Saturday, 29 December 2012

14. Tag (Treffen mit den Koopmans-Tanakas und Iaido-Training)

Da Saori heute Dienst hat stehe ich ganz früh auf um vor ihr im Hostel zu sein. Es sollen ja keine blöden Fragen kommen. Gar nicht so einfach in der Eiseskälte in die Gänge zu kommen. Ein heißer Dosenkaffee aus dem Automaten am Bahnhof tut sein Bestes. Mit vielen verschlafenen Pendlern stehe ich also im Zug Richtung Asakusa und genieße die herrliche Stille im Zug. Was für eine Nacht.

Heute stehen auf der Tagesordnung nur zwei Dinge. Ein Treffen mit Annika und Junichi Koopman Tanaka in Asakusa und ein erneutes Iaido-Training im Shibuya Dojo.

Junichi hatte mich damals auf doitsunet friends angesprochen, wahrscheinlich weil ich aus Berlin bin. Da er ganz lustig wirkte und interessanterweise mit einer Deutschen verheiratet ist, dachte ich mir diese beiden sind doch ein Treffen werd. Ihre Hintergrundgeschichte interessiert mich einfach.

Wir treffen uns am Kaminarimon in Asakusa und gehen erstmal zusammen Kaiten-Sushi essen. Hatte noch kein Sushi bislang fällt mir dabei ein. Annika kommt irgendwo aus Hessen, hört man ihr aber nicht an. Sie ist ziemlich groß, ihr Mann sieht dagegen klein aus obwohl er für japanische Verhältnisse nicht klein ist. Junichi schenkt mir was Süßes von der Nakamise-dori. Super...und ich habe nix für die beiden.

Sie haben sich online kennengelernt, wahrscheinlich auch bei doitsunet bzw. worldfriends. Nach einer Weile haben sie sich dann online "verlobt", quasi über Skype. Sie hat ihn dann in Japan besucht und dort standesamtlich geheiratet. Die Ehe ist in Deutschland aber noch nicht bestätigt. Er ist 28, sie gerade mal 20, krass. Zusammen sprechen sie eigentlich nur Englisch, er lässt sie scheinbar nicht wirklich Japanisch lernen. Das kenne ich aber, man nimmt immer die Sprache mit der man am besten Gefühle und Informationen austauschen kann. Annika und ich sprechen nur ganz kurz etwas Deutsch und bleiben dann beim Englisch.

Wir sitzen so an der Sushi-Theke, dass links von mir Annika und links von ihr dann Jun sitzt. Mir fällt auf, dass er immer wieder demonstrativ seinen Arm um sie legt, will wohl seinen Besitzanspruch kenntlich machen. Kommt ein bisschen prollig rüber und ist auch unnötig. Ihr gefällt das nicht so ganz, sie nimmt seinen Arm immer wieder runter. Ich rede auch meistens mit ihr bzw. richte die meisten Fragen an sie, vielleicht liegt es daran? Ich versuche ihn auch mehr mit ins Gespräch zu holen.

Nächstes Jahr wollen sie nach Berlin, wo sie ein Ausbildung machen möchte und er versucht japanische Musik nach Deutschland zu holen. Er hat hierzu ein eine Geschäftsidee entwickelt und bereits den Namen (Actwitness) und das Konzept erarbeitet. Sehr umtriebig der Gute, er hat wirklich vor sich einen Traum zu verwicklichen. Sowas mag ich und unterstütze ich gerne, vor allem wenn es dann noch in Berlin ist. Ich biete Jun all meine Hilfe an, so ein paar Kontakte in die Musikszene habe ich ja dann doch.

Ein interessantes Paar die beiden, einfach putzig zusammen.Trotzdem kommt mir die Kombination merkwürdig vor, schon alleine wegen des Alters. Wahrscheinlich bin ich da aber einfach zu sehr abgebrüht und desillusioniert, dass ich noch an die wahre Liebe glauben könnte. Aber ich bin sehr zuversichtlich, dass die beiden irgendwie ihren Weg machen werden.

Nach knapp ner Stunde mache ich mich auf den Weg Richtung Shibuya zum Iaido Training. Die beiden dachten wohl, ich hätte mehr Zeit für einen Bummel in Asakusa und sind etwas enttäuscht. Aber wir sehen uns ja sicherlich in Berlin wieder, dann zeige ich ihnen etwas die Stadt. Ich möchte mich ja auch revanchieren, dass sie mein Essen bezahlt haben :)

Mein Plan war ursprünglich mich ins Starbucks an der berühmten Kreuzung von Shibuya zu setzen (ausnahmsweise) und dort mit freiem WLAN etwas die Zeit im Internet tot zu schlagen. Pustekuchen, Starbucks hat nur sauteuren Kaffee aber kein Gratis-WLAN. Es gibt sogar eine extra Erklärungskarte auf Englisch dafür. Bin wohl nicht der einzige Ausländer, der das voraussetzt.

Also schreibe ich offline etwas an meinem Blog und hören den diversen ausländischen Gästen zu. Die Aussicht ist natürlich grandios, zu jeder Ampelphase strömen die Menschenmassen über die Kreuzung. Den Ausländern gefällt das und wird hunderte Male fotografiert und kommentiert.


Mir fällt auf, dass es in der Nähe von großen JR Stationen Gratis-WLAN gibt. Yeah baby! Ich nutze die Möglichkeit um mit Saori zu kommunizieren erhalte aber keine wirkliche Antwort. Da ich immer noch Zeit habe bis zum Training stelle ich mich an der langen Schlage am JR Ticketcounter an und hole mir einen Sitzplatz für morgen. Ich möchte nämlich etwas Sightseeing nachholen und endlich nach Nikko (日光) fahren solange mein Railpass noch gültig ist. Ticket und alles klappt wunderbar, sogar auf Japanisch.

Danach hole ich mir noch lecker Gebäck im Bahnhof, es ist immer noch viel Zeit. Komisch, es gibt immer mehr dieser Backshops in Japan, fast so wie bei uns. Natürlich sind die Variationen und Kreationen hier viel zahlreicher und die Qualität ist auch gefühlt doppelt so gut.

Ich laufe zum Dojo und finde ihn diesmal sogar auf Anhieb. Leider hat er noch nicht geöffnet, also verputze ich mein Essen direkt davor. Den Schrein nebenan schaue ich mir auch an, wie jedes Mal. Scheinbar wegen des Jahreswechselns hat man hier eine Art Kreis aufgehängt, durch den die Menschen auf eine bestimmte Art hindurch laufen müssen. Sogar eine Anleitung hängt daneben. Wahrscheinlich soll das Glück bringen. Noch länger in der Kälte zu warten ist mir aber nix, also gehe ich in die nächstgelegene Bar. Nur ne Cola, das reicht.


Im Dojo ist Mochisai-Sensei schon da und beginnt das Training recht früh. Esaka-sensei kommt heute später. Auch Nashima-sensei kommt und erkennt mich natürlich wieder. Schön, diesmal mit Namen angesprochen zu werden. Esaka-Sensei begrüßt mich jedoch kurz und knapp, bin mir immer noch nicht sicher ob er weiß wer ich bin.

Scheisse kalt im Dojo heute, hier gibt es keine Heizung wie in Kisarazu. Aber Gelegenheit mich zu bewegen habe ich in den nächsten 2 Stunden Einzeltraining von Mochisai-Sensei genug. Er zeigt mir viele Dinge auf, die sich bei mir im Laufe der Zeit eingeschlichen haben. Ich hoffe ich behalte sie alle auch im Kopf. Da ich noch nicht alle Tatehiza Katas (立膝之部) kenne, zeigt er mir zwei weitere; Urukogaeshi und Namigaeshi. Sind ähnlich wie Migi und Ushiro.

Esaka-sensei haut einfach mittendrin ab, ohne sich direkt bei mir zu verabschieden. Ich kriege es nicht mal direkt mit. Er hat sich innerhalb des Dojos auch gar nicht blicken lassen, nicht mal umgezogen glaub ich. Hmm, komisch, vielleicht war es zu kalt?

Am Ende soll jeder Schüler eine Reihe Katas vormachen. Zum Glück kann ich mich drum drücken weil ich noch nicht alle Tatehizas kann. Puuh, Schwein gehabt, ich wäre wahrscheinlich da vorne gestorben vor Nervosität.

Einer der jüngeren Schüler hat etwas Süßes mitgebracht und es wird gemeinschaftlich verputzt. Da Esaka-sensei heute nicht dabei ist, gehen nicht alle in die Izakaya wie sonst. Ein bisschen schade aber eigentlich finde ich das ganz gut so, denn ich will zurück und irgendwie den Abend noch mit Saori verbringen, wenn möglich.

Der Traum platzt aber rasch, sie sagt mir ab, keine Chance. Ärgerlich. Also gehe ich wieder in die Khaosan Bar und unterhalte mich mit einem Belgier und einem Brasilianer. Letzterer lernt in Fukuoka an der Uni Philosophie und hat schon 6 Jahre Japanisch-Erfahrung, Wahnsinn. Seine Aussprache ist aber trotzdem nicht so gut finde ich, viel zu krasser Akzent. Er hatte aber schon den JLPT N2 bevor er das erste Mal nach Japan gekommen ist, das ist schon heftig.

Der Belgier reist schon seit 6 Monaten meistens über Land durch Ost-Asien, kommt gerade aus Korea wo er einen Monat verbracht hat. Er ist etwas down weil die Gruppe im koreanischen Partyhostel ihn irgendwie rausgeekelt hat. Rädelsführerin war eine Japanerin, die auch aus der Khaosan Familie kommt. Tatsächlich kommt heraus dass Midori, die früher im Khaosan Samurai gearbeitet hat, jetzt genau in diesem Hostel arbeitet und auch dafür verantwortlich ist, dass er am Ende dumm da stand. Haha, die Welt ist einfach so klein. Ich erzähle ihm etwas von meinem Eindruck von Midori und ich habe das Gefühl, dass er etwas erleichtert ist und sich nicht mehr so stark selbst die Schuld an allem gibt, da Midori schon ein etwas schwieriger Charakter ist. Patient geheilt :)

Ich gehe etwas früher ins Bett, will morgen nicht verpennen und den Tag maximal für Nikko nutzen.

Friday, 28 December 2012

13. Tag (Ein Tag mit Saori)

Heute treffe ich mich mit Saori. Schön, endlich mal eine Unternehmung mit jemanden aus Tokyo, den bzw. die ich auch in Tokyo kennengelernt habe (und nicht nur online).

Einen wirklichen Plan haben wir eigentlich nicht für heute, nur essen und trinken, keine Ahnung was noch zu machen wäre. Vielleicht ins Kino?

Ich frühstücke leicht und mache mich auf den Weg nach Ikebukuro (池袋駅). Während ich draußen warte kommt ein älterer Herr auf mich zu und fragt mich wie es mir geht und woher ich komme. Er spricht etwas komisches Englisch, ist aber ganz höflich. Er war schon mal in Deutschland, in Frankfurt, aber nur auf der Durchreise nach Norwegen, wo er auf einer Mission war.

Ich bin kurz verwundert was er mit Mission meint, aber als er dann sagt "You are the same age as Jesus", dämmert es mir. Er ist ein Missionar und versucht mich ganz eindeutig ein Gespräch zu verwickeln. Da ich eh früh dran bin und warten muss, tu ich mir das Ganze einfach mal an. Es geht offensichtlich um eine Christliche Gemeinschaft, welche weiß ich noch nicht. Er erzählt, dass alles „dual“ ist, zwei Augen, zwei Arme, zwei Beine, usw. Daher auch Mann und Frau, und dass Gott quasi das Duale Prinzip zum Menschen darstellt.

Er gibt mir seine Karte, Unification Church of blabla, kenn ich nicht. Klingt aber schon mal komisch. Als er dann seine Broschüre öffnet in der als oberste Leitung ein Koreaner und eine Koreanerin zu sehen sind und ich dann Moon heraus höre, wird es mir plötzlich klar; das ist diese Moon-Sekte!! Jetzt beginnt es mir erst richtig Spaß zu machen. Ich lasse ihn ein bisschen (für sein Geld) arbeiten und stellen sowohl grundsätzliche religiöse Thesen in Frage, so wie das Vorhandensein eines einzelnen Gottes, als auch die Entstehung von Religionen an sich.

Ganz besonders gehe ich darauf ein, dass ich es quasi für Blasphemie halte wenn jemand wie dieser Moon meint, er ist der neue Messias und darf damit Menschen vorschreiben was sie zu glauben haben. Als er mir die Seite über die Massenhochzeiten zeigt, in der westliche und asiatische Paare im vermeintlichen Glück zu sehen sind, frage ich provokant ob gleichgeschlechtliche Ehen auch akzeptiert sind. Er ist sichtlich verunsichert, behauptet aber, dass das kein Problem ist. Ich behaupte weiterhin, basierend auf meinen veralteten Wikipedia-Kenntnissen, dass Moon einfach nur einen ökonomischen und politischen Kontrollmechanismus erschaffen hat und dass ich mich nicht kontrollieren lassen möchte. Ich bleibe jedoch immer respektvoll und versichere meinem Gegenüber, übrigens ist er wahrscheinlich Chinese, dass ich seinen Glauben respektiere.

Er gibt nicht auf und versucht weiter mich in tiefere Kenntnisse und Wahrheiten einzuweihen. Die ultimative Wahrheit scheint ihm besonders wichtig zu sein. Moon hat die Wahrheit erkannt, Jesus hatte Nachfolger, ich kann aber nicht verstehen wen er meint, da seine englische Aussprache stellenweise viel zu schlecht ist. Irgendwie der Sohn von Johannes dem Täufer?!

Ein paar andere Sachen verstehe ich auch nicht ganz, wie z.B. den Vergleich vom Apfel aus der Adam & Eva Geschichte mit einem Sexorgan, als Sinnbild des Teufels. Kann mir nicht verkneifen nachzufragen, ob sie deswegen keine Äpfel essen, hehe.

Er wird im Laufe des Gespräches immer lauter und gestikulierender, beinahe predigt er auf offener Straße. Ich stachele ihn weiter an, in dem ich Vergleiche zu Scientology und dem Islam ziehe. Als Verteidigung sagt er, dass der Messias nicht physisch als Moon wiedergeboren wurde sondern spirituell. Ich hole sogar die Geschichte vom Erzengel Michael aus der Tasche und erzähle wie Luzifer anmaßte, die Macht im Himmel an sich zu reißen und letztendlich von Michael mit den Worten „wer ist wie Gott“ in die Hölle gestoßen wurde. Angenommen es gäbe den einen Gott, wer darf sich dann anmaßen wie er zu sein? Niemand anderes, oder? So wirklich geht er darauf nicht ein, er versucht es anders.

Er spricht über Liebe und das vieles im Leben durch den Mangel an Liebe geschieht. Da gebe ich ihm natürlich Recht, aber ich merke an, dass das Gefühl der Gruppenzugehörigkeit und schwache Charaktere das Futter für Organisationen wie seine sind. Ich sage ihm ganz direkt, dass ich mit Sicherheit nicht in seine Kirche eintrete, zumal ich ja Katholisch erzogen wurden und dann mit 18 aus der Kirche ausgetreten bin. Dass ich eher dem Buddhismus zugeneigt bin findet er ziemlich interessant und gesteht mir zu, dass ich einen weiten Horizont habe. Naja, gar nicht mal wegen der Komplimente sondern wegen seiner Hingabe und seiner offensichtlichen Überzeugung etwas Gutes zu vertreten und etwas Gutes zu tun, muss ich einfach sagen, dass er mir sympathisch ist. Auf meine Frage hin warum er denn überhaupt missioniert, sagt er, dass er nur seinen Glauben vorstellen und niemanden zwingen will („only introduce“).

Zum Glück taucht irgendwann Saori auf und rettet mich. Ich wäre ihn wahrscheinlich gar nicht losgeworden, so hartnäckig war er. Aber klar, als Missionar muss man das wohl. Vielleicht hatte er ja sogar eine Quote, persönlich-emotional oder sogar eine tatsächliche.

Saori sieht schick aus, ganz in schwarz, scheint aber etwas schüchterner zu sein als sonst. Wir laufen in der Gegend von Ikebukuro rum und suchen uns was zu essen. Die Wahl fällt auf Shabu-Shabu. Ich bin etwas unsicher ob ich es diesmal vertrage, denn letztes Mal ist es mir ganz schön im Magen rumgegangen. Lecker ist es aber unbedingt, also go for it.


Wir quatschen über dies und das, Musik und ihre Arbeit, Pläne für die Zukunft, Reisen, usw. Sie ist 25, älter als man denkt. Kriegt sie wohl öfters zu hören. Sie liebt ihre Katze Ebi-chan und hat außerhalb der Arbeit wohl nicht so viel soziale Interaktion mit Menschen. Sie wirkt wie jemand, der Angst und Unsicherheit im Alltag hinter einer Maske von Coolness und einer Scheiß-egal-Haltung versteckt, aber sie verrät sich oft und lässt mich auch langsam hinter ihre Fassade blicken.

Als wir mit dem Essen fertig sind ist es noch viel zu früh, um was trinken zu gehen. Also geht sie noch etwas nach Geschenken für ihre Freundinnen gucken. Ich finde mich also wieder in Begleitung einer netten Dame in einem japanischen Kaufhaus wieder, hah. Eigentlich ganz angenehm, nur kaufen kann ich einfach nichts, denn es gibt einfach zu viel Auswahl! Von allem gibt es nicht nur 5, nein 12 verschiedene Ausführungen. Egal was ich brauchen würde, ich wüsste nicht was ich nehmen sollte bei so viel Varianten in Form, Farbe, Preis und Qualität. Wobei in Sachen Qualität sieht alles super aus, es ist gar nicht so einfach Unterschied zwischen billig, normal und teuer zu erkennen.

Das Shabu-Shabu haut mir dann doch wieder direkt in die Eingeweide und es rumort gewaltig, kein angenehmes Gefühl wenn man gerade ein Date hat. Ich versuche es irgendwie zu überspielen. Nie wieder Shabu-Shabu!!!

Da sie nicht viel Glück bei der Geschenkesuche hat beschließen wir einfach zu ihr nach Hause zu fahren und da etwas zu trinken. War ein etwas dreister Vorschlag von mir aber es gab keine erkennbare Unsicherheit diesbezüglich. Sie warnt mich nur noch mal vor, dass sie nicht wirklich viel trinken kann, es aber gerne tut. Oha, na das kann ja lustig werden. Wir fahren nach Shakujii-Park Station (石神井公園駅), eine Station nach Nerima (練馬), ihrem Heimatort. Dort begeben wir uns in einen Liquorshop und ich kaufe mir interessant aussehenden Sake (er hat kleine Reisteilchen, sieht aus wie Schnee). Ich habe sogar selber in Japanisch nach einem etwas süßen Sake gefragt und der Verkäufer hat mir gerne ausgeholfen. Saori kauft eine Piccolo-Flasche Multivitamin-Sekt aus Deutschland und meint damit schon gut betrunken zu sein?! Sie meint es ist leicht sie abzufüllen und benutzt dafür ein japanisches Wort 低燃費 (ていねんぴ). Das bedeutet sozusagen "niedriger Treibstoffverbrauch". Ich glaube sie verarscht mich etwas.

Die Gegend um den Bahnhof ist eine typische Sleepertown, aber irgendwie finde ich sie ganz niedlich. Saori und ich unterhalten uns übrigens fast nur auf Englisch, denn obwohl ich ihr klar gemacht habe, dass ich fast alles Japanisch verstehe, kommt es ihr nur schwer über die Lippen. Ihr Englisch hat bedingt durch ihren australischen Ex einen entsprechenden Klang und hört sich angenehm an, leider nuschelt sie etwas bzw. hat eine "faule" Aussprache. Ich versuche oft mit Japanisch zu antworten und manchmal gelingt es mir sogar, ihr ein paar mehr Worte auf Japanisch zu entlocken.

Cool, mein erster Besuch in einer japanischen Wohnung. Sie sieht viel zu riesig aus für eine Person, trotz Katze als Mitbewohner. Ich traue mich gar nicht fragen was sie hierfür zahlt. Alles wirkt sehr neu aber etwas leer. Das Schlafzimmer hat nur einen Futon und das wars eigentlich. Die Küche ist offen und hat eine amerikanische Theke.

Die Katze ist sehr mißtrauisch und es dauert eine ganze Weile bis sie mich an sie ran lässt. Irgendwann spielen wir sogar zusammen, was Saori durchaus überrascht. Wir vertreiben uns die Zeit mit quatschen und trinken auf dem Sofa. Dort steht auch die einzige Klimaanlage der Wohnung. Die Wärme brauchen wir auch, denn es ist superkalt in der Wohnung. Doppelt hält besser, also heizen wir auch von innen mit Sake. Tatsächlich hat Saori nicht übertrieben was den Effekt von Alkohol angeht, sie ist nach kürzester Zeit knallrot. Sogar ihr Hals und Rücken sind tiefrot und sie wird definitiv offener und überschwenglicher.

Nunja, den Rest kann man sich ja als Leser dieses Blogs sicherlich denken. Ich will da nicht zu sehr ins Details gehen. Nur soviel: es war so ziemlich das Beste was mir seit langem passiert ist und hat ne große Menge Spaß gemacht. Auch wenn ich ihr immer wieder versichern musste, dass ich kein Arschloch sei, dass sie nur ausnutzt, wurde ich nicht das Gefühl los, dass sie das eigentlich gar nicht so stören würde. Denn je offener sie wurde, desto mehr war klar, dass sie ein großes Problempaket mit sich herumschleppt, teilweise sogar beängstigend problematisch. Des öfteren fragt sie ganz direkt ob ich ihr helfen kann. Zusätzlich betont sie aber immer wieder, dass ich ja bald wieder weg sein würde und aus dieser Sache sowieso nichts werden kann. Zu gefährlich sei die Kombination unserer Charaktere, zu riskant die emotionale Bindung. Recht hat sie, aber trotzdem war es ein ziemlich bemerkenswerter Abend mit einer aufregenden Frau, die für einen Weile nicht nur ihr Bett sondern auch ihr Herz für mich geöffnet hat.

Ein kleines Highlight ist als sich spät nachts die Katze direkt neben mich unter unsere Decke kuschelt, sich doch zusammenrollt und mit uns weiterschläft.


Thursday, 27 December 2012

12. Tag (Mori Art Museum, Tokyo Skytree)

Heute plane ich nichts zu tun bis zum Abend. Treffe mich mit Junka-san für einen Besuch auf dem Tokyo Skytree (東京スカイツリー) und einem Abendessen.

Es bleibt also den Tag über beim Ausschlafen, im Hostel frühstücken und dann etwas in Asakusa bummeln.
Danke für den Hinweis!
Zurück im Hostel packe ich mich in den Aufenthaltsraum und hole Notizen für mein Blog nach. Saori-san kommt in die Küche für ihre Pause und wir verwickeln uns beide in ein Gespräch. Ihr geht es ähnlich wie mir, Weihnachten will sie lieber irgendwas tun anstatt zu viel Zeit zu haben (bei ihr ist es arbeiten, bei mir ist es reisen). Sie hat morgen frei und nichts geplant, also bin ich so mutig und frage sie ob wir zusammen was unternehmen wollen. Sie sagt direkt zu. Hui.

Aber bevor ich mir Gedanken über morgen machen kann, muss ich auch schon wieder los Richtung Roppongi, um Junka abzuholen. Ich schmeisse mich mal in den Anzug, einfach weil ich's kann. Jedes Jahr habe ich mich etwas underdressed gefühlt in Japan wenn ich schick essen war, aber diesmal bin ich der Gegend und der Begleitung entsprechend angepasst.

Junka arbeitet im Roppongi Hills Mori Tower. Da noch viel Zeit bis zu ihrem Feierabend ist möchte ich die Gelegenheit nutzen und ins Mori Art Museum gehen, das im 53. Stock untergebracht ist. Die aktuelle Ausstellung ist "Aida Makoto: Monument for Nothing" bzw. 会田誠天才でごめんなさい (was übersetz soviel heißt wie: Sorry, dass ich ein Genie bin).


Der Typ ist schon etwas krank. Ein begnadeter Künstler, keine Frage, seine Bilder sind teilweise sehr beeindruckend und visuell mit Tiefgang und Detailreichtum. Viele Bilder haben einen typischen Manga/Anime Einschlag und greifen auch klassische japanische Motive auf. Manch andere sind einfach total simpel aber dafür mit großer Aussagekraft (z.B. das fast skizzenhaft wirkende Bild "Imagine", welches die Ansicht eines Piloten in Anflug auf zwei Wolkenkratzer zeigt, natürlich klar das World Trade Center).

Azemichi

Blender

Harakiri School Girls

Picture of a Waterfall
Einer meiner Lieblingsbilder (Image from gadabout.jp)
Es gibt riesige schöne Bilder, die zum verweilen und entdecken einladen, dann aber auch wieder Bilder wie das treffende betitelte "Space Shit" welches einfach nur eine Kackwurst im Weltall zeigen. Auch interessant die lebendige Installation von Pappe und Karton, die quasi während der Ausstellung vom Künstler erweitert wird. Sieht aus wie bei einem Umzug.

Kleines Highlight ist die große Plastik "The Non-Thinker". Ein Reismännchen, das auf einem goldenen Kackhaufen sitzt....ähm, wut?!

The Non-Thinker

Es gibt sogar einen Extra-Raum für über 18jährige. Dort werden die ganz kranken Sachen gezeigt. Bishojo-Splatter Bilder von Frauen mit amputierter und noch verbundenen Gliedmaßen, allesamt in unterwürfigen Positionen aus den schlimmsten Abspritzfantasien der Künstlers. Sogar Fotografien gibt es, zum Glück ohne Amputationen. Aber eine nackte Frau, die es mit einer gigantischen Kakerlake treibt, ist irgendwie auch nicht besser. Was das Video soll, das den Künstler von hinten nackt zeigt wie er masturbiert, frage ich mich auch. Das soll alles Kunst sein??! Trotzdem, irgendwie faszinierend. In Deutschland hätte das mit Sicherheit nicht sein dürfen...hmm, oder?

In Summe jedenfalls eine sehr interessante Ausstellung. Und die Aussicht vom Mori Tower zum Sonnenuntergang ist auch sehr schön.





Pünktlich wie die Maurer treffe ich Junka in der Lobby. Sie ist schick angezogen und freut sich mich zu sehen. Sie spricht weniger Englisch als früher mit mir, es ist wohl etwas eingerostet seit sie es nicht mehr für die Arbeit nutzt, sagt sie. Wir fahren mit der U-Bahn zum Tokyo Skytree, der hat mittlerweile sogar eine eigene Station!

Beeindruckende Ansicht von unten
Schon der Bahnhof Tokyo Skytree Station ist beeindruckend, alles neu und auf große Besuchermassen ausgelegt. Glücklicherweise ist heute nicht so viel los und wir kommen schnell durch. Alles natürlich wieder perfekt koordiniert und organisiert.

Der Eintritt ist 2.000 Yen pro Person für die Hauptplattform. Dabei war das Anstehen an der Kasse nur der Anfang, zu den Fahrstühlen stehen wir dann doch länger an. Junka ist richtig aufgeregt.

Der Fahrstuhl ist extrem schnell und hat ne richtige Lichtershow. Total romantisch ^_^

Oben angekommen entweicht den Neuankömmlingen ein gemeinschaftliches 「すぅぅぅごーいー!!」 Die Aussicht ist wirklich großartig, die Stadt ist ein Lichtermeer, durchzogen von den strahlenden Flüssen der Straßen. Sogar Tokyo Tower sieht von hier oben klein aus.

In der oberen Bildmitte sieht man den Tokyo Tower


Wir legen noch ne Schippe drauf und gehen für schlappe 1.000 Yen noch mal höher auf ca. 450m Höhe. Dieser Fahrstuhl erlaubt die freie Sicht nach oben und draussen und verschlägt einem erneut den Atem. Ganz oben gibt es einen spiralförmigen Rundgang. Natürlich gibt es auch die durchsichtigen Bodenplatten zum draufstellen, Junka traut sich aber nicht 「怖い!」



Die Aussicht muss hier tagsüber bei klarem Himmel einfach großartig sein, man kann sicherlich Fuji-san sehen. Heute ist aber natürlich nicht zu sehen. Schade.

In der Basis des Skytrees gibt es eine ganze Menge an Restaurants und ich kann mich einfach nicht entscheiden was ich heute essen möchte. Wir nehmen dann ein westlich-japanisches Restaurant, also westliches Essen, das japanisch zubereitet wird. Klingt jedenfalls interessant. Ist im Endeffekt eigentlich ganz lecker, nur etwas zu viel, typisch westlich also.


Die Unterhaltung mit Junka ist irgendwie schleppend, ganz anders als das letzte Mal. Ich versuche ein paar Fragen zu stellen, aber obwohl wir auch japanisch sprechen kommt irgendwie keine gute Stimmung auf. Daher fahre ich am Ende zurück ins Hostel und versuche den Abend auch nicht künstlich zu verlängern. Junka muss ja eh morgen arbeiten. War aber trotzdem sehr schön sie wieder zu sehen. Mal im Anzug mit einer hübschen Frau in Tokyo unterwegs zu sein hat halt auch was für sich.

Das wars dann schon mit Weihnachten...heute war der 2. Weihnachtstag, krass. Gut umschifft die Klippe würde ich sagen. Jetzt kann ja Silvester kommen.

Wednesday, 26 December 2012

11. Tag (Iaido in Kisarazu, Wiedersehen mit alten Bekannten)

War eine lange Nacht, bin etwas durch. Schlafe daher länger. Die freundliche Taiwanesin über mir im Bett scheucht die Putze raus weil ich noch schlafe, schaffe es aber nicht ihr zu danken.





Ich komme leider etwas zu spät los und folge meinem Plan nach Kisarazu (木更津). Dort trainiere ich heute im Dojo von Kobara-Sensei. Irgendwie dauert alles länger als gedacht und ich bin erst gegen 18 Uhr da, obwohl ich schon gegen 16-17 Uhr da sein wollte.

Als ich an der Chiba Station (千葉駅) angekommen bin schreibe ich Kobara-Sensei eine SMS. Ich weiß gar nicht sicher ob er die auch lesen kann, das ist ja alles etwas anders hier mit dem Telefonnetz (jeder hat ja E-Mail stattdessen). Klappt aber! Er schickt sogar eine zurück und will mich an der Kisarazu Station abholen.

Er fährt mit nem dicken Benz vor, sogar mit Lenkrad auf der linken Seite und nicht rechts. Direktimport aus Deutschland? Die Konversation mit ihm klappt ganz gut, er redet nur etwas schnell.

Zu seinem kleinen Haus mit angeschlossenem Dojo ist es mit dem Auto ein Katzensprung. Sogar ein großes Schild steht an der Straßenkreuzung um auf den Dojo hinzuweisen. Der Name seines Dojos ist Genshinkan (厳心館), was sich aus den Kanji für Strenge (厳), Herz/Seele (心) und Residenz/Haus (館) zusammensetzt. Quasi Residenz des strengen Herzens, ein recht passender Name für einen Iaido Dojo wie ich finde.

Schon von aussen sieht der Dojo absolut traumhaft aus. Von innen ist es mit Abstand der schönste Dojo, den ich je sehen durfte. Toller Boden, tolles Holz, alles perfekt sauber und organisiert, sogar eine Klimaanlage gibt es. Kobara-Sensei sagt, dass der Boden nicht mal versiegelt sondern das Holz einfach so perfekt glatt ist. Muss ein Vermögen gekostet haben. Mehr Bilder gibt es auf der offiziellen und sehr gut gemachten Website des Dojos -> www.genshinkan.jp/english/

Image from genshinkan.jp
Heute ist übrigens das letzte Training und daher auch Putztag, na was hab ich ein Glück.

Kobara-senseis Haus ist auf dem gleichen Gelände direkt nebenan und ich bekomme Tee und Kekse von seiner Frau. Obwohl wir so viele Mails im Vorfeld miteinander gewechselt haben kommt irgendwie keine richtige Unterhaltung zustande. Stattdessen sitze ich mich Kobara-sensei in seinem Arbeitszimmer und er malt Kanjis. Ich bin sprachlos von seiner Fertigkeit! Er ist absolut begnadet in der Kunst des Shodo (書道). Er zeigt mir 3 verschiedene Arten wie man Kanjis malen kann, vor allem die dritte ist sowas von filligran und kunstvoll, ich bin total begeistert (lesen kann ich nicht mal mehr die zweite Variante). 



Wir reden über Kanji und Radikale, und er malt mir etwas größer auf einem extra Papier die Kanjis für YUME 夢 (Traum) und AI 愛 (Liebe).  Komisch warum gerade die? Wieder so ein kleines Zeichen in Japan, von denen es so viele bislang bei meinen Besuchen gab...

Er zeigt mir die ganz großen Kanjirollen, die man nur im Stehen mit riesigen Pinseln bemalen kann. Ich möchte mich auch versuchen aber scheitere kläglich. Es fängt schon damit an, dass ich gar nicht weiß wie ich den Pinsel richtig halten sollen. Schön ist daher was anderes. Aber ich würde das wirklich gerne können. In Kombination mit Iaido kann ich mir das sehr gut vorstellen.

Das Training selber ist sehr interessant aber nicht allzu spektakulär und recht kurz. Ich bin wie immer ein wenig aufgeregt und nicht gut genug konzentriert, am Ende komme ich vollends durcheinander als eine Art Mischung aus Junto so no ichi und Junto so no ni gemacht wird. Diese "neue" Kata heißt jetzt nur noch Junto und wird ganz am Anfang gemacht. Scheint jetzt der Standard zu sein, zusätzlich zu den anderen beiden. Muss man mir doch sagen...

Nach dem kurzen Training geht es dann ans Großreinemachen im Dojo. Das traditionelle Auskehren vor dem Jahreswechsel, genau wie in Deutschland eigentlich. Ich erhalte die wichtige Aufgabe mit der Sprühflasche den Spiegel und Glasflächen zu putzen. Der Spiegel ist übrigens praktisch in der Wand versteckt. Einfach ein toller Dojo.




Übrigens ist zu meiner Unterstützung ein englischsprechender Schüler namens Daniel im Dojo. Er ist Halbjapaner aber in Japan aufgewachsen und sehr freundlich. Kobara-sensei sorgt dafür, dass wir unsere Kontaktdaten austauschen, so dass ich auch ja nicht den Anschluß verliere. Daniel hat einen Autohandel, quasi ein Familienbetrieb. Er legt mir auch nahe, dass ich lieber mit dem Bus zurück nach Tokyo fahren sollte. Der fährt weniger als ne Stunde bis Tokyo Station und ich muss nicht dauernd umsteigen. Wäre ich mal auch so hergefahren, meh.

Daniel fährt mich zur Bushaltestelle und wir quatschen etwas. Er macht mir Komplimente über mein Englisch und ich lasse mich einfach mal schmeicheln. Ich freue mich schon darauf ihn beim nächsten Mal wiederzutreffen. Mist, ich hab das Papier mit den Kanjis beim Sensei liegen lassen :-/

Am kleinen Busbahnhof von Kisarazu ist es dunkel und leer, er steht inmitten eines großen Parkplatzes. Der Warteraum ist hell erleuchtet und bietet für Speis und Trank diverse Automaten. Ich kaufe mir eine wärmende Dose Maissuppe, haha
 

Nach einer komfortablen Busfahrt, die ich meistens dösend verbracht habe, begebe ich mich nach einer Dusche natürlich erst mal wieder in die Khaosan Bar. Dort treffe ich meinen alten Bekannten Bini wieder. Er kommt aus Island und hat eigentlich den blumigen Namen Brynjólfur Brynjólfsson, aber das kann ja nicht mal ich richtig aussprechen, geschweige denn die Japaner. Also heißt er bei allen Bini (ビン二). Wir quatschen über die lustigen Abende im letzten Februar als wir uns kennengelernt haben und über dies und das. Ein komisches Buch mit sehr lustigen Sex-Übersetzungen macht die Runde in der Bar und sorgt für ausgelassene Stimmung. Eine der Barkeeperin ist Saori, die auch im Samurai Hostel arbeitet. Sie kenne ich auch noch vom Februar. Komischerweise glaubt sie mir das nicht als sie mich direkt fragt ob ich mich noch an sie erinnere. Hmm, hüsches Mädel...

Tuesday, 25 December 2012

10. Tag (Nagoya und ein schwedisch-japanischer Heiligabend)

Eigentlich müsste ich gut schlafen in meinem Einzelzimmer aber um 3 Uhr früh wache ich schon wieder auf und denke es ist Zeit zum aufstehen. Schlechter Start in den Tag.

Als ich dann wach bin, geduscht habe und auf dem Weg zum Bahnhof bin, merke ich, dass ich mir echt nen Schal hätte mitbringen sollen. Es ist relativ kühl in Tokyo und der Hals tut schon etwas weh. Dazu machen mich die Klimaanlagen in den  Zügen und Gebäuden ziemlich fertig. Es wird nicht einfach nur geheizt, es ist wie ein Heißluftgebläse, dass dir die Gesichtshaut wegschmilzt.

Die Fahrt im Shinkansen ist auch nicht wirklich angenehm. Ich sitze im Waggon ganz vorne rechts und obwohl der Zug super heiß ist, ist genau an meinem Sitz irgendwie die kalte Luft an. Irgendwann später suche ich mir einen anderen Sitzplatz und versuche dort in den 2 Stunden Fahrt nach Nagoya etwas zu schlafen.

Das führt dazu, dass ich beinahe meine Station verpasse! Hektisch schreibe ich noch die mitgebrachte Glückwunschkarte, die ich eigentlich noch etwas mit Kanji verschönern wollte. Keine Zeit dafür.

In der großen Empfangshalle der Nagoya-Station sieht mich Misako schon von weitem und winkt ganz aufgeregt. Och bin etwas verschlafen und komme schwer in die Gänge. Natürlich freue ich mich sehr sie zu sehen aber leider eröffnet sie mir auch als erstes, dass wir nicht zu ihr nach Hause gehen und die Kinder sehen können weil es gerade etwas schwierig mit ihrem Vater ist. Schade :-(

Wir gehen ins Toshiayama Kaufhaus und suchen uns was zu essen. Die Wahl fällt heute mal auf Tempura. Da die Schlange recht lang ist, nutzen wir die Wartezeit und quatschen über dies und das.

Sie hat abgenommen und sieht etwas müde aus. Mutter von Zwillingen scheint nicht einfach zu sein. Der Hauptgrund ihres Stresses ist aber die Situation mit ihrem Vater, der alles besser zu wissen scheint ins Sachen Erziehung. Zum Glück haben sie bereits ein kleines Haus gekauft (mit 2 Parkplätzen!) und ziehen Anfang des Jahres um. Dann kann ich sie auch besuchen kommen und dort sogar übernachten, super

 
Nach dem Essen und dem Tee geht es mir schon besser und auch das Japanisch sprechen klappt wieder. Misako möchte im Kaufhaus etwas schauen, also gehen wir etwas bummeln. Eine lustige Erfahrung mit ihr einkaufen zu gehen. Japanische Kühlschränke sind z.B. der Knaller, absoluter High-Tech. Sogar ein Vakuum-Fach haben die neuen Modellen, damit das Gemüse ganz besonders frisch bleibt. Das beeindruckt mich in der Tat. Lustigerweise denkt der freundliche Verkäufer, dass wir zusammengehören. Nein, es sind 4 Leute im späteren Haushalt von Familie Kobayashi, nicht nur zwei. Schön auch, dass in Japan auch auf Energie-Effizienz geachtet wird.

Im Bücherladen überlegen Misako und ich krampfhaft welches der ca. 300 Bücher ich für mein Japanischstudium nutzen könnte, leider gibt es aber einfach zu viel Auswahl (wie so oft in Japan). Ich kaufe einfach ein Kanji-Buch zum bereits vorhandenen Mina no Nihongo. Der Kassierer fragt nach ob wir miteinander Deutsch sprechen und gibt zu auch etwas zu verstehen. Er sagt "auf Wiedersehen", sehr putzig.

Misako guckt noch nach Staubsaugern, Deckenlampen und sonstigem Kram. Der neuste Schrei sind LED-Lampen. Mittendrin realisiere ich, dass es das erste Mal ist, dass Misako und ich überhaupt zusammen in Japan sind. Und was machen wir? Bummeln, so herrlich normal :)

Wir trinken noch einen Kaffee zusammen und ich überreiche mein Geschenk, ein deutsches Bilderbuch der kleinen Raupe Nimmersatt, das ich als Kind schon toll fand. Sie freut sich sehr und ich hoffe, dass die Zwillinge vielleicht irgendwann sogar etwas Deutsch lernen können.


Unser Abschied wird etwas rührselig, ich glaube sie hat etwas ein schlechtes Gewissen nicht mehr Zeit gehabt zu haben. Es war aber ein schöner Tag zusammen.

Während der Rückfahrt penne ich fast durchgängig im Zug und rutsche entweder nach rechts oder links, immer meinem Nachbarn beinahe auf den Schoss (sitze in der Mitte). In meinen Wachphasen ist mir das etwas unangenehm, aber die dauern zum Glück nur kurz.

Wieder im Hostel angekommen gibt es erstma eine Karte und ein Geschenk vom Staff, weil doch Weihnachten ist (danke, dass ihr mich daran erinnert).

Heute ist Heiligabend...geplant habe ich nichts, außer den Abend in der Bar zu starten.

Also ab in die Bar und an die Theke. Nicht besonders gut besucht heute, mag wohl am Feiertag liegen. Die Bedienung ist auch nicht besonders freundlich, neues Mädel. Neben mir sitzt ein blonder Typ mit Bart, der permanent auf seinem iPad in Japanisch chattet. Ich quatsche ihn einfach an und wir kommen ins Gespräch. Sein Name ist Frederik, er kommt aus Schweden und ist quasi am Ende seines Studienjahres in Japan. Sein Japanisch ist richtig super und er kann locker flockig über fast alles reden. Er wird mein Dolmetscher für den Rest des Abends. Auch er hat heute nix vor und ist offen für eine lustige Nacht.

Bevor wir gen Shibuya ziehen quatschen wir noch mit einem recht betrunknen Japaner in der Bar. Er kommt aus Hiroshima und ist wirklich ziemlich dicht, sogar leicht agressiv. Er sagt dauernd "Excuse me sir" wenn er etwas auf Englisch anfängt zu erzählen.

Wir reden über Krieg, Frieden, Deutschland, China und Russland. Er will Japan wieder stärker machen, militärisch und nationalistisch. Er hasst China, was irgendwie keine Überraschung ist. Frederik übernimmt das dolmetschen für mich, da ich in dieser Diskussion durchaus eine konträre Meinung habe. Schon komisch, dass jemand aus Hiroshima so eine krasse Einstellung hat. Ich hätte eine mehr pazifistische Einstellung erwartet. Naja, aber er spendiert uns Drinks. Irgendwann hauen wir aber trotzdem ab, da er immer agressiver in seinen Reden wird. Kein Bock auf Stress an Weihnachten.

Erstma was essen gehen, lecker Matsuya. Dann ab nach Shibuya. Am Hachiko ist es rappelvoll, Partyzeit. Viele Leute sind in Weihnachtskostümen. Zwei Ausländerinnen sind vollends dicht und torkeln durch die Gegend. Werden sofort von Japanern angegraben. Als Antwort kotzt die Eine ihm sofort vor die Füße, was der Japaner nur mit "oh, sie hat wohl Rotwein getrunken" kommentiert (Übersetzung von Frederik). Sehr lustig.

Wir laufen etwas in Shibuya rum und zufällig finde ich den Laden mit dem unpassenden Namen Gas Panic, über den ich schon mal gelesen habe. Der Name ist insofern unpassend, da es in Tokyo einmal einen Giftgasanschlag gegeben hat. Dieser Laden ist jedenfalls ein Hip-Hop Schuppen im Keller, ohne Eintritt, klein aber fein. Wir kippen einen Drink und gehen dann weiter.

Eigentlich suchen wir ja The Womb, ist aber schwierg aufgrund von mangelndem WLAN und der verwirrenden Gassen. Letztendlich hat der Laden auch wegen einer Privatveranstaltung geschlossen, schade. Kriegen als Tipp aber das Bijon (?!) genannt.

Der Laden heißt dann eigentlich Vision und scheint ganz interessant zu sein (es stehen fast nur Frauen an). Der Eintritt ist heute nur 2.100円. Drinnen ist in einem Labyrinth von Räumen mit feinstem Techno und Minimal. Die Lautstärke ist so krass, dass es uns beinahe in den Ohren schmerzt. In einem ruhigerem Raum wird House gespielt und es stehen Couches rum. Hier lässt es sich aushalten.

Wir chillen etwas rum und trinken weiter, schauen uns die Leute an. Scheint ein lokaler Club zu sein, fast bis gar keine Ausländer. Vielleicht liegt es auch an Heiligabend...

Die anderen Dancefloors sind eigentlich richtig Bombe aber wirklich so laut, dass wir einfach gehen müssen aus Angst unser Gehör zu verlieren. Wie machen die Japaner das nur? Mit Oropax?! Furchtbar.

Wir gehen zurück ins Gas Panic weil die Züge noch nicht fahren und trinken weiter. Wir quatschen die Barkeeperin an, einfach weil sie total cool und locker drauf ist, ein bisschen zu locker für ne Japanerin vielleicht. Jedenfalls hat sie tolle Beine und animiert uns zum trinken. Sie trinkt sogar einen mit und tut so als ob es verboten wäre. Ihren Job versteht sie jedenfalls.

Frederik wird von einem Päärchen angequatscht, sie heißt Mizumi, er heißt irgendwie. Er scheint wohl reich und aus Okinawa zu sein. Mizumi ist von Frederik fasziniert. Wir dachten, dass die beiden zusammen sind aber scheinbar ist das sowas wie ein Date und er schmeißt mit dem Geld um sich.

Frederik und ich finden, dass ist die lustigste und für uns beide ungewöhnlichste Art ist Heiligabend zu feiern, like ever. Wir wären beide alleine gewesen und hätten vielleicht in unser Bier geweint, aber das hier war 1000x besser.

Tokyo Skytree mit Weihnachtsbeleuchtung

Gegen 5 Uhr haue ich dann ab und nenne es einen gelungenen, wenn auch nicht extatisch-verrückten Abend.

メリークリスマス!

Sunday, 23 December 2012

9. Tag (Von Taiwan nach Japan)

Der Schlaf war kurz, aber tief. Ich versuche gegen 5:30 Uhr Tiffany zu wecken damit sie mit ins Taxi kann oder wir uns wenigstens verabschieden können, aber sie reagiert nicht auf mein Klopfen. Naja Pech gehabt. Dann eben ohne Verabschiedung.

Der Taxifahrer kommt pünktlich und der Preis von 1.000 TWD geht auch klar. Gut so, denn mehr hätte ich gar nicht mehr. Meine Bargeld für Taiwan ist komplett aufgebraucht, haha.

Der Fahrer fährt scheinbar eine andere Route, aber seine ist wesentlich schöner, da sie direkt am Hafen und daher am Meer vorbei führt. Die stürmische See und die weißen Wellenkämme machen mich noch melancholischer, aber der Anblick ist schon sehr schön. Ich hätte echt mehr Natur sehen sollen in Taiwan...muss ich in Japan unbedingt nachholen.

Der Taxifahrer fährt einfach mal geschmeidige 120 Sachen in der Stadt und manchmal wird mir etwas bange. Er kündigt sich aber immer mit einem Hupen an wenn er über eine Kreuzug düst, was wohl durchaus normal ist. Er hat die Hand daher permanent an der Hupe.

Einchecken am Flughafen ist unspektakulär, das Fliegen genau so. Einzig die Aufsteller zum tradiotionellen taiwanesischen Puppentheater sind interessant, davon hatte ich vorher noch nichts gehört aber die Show im TV ab und zu gesehen und mich gewundert. Das Essen im Flieger ist wiederum ein kleines Highlight.

 
Am Flughafen Narita angekommen breche ich schon in den ersten Stress aus, die Schlange am JR Schalter, um meinen Railpass einzulösen ist ewig lange. Ich warte ca. 1 Stunde oder mehr, voll bepackt und ungünstig angezogen, denn schwitzen tue ich wirklich wie Sau. Als ich dann aber rankomme geht es recht schnell und ich kann sogar bereits meine Reservierung für die Fahrt nach Nagoya machen. Der JR Rail Pass hat ein neues Design, aha.

Ich muss echt meine Packstrategie überdenken, ich sollte weniger tragen sondern mehr schieben, dann muss ich auch nicht so schwitzen. So ein Travelrucksack ist zwar praktisch aber für Wartesituation denkbar ungeeignet.

Eigentlich wollte ich gegen 15 Uhr am Hostel ankommen, bin dann aber erst gegen 17 Uhr da und es ist schon dunkel. Der Tokyo Skytree ist fertig gebaut und strahlt in beeindruckenden Farben (grün wie ein Weihnachtsbaum). Der Blick auf das Asahi-Gebäude sieht mit dem Skytree jetzt noch schöner aus.


Es fühlt sich gut an zurück zu sei. Im Hostel sind neue Gesichter, aber alle ganz nett.
Ich bekomme erst ein Doppelzimmer ganz für mich alleine, muss morgen aber in das mixed dorm umziehen, das nervt etwas. Zeit für eine Dusche und ein Nickerchen.

Ich gehe irgendwo in Asakusa was essen, ganz allein und diesmal nicht ins Matsuya oder Yoshinoya, hah! Vorher mache ich natürlich meine Runde zum Kaminari-mon und zum Sensoji-Tempel.

Tonkatsu mit Käse. Sehr lecker.
Danach natürlich gepflegt in die Khaosan Bar und meinen Begrüßungssake trinken. Interessant, die haben erweitert. Es gibt jetzt zwei weitere Etagen. Die oberste ist das Raucherzimmer geworden. Mehr Klos gibt es auch, sehr praktisch.

Ich komme ins Gespräch mit einer japanischen Dame, die in der Werbung arbeitet. Sie ist vollkommen geplättet davon, dass ich Iaido mache. Weiß nicht ob das Höflichkeit, Unwissenheit oder tatsächliche Begeisterung ist. Wahrscheinlich eine Mischung aus allem. Lustiges Gespräch jedenfalls, typisch für diese Bar.

Nach ein paar Drinks und random talk with strangers gehe ich relativ früh ins Bett, muss ja morgen gleich nach Nagoya fahren und Misako besuchen.

Morgen ist dazu auch noch Heilligabend...

Taiwan: 8. Tag (Letzter Tag, Sun Yat-sen und Abschied)

Da ich spät ins Bett gekommen bin schlafe ich auch heute etwas länger. Tiffany schreibt aus dem Stockwerk über mir, dass sie frühstücken gehen will aber ich bin viel zu müde. Außerdem ist es mein letzter Tag in Taiwan, also heißt es Koffer packen und Zeugs zusammen suchen.

Bevor wir heute auf irgendeine Geburtstagsparty von Freunden gehen treffe ich mich mit meiner Flugzeugbekanntschaft Chih Xuan bzw. Ryan in der Nähe vom Taipei 101.

Vorher mache ich aber noch eine kleine Touristensache und besichtige das Sun Yat-Sen Memorial Hall in der Nähe der Taipei City Hall. Dank der kostenfreien App "Maps with Me" ist alles einfach zu finden.


Sun Yat-Sen


 Das Areal um die Halle ist ziemlich groß und weitläufig. Es ist Abenddämmerung und auf dem Platz ist viel los. Die Leute lassen Drachen steigen, diverse Tanzgruppen üben ihre Moves und die obligatorischen Touristen machen ihre Fotos.  Die Luft ist angenehm warm und es weht ein laues Lüftchen. Ein schöner Herbstabend (oh warte, es ist ja Winter). Ich komme auch gerade richtig zum Beginn des Springbrunnenspektakels. Schön gemacht, sogar mit Musik.

Der Eintritt zur eigentlichen Memorial Hall ist frei. Ein bisschen ist die Halle wie ein Labyrinth aufgebaut. Die Wege winden sich zwischen Studienräumen, Auditorien und Ausstellungsräumen. Hier und da gibt es Kunst, teilweise sogar richtig schöne Sachen.

Vorherrschend ist aber natürlich das Thema Sun Yat-Sen und seine Lebensgeschichte. Sun Yat-sen wird wirklich wie ein Volksheld verehrt, jeder noch so kleine Pups wird als wegweisend für die spätere Revolution gesehen und detailliert in verschiedenen Räumen und Tafeln beleuchtet.

Der Mann hat es oft versucht mit der Revolution und ist oft gescheitert. Das waren damals heiße Zeiten würde ich sagen, da konnten noch wenig Menschen mit Idealen und einem Traum viele Menschen nur mit ihren Worten bewegen und mobilisieren. Heute ist das alles genau umgekehrt. Heute liken und twittern viele Menschen mit vielen (überflüssigen) Worten und erreichen doch nichts.

Die Prinzipien von Sun Yat-sen: Nationalismus, Demokratie, Volkswohl

Wieviel von der Ausstellung wohl der Wahrheit entspricht kann ich nicht beurteilen, die Glorifizierung von Sun Yat-Sen ist jedoch beeindruckend. Ob er wohl gewollt hätte, dass Taiwan lange eine Diktatur blieb und seine Prinzipien hierfür instrumentalisierte?



Danach laufe zur City Hall station und verlaufe mich trotz meiner tollen App.  Ich denke wieder viel zu kompliziert. Bin sogar so blöd, dass ich einen Weg zweimal gehe, einmal oberirdisch, einmal unterirdisch durch die U-Bahn.

Ich treffe Chih Xuan und wir laufen etwas rum. Sie ist gut draufund bringt mich zu einem ihrer Lieblingsrestaurants.

Auf dem Weg entdeckt: Deutsches Restaurant "Zum Adler"
Wir gehen Rindfleischsuppe essen in einem kleinen unscheinbaren Laden. Sitzplätze im Keller unter Kunstlicht. In Taiwan ist das kein Indikator für schlechtes Essen, sondern schlichtweg normal.


Die dicken Dinger in der Suppe sind Knorpel und ich ekle mich etwas davor sie zu essen.  Letztendlich sind die aber erstaunlich weich und echt lecker, fast süßlich. Eine richtige Kraftsuppe.

Es macht richtig Spaß mal wieder Deutsch zu sprechen und noch mehr Spaß ihr zu helfen, nicht den Anschluss mit ihrem Deutsch zu verlieren. In Würzburg scheint sie nicht allzu viel Chancen zu haben Deutsch zu sprechen scheint mir. Überraschenderweise hat sie auch einen chinesischen Freund und keinen deutschen. Letzteres würde ihr bestimmt helfen Deutsch zu sprechen ;)

Sie hat etwas Probleme "kl..." zu betonen, also gebe ich ihr den folgenden Satz quasi als Hausaufgabe mit auf den Weg: "Die kleine Klimaanlage in der kleinen Klinik." Super lustig und eine gute Übung.

Sie zeigt mir ihre Universität und die Gegend drumherum. Ein richtig netter Campus, man denkt gar nicht, dass das geschäftige Zentrum so nah ist.

Taipei 101 ist allgegenwärtig.
Weihnachten verfolgt mich überall, in Weihnachtssongs, Beleuchtung und mehr. Nicht mal in Ruhe einen Eiskaffee kann man zusammen schlürfen ohne von furchtbarer Weihnachtsmusik beschallt zu werden.

Wegen der bunten Lichterdeko überall laufen auch permanent irgendwelche Hobbyfotografen in Rudeln rum. Die machen dann alle Fotos von einem oder zwei hübschen Mädels (oft auch in Weihnachtsdress). Die Mädels bessern sich  scheinbar so ihre Kasse auf. Irgendwie billig finde ich.

Nach ein paar Stunden quatschen und rumalbern verabschieden sich Ryan und ich uns. Es war echt nett mit ihr was zu unternehmen und ich freue mich sie vielleicht auch in Berlin mal wieder zu sehen und mich für die kleine Tour zu revanchieren.

Die weitere Abendplanung erfahre ich über Fifi und nem freien WLAN-Zugang. Bevor wir zur Geburtstagsparty ihrer Freundin gehen gibt es zum Abendessen Ramen (komisch, Ramen ist doch chinesisch eigentlich, aber eigentlich doch Japanisch). Der Laden ist jedenfalls Japanisch.



Hier versuche ich, dass der Fleischspieß wie das Schwert vom Samurai aussieht. Hat nicht geklappt...
Im Lokal stößt eine andere Freundin von Fifi zu uns. Sie hat einen britischen Akzent, der wohl ihrem Ex geschuldet ist. Wieder der Beweis, dass Sprache lernen in Beziehungen am besten funktioniert.

Nach dem Ramen geht Fifi in einen besonderen Kanpai Laden Wein kaufen. Das Restaurant heißt "Kanpei de Wine" und hat ein schicki-micki Konzept. Fine dining am Samstagabend. Entsprechend fällt auch die Garderobe der Gäste aus (und was sind da leckere dabei, hauahauahaa).

Unser Taxifahrer von gestern hat sich angeboten mich in aller Herrgottsfrühe zum Flughafen zu fahren und hat uns extra sein Kärtchen gegeben. Fifi ist so nett und organisiert den Termin, sogar zum Festpreis. Hoffentlich taucht er dann auch auf.

Mit der Bahn fahren nach New Taipei City und treffen uns an der Station mit dem Geburtstagskind Jenna. Ihr Freund heißt auch Michael, kommt aus den USA und ist genauso groß (klein) wie sie. In Summe sind wir 2 Typen (2x Michael) und 5-6 Taiwanesinnen.

Mehr dürften es auch gar nicht sein, denn  die Wohnung von Jenna und Michael ist winzig, aber cool eingerichtet. Das Haus sieht von aussen genauso oll aus wie alle anderen in der Gegend, aber schon der Hausflur ist richtig schick mit Strukturtapete und Spiegeln. Die Wohnung ist wie ein Transformer, alles lässt sich aufklappen, drehen, verschieben. Maximale Raumausnutzung. Den TV kann man um 180 Grad drehen, so dass er entweder auf die Couch zeigt oder auf das Bett. Echt clever.

Die Gruppe kennt sich gut und ich fühle mich instinktiv wie ein Eindringling. Das grundsätzlich unwohle Gefühl wird noch schlimmer als Michael direkt neben mir anfängt Ukulele zu spielen und sogar zu singen!

Bei den Mädels kommt er damit gut an, denn die verhalten sich allesamt wie ein Fanclub von Michael und die Vorsitzende ist natürlich Jenna. Michael fühlt sich dabei sichtlich wohl und hält sich für den "best boyfriend there is".

Jenna ist unfassbar attraktiv und ich muss zugeben, dass ich recht neidisch auf deren ganze Liebesbeziehung bin. Die wird in dieser Wohnung jedem Gast eindeutig präsentiert, überall hängen Fotos und Zeugnisse ihres Kennenlernens. Natürlich ist wegen Jennas Geburtstag noch mal extra Romantik aufgefahren worden und Michael hat sich mit den Geschenken richtig ins Zeug gelegt. Nette Idee: die ersten Facebook-Nachrichten und -Kommentare des Kennenlernens in Papierform als Geschenks zu machen. Ich muss etwas schmunzeln als ich höre, dass die sich gerade mal 1 Jahr kennen.

Auf jeden Fall hat Jenna die Hosen in der Beziehung an, Michael gibt sich irgendwie gar nicht männlich, gleichzeitig aber arrogant den Freundinnen von Jenna gegenüber. Er ist klar der Mittelpunkt des Abends und ich fühle mich immer unwohler, auch weil fast permanent chinesisch gesprochen wird. Keiner hat wirklich Interesse daran mich zu integrieren. Allein Jenna wagt ein paar mütterliche Vorstöße, dass ich mich besser fühle. Mir ist aber alles irgendwie zu intim, die Gruppe kennt sich einfach viel zu gut und sowohl Themen als auch der Art des Umgangs sagen mir irgendwie nicht zu. Die Mädels reden oft davon wer jetzt mit welchem Ausländer in Taipei zusammen ist. Sind wohl alles Gaijin-Fans hier. Ach und unglaublich heiß ist es außerdem noch in der Bude.

Noch mehr stört mich, dass wieder getrunken wird und ich eigentlich gar keinen Bock habe. Vielleicht habe ich auch noch nen Kater von gestern. Das Trinkspiel ist aber ganz lustig, irgendwas mit King's Cup, kenn ich gar nicht. Zum Glück sorgt das Trinkspiel für etwas Entspannung und Gelächter und mit erhöhtem Pegel tauen die anderen und auch ich etwas auf.

Ein bisschen punkten kann ich wohl als ich die "meow" Regel einführe (man muss 2x "meow" in jedem Satz unterbringen, ansonsten muss man trinken) und dann später noch die "woof" Regel mit dazunehme (sagt jemand. "meow", muss der Nachbar "woof" sagen, ansonsten muss man trinken). Wer den Film "Super Troopers" kennt, weiß wie lustig das sein kann.

Nachdem das Spiel vorbei ist werden winterliche Reisbällchen, Tangyuan (湯圓) zubereitet. Das ist wohl Tradition und gehört zur Jahreszeit. Sie schmecken leicht süß und richtig lecker.

2x Michael, 1xYoyo
Nach einem kurzen Talk mit Yoyo über Deutschland weiß ich irgendwie nicht wie es jetzt weitergeht. Ich will nichts mehr trinken möchte und habe keinen Bock mehr auf die Party. Also mache ich mich aus dem Staub, schließlich kommt mein Taxi ja auch schon um 6 Uhr morgens.

Allein die Ankündigung, dass ich gehe, lässt alle verwundert schweigen und mein Gewissen wird dadurch noch schlechter. Fifi ist sichtlich enttäuscht und ich versuche mich einfach irgendwie rauszureden bei den Anderen. Ich bedanke mich recht freundlich für die Gastfreundschaft und entschuldige mich für das frühe Verschwinden an meinem letzten Tag in Taiwan.

Abschiedsfoto mit Fifi
Ich bin extrem erleichtert als ich mich ins Taxi setzen und nach Hause fahren kann, immerhin kriege ich so noch ein paar Stunden Schlaf. Habe aber ein mächtig schlechtes Gewissen.

Zuhause angekommen texte ich wieder mit Tiffany um mich wenigstens verabschieden zu können, da sie noch auf Arbeit ist. Sie will tatsächlich morgens mit dem Taxi mitfahren, sie kommt ja aus Tayoung in der Nähe des Flughafens. Na ob das klappt.

Letzte Nacht in Taiwan. Nicht so ideal gelaufen :-(