Saturday, 10 March 2012

14. Tag in 2012 (Letzter Schultag und letztes Training)

Uh oh, mir geht's gar nicht gut. Ich hab zwar gut geschlafen und das kurze und schwache Erdbeben hat mich auch nicht gestört, aber gestern war dann wohl doch etwas zu viel des Guten. Ich hab böse Kopfschmerzen, aber wenigstens keine Magenschmerzen. Ich beschließe keine Tabletten zu nehmen und versuche mich lieber an den Hausarbeiten, so wie einem einigermaßen reichthaltigen Frühstück. Weil ich nicht das Gefühl habe, dass es besser wird, lege ich mich zwischen 11 und 12 Uhr noch mal hin.

So wirklich besser gehts mir danach aber auch nicht. Selbst das Betanken mit Nährstoffen vom Konbini hilft nicht wirklich, ich habe eher das Gefühl es wird immer schlimmer.

Das wird es dann auch. Die letzten paar Schulstunden sind wirklich eine Qual. Mein Kater ist vollständig erwacht und peinigt mich wo er nur kann. Dazu kommt noch, dass genau wie gestern, am Konbini neben der Schule eine Riesenschlange von Kids steht, die irgendeine Scheiß-Animefigur haben wollen und ich daher nicht so schnell an mein lebensrettendes Essen komme. Diese Otakus stehen um den ganzen Block im strömenden Regen für diesen Quatsch. Selbst Ordner waren gestern und sind auch heute im Einsatz um die Massen zu kanalisieren. Super, und wir Kudan-Schüler gucken in die Röhre. Zum Glück sind die zum späten Nachmittag alle verschwunden und ich kann etwas Futter einkaufen. Helfen tut es nicht wirklich, mir ist super schlecht. So schlecht, dass ich fast fürchte nicht am Training teilnehmen zu können. Elisa und die anderen wollen auch noch Sushi essen gehen, es ist ja auch Elisas letzter Tag. Sogar Kate kommt noch vorbei, und mir gehts so elend.

Das Foto ist zwar von der Woche davor, aber hier sind alle meine Mitschüler vertreten :)

Dazu kommt ja auch noch, dass beim letzten Tag eines Schülers immer feierlich die Urkunden übergeben und ein Foto gemacht wird. Na da hab ich ja jetzt richtig Bock drauf. Ihr mit eurem blöden Shadowing, so ein Zertifikat kann ich mir auch selber ausdrucken! Naja, ich reiß mich trotzdem zusammen, es ist ja nicht die Schuld der Schule, dass ich anders lernen möchte. Über die Einrichtung selber kann ich mich ja nicht beklagen, im Gegenteil. Ich gebe auf dem abschließenden Bewertungsbogen durchweg gute Noten für die Schule und die Lehrer. Einen Kommentar zum Shadowing spare ich mir. Dann wird das Zertifikat übergeben, das Foto und ab dafür.


Ich seh' schon etwas fertig aus, oder?
Ich gehe noch mit den anderen mit und hoffe, dass mir etwas frische Nahrung vielleicht hilft wieder in 60 Minuten fit zu werden. Wobei ich Angst habe, dass Sushi genau das Gegenteil bewirkt. Aber es gibt ja dort heißen Tee umsonst, der ist meine letzte Hoffnung. Als ich reinkomme wird mir kurz noch schlechter wegen des Fischgeruchs und der teilweise merkwürdig aussehenden Sushi-Kreationen. Aber als ich dann die erste Tasse Matcha trinken geht  es mir schlagartig besser. Ich verdrücke eine Portion Fisch und trinke noch zwei weitere Becher und oh Wunder, mir geht es wieder gut. Ich verabschiede mich schnell und düse los in Richtung Shibuya. Oh Mann, das war echt haarscharf. Hätte mich grün und blau geärgert wenn das nicht geklappt hätte mit dem Training heute.

Die Züge sind rappelvoll und es schwebt wieder die Stimmung des Party-Freitags über allem. Mir aber egal, ich will ja heute wieder ernsthaft trainieren und nicht feiern. Dafür morgen umso mehr, hehe. Wie schon ein paar Mal zuvor nehme ich in Shibuya-Station (渋谷駅) den falschen Ausgang und lande an der falschen Stelle. Ich laufe etwas umher und finde dann bekannte Strukturen, die Fußgängerbrücke. Nachdem ich sie schon komplett überquert habe, kommt mir der Rest der Straße aber komisch vor und ich stürze mich wieder in Unkosten und suche Hilfe bei Google Maps. Prompt kommt die SMS von der Telekom: "Ihre monatliche Nutzung von Daten im Ausland hat den Betrag von 134€ überschritten. Dies gilt nur als Information." Ja danke, du mich auch! Ohne GPS und 3G wäre ich hier nun mal verloren, denn ich bin wirklich falsch gelaufen. Die gleiche Fußgängerbrücke gibt es nämlich auch auf der anderen Seite der Station, da hätte ich lang müssen. Zum Glück komme ich nicht allzu spät im Dojo an.
So hätte ich EIGENTLICH gehen müssen...
Das Training ist alles in allem ganz ok. Nashima-sensei erinnert sich an meinen Namen und ich darf vorne links trainieren. Luke ist auch wieder da und ich freue mich ihn wieder zu sehen. Matsumoto-sensei leitet das Training, Esaka-sensei steht meist im Hintergrund und beobachtet eher andere Schüler. Matsumoto-sensei erklärt in einem mir vollkommen unverständlichen Japanisch die jeweiligen Feinheiten der Katas. Er zeigt jeweils zwei Wege um z.B. einen Schnitt zu machen, ich kann aber nie deuten welcher jetzt der falsche Weg ist. Luke klärt mich nachher auf, dass es ihm das genau so geht und er nicht wüsste was er meint wenn er kein Japanisch verstehen würde. Ich mache es einfach so wie ich es gelernt habe und das scheint akzeptabel genug zu sein. Als ich am Ende meiner zwei Tage Training bezahlen will, meint Nashima-sensei, dass ich ja aufgrund der Kokusai-Renmei Mitgliedschaft nicht bezahlen muss. Stimmt, hatte ich ganz vergessen, wie praktisch!

Später gehen wir wieder gemeinsan in die Stamm-Izakaya und ich bringe mich auf den neusten Stand zu Lukes Befinden. Er hat von der Dojo-Situation nichts mitbekommen sondern hat berufsbedingt 3 Monate Pause machen müssen. Sein Schock muss groß gewesen sein als er dann mitbekommen hat, dass Hinago-sensei quasi rausgeschmissen wurde. Auch wenn die Situation in Deutschland jetzt offenbar wieder ok ist, heißt das noch lange nicht, dass in Japan alles klar ist. Esaka-sensei fragt wieder mal nach meiner Herkunft und ist auch dieses Jahr etwas überrascht, dass ich aus Berlin und Geralds Dojo bin. Er erzählt mir vom kommenden Lehrgang in Stuttgart, von dem ich noch gar nichts wusste und freut sich schon wieder auf Deutschland. Er ist sehr gut gelaunt und irgendwie habe ich das Gefühl, dass er sich wie erleichtert, sozusagen freier fühlt.  Diesmal fragt er sogar direkt nach meinem Namen und möchte ihn notieren. Das übernehme ich natürlich und schreibe im feinsten Katakana meinen Namen. Schade nur, dass es sein Notizbuch bzw. Kalender aus 2011 ist und er ihn sowieso irgendwann entsorgen wird :-/ Wenn er sich wirklich an mich in Stuttgart erinnert, wäre das schon lustig. Diesmal verstehe ich sogar fast alles was Esaka-sensei auf Japanisch sagt. Zum Glück ist aber Luke noch als Backup da und kann besser ausdrücken was ich selber sagen möchte. Auf jeden Fall ist es schön, dass ich schon beinahe eine richtige Konversation mit dem Sensei führen kann. Sprache verbindet einfach.

Schöner Abend gewesen. Lustig ist auch, dass Luke morgen auch in den Club Womb gehen möchte. Er hat sogar halb-japanische weibliche Begleitung in petto. Wir tausche Nummern aus und verabreden uns locker für morgen abend. Coole Sache, so klein ist die Welt.

Zuhause bemerke ich beim Begutachten des Zertifikats, dass mich die Schule zum Holländer gemacht hat (オランダ = oranda = Holländer) *epic facepalm*



Friday, 9 March 2012

13. Tag in 2012 (Ein Wiedersehen mit Maria Ozawa)

Vorletzter Tag in der Schule und ohne einen Plan für den Abend. Aber wie es der Zufall wieder so will, finde ich heraus, dass Maria Ozawa doch wieder im Rockza in Asakusa auftritt!! Knaller, da geh ich doch glatt hin, auch alleine wenn es sein muss! Wenigstens krieg ich so wenigstens was für die Augen und zwar in echtem 3D. Der Eintritt liegt zwar bei 6.000 Yen, aber man gönnt sich ja sonst nix. Bedenken oder Sorgen, dass ich mich in nen Stripschuppen begebe habe ich überhaupt nicht mehr. Hier ist das ja eh mehr oder weniger normal, hehe.
Außerdem ist es eine gute Gelegenheit wieder in der Khaosan Bar vorbeizuschauen.

Auf dem Weg zur Schule sehe ich wieder verschiede Bauarbeiter. Warum haben die eigentlich so komische Pluderhosen an? Hat das historische Gründe oder sind das wirklich praktische Gründe? Muss ich mal herausfinden.

In der Schule ist wieder business as usual. In der Kanji-Klasse stelle ich mich diesmal echt gut an und mache fast keine Fehler im kleinen Test, obwohl ich am Dienstag gar nicht da war. Aber ich habe ja auch etwas gelernt. Kanjis machen mir Spaß, ich merke mir Gezeichnetes viel besser als Gesprochenes. Bin wohl ein visueller Lerner.

Nach dem Unterricht gehe ich alleine in die Izakaya essen in der ich schon mit Elisa war. Gefällt mir ganz gut die Atmosphäre und außerdem ist es recht günstig. Ich esse Gyoza und (Hühnchen) Karage. Ich steh auf das Zeugs, dieses Jahr esse ich es fast jeden Tag. Die Jahre zuvor war es hauptsächlich Reis und Fisch aber dieses Jahr ist mir irgendwie nicht danach. Ich kippe 2 eiskalte Sapporo-Bier (Asahi wäre mir lieber) und mache mich dann auf den Weg nach Asakusa zur 19 Uhr Vorstellung.

おいしそうね
Das Rockza ist relativ voll. Geschäftsmänner, Arbeiter und Normalos verbringen hier wohl gerne ihren Feierabend. Es sitzen sogar zwei Frauen im Publikum, verschwinden aber schon nach dem ersten Akt. Ich denke die meisten im Publikum haben eine im Tee, aber da bin ich ja in guter Gesellschaft. Es wird sich natürlich brav benommen, nur ein älterer Herr, der ganz vorne sitzt beugt sich jedesmal demonstrativ nach vorne wenn die Mädels ganz nah sind und will wohl jedes Schamhaar einzeln begutachten. Schon etwas freaky muss ich sagen, von vornehmer Zurückhaltung hat der wohl nix gehört. Er wirkt fast so als ob er traurig ist, so etwas auf seine alten Tage nicht mehr ohne Bezahlung sehen zu können.

Die Show selber ist der Knaller, viel  besser als vor 2 Jahren, vollkommen durchdacht und sogar mit kleinen Geschichten. Das Hauptthema ist wohl Japan in den 50er Jahren. Beim Eröffnungstanz tragen alle also entsprechende Kleider und Maria Ozawa kommt quasi als Gast mit dem Auto angefahren (Autogeräusche vom Band). Ich muss beinahe lachen, so albern sind manche Szenen und Kostüme. Aber auf jeden Fall ist es für mich gutes Entertainment, selbst ohne entblößte Brüste. Ich bin kurz geschockt, als ein kleines Mädchen auf der Bühne mittanzt. Sie hat den Körper und das Gesicht eines Mädchens, trägt auch ein passendes Kleidchen und bewegt sich auch so. Ich hoffe wirklich, dass die schon volljährig ist, das wäre sonst zu krass.



Die jeweiligen Einzeltänze sind alle für sich richtig gut. Selbst die Eine, die sich nur wie mit Stock im Arsch bewegt und absolut keine sexy Bewegungen drauf hat, ist in ihrer Einzelshow ganz passabel. Bei der Show des "kleinen Mädchens" fühle ich mich fast wie ein Pädophiler, weil sie schon etwas sexy aussieht. Ist mit Sicherheit legal die Kleine, alles andere wäre ja auch Wahnsinn. Mein Favorit ist die Eine, die ihre Show mit einer richtig guten Streetdanceperformance eröffnet bei der man sieht, dass sie eine entsprechende Ausbildung genossen haben muss. Wahrscheinlich die einzige professionelle Tänzerin hier. Up close und nackt macht sie auch eine mehr als gute Figur. Schmunzeln muss ich als ihr Ausziehteil dann mit Michael Jacksons "Heal the World" untermalt wird, das is dann doch etwas zu schmalzig, selbst für ne Tittenshow. Achja, ich bin natürlich auch diesmal der einzige Gaijin im Publikum, aber so wirklich wahrgenommen werde ich von den Mädels auf der Bühne nicht hab' ich das Gefühl.

Maria Ozawa bemerkt mich auch nicht, verdammt, haha. Ihr Auftritt ist super und professionell, aber ich habe das Gefühl, dass sie sich etwas hat gehen lassen. Sie sieht irgendwie fertig aus im Gesicht. Ein neues Tattoo hat sie auch am Arm, interessant. Sie ist auf jeden Fall mit Abstand die Hübscheste der Truppe, die Mischung machts eben.

Grinsend und zufrieden latsche ich von Asakusa zur Khaosan Bar und treffe dort den Isländer von vorletzer Woche wieder. Sein Name ist fast unausprechlich: Brynjólfur Magnús Brynjólfsson . Ach schön, deswegen komm ich gerne hier her, man kennt sich einfach. In der Bar hocken noch der Manager vom Samurai, ein paar andere Japaner, noch ne Isländerin und ein Norweger. Zwei Däninnen gesellen sich später dazu, sowie eine Gruppe Gothic-Österreicher. Nach ein paar Bier und dem Frei-Sake fürs einloggen über Facebook ist die Stimmung gelöster und wir machen alle abwechselnd den DJ. Meine Auswahl von M83s "Midnight City" wird wohlwollend zur Kenntnis genommen. Witzig ist auch, dass die Tante des Isländers in der Band Gus Gus war. Die kenn ich noch aus meiner kurzen Zeit mit DJ-Ambitionen und ich glaub ich hab sogar den Song "David" auf Platte. Und wieder, ein Kreis schließt sich in Japan, wo sonst?

Wir verabreden uns alle locker für den Samstag im Club "The Womb". Wird bestimmt lustig.

Ziemlich betrunken mache ich mich gegen 23 Uhr auf den Weg nach Hause. Mit unglaublichen Glück kriege ich wieder den allerletzten Zug nach Hause. Im Kopf male ich mir schon die möglichen Optionen aus, falls ich einen Zug verpassen würde, aber so viele Optionen hab ich gar nicht. Mein Bargeld geht nämlich auch zur Neige und ich muss morgen, spätestens übermorgen dringend Geld abheben. Heute habe ich auch echt in die Vollen gegriffen, oh Mann. Hoffentlich ist meine Kreditkarte wieder zu gebrauchen, habe sie nämlich quasi aufgeladen.

Wie ein Stein falle ich ins Bett. Hmm, hätte vielleicht noch etwas mehr Wasser trinken oder noch was essen sollen. Morgen ist schließlich mein letzter Tag in der Schule und abends gehts ja auch zum Iaido-Training. Naja, wird schon schief gehen.

Wednesday, 7 March 2012

12. Tag in 2012 (Kabuki und Shabu-Shabu)

Heute schwänze ich mal die Schule und gehe mit Kate ins Kabuki-Theater. Ich bin schon richtig gespannt, einerseits auf etwas Zeit mit Kate und natürlich wie so eine Kabuki-Vorstellung wirklich ist. Sollen ja recht lange gehen, habe ich gehört. Da ich am Abend sogar noch eine andere Verabredung habe, wird das heute wohl ein ganz guter Tag, habe ich jedenfalls so im Gefühl.

Ich habe so gute Laune, dass ich einfach eine Japanerin in der U-Bahn vor mir fotografiere weil sie so putzig aussieht wie sie da so vor sich hin döst. Blöd nur, dass ich vergesse habe den Blitz auszuschalten. Es kriegt also das halbe Abteil mit und eine ältere Frau schaut mich finster an. Oh Gott, wie peinlich!! Naja, ich bin ja Gaijin, was solls...

Nein, ich wollte NICHT ihr Höschen fotografieren!

Ich komme pünktlich und gut gelaunt am National Theatre of Japan in Chiyoda an und hole die bereits im Internet gebuchten und bezahlten Karten an einem Automaten ab. Geht alles ganz easy. Die Menschenmassen strömen bereits in den riesigen, beindruckenden Theaterbau. Manche sind in Kimons gekleidert und der Altersdurschnitt liegt recht hoch. Es scheint eine gut besuchte Veranstaltung zu werden. Das Stück heute heißt 一谷嫩軍記 (Ichi No Tani Futaba Gunki). Draussen sehe ich bereits wie die Spielzeiten sind. Zuerst läuft das Stück nur 30 Minuten, dann eine Pause, dann 1 Stunde, dann wieder eine Pause und der Rest geht noch mal 2 Stunden! Uff, das wird ja ein langer Nachmittag. Wahrscheinlich bleib ich gleich in der Gegend und hole beim Budoladen Sakura-ya noch die Sachen für Marco (ein Obi und ein Sageo). Richtig angezogen für mein Date heute abend bin ich zwar schon, aber es ist heute etwas schwül und ich bin schon leicht angeschwitzt.


Das Theater während der Pause.
Kate kommt etwas abgehetzt aber rechtzeitig an. Wir begeben uns in den großen Theatersaal und warten gespannt auf den Beginn. Vorher haben wir uns den englischen Audioguide geholt, um dem Stück besser folgen zu können. Wie sich später herausstellt, war das eine weise Entscheidung.

Der erste Akt beginnt mit einer Art Einführungsszene bei dem ein paar wichtige Charaktere und Gegebenheiten erklärt werden. Ich bin leicht überfordert. All die Namen und die etwas komplizierte Story aus dem Booklet werden durch den Audioguide noch detailierter beschrieben, aber leider meist während die Schauspieler auf der Bühne sprechen und nicht wie versprochen mit gutem Timing davor oder dazwischen. Am Anfang raffe ich daher recht wenig von der Story und versuche mich einfach auf das Schauspiel an sich zu konzentrieren. Ich bin etwas überrascht, dass das gesprochene Japanisch so dermassen anders ist. Vor allem die weiblichen Rollen, natürlich von Männern gespielt, sprechen so übertrieben hoch und quakend, dass es fast schon komisch ist. Trotzdem bin ich jetzt schon beeindruckt von dem Aufwand und der Hingabe wie die Darstellung abläuft. Mein Versuch hierüber ein Gespräch mit Kate zu beginnen scheitern kläglich und prallen von ihr ab.

Während der ersten Pause schlendern wir etwas herum. Es gibt jede Menge Fressstände und sogar Restaurants im Theater. Wie praktisch! Man kann hier also den ganzen Tag verbringen. Die Preise sind jedoch recht gesalzen. Ich versuche erneut etwas mehr mit Kate zu sprechen, aber ihre Distanz zu mir ist mittlerweile sogar physisch eindeutig zu erkennen, da sie weder auf mich wartet wenn sie voran schlendert noch mir nachfolgt wenn ich voran gehe. So schlecht kann ich doch nicht riechen...

Im zweiten Teil der Story gewinnt die Geschichte deutlich mehr an Umfang und Inhalt. Es werden sogar Szenen gewechselt und es herrscht viel Aktion auf der Bühne. Ab und zu rufen ein paar Männer aus dem Publikum lauthals, keine Ahnung was. Wahrschienlich: mehr Emotionen! Ich höre nur もっと (motto) raus, was so viel wie "mehr" heißt.

Die Geschichte an sich ist eine typische Samurai-Story von Ehr- und Pflichtgefühl, Aufopferungsbereitschaft und Bushido. Ohne den Audioguide hätte ich wahrscheinlich nur 20% verstanden von all den Implikationen und Andeutungen des Schauspiels. Auch sind mir die teilweise historischen Charaktere gar nicht bekannt. Es ist jedoch unheimlich faszinierend wie welchem Sinn für das Detail hier gearbeitet wird, ob es das Kostüm, der Hintergrund, die Requisite oder die Stimme der Schauspieler ist.
Besonders die Darsteller der Frauen spielen extrem ausdrucksstark, was wohl üblich beim Kabuki ist. Die Männer sprechen natürlich in diesem typisch tiefen und aggressiv wirkenden Samurai-Ton. Wie halten das bloß die Stimmbänder auf Dauer aus? Das muss doch anstrengend sein.

Anstrengend ist es auch wach zu bleiben während der Vorstellung. Ich kämpfe regelmäßig gegen zufallende Augen und versorge mich in den Pausen mit Tee und Kaffee, um dagegen zu halten. Meine rechte Sitznachbarin, eine ältere Japanerin, pennt schon in den ersten 10 Minuten des 2. Akts ein. Es schlafen überhaupt recht viele im Publikum, gehört wohl auch dazu irgendwie.

Zwischen den Schauspielern laufen auf der Bühne ab und zu sowas wie Bühnenhelfer herum, die allesamt schwarze Kleidung und verschleierte Gesichter tragen. Sie stellen teilweise Hocker unter die Akteure oder reichen bzw. halten Requisiten. Einer von ihnen muss einen halben Akt hinter einem der Schauspieler hocken und liest glaub ich ein Buch während der Wartezeit?! Knaller.

Besonders lustig ist die Darstellung eines Pferdes durch die Bühnenhelfer. Es sieht so dermassen echt aus, dass Kate und ich anfangs denken hier kommt grad ein echtes Pferd auf die Bühne. Der Schauspieler setzt sogar drauf und reitet es!!! Ein weiteres Highlight ist der angedeutete Kampf zwischen dem Haupt-Samurai und einer Gruppe von Soldaten. Obwohl Kate die Choreographie nicht sonderlich gefällt ("zu unsauber"), finde ich die künstlerische Umsetzung doch recht gut gemacht.

Zum Ende gibt es die typisch japanische Auflösung, in dem der Held seinen eigenen Sohn opfert um den heimlichen Sohn des Kaisers weiterhin zu beschützen. Die Trauer wird herzzerreissend dargestellt und ich kriege teilweise sogar Gänsehaut. Die typische Aufopferungsbereitschaft und das Akzeptieren des Unausweichlichen gehört einfach zum japanischen Geist, auch heute noch.

In der letzten Szene führt der tragische Held, der fortan nun als Mönch für die Vergebung seiner Tat beten wird, einen längeren Monolog über den Sinn und Unsinn des Lebens. Seine letzten Worte sind mir nicht unbekannt und fassen die Handlung in einen einzigarten Zen-Moment zusammen. "Nur ein Traum, nur ein Traum..." Ein starker Abgang mit viel Gänsehaut-Effekt.

Großartiges Kabuki-Theater, ich bin wirklich begeistert. Ich denke ich werde beim nächsten Mal auch wieder ein Stück besuchen. 

Nachdem ich mich von Kate verabschiedet habe, begebe ich mich in Richtung Roppongi um Junka-san zu treffen. Sie arbeitet direkt im Roppongi Hills Mori Tower (六本木ヒルズ森タワー).

Als ich Junka sehe, denke ich nur "Jackpot". Sie sieht wirklich umwerfend gut aus in ihrem Arbeitskostümchen. Ihre Art ist super-freundlich, lustig und ziemlich sexy. Das kann ja nur ein schöner Abend werden ^_^

Wir laufen ein bisschen durch Roppongi zum Shabu-Shabu Laden ihrer Wahl. Mir fällt deutlich auf wie viele Ausländer es hier in Roppongi gibt. Teilweise ganze Gruppen von Touristen aber auch viele Geschäftsleute. Immer wieder sehe ich den typischen männlichen Gaijin mit seiner obligatorischen japanischen weiblichen Begleitung. Das Klischee wird hier voll bedient und ich komme mir selber etwas komisch vor. Aber was solls, meine Begleitung ist eh heißer als eure!


Das Shabu-Shabu Essen ist großartig. Wir bestellen eine Fuhre Fleisch nach dem anderen und quatschen und futtern wie die Weltmeister. Ich kann gar nicht aufhören, so lecker ist das alles.Das Restaurant hat diese typische, leicht düstere, Kerzenschein-ähnliche Atmosphäre, fast schon romantisch. Ich bestelle mir Sake und bin recht zügig angeheitert. Junka lässt von mir auch zu etwas Alkoholkonsum ermutigen, ist aber in der Hinsicht wohl noch etwas schüchtern oder unsicher. Die Atmosphäre ist aber wunderbar gelöst und freundlich, ein echt schöner Abend mit interessanten Gesprächsthemen (das übliche: Japan, Deutschland, Beziehungen, Ex-Partner, Reisen, Arbeit, usw.).

Nachdem wir so viel gegessen haben, dass wir weiteres Essen nicht mal mehr ansehen möchten, verlagern wir unser Gespräch in einen nahe gelegenen Club bzw. Bar. Der Laden heißt Vanity und erinnert mich an das 40seconds oder das Felix in Berlin. Nur das hier der Ausblick auf Roppongi einfach der Knaller bei Nacht ist.

Ein Bild von der offiziellen Website. So sieht es da aber tatsächlich aus!
Der Club ist beinahe leer, es ist ja schließlich auch ein Wochentag. Am Wochenende geht es hier bestimmt gut ab und die (neu)reichen Boys & Girls der Stadt zeigen was sie haben. Würde ich mir ja gerne mal als Kontrastprogramm geben irgendwann, aber heute gilt meine Aufmerksamkeit ganz Junka. Als sie mir eröffnet, dass sie eigentlich nur ca. 70% von dem versteht was ich so sage, bin ich etwas perplex. Es zeigt mir auch wieder, dass ich viel zu schnell Englisch spreche manchmal. Mein Japanisch ist noch weit davon entfernt, diese interessanten Themen abzudecken, die Junka und ich so besprechen, aber zum Glück ist ihr Englisch sehr gut, auch wenn sie mich Schnellsprecher manchmal nicht versteht.

Ich hätte wirklich gerne noch mehr Zeit mit ihr verbracht, aber das wird weder heute abend noch in dieser Woche klappen :( Sie ist der Inbegriff einer cleveren, intelligenten, zurückhaltenden, aber auch wirklich lustigen wie sensiblen und Beschützerinstinkt-weckenden japanischen Frau. Ihre Attraktivität übertrifft das Ganze dann nur noch und kann einem einsamen Typen wie mir ganz schön den Kopf verdrehen. Nicht nur "good girlfriend-material" wie man so sagt, vielleicht sogar mehr. Naja, zum Abschied gibt es eine Umarmung und die Hoffnung auf einer Wiedersehen.

Tatsächlich habe ich dann noch den allerletzten Zug in Richtung Itabashihonsho gekriegt. Geiles Gefühl! Fühle mich wie ein richtiger Bürger dieser Stadt. Ich bezweifle aber, dass ich hier öfters zwei schöne Frauen an einem Tag treffen kann :)


Tuesday, 6 March 2012

11. Tag in 2012 (Back to school)

Ich kann mittlerweile durchschlafen und wache nachts nicht mehr auf. Leider träume ich stattdessen jetzt absolut bescheuertes Zeug. So bescheuert, dass ich mich noch Tage später dran erinnere und viel zu bescheuert, um es hier aufzuschreiben (sonst denken alle ich bin wirklich verrückt).

Es regnet heute voraussichtlich den ganzen Tag. Gut, dass ich meinen Regenschirm in Hiroshima vergessen habe. Erinnerungen an die ätzende verregnete Zeit in Kyoto letztes Jahr werden wach. Aber ich habe ja Schule und andere Dinge zu tun, also wird es schon nich so schlimm. Meiner Migräne ist das aber egal und sie meldet sich als ich am frühstücken bin. Meiner teuren Formigran-Pille ist sie aber nicht gewachsen und nach ein paar Stunden huuiiii im Kopf, hat die Pille ihre Wirkung getan.

Ich nutze die Zeit vor der Schule noch um etwas Kanjis und andere Dinge zu üben. Ich bin jetzt wieder richtig schön im Schwung was mein Japanisch angeht. Wenn's jetzt noch mit der Konversation besser klappen würde, hat sich die Schule doch noch gelohnt. Falls ich zu Kudan zurückkomme, sollte ich vielleicht lieber einen Konversationskurs buchen, dann spare ich mir bestimmt auch das Shadowing.

Mein großartiger Soundtrack auf dem Weg zur Schule: M83 - Midnight City (Vimeo Link)


Heute macht die Schule wirklich Spaß. Ich komme gut mit. Die heute behandelte Grammatik ist zwar nicht ohne, aber wie immer logisch und eigentlich einfach einzusetzen. Die Verbindung mit neuem Vokabular macht es dann natürlich wieder etwas zu schnell für mich, aber daran muss ich halt arbeiten.

Die Russin Marina aus meinem Kurs geht mir sowas von tierisch auf die Nüsse. Hier ein paar Beispiele ihrer Hochnäsigkeit:
Erst besprüht sie sich mitten im Unterricht mit ihrem billigen Parfüm, sogar während die Lehrerin neben ihr steht. Dann gibt sie die von der Lehrerin ausgeteilten Blätter nicht weiter nach hinten sondern nimmt sich nur ihre. Tja und ständig quatscht sie dazwischen wenn die Lehrerin etwas in die Klasse oder jemand anders fragt, so als ob sie Einzelunterricht hätte. Ich bin sooo kurz davor mal lauthals "Shut the fuck up" zu rufen. Hmm, vielleicht sollte ich das mal auf Russisch machen damit sie es endlich rallt. Selten so eine arrogante Person gesehen, die sogar noch Stolz auf ihre Oberflächlichkeit ist. Sie macht keinen Hehl daraus, dass Geld und Statussymbole für sie das Wichtigste im Leben sind. Wie so manch Russin in Berlin trägt sie dann ihr Verständnis von Luxus und Schönheit auf eine penetrante, knallbunte und super nuttig anmutende Art zur Schau. Hab ich ja überhaupt kein Problem mit, jedem das Seine, aber halt doch mal die Fresse und nimm' Rücksicht du Kuh, ich will hier Japanisch lernen!!!!!



Elisa und ich unterhalten uns am Ende des Unterrichts über die Unterschiede des Museum in Hiroshima und dem Yasukuni-Schrein Museum in Bezug auf die Kriege usw. Elisa bezieht tatsächlich die Lehrerin in das Gespräch mit ein und versucht ihr mit unserem verhältnismäßig schlechten Japanisch ihren Standpunkt klar zu machen. Ohweia, das hätte ich lieber gelassen. Einem Japaner zu erklären, dass ein National-Museum quasi Lügen verbreitet ist doch eher ein zu heißes Eisen. Elisa kennt da mit ihrer spanischen Art kein Hindernis und nutzt auch das Wort für Lüge (うそ). Ich versuche es etwas abzuschwächen (ちがい, Unterschied) weil ich meine, dass die Lehrerin trotz ihrer Maske der Freundlichkeit, eigentlich im Begriff ist beleidigt zu sein. Naja, kann uns aber auch eigentlich egal sein, sie wird ja bezahlt mit uns zu sprechen und uns zuzuhören, da hat Elisa schon Recht.

Den Rest des Abends verbringe ich zu Hause mit gutem Abendessen, weiteren Hausarbeiten und Kanjiübungen und der Planung meiner restlichen Woche. Akane, die jüngere und etwas durchgeknallte Tochter beschämt mich mit ihren eigenen Kanjiübungen. Die Worte kenne ich teilweise, aber die Kanjis, die sie lernt sehen echt schwer aus. Ziemlich krass was ne 6jährige schon so lernt. Die Familie amüsiert sich etwas darüber, dass ich immer den Stift zwischen die Lippen klemme wenn ich mit beiden Händen am Notebook tippe. Scheint man hier wohl nicht zu machen. Das Kommentar von Akane dazu lautet dann: Der Deutsche isst wohl gerne Stifte.....Ha...Ha...Ha *hust*

Yay, für morgen abend bin ich zum Shabu-Shabu essen mit einer mir noch relativ unbekannten Japanerin verabredet. Sogar in Roppongi! Na das kann ja was werden ;)

Monday, 5 March 2012

10. Tag in 2012 (Hiroshima Peace Memorial Museum)

Wie erwartet regnet es heute den ganzen Tag. Deswegen habe ich mir auch meinen Schirm aus Tokyo mitgebracht, auch wenn ich eigentlich einen vom Hostel hätte leihen können. Nach einer guten Dusche und einem kleinen Frühstück checke ich aus und schließe meinen schweren Rucksack erstmal an der Hiroshima-Station ein. Von hier aus geht es jetzt zum A-Bomb Dome nur noch mit Kamera und Regenschirm.

Ich bin ein wenig besorgt, dass das deprimierende Wetter meine Stimmung noch weiter runterzieht als es das Museum wahrscheinlich sowieso schon tun wird. Überhaupt muss ich echt an mir halten wenn ich nur darüber nachdenke was ich gleich alles sehen werde. Ich bin an der Stätte des ersten Massakers einer Atombomben-Explosion. Doch Hiroshima ist nicht deswegen die Stadt des Grauens oder des Todes, sondern die Stadt des Friedens. Überall wird das Wort Peace in Verbindung mit dem Gebiet um das Hypocenter der Atombombe in Verbindung gebracht.


Ich sehe zuerst den A-Bomb Dome, ein Gebäude das ein Tscheche konstruiert hat. Ein ähnliches Gebäude steht tatsächlich auch in Prag. Der A-Bomb Dome wird gerade renoviert und ist deswegen in ein Baugerüst eingepackt. Das zerstört etwas das Bild einer Gedänkstätte muss ich zugeben, aber es ist nicht weniger bedrückend diese Ruine zu sehen. Wenn ich bedenke, dass nur wenige Meter in der Luft damals die Bombe explodiert ist.

Über die Brücke hinweg begebe ich mich in Peace Memorial Park, Ort von vielen Denkmälern und der Hauptmuseen. Zu allererst sehe ich mir das Denkmal für die gestorbenen Kinder an und ich bin schon aus der Weite ergriffen. Japanische Besucher schlagen die Glocke, die die Form eines Papierkranichs hat, so wie ihn die bekannte Sadako Sasaki bis zu ihrem Tode gebastelt hat. Ich muss jetzt schon schlucken. Es wird noch schlimmer als ich die englische Übersetzung des Gedenksteins in der Mitte lese. Warum ergreifen mich solche Worte immer nur so?
Ich merke erst jetzt, dass die bunten Schaukästen um das Denkmal herum allesamt aus Tausenden Papierkranichen bestehen. Oh Mann.





Als nächstes laufe ich zum Hauptdenkmal des Parks, dem Kenotaph mit der Liste sämtlicher Opfer der Atombombe am 6. August 1945. Durch den Bogen hindurch blickt man auf die ewige Flamme und im Hintergrund ist deutlich der A-Bomb Dome zu sehen. Mir kommen Tränen in die Augen als ich die Japaner vor dem Bogen beten sehe.



Das Peace Memorial Museum ist mein nächster Anlaufpunkt und ich atme tief durch. Obwohl ich jetzt schon eigentlich Pippi in den Augen habe darf ich jetzt natürlich nicht kneifen und den Weg auch zu Ende gehen. Ich habe schon viel über die verschiedenen Ausstellungsstücke gehört, aber nun werde ich sie mit eigenen Augen sehen.

Im ersten Teil sieht man wie und wo die Bombe über der Stadt explodiert ist. Der auf einem Banner abgedruckte Beginn einer Erzählung eines Augenzeugen wirkt fast wie ein Gedicht. Solch schaurige Schönheit in diesen wenigen Worten...


Unglaublich beeindruckt bin ich von der Sammlung von sage und schreibe 597 Protestschreiben der der Stadt Hiroshima. Seit Frankreich 1968 begann eine Wasserstoffbombe zu testen, schickt der Bürgermeister zu jedem größeren Test und an jedes entsprechende Land eine offizielle Protestnote.



Ganz anders als im Yushukan-Museum werden hier jedoch auch deutlich die Gründe für den Krieg und somit auch den Abwurf der Bombe genannt. Es wird auch das Nanking-Massaker deutlich erwähnt! Japan wird als Agressor nicht verharmlost, aber auch nicht verteufelt. Ähnlich wie in deutschen Museen werden die Fehler vorangegangener Generationen bedauert, beklagt, aber auch aufgeklärt, in Verhältnisse gesetzt und immer mit dem Wunsch nach Frieden und Vergebung versehen.

Zum Beispiel wird die Stadt Hiroshima während des 2. Weltkriegs und auch davor als klarer militärischen Standort deklariert. Diese Information ist mir neu, ich hatte immer angenommen, dass Hiroshima komplett unbedeutend war. Vielleicht war das ja Nagasaki (長崎), muss ich mal recherchieren.

Eine recht detailgetreuer Teil der Ausstellung befasst sich mit den Auswirkungen der Bombe kurz nach Abwurf sowie in den langen Jahren danach. Es gibt für letzteres sogar ein eigenes Wort mit einer sehr traurigen Geschichte, Hibakusha (被爆者). Es werden nachgebaute Ruinen von Häusern, sowie zerstörte und in Mitleidenschaft gezogene Objekte ausgestellt, die man teilweise sogar berühren kann, wie die zu kleinen Perlen geschmolzene Oberfläche eines Dachziegels. Oder die Betonwand, die durch unglaublich schnelle Glassplitter und Holzsplitter beschädigt wurde, wie durch ein Maschinengewehr.
Es werden auch Wachsfiguren von Menschen gezeigt wie sie kurz nach der Explosion ausgesehen haben müssen. Ein schrecklicher Anblick. Geschmolzene Haut und Kleidung hängen in Fetzen herab, die Haare verbrannt, das Gesicht beinahe unkenntlich. Welch ein grausamer Tod. Gleich daneben hängt die allererste Fotografie, die nach der Explosion von diesen Menschen gemacht wurde. Wie eine Parade von Geistern, von Zombies, stehen die Einwohner dort, vollkommen unwissend über ihr Schicksal, dem Tod geweiht. Die Beschreibungen des Fotografen sind furchtbarer als jede Wachsfigur, jedes Bild je darstellen könnten. Die Hölle auf Erden.


Ein Japaner vor mir verbeugt sich in Ehrfurcht vor diesen zwei Wachsfiguren, wie vor zwei Verstorbenen. Diese Darstellung von tief verwurzelten Respekt und Mitgefühl macht mich fertig, ich muss mich zusammenreissen nicht laut zu schluchzen.

Ein weiteres trauriges Zeugnis der Atombombe ist das verkohlte Dreirad von Shinichi Tetsutani, der zum Zeitpunkt der Explosion knappe 4 Jahre alt war. Der Vater, der überlebt hat, vergrub seinen Sohn zusammen mit seinem geliebten Dreirad im heimischen Garten, so dass der Junge noch etwas zum spielen hatte. Erst Jahrzehnte später stiftete er es dem Museum.

Ein anderes Ausstellungsstück ist die Lunchbox aus Metall eines Schülers, die nur noch Kohlestücken enthielt und nicht mehr die Reisbällchen der Mutter, so heiß war die Hitze der Explosion. Oft sind es nur diese Dinge, die die Eltern von ihren Kindern nach der Explosion finden und somit den traurigen Beweis für den Verlust ihrer Söhne und Töchter sehen.


Gleich zu Beginn der Ausstellung befindet sich eine Uhr, die genau zum Abwurf der Bombe stehen blieb und nun ein stilles Zeugnis für diesen traurigen Wendepunkt in der Menschheitsgeschichte abgibt.


Im Teil, der sich mit den Auswirkungen der Atombombe auf die Überlebenden befasst, wird im Detail die Geschichte von Sadoka Sasaki und ihren tausenden Origami-Kranichen erzählt. Die Strahlung der Atombombe brauchte letztendlich 10 Jahre um sie zu umzubringen.

Ganz gegen Ende der Ausstellung werden selbstgezeichnete Bilder von Überlebenden ausgestellt, meistens von Kindern gemalt. Es sind die schlimmsten und dunkelsten Albträume, die hier in kindlicher Einfachheit dargestellt sind. Bilder aus einer real erlebten Hölle. Brennende Häuser, brennende Menschen, schwarze Leichen die den Fluß hinuntertreiben, Tod überall. Grauenvoll und unheimlich.Schlimmer als

Ich finde ein Buch, in dem prominente Besucher des Museums ihre Gedanken und Wünsche hinterließen. Es sind die verschiedensten Aussagen der Führer dieser Welt, z.B. Richard von Weizäcker, Helmut Schmidt, der Dalai Lama, Mutter Theresa, etc. Alle vereint in dem Wunsch, dass sich so etwas niemals wiederholen darf. Einzig Jimmy Carter schreibt nichts über die Zukunft, warum nur?

Es ist geschafft, ich habe das Museum quasi überstanden. Die Ausstellung war kleiner als ich dachte, aber sie hat ihren Sinn und Zweck nicht verfehlt. Weiterhin tief bewegt und traurig begebe ich mich zur National Peace Memorial Hall for the Atomic Bomb Victims. Dabei handelt es sich um eine reine Gedenkeinrichtung für die 140.000 Toten, für die namentlich Bekannten und die Namenlosen. In einem Raum werden die Geschichten von verschiedenen Überlebenden in Bild und Ton präsentiert. Man kann sie auf einem Terminal in Englisch lesen und teilweise werden sie auch in bewegender Weise auf einem großen Bildschirm mit Musik und Bildern untermalt. Ich verfasse seit ein paar Stunden schon krampfhaft meine Fassung zu behalten, aber hier ist es mir fast unmöglich. Wie muss es wohl geweisen sein, Brüder und Schwester in dieser Hölle verloren zu haben. Wie wohl die Rückkehr gewesen sein muss, um die sterblichen Überreste zu finden oder einzusammeln. Welch unmenschliche Kraft hat jeder einzelne der Überlebenden aufbringen müssen um nicht wahnsinng zu werden bei dem Anblick all des Leids?


Ich lese mir 4 Geschichten durch und höre mir zwei weitere an. Jede von ihnen ist so unendlich traurig und doch sind sie nur ein Wassertropfen in diesem Ozean voller Tränen. Geschichten von Eltern, die ihre Kinder lebendig in brennenden Häusern zurücklassen mussten; von Kindern, die nicht wussten ob ein brennenden Haufen Fleisch einmal ihre Mutter war oder nicht.

Niemals darf sich diese Tragödie wiederholen. Niemals! Die eingravierten Worte des Kenotaphen werde ich nicht vergessen:


 安らかに眠って下さい 過ちは 繰返しませぬから
 (Yasuraka ni nemutte kudasai ayamachi wa kurikaeshimasenukara)
 Rest in Peace, for the error shall not be repeated


Ich gebe nach dem letzten Museum auf und will eigentlich nur noch nach Hause. Meine Reservierung für den Shinkansen war eigentlich für 18 Uhr, aber es ist jetzt gerade mal 12 Uhr und ich fahre lieber zurück und komme vielleicht noch dazu zu schreiben und Hausaufgaben zu machen. Also ändere ich schnell meine Reservierung, pfeif mir noch ne leckere Soba-Suppe rein, kaufe Hiroshima-Mochi für meine Gastfamilie und Zuhause und bin dann um 12:48 schon wieder im Shinkansen Richtung Heimat.


Die Rückfahrt kommt mir extrem lange vor. Freue mich richtig wieder nach Tokyo zurückkehren zu können. Leider bricht damit aber auch meine letzte Woche in Japan an und so wirklich habe ich noch keine besonderen Dingen für die nächste Woche geplant, außer dem Kabuki-Besuch mit Kate und der lockeren Verabredung mit Chiaki.

Zuhause setze ich mich doch tatsächlich an die verdrängten Hausarbeiten und komme gut voran. Beim Kanji üben zeigt mir Kotone, die ältere und recht clevere Tochter der Shibuichis, wie man richtig mit dem Fudepen schreiben kann. Ich mache es ihr nach und kriege ein ganz anständiges Kanji für 週 - SHUU (Woche) hin. Sie erklärt mir die Bedeutung von Akane und Kotone. Ich wünschte ich könnte etwas besser kommunizieren in solchen Situationen.



Sunday, 4 March 2012

9. Tag in 2012 (Hiroshima, Miyajima und Kushiyaki)

Mit leichtem Schädel wache ich gegen 6:30 auf und mache mich auf den Weg zur Tokyo-Station. Heute geht es nach Hiroshima (広島) !!! Komischerweise ist Hide-san schon oder noch wach. Seiner Gesichtsfarbe nach zu urteilen hat er noch gut einen im Tee.

Flagge von Hiroshima

Am Shinkansen-Bahnhof hole ich mir eine leckere Bento-Box, wie so ziemlich jeder, der Shinkansen fährt. Leckerer wäre nur wenn das Teil auch warm wäre. Da ich mir mein Notebook mitgenommen habe kann ich endlich die letzten beiden Tage im Tagebuch/Blog nachholen und tippe wie ein Weltmeister. Der Schädel weicht nach einem Schläfchen im, wie immer luxuriösen Shinkansen, und viel grünem Tee. Ich kann lange schlafen und muss auch nur ein mal in Osaka umsteigen. Der Shinkansen von Osaka nach Hiroshima sieht schon wieder ganz anders aus, wie aus dem 70er Jahren in Erdfarben gehalten. Aber super gemütlich.

Ich versuche das schöne Wetter in Hiroshima zu beschreiben, aber ich hab ganz ohne Absicht zuerst "strahlender Sonnenschein" und dann "Bombenwetter" geschrieben, auweia. Nicht so die gute Wortwahl wenn auf dem Weg nach Hiroshima ist...Also das Wetter ist jedenfalls richtig toll und begebe ich mich auf direktem Wege zum K's Backpacker Hostel. Es hat gute Bewertungen bekommen und liegt ideal in der Nähe des Bahnhofs. Den Weg finde ich ohne Probleme und dort angekommen bin ich gleich vom netten weiblichen (natürlich) Personal, aber auch von der echt guten Innenauststattung überrascht. Das übertrifft in der Qualität locker das Khaosan Samurai, auch wenn es natürlich etwas größer ist. Im Hostel ist irgendwie gar keiner ausser mir, dabei ist es um die Mittagszeit. Sind wohl alle unterwegs bei dem schönen Wetter. Ich erfrage den schnellsten Weg zum Miyajima-Schrein auf der kleinen Insel vor Hiroshima, die mit dem weltberühmten Tori. Scheint mir bei dem Wetter die beste Wahl zu sein. Heulen im Museum kann ich morgen immer noch wenn es regnet...

Wie geil, mein Railpass gilt sogar auf der JR-Fähre von Miyajima-Maeguchi zur Insel. So lässt es sich angenehm und kostengünstig reisen :)

Fähren-Wettrennen im Minutentakt





Hipstomatic-Effekt
Ich hatte ganz verdrängt, dass auf der Insel Freiwild rumläuft. Also echte Hirsche und Rehe, die in der Sonne chillen und die Touristen erheitern. Die Geweihe sind jedoch allesamt gestutzt.
Der Fluß der Touristen, von denen gerade mal 2% Gaijin sind, wird gekonnt in die Einkaufsstrassen und Souvenirshops geleitet. Von weitem sieht das Tori echt beeindruckend aus und das schöne Wetter sorgt für eine angenehme Atmosphäre. Die 300円 für den eigentlichen Shinto-Schrein sind mir nicht zu schade und ich begebe mich in den auf Stelzen stehenden Schrein. Muss toll aussehen wenn Flut ist, aber leider kommt die erst in ein paar Stunden. Ich denke ich habe trotzdem ein paar gute Fotos schießen können.





Das mit dem Reh war sogar Absicht :)
 

Touristen, die sich gegenseitig mit dem Tori im Hintergrund fotografieren





Mein Mittagessen: Fischpaste mit Käse am Stiel, umwickelt mit Bacon
 



Nach meiner Rückkehr setze ich mich kurz in den Living Room und schreibe an meinem Tagebuch. Immer noch nicht wirklich voll hier, aber es herrscht schon etwas Betrieb. Hmm, wie finde ich jetzt schnell jemanden mit dem ich essen gehen kann? Jemanden vom Staff kann ich ja nicht wirklich fragen. Also ich könnte schon, wenn ich nicht so ein Schisshase wäre. Ich frage wenigstens nach einer gute Empfehlung und bekomme gleich mehrere Tipps, inklusive Umgebungskarte. Also mache ich mich alleine auf die Socken und latsche in Richtung Innenstadt.

Ganz nett hier, ziemlich bunt und irgendwie anders als Tokyo oder Kyoto. Hat irgendwie wieder seinen ganz eigenen Flair. Aber natürlich geht es auch hier nur um die üblichen Dinge: Essen, Trinken, Shoppen, Karaoke, Pachinko und was noch so in dieser Region der Unterhaltung angesiedelt ist.

Da ich Lust auf Kushiyaki habe, suche ich direkt den auf der Karte markierten Laden, der u.a. auch Kuchiyaki anbieten soll. Lustigerweise finde ich ihn nicht, aber ein reines Kuchiyuki-Restaurant ganz in der Nähe. Also geh ich einfach rein und werde in den folgenden 30-40 Minuten aufs vortrefflichste bedient. Ich bestelle mir Sake und ein Set aus 10 verschiedenen Sticks. Jedes ist ein kulinarischer Hochgenuß. Weil ich die Leber vom Grillen mit My Van noch in guter Erinnerung habe bestelle ich mir hier auch gleich einen Extra-Stick. Boah, ist der lecker! So eine zart-gegrillte Leber hab ich noch nie gegessen! Butterweich und eine wahre Geschmacksexplosion! Ich bestelle gleich noch eine Portion nach. Mir fallen die Worte von Frank, einem meiner Quasi-Senseis vom Iaido ein: "Je älter man wird desto mehr merkt man, dass Essen noch irgendwie das einzige Vergnügen im Leben bleibt."



Satt, zufrieden und vom Sake etwas angetütert begebe ich mich wieder zurück ins Hostel. Auf dem Rückweg hole ich mir noch ein Bier und Frühstück für morgen. Es kommen mir lauter Partywütige entgegen, aber diesmal stört es mich nur mäßig. Ich gehe lieber früh pennen um morgen früh ins Museum zu gehen.

Im Living Room schmeiße ich mich ans Notebook und tue Dies und Das. Zwei Mädels, wahrscheinlich Australierinnen fangen an einen Film zu schauen und ich gucke brav mit. Es ist der Film "Little Miss Sunshine" und er hat einen ganz guten Unterhaltungswert. Nach dem Bier, einem Tee und dem Ende des Films gehe ich ins Bett. Es ist nicht mal 23 Uhr.