schwierig mit den Klamotten. Ich frage Rumiko nach Alternativen aber sie lässt das natürlich nicht auf sich sitzen und sammelt meine Wäsche ein, um sie wahrscheinlich woanders waschen zu lassen. Morgen nachmittag soll sie fertig sein, sagt sie. Hoffentlich klappt das, sonst wird mein Trip nach Hiroshima etwas ungemütlich. Ja, in der Tat habe ich mich für Hiroshima entschieden auch wenn meine Host-Family sich doch sehr über meine Wahl wundert. In Osaka hätte ich nur shoppen und eine nachgebaute Burg bewundert können. Dann lieber gleich die volle Packung und zu einem bedeutungsschwangeren Ort wie Hiroshima fahren.Ich weiß jetzt schon, dass ich da bestimmt ganz schön mit den Tränen kämpfen werde. Allein der Gedanke daran macht mich jetzt schon  traurig...

Ich mache früh Hausaufgaben und versuche zu verstehen was ich da eigentlich lernen soll. Es ist kniffelig, aber nicht unschaffbar. Die Grammatik ist eigentlich ganz logisch, nur fehlt mir die Übung in der Anwendung weswegen ich dann doch noch etwas mehr Fehler mache als es mir lieb ist. Hide-san zeigt Interesse an meinem Kanji-Übungen und führt mir vor wie man mit dem Fudepen (筆ペン) schreiben kann. Er schreibt ein beinahe perfektes Kanji für 私 (watashi = ich) und ich bin begeistert. Natürlich sagt er, dass es nicht so gut und vor allem schwer ist, aber mein Versuch sieht dagegen aus wie hingespuckt. Ich glaube ich sollte mal in einen Kalligrafiekurs gehen, Kanjis gefallen mir immer mehr und helfen mir beim lernen von neuen Vokabeln.

Während der Hausarbeiten kläre ich mit Kate noch den Termin für das Kabuki-Theater ab und buche mit der Kreditkarte für nächste Woche Dienstag. Die Tickets kosten pro Person 4.500円 in der Kategorie "2nd Grade A". Bin wirklich gespannt wie das wird. Kate hat bestimmt durch ihre künstlerische Theater-Ausbildung und besseres Sprachverständnis ein ganz anderes Auge für diese Dinge, aber dafür habe ich dann halt mehr Augen für Kate, so kann man sich den Kunstgenuss teilen ;)

Und wieder Shadowing in der Schule, ich brech' zusammen! Maaaaan, so ein Scheiß!! Kommt das jetzt jeden Tag?!?!

Mit diesem erhöhten Frustlevel ist es durchaus schwierig für mich am Unterricht weiter teilzunehmen. Ich versuche aber mein bestes und kann der Lehrerin auch eigentlich immer folgen. Wörter, die ich nicht kenne werden erklärt und somit kann ich den Zusammenhang und auch die Fragen eigentlich immer verstehen. Aber der Schritt, frei zu antworten und wie die anderen Schüler längere Sätze zu formen fällt mir noch super schwer. Erst recht wenn ich gar keinen Bock habe weil mich das Shadowing so ankotzt!!! Wenigstens läuft es im Kanji-Kurs etwas besser, selbst wenn das Tempo noch schneller ist. Mein Glück ist, dass ich die Kanjis in anderer Reihenfolge gelernt habe, daher kenne ich schon ein paar, die erst später in den Lektionen kommen. Leider fehlen mir dafür auch wieder Kanjis, die bereits gelehrt wurden. Aber mit dem Buch kann ich das ja zum Glück nachholen.

Nach der Schule schleift mich Rumiko gleich mit in eine naheliegende Izayaka zum gemeinschaftlichen Essen und Trinken. Dabei habe ich so schlechte Laune, dass ich mich am liebsten ins Bett legen würde. Die Izakaya liegt in einer ganz beschaulichen Gegend in Itabashi, die mich etwas an Kyoto erinnert. Ein Bach durchkreuzt die engen Straßen und auf kleinsten Raum finden sich viele Restaurants und Lebensmittelgeschäfte. In der Abenddämmerung hängt ein angenehmer Duft von geräuchertem Fisch und gebratenem Fleisch.
 
Eine Brücke in Itabashi von Google StreetView

Rodney und seine Homestay-Familie sind auch wieder mit dabei und ich lasse etwas Frust wegen des Shadowing bei ihm ab. Er hat damit scheinbar weniger Probleme und ich bin wahrscheinlich für ihn der unflexible Deutsche, der dazu noch ein Problem mit seinem Temperament hat (denn heute ich habe mich wirklich bei ihm darüber aufgeregt).

Timothé, der schüchterne Franzose aus dem Einführungskurs, und seine Homestay-Familie kommen auch, sie wohnen sogar im gleichen Gebäude der Izakaya. Er wirkt viel relaxter und ganz happy mittlerweile. Als ich seine Homestay-Mutti kennenlerne weiß ich auch warum, haha. Sie ist von der 3er Homestay-Family Truppe definitiv die Hübscheste. Nett sind aber alle, keine Frage. Meine Laune ist immer noch nicht besser also lasse ich mich von Rumiko gerne zum trinken verleiten. Erst mal her mit dem Sake und der Gesellschaft zeigen, dass der Deutsche auch trinken kann! Ich komme auf ein großes Bier, 3 große Gläser Sake und irgendsoeinen Shochu-Cocktail. Zu Essen gibt es verschiedene Izakaya-Gerichte, alle irgendwie gar nicht Japanisch, aber irgendwie doch.

Rumiko ist schnell  hackedicht und wird mutiger. Wir reden irgendwann (natürlich) wieder über Frauen und was Timothé und ich doch für unterschiedliche Typen sind. Nach Ansicht der Japaner ist er der Shy-Guy und ich der Cool-Guy. Tims Homestay-Mutti fragt mich doch tatsächlich warum mein Gesicht nicht zeigt, dass ich Spaß habe. Ich bin verwirrt, ich grinse doch die ganze Zeit (bin ja mittlerweile auch etwas angetütert)?! Ich denke ich weiß aber was sie meint. Deswegen bin ich wohl der Cool-Guy und lerne niemanden kennen, weil sich wohl keiner traut den ersten Typen anzusprechen? Mia-san, die Homestay-Mutti von Rodney geht mit mir auf Tuchfühlung indem sie sich beinahe auf meinen Schoß setzt. Da muss ich wohl etwas aufpassen. Ganz abgesehen davon, dass sie gar nicht mein Typ ist, sind ja auch schließlich alle verheiratet. Rumiko piekt mir derbe ins Auge, als sie eigentlich nur gucken wollte welche Augenfarbe ich habe. Klar, mache ich auch immer mit ausgestrecktem Zeigefinger wenn ich Leuten ins Gesicht packe!! Unter Schmerzen mir das Gesicht zuhaltend sage ich dauernd auf Japanisch "blau, blau", aber es hilft nichts, zusammen halten sie meinen Kopf fest und sehen selber nach. Boah, besoffene Japaner, Mensch Mensch Mensch!!!

Interessant ist auch, dass sämtliche Kinder der Familien die ganze Zeit, sprich bis spät in den Abend, an dem Ganzen teilhaben. Sie turnen sowohl in der Kneipe als auch auf der Straße davor herum. Sie kriegen sogar für das Essen einen eigenen Kindertisch während ihre Eltern es sich an der Sitztheke mit Bier und Härterem gut gehen lassen. Anfangs fand ich das etwas merkwürdig, aber ich sehe, dass die Kinder nicht nur extrem selbständig sind sondern auch gut gegenseitig aufeinander aufpassen. Ich habe nicht das Gefühl, dass die Eltern ihre Vorbildrollen irgendwie vernachlässigen. Es ist eher so, dass sie die Kinder auch hier teilhaben lassen und nicht ausgrenzen. Ob das gut oder schlecht ist, gerade in Bezug auf Alkoholkonsum, kann ich nicht beurteilen. Müsste man mal länger beobachten oder sogar die Kids befragen, wie die das sehen.

Jedenfalls hat der Abend dafür gesorgt, dass ich dank des guten Essens und mit Sicherheit auch wegen des Sakes wieder bessere Laune habe. Ich bin nicht sicher ob ich das nochmal machen möchte, aber für dieses Mal hat es sehr viel Spaß gemacht.

Tjaaa, es war ja auch alles gratis ne ^_^

Thursday, 1 March 2012

6. Tag in 2012 (Schnee in Tokyo und Shadowing)

Es schneit!!! Schnee in Tokyo, eine absolute Premiere für mich!



Morgens selbst Spiegeleier gemacht, hat etwas für Verwunderung in der Familie gesorgt. Dann noch selbstgemachte Mochi von Rumiko, lecker! Etwas Kanji geübt. Dann den Finger total blöd am Rasierer geschnitten, hat ewig geblutet.

Interessante Serie im TV gesehen. Toughe Komissarin deckt einen Mord auf bei dem die Frau den eigenen Mann deckt, der nachdem er den Mord begangen hat irgendwann dann Selbstmord beging. Eine typisch japanische Geschichte, aber auch so typisch dramatisch und emotional in Szene gesetzt, dass ich richtig ergriffen bin. Mann, ich werde alt. Hab ja schon fast einen zweiten Wohnsitz am Wasser, so nah bin ich da gebaut mittlerweile. Was mir aber etwas negativ auffällt ist, dass die japansiche Ehefrau eigentlich IMMER als die schwache, hilflose Person dargestellt wird, die alles auf sich nimmt nur um die Ehe oder irgendwas aufrecht zu erhalten. Dadurch ist sie dann natürlich in ihrer Stärke dem Mann überlegen, aber trotzdem wird der Selbstmörder als Held dargestellt, denn er hat seiner Frau quasi Schlimmeres erspart. Der krasse Gegensatz dazu stellt die Kommisarin dar, die eigentlich nur agressiv und knallhart wirkt und sich trotzdem vor dem Chef stärker durchsetzten muss als ihre Kollegen.

Ein Shinto-Schrein auf dem Weg zur Itabashihoncho-Station.

Vor der Schule fahre ich noch zur Ikebukuro Station (池袋駅) um den Railpass einzulösen. Eigentlich kein Problem, hab dann am Schalter aber doch nur die Hälfte verstanden. Zum Glück kenn ich das Prozedere schon, sonst wäre ich wieder gänzlich verwirrt. Aber hey, ich sage ja auch immer "日本語は大丈夫です" (Japanisch ist kein Problem) und schon hab ich den Salat. Jedenfalls lasse ich die Gültigkeit des 1-wöchigen Railpasses am Samstag beginnen, da ich an diesem Wochenende irgendwo hin fahren will. Vielleicht Osaka, vielleicht Kobe, vielleicht sogar Hiroshima? Muss ich mir noch überlegen.

Fahre danach in die Schule und erwarte eigentlich einen Teil der Gruppe anzutreffen um gemeinschaftlich etwas Japanisch zu üben, die hängen aber schon im Klassenraum rum, was ich viel zu spät bemerke.

Heute haben wir eine andere Lehrerin, die echt lustig und nett ist. Sie zieht den Unterricht fast in einem Singsang durch und mir gefällt ihre Art wirklich sehr. Sie ist bestimmt schon um die 50. Die Russin im Kurs geht mir echt auf die Nerven, sie quatscht nämlich immer rein und verhält sich so als ob der Unterricht nur für sie stattfindet. Ich finde es ja gut wenn sie das gerade Gehörte auch anwenden und vertiefen möchte, aber sie redet einfach drauf los und nimmt überhaupt keinerlei Rücksicht auf die anderen. Die Lehrerin muss sie teilweise unterbrechen und macht einfach weiter. Gut so!

Dann kommt es, das sogenante Shadowing!! Das ist der größte Scheiß unter Gottes Himmel, den ich je erlebt habe. Jeder Schüler hat eine Konversation auf einem Blatt bekommen und der Lehrer spielt das Ganze vom Band ab. Nun muss man fast zeitgleich den Text nachsprechen und zwar alle zusammen, gemeinsam und gleichzeitig. Erst durch Lesen und Hören des Textes, dann nur durch Hören und dann nur noch quasi reflexartig aus dem Erinnerungsvermögen. Das Ergebnis jeder Runde ist eine Kakophonie von mehr oder weniger schlechten Japanisch, bei dem ich weder mich noch die anderen noch den Text hören, geschweige denn verstehen kann. Ich kotze! Was soll das bitte bringen einen Text komplett auswenig zu lernen und dann wie vom Band abzuspulen?! So lernt man doch keine Fremdsprache! Das ist so typisch Japanisch, deswegen sprechen die meisten auch nicht so gutes Englisch oder kennen ihr eigenen Wortbedeutungen nicht, weil es immer nur im Stechschritt wiederholt wird. Das mag vielleicht bei anderen funktionieren, aber bei mir mit Sicherheit nicht! Arrrggh, ich kann ja nicht mal so schnell wiederholen oder lesen was ich da sprechen muss, wie soll ich mir dann da was merken bitte?! Absolut nicht mein Fall dieser Scheiß. Hätte ich gewußt, dass das hier zum Standardprogramm gehört, hätte ich den Kurs so nicht gebucht. Die anderen stört das nicht oder nicht mehr. Sie machen einfach mit und scheinen dabei auch etwas zu lernen. Aber ich sperre mich dagegen, schon aus Prinzip. Das gemeinsame Wiederholen nachdem der Text zu Ende gehört wurde finde ich ja schon grenzwertig, aber Shadowing kommt ganz oben auf meine Liste von Dingen, die die Welt nicht braucht. 

In der Summe komme ich aber beim Unterricht ohne größere Probleme mit und verstehe eigentlich alles. Leider ist das Tempo bei der anderen Lehrerin deutlich schneller. 

Danach in eine Izakaya mit der Spanienerin Elisa weil alle anderen einfach abdüsen und nicht mehr socializen wollen. Rumiko-san wollte heute eigentlich Karaoke machen aber zum Glück fällt es aus. Hätte auch nicht so Bock drauf gehabt wenn ich ehrlich bin. Elisa und ich sind beide Widder und dadurch ziemlich ähnlich. Was ein lustiges Gespräch. Elisa befasst sich viel mit japanischer Kultur, alte sowieo neue, und hat auch die Idee mit dem gemeinsamen Besuch des Yasukuni-Schreins gehabt. Trinken zwei kleine und eine große Flasche Sake und Elisa ist ziemlich angeheitert. Dementsprechend interessant wird das Gespräch und ich erfahre so einiges über sie. Wir amüsieren uns prächtig.
Meine Stimmung sinkt dann aber als sie von einer Party erzählt auf die sie im Anschluss gehen möchte und nicht mal Anzeichen gibt ob ich vielleicht mitkommen könnte oder wollen würde. Naja, egal, es war trotzdem ein nettes Beisammensein.

Abends erzählt mir Hide-san, dass sein Großvater früher in der Showa-Zeit tatsächlich Katanas geschmiedet hat! Hammer, wie geil ist das denn? Wir begeben uns gleich auf die Suche und finden wirklich ein Schwert von ihm, dass online angeboten wird bzw. wurde. Er hat nicht direkt den Namen Shibuichi benutzt, sondern eine andere Lesart, die ich mir leider nicht gemerkt habe.
Zufälle gibt's!

http://www.e-sword.jp/sale/2011/1110_1033syousai.htm


Tuesday, 28 February 2012

5. Tag in 2012 (Erste Kurse in der Schule)

Fast durchgeschlafen. Diesmal um 3:30 aufgewacht und ca. eine Stunde online die Zeit totgeschlagen. Zählt das jetzt noch als Jetlag nach 5 Tagen oder bin ich einfach rastlos?
Stehe um ca. 7:30 auf und gönne mir das Frühstück. Es gibt wieder Toast und sonst leider nix, schade eigentlich. Bin ja auch irgendwie spät dran, selber schuld.

Quatsche etwas mit Rumiko-san über Australien und die lustigen Eigenschaften von Sprachen. Lustig, es gibt neben "arubeito" (アルバイト) noch ein anderes deutsches Wort im Japanischen; "karute" (クルテ) bedeutet sowas wie Krankenakte. Es gibt wohl im medizinisches Bereich viele deutsche Wörter. Rumiko bestätigt mir, dass viele Japaner lauter englische Wörter japanisch aussprechen aber gar nicht die Bedeutung kennen. Das führt dazu, dass sie dann das originale englische Wort aus dem Munde eines native speakers überhaupt nicht verstehen. Ich hab's ja immer gesagt!
Sie hatten kurz vor mir einen Typen aus Holland und als er mit Zuhause telefoniert und Holländisch gesprochen hat, war sie von der kratzigen Lauten der Sprache so überrascht, dass sie ihn gefragt hat ob auch wirklich alles in Ordnung sei und er nicht vielleicht Heimweh hat oder sogar krank ist. Hahaha, Knallergeschichte. Sie sollte mich mal Deutsch sprechen hören, die würde sich wundern. Dabei habe ich schon einen Vorgeschmack mit dem guten alten "Prost" gegeben :D

Ich verschwende meine Zeit online und bin sogar ganz alleine im Haus für eine gewisse Weile, da die Kids in der Schule, Hide bei der Arbeit und Rumiko irgendwo mit den Hunden hin ist. Mache mich erstma auf dem Sofa breit und schmeiß den Heizlüfter an. So lässt es sich leben.

Gegen 11:30 Uhr mache ich mich auf den Weg zur Schule. Vorher gönne ich mir eine gute Udon-Suppe in dem erstbesten Laden den ich finde. Es ist zwar ein Automatenladen, aber das stört mich mittlerweile gar nicht mehr. Die Qualität des Essens ist nämlich vortrefflich.



In der Schule angekommen werde ich in meiner ersten Stunde gleich vor den Kopf gestossen. Es ist eine Kanji-Klasse und das Tempo ist endkrass. Das erste Viertel des Buches ist bereits durchgearbeitet und damit schon Kanjis, bei denen mir schon das Merken schwerfällt, vom schreiben will ich gar nicht anfangen. Ich komme eigentlich in den ersten 45 Minuten nicht so wirklich mit. Die Lehrerin erklärt zwar ganz gut, aber sowas von schnell und ohne Rücksicht, dass ich gleich merke wie mein Frustlevel hochschnellt. Dazu kommt noch eine furchtbar nervige Mitschülerin, die echt gutes Japanisch spricht, aber in einem Ton, der jedes Anime-Porno-Girl vor Neid erblassen lassen würde. Viel zu hoch und viel zu niedlich. うるさい!Als Kontrast kommt dann noch eine vermutlich aus Mexiko kommende Tante dazu, die eine so laute und tiefe Stimme hat, dass sie locker nen Yakuza-Boss mit ihrem Japanisch synchronisieren könnte. Beide labern gerne, gut und oft mit der Lehrerin, so dass die quasi den Unterricht bestimmen. うるさいだよ!

Lustig ist auch, dass die guten Leute alle auf der linken Seite der Klasse sitzen und die schlechteren rechts. Ich sitze natürlich rechts...

Mitten im Unterricht passiert es dann. Mein erstes Erdbeben! Ich merke nur wie ich selbst und die Tische im Raum leicht schaukeln und mein Hirn versucht gleich das irgendwie zu kompensieren. Es ist aber tatsächlich alles am schaukeln und somit Zeit für meinen Körper etwas Adrenalin auszuschütten. Die anderen sind fast amüsiert über meine Reaktion. Das Ganze ist schnell vorbei und selbst für mich als harmlos eingestuft. Trotzdem bin ich echt geflasht und der Puls geht gut ab. Wie soll das erst werden wenns stärker wird?! Ohweia.

Gegen Ende des Kurses kann ich einigermassen folgen, aber so wirklich angenehm ist das nicht. Ich glaube ich muss mich richtig hinsetzen zuhause und lernen. Aber hey, dafür bin ich doch hier verdammt noch mal! Also werd ich das einfach machen, wäre doch gelacht!

Die süße Spanierin Elisa scheint Mitleid mit mir zu haben und warnt mich quasi vor, dass ich mit ihr und anderen in der nächsten Klasse bin. Dort wird zwar mindestens genauso schnell von der Lehrerin gesprochen, aber immerhin nimmt sie sich die Zeit für die Fragen und meine teilweise vorherrschende Ratlosigkeit. Leider sind die hier im Buch schon bei Lektion 22, das ist fast am Ende!!! Scheiße, und soviele Verben, die ich noch nicht richtig auswendig kenne, geschweige denn die Grammatik! *seufz*

In meiner Klasse scheinen alle Deutsch zu können oder zu verstehen. Die Chinesin Kate, die eigentlich in Österreich aufgewachsen ist und in jeder Sprache einen lustigen Akzent hat, dann Patrick, der wohl drei Pässe hat (Deutsch, Finnisch und noch irgendwas) und mindestens 4 Sprachen spricht.  Dann Alice, die Halb-Japanisch, Halb-Holländisch ist, sowie Christian, der Franco-Schweizer mit starkem Akzent und die obligatorische blonde Russin. Der Kurs geht rasant voran, aber ich kann nach ein paar Frustmomenten doch noch aufholen. Aber so richtig vergeht es mir, als plötzlich alle gemeinsam wiederholen müssen was der Lehrer vorliest oder vom Tape gesprochen wurde. Das ist die bescheuerste Lehrtechnik, die ich kenne. Ich verstehe weder mich noch die anderen, ich höre nur dass keiner es wirklich richtig ausspricht, wie soll ich mich da verbessern?! So ein Scheiß, dafür hätt ich kein Geld gezahlt.

Zumindest sind meine Mitschüler alle richtig nett und fragen mich gleich ob ich zum Sushi-Essen mitkomme. Und wie gerne ich das doch mache, vor allem weil ich mich wahrscheinlich schon jetzt in Kate verknallt habe, haha. Wie alt mag sie wohl sein? Faszinierendes Mädel. Als ich höre, wie sie sich für Kabuki interessiert und zu einer Vorstellung gehen möchte, schmeiß ich gleich meine spärliche Erfahrung in die Waagschale und bekunde mein Interesse an einem gemeinschaftlichen Besuch. Das ist sogar nicht mal geschwindelt, ich habe es nur gar nicht mehr auf der Uhr gehabt seit ich es 2010 nicht geschafft habe ins Kabuki-za in Ginza zu gehen.
Bevor es los zum Sushi essen geht, muss ich mich noch bei meiner Hostfamily abmelden. Ich weiß nicht so recht ob derjenige am Telefon auch wirklich verstanden habe was ich wollte, aber eigentlich müsste es klar sein, das Japanisch war eigentlich in Ordnung. Könnte aber sein, dass ich eins er Mädels am Apparat hatte und es nicht mal gemerkt habe.

Wir gehn also nach der Schule zum Kaiten-Zushi und quatschen über den Unterricht und alles mögliche. Es werden bereits weitere Pläne für gemeinschaftliche Aktivitäten geschmiedet und das gefällt mir. Wir planen einen Besuch im Museum der japanischen Kriege bzw. im umstrittenen Schrein für die japanischen Kriegstoten. Elisa und Kate sind wirklich supernett. Alice ist etwas komisch, kann nicht sagen was da nicht so stimmt. Sie fragt ständig merkwürdige Fragen, die ich eigentlich schon beantwortet habe. Aber trotzdem nett. Wie auch immer, natürlich reden wir alle kein Japanisch obwohl wir es vielleicht sollten. Ab und zu etwas einzustreuen kann aber keiner mehr verhindern, der schon ein Weilchen in Tokyo ist, das geht ganz natürlich.

Zuhause muss ich dann tatsächlich Hausarbeiten machen und finde den Fakt alleine schon mehr als putzig. Also setzte ich mich zu Rumiko in das niedliche Wohnzimmer an den Tisch und lerne neue Grammatik und Kanjis. Rumiko hat jetzt bereits eine böse Fahne und scheint in guter Stimmung zu sein. Sie unterbricht micht ständig mit Fragen oder Geschichten. Hallo, ich will vielleicht meine Schularbeiten machen?! Haha, was ne Situation, damit hätte ich nie gerechnet.
Sie erzählt mir, wie handsome ich doch bin und dass alle Japanerinnen mich ja ganz toll finden müssen. Nur wie es im Herzen aussieht, dass wissen sie nicht sagt sie auch. Ihre Freundin wollte mich heute unbedingt kennenlerne, aber ich bin ja ins Restaurant. Wer weiß wie alt ihre Freundin überhaupt ist oder wie sie aussieht. Ich mach mir da gar keine Hoffnungen.

Sie zeigt mir ganz aufgeregt einen Bericht über die deutsche Familie Spielberg, die 2011 während des Erdbebens bzw. des Tsunamis beinahe gestorben wäre. Ein Japaner hat geistesgegenwärtig eine der Frauen gerettet als die Flutwelle über alle schwappte. Die dann folgende Odysee der Familie ist voll von Japanern, die sich rührend für die hilflose Familie eingesetzt und ihnen geholfen haben. Wie der alte Mann, der stundenlang vorbeifahrende Autos anzuhalten versuchte, damit die Familie das Gebiet verlassen konnte und ihnen sogar Zehntausende von Yen in die Hand drückte. Die Geschichte ist so herzzereissend und wieder so typisch japanisch emotional in Szene gesetzt, dass ich beinahe anfange zu heulen. Soviel Nächstenliebe, so viel für so wenig, ein Wahnsinnsland!


Mehr Infos hier: http://menschen2011.zdf.de/ZDFde/inhalt/22/0,1872,8402838,00.html

Unsere Unterhaltung wird recht enthusiastisch, was vielleicht auch daran liegt, dass Rumiko sich einen Drink nach dem anderen einschenkt. Wir reden über meine Probleme mit den (japanischen) Frauen und über eine mögliche Zukunft in Japan für mich. Sie sagt mir dauernd, dass ich es hier bestimmt schaffen könnte und es doch versuchen sollte. Gerade mit den Frauen sollte es doch ein Leichtes sein für mich. Ich wünschte ich hätte ihre Zuversicht. Sie will, dass ich unbedingt zurück komme.

Das Thema schwenkt auf andere asiatische Kulturen und Reiseerfahrungen und Rumiko erzählt mir, wie gerne sie nach Korea zum shoppen fährt. Mit den Chinesen ist sie nicht so ganz grün wie es scheint. Sie sagt, sie hasst laute und unhöfliche Chinesen, die sich nicht zu benehmen wissen, hat wohl aber auch chinesische Freundinnen. Typisch, das kenne ich doch schon von irgendwo her. Sie meint, dass japanische Kultur (ぶんか、文化) schwer für andere zu verstehen ist, insbesondere was die Vergangenheitsbewältigung angeht. Sie ist der Meinung, dass die Kinder nicht zwangsläufig wissen müssen warum die Chinesen vielleicht nicht so gut auf die Japaner zu sprechen sind. Ich bin da anderer Meinung. Ich denke, dass japanische Kinder genauso viel über den Grauen und Verbrechen des Krieges informiert werden sollten, wie deutsche Kinder in der Schule vom Holocaust erfahren. Denn wenn japanische Kinder es nicht besser wissen und nie von Nangking o.ä. gehört haben, wundern sie sich warum ihre  "ignorante" Art bei den Chinesen vielleicht auf Empörung stösst und halten diese dann womöglich sogar noch für unhöflich oder rassistisch.

Es kann nicht sein, dass die Geschichtsbücher in den Ländern unterschiedlich sind. Jeder sollte das gleiche wissen, ungeschönt, unzensiert. Nur so funktioniert Völkerverständigung auf Dauer meiner Meinung nach. Die Geister der Vergangenheit kann man nur mit Wissen, Akzeptanz und Toleranz besänftigen.

4. Tag in 2012 (Einführungstag in der Schule)

So, heute geht's los mit der Schule. Komisches Gefühl wieder in die Schule zu gehen, haha. Obwohl ich wieder schlecht geschlafen habe und das ganze verdammte Haus eiskalt ist, gibt mir die heiße Dusche einen guten Schub am Morgen. Lustige Aufteilung der Räume übrigens. Badezimmer, Klo und Schlafzimmer der Eltern ist im Erdgeschoß, Küche/Wohnzimmer und Extra-Raum (inkl. Elektro-Klavier) im 1. Stock und Spielzimmer der Kinder, ein weiteres Klo und mein Zimmer sind im 2. Stock. Alles natürlich auf kleinsten Raum aber trotzdem sehr großzügig geschnitten wie ich finde.
Zum Frühstück gibt es kalten Tee und zwei dicke Toastbrote. Lustig, die würden bei mir zuhause nicht mal in den Toaster passen, so dick sind die. Onigiri (御握り) gibt es auch, echt lecker wenn die selbstgemacht sind.

Rodney holt mich wie versprochen gegen 8 Uhr ab und begleitet mich zum Kudan Institute of Japanese Language & Culture (九段日本文化研究所 日本語学院). Er ist wirklich fürsorglich und fragt mich tausend Mal ob ich mir den Weg noch merken kann. Wenn der wüsste durch welch harte Schule ich in 2010 in Tokyo gegangen bin um meinen Weg in dieser Stadt zu finden ;)

Es ist furchtbar kalt in der Stadt. Nur in der U-Bahn wird es einigermaßen warm. Die Toei Mita Line (都営 三田線) ist  rappelvoll und es herrscht eine unheimliche Stille so früh am Morgen. Zur Rush-Hour mit der Yamanote-Line war damals zumindest ein Grundrauschen zu vernehmen aber jetzt ist es absolut still. Richtig merkwürdig wird es als der Zug kurz im Tunnel halten muss und der Antrieb ausgeschaltet wird. Fehlt jetzt nur noch das Grillenzirpen.

Die unscheinbare Schule. Links an der Ecke war sogar mein Klassenzimmer.
Besonders praktisch: der Konbini nebenan!

In der Schule ist es auch nicht wirklich wärmer. Die Jacke kann ich gleich anlassen. Ein anderer Ausländer ist auch schon da und er stellt sich auch als Deutscher raus. Christian ist auch schon zum dritten Mal hier und macht seit 10 Jahren Judo. Er studiert in Weimar, kommt aber aus Dresden. Sein Japanisch ist deutlich besser als meins, das merke ich sofort. Ein echt netter Typ der Christian. Es gesellt sich eine hübsche Blonde mit faszinierenden Augen zu uns, die erst ruhig bleibt während wir auf Deutsch quatschen, sich dann aber auch als Deutsche outet. Sie ist sogar zum 5. Mal hier und studiert Japanisch und BWL in einer Art Kombination in Bremen. Interessant, wusste gar nicht, dass es sowas gibt. Verdammt, das wäre vielleicht was für mich gewesen aber nu ist es wohl zu spät. Sie kann jedenfalls natürlich super Japanisch und war sogar zum Erdbeben in Tokyo, genauer gesagt auf der künstlichen Insel Oidaba (お台場,). Schon relativ dramatisch ihre Erzählung. Überhaupt wird mir irgendwann etwas mulmig als wir nur noch über Erdbeben reden und ich ja der Einzige bin, der noch keins erlebt hat.

Als erstes müssen wir einen Test machen damit die Schule unser Level einschätzen kann. Ich bin so krass müde und mein japanischer Sprachmotor kann bei der Kälte gar nicht starten (muss ein Diesel sein). Irgendwie bin ich jetzt schon genervt, ich denke allein schon wegen der Zeitvorgabe für den Test bzw. die Tests, denn ich muss noch einen Kanji-Test für den Intensiv-Kurs machen. Von den 4 Kanji-Seiten kann ich aber gerade mal eine Seite ausfüllen, pfff, epic fail.

Das dann folgende Interview stotterte ich so irgendwie durch. Auf dem Zettel der Lehrerin stehen ca. 10 Fragen und wir hören schon bei Frage 5 auf als ich ein paar Worte nicht verstehe und auch nicht die Bedeutung erahnen kann. Level B1 sagt sie. Ist das jetzt totaler Anfänger oder gut? Irgendwie eine frustrierende Erfahrung. Unter Druck kann ich wohl echt schlechter arbeiten...

Die folgende Orientierungsstunde zeigt mir wieder wie genau es die Japaner mit ihren Regeln und Vorschriften nehmen. Wir gehen Punkt für Punkt alles zum Thema Homestay durch. Ganz schön heftig teilweise. Bei weniger als 80% Anwesenheit kann der Vertrag aufgelöst werden und somit auch das Homestay. Ein Zertifikat gibt es dann auch nicht. Hmm, ob ich das mit den 80% schaffe? Ist ja nicht so, als ob ich das Zertfikat bräuchte, aber einen Schlafplatz ja schon irgendwie.

Die größte Überraschung ist eigentlich, dass ich nicht den ganzen Tag Unterricht habe sondern nur ca. 4 Stunden am Nachmittag von 13:30 bis 17 Uhr. Oops, da habe ich wohl die Website nicht richtig gelesen. Voll blöd, was soll ich denn am Vormittag machen? Da hat doch eh keiner Zeit! Es geht auch erst morgen wirklich los, also weiß ich gar nicht ob ich vielleicht doch zum Konversationskurs wechseln sollte. Na mal schaun. Die anderen Deutschen sehe ich wahrscheinlich sowieso nicht wieder, die sind wesentlich höher im Level. Ich kriege gleich zwei brandneue Bücher in die Hand gedrückt. Ein Minna no Nihongo (みんなの日本語) und ein Kanji-Buch mit 300 Kanji, cool!



Den wichtigsten Punkt kann der nette Japaner mit seinem schlechten Englisch aber gut rüberbringen. Ich bin kein Gast im Homestay, ich bin ein Familienmitglied und muss mich einbringen und Hilfe anbieten wo ich kann. Stimmt, das habe ich irgendwie nicht richtig bedacht. Bei der Freundlichkeit und Atmosphäre bei den Shibuichis bin ich da aber zuversichtlich.

Ein Franzose mit dem schillernden Nachnamen Thimoté Moliére macht auch Homestay und seine Familie ist wohl mit meiner befreundet. Wohnen wohl auch um die Ecke. Sein Englisch ist nicht so gut und er scheint auch etwas nervös wegen seines Französisch zu sein. Weil wir eine Art Rabattschein für die Toei Mita Line Monatskarte bekommen, begleite ich ihn zur Jinbocho-Station (神保町駅). Es stellt sich heraus, dass er zum ersten Mal in Japan ist, sich sein Japanisch nur selber beigebracht hat und gerade mal 22 ist. Er ist so nervös und unsicher, dass seine Hände die meiste Zeit zittern. Er tut mir richtig leid und erinnert mich an mich selber in 2010. Der Japan-Flash muss für ihn echt krass sein, er kennt sich nämlich gar nicht aus. Armer Junge, total überfordert. Na hat der ein Glück, dass ich fast schon Profi bin, haha. Schade nur, dass die Kommunikation etwas schleppend ist. Auf meinen Versuch Französisch zu sprechen geht er erst gar nicht ein. Er bleibt einen Monat in Tokyo und geht dann nach Nara für ein Studienpraktikum.

Wir kaufen uns also ein Monatsticket, was mich für 2 Wochen trotzdem günstiger kommt als jeden Tag den normalen Preis zu zahlen. Jetzt habe ich eine Pasmo- UND eine Suica-Karte, lustig. Muss aufpassen, dass ich nicht beide in die Brieftasche packe und über den Leser ziehe, sonst geht bestimmt was schief.

Ich glaube Thimoté braucht erstmal was zu essen um wieder runterzukommen. Also nehme ich ihn mit in den erstbesten Laden. Ich bestellte mir Ramen, Gyoza und ein Bier. Er trinkt auch ein Bier und kriegt Nikkusoba (肉そば) in einer riesigen Portion, viel zu viel, selbst mit Riesenkohldampf. Irgendwie checkt er selten wenn ich ihm was auf Englisch erkläre, was die Situation irgendwann etwas nervig macht. Aber ich denke einfach, dass er geistig grad nicht auf der Höhe ist bei all den neuen Eindrücken, die auf ihn einschlagen. Wahrscheinlich werd ich ihn wieder sehen wenn unsere Familien wieder gemeinsam einen heben, hehe.

Zuhause schmeiße ich mich erstma ins Bett, so müde bin ich. Vorher schreibe ich aber tatsächlich noch an meinem Blog. Ich habe noch nicht ein Mal in mein Notizbuch geschrieben sondern immer direkt online in den Entwurf bei Google Blogger.

Abends mit der Familie gemeinsames Essen und Gameshows gucken. Knaller, die Halb-Japanerin, die ich in den letzten Jahren mal entdeckt habe ist in der Show, keine Ahnung wie sie heißt. Furchtbar niedlich die Kleine! Die Shows sind einfach viel geiler als bei uns. Die ganze Familie schmeißt sich teilweise weg vor Lachen. Das Essen ist abwechslungsreich. Wieder Bier und Drinks aus der Dose, der Papa immer gut dabei. Eine liebevolle Familie, nach dem Essen schmeißen sich die Kinder mit dem Papa und den Hunden auf den Teppich vorm TV und chillen und kuscheln.

Ich geh früh pennen und schreibe etwas weiter. Keine Ahnung was ich morgen früh unternehmen soll, wahrscheinlich frühstücke ich einfach und schreibe dann wieder am Blog. Bin gespannt wie der Unterricht morgen wird.


Monday, 27 February 2012

3. Tag in 2012 (Ankunft bei der Hostfamily)

Kann nicht schlafen. Ich wache um 2:30 Uhr auf und es geht mir im Magen um wie nur was. War wohl doch etwas viel Fleisch gestern. Außerdem habe ich mein Oropax im Rucksack gelassen und der ist wiederum im Schrank eingesperrt. Wenn ich den jetzt raushole wecke ich das ganze Zimmer auf (4er Dorm). Bin übrigens im gleichen Zimmer wie in 2010. Midori schläft genau über mir im Stockbett. Ich identifiziere 3 Schnarcher, von denen gerade mal einer in meinem Zimmer ist, der Rest muss in den Nebenzimmern sein! Scheisse です!!

Ich stehe also vollkommen fertig gegen 6 Uhr auf und gehe duschen. Ich versuche die Zeit in der eiskalten Küchen bzw. Wohnzimmer totzuschlagen. Erstma die Aircon anschmeißen und durchheizen. Oh, welch Wohltat! In meinem Bett ist es nämlich extrem kalt weil ich genau neben dem undichten Fenster penne. Hätt ich den Arm außerhalb der Decke während der Nacht gehabt, wäre er mir wahrscheinlich abgefroren.Nur der Vorhang schützt mich vorm Kältetod.
Nach ner Weile ist es in der Küche aber richtig warm. Die warme Luft bläst mir schön in den Nacken, ist fast wie warm duschen. Ich schaue japanisches Musikfernsehen und erfreue mich wieder an den verschiedenen, niedlichen Acts.

Ich muss erst um 13 Uhr beim Training in Kita-Matsudo (北松戸) sein, also lege ich mich dann doch noch mal hin und penne ein paar Stunden sehr unruhig. Als ich aufstehen muss bin ich noch fertiger als vorher. Aber es hilft ja nix, muss einfach los! Später treffe ich mich mit meiner Hostfamily um 17 Uhr an der Itabashi-honcho Station. Na ob ich das alles schaffe?
Ich verabschiede mich von Takako und den anderen im Hostel. War echt mal wieder schön hier gewesen zu sein. Das Khaosan Samurai Hostel ist und bleibt meine Lieblings"absteige" ;-)

Den Weg finde ich einigermaßen gut obwohl ich kurz in die falsche Richtung fahre und ca. 12 Minuten Zeit verliere. Ein Glück bin ich schon um 11 Uhr losgefahren.

Das Training an einem Sonntag ist wieder ganz was anderes. Es sind super viele Leute da, meistens etwas älter, aber kein Luke oder Brian oder irgendwer der Englisch spricht. Aber immerhin erkannt werde ich von ein paar Leuten. Diesmal wird in der üblichen Dojo-Halle trainiert, die wirklich beeindruckend groß ist. Leider ist es uuuuunfassbar kalt im Dojo. Da ich ganz links hinten stehe und somit genau neben einer der zwei offenen Türen, friere ich echt heftig. Dazu kommt noch, dass wir in knapp 2 Stunden nur Seiza-Katas machen und jede einzelne Kata im Detail durchgesprochen wird. D.h. es wird mehr rumgestanden als sich bewegt. Ich bereue nicht mal mit Tabis gekommen zu sein. Die tragen nämlich alle und frieren scheinbar auch nicht!

Matsumoto-Sensei leitet das Training und spricht viele Feinheiten in den Katas an. Eigentlich kenn ich schon alle, aber irgendwie alle anderen nicht. Oder sie tun nur so als ob sie ganz neu bzw. unbekannt sind.  Esaka-Sensei bittet während des Trainings meinen Trainings-Nachbarn sich etwas um mich zu kümmern, aber ich kann ihm nur sagen, dass ich alles verstanden habe bzw. es kein Problem ist was ich da sehe und höre (大丈夫), auch wenn ich manchmal ob der Erklärungen etwas verwirrt bin. Mann, ich wünschte es würde freies Training geben, dann könnte ich den Körper wieder auf Betriebstemperatur bringen. さむいいいいい!!

Ich düse gleich nach dem Training ab und sage nur Kobara-Sensei auf Wiedersehen. Esaka-Sensei scheint schon weg zu sein. Tja, schade.

Von unterwegs rufe ich Rumiko Shibuichi (四分一 留美子), meine Host-Mutti, an und bitte sie, dass wir uns später treffen können, da ich es um 17 Uhr definitiv nicht mehr schaffe. So habe ich wenigstens Zeit noch schnell zu duschen und mir wieder frische Sachen anzuziehen. Ich schultere meinen großen Rucksack, den kleinen Rucksack und das Schwert und mache mich auf den Weg. So vollgepackt hat die Dusche auch nur kurzzeitig was gebracht, hrmpf. Bin dann um 17:50 Uhr am Bahnhof Itabashi-Honcho (板橋本町駅). und werde gleich von zwei Leuten auf Fahrrädern abgeholt. Bin verwirrt, das sind aber nicht die Shibuichis?! Eine Frau begrüßt mich überschwenglich und umarmt mich. Der andere Typ spricht ab und zu English mit mir, da ich durch die ganze Hektik irgendwie nicht verstehe was die Tante mich eigentlich fragt. Natürlich versuche ich mein Bestes und kriege gleich das übliche 「日本語が上手です!」. Es geht im  Zickzack zum Haus der Shibuichis. Ohweia, kann ich mir das überhaupt merken?

Das Haus der Shibuichis in Google StreetView.
Ich wohne ganz oben, Penthouse sozusagen!

Scheinbar gibt es sowas wie eine Welcome-Party für mich bzw. es sind einfach viele Leute anwesend und es gibt Selbstgegrilltes. Hideaki-san (秀明), genannt Hide, der Herr des Hauses, begrüßt mich mit knallrotem Gesicht und hat scheinbar schon gut getankt. Wie sich herausstellt sind hier alle gut dabei und scheinen das auch zur Gewohnheit gemacht zu haben. Dabei ist es auch egal, dass ca. 5 Kinder im Haus rumspringen und alles mitkriegen. Aber irgendwie sind alle cool. Gerade die Mädels sind echt putzig und können sogar etwas Englisch. Trotzdem bin ich froh, dass Rodney aus Taiwan noch dabei ist und dass ich mit ihm Englisch sprechen kann. Beim Abholen dachte ich noch, dass er Japaner ist weil er so gut kommunizieren kann. Er war mal in Dallas und spricht deswegen gutes Englisch. Er gibt mir ein paar Tipps für den Umgang mit der Familie und bietet sich an mich am Montag zur Schule zu begleiten. Er ist dort sein Januar im Konversationskurs. Den Weg hätte ich eh nicht mehr wirklich gewußt, es war ja schon dunkel und wir sind nicht wirklich gradlinig gelaufen.

Ich fresse mich voll und versuche an der aufgelösten Atmosphäre teilzuhaben. Eine so offene Familie ist mir noch nie begegnet. Ich bin sofort Teil des Ganzen und fühle mich willkommen. Es wird immer mehr Futter aufgetischt und ich bin irgendwann pappsatt. Die anderen essen einfach weiter und weiter.Vor allem Hide scheint einen guten Appetit zu haben. 

Die Shibuichi-Mädels Kotone (琴音) und Akane (朱音), sowie die jüngeren Gästemädels sind echt begabt im Singen und Musizieren. Sie spielen stundenlang auf dem Klavier und singen lauthals mit. Die Stimmung im Haus ist der Knaller, absolut laut und vollkommen verrückt. Als Sahnehäubchen kommen noch zwei unglaublich hässliche Hunde dazu, die gehörig Krach machen. Ich glaube es sind beides Langhaar-Chihuahuas und eigentlich nur Fußhupen. Ich muss echt aufpassen, dass ich nicht aus Versehen auf einen trete! Bierseeling lerne ich, dass das zuprosten wie bei den Franzosen üblich mit "Tchin-Tchin" hier durchaus mißverstanden werden könnte, da es auch Penis (ちんちん) heißt!

Gehe relativ früh pennen. Das Zimmer ist auch wieder super kalt. Muss mir mal morgen die Aircon erklären lassen. Der Wind pfeift durch das Dach wie zur Geisterstunde. Hat aber irgendwie was.

Scheiße, wache wieder um 2:30 auf und kann nicht pennen.